Wirtschaft
Tierschutz-Verein über den Stallbau in Hünenberg

Falsche Zahlen: So rechtfertigen sich die Petitionäre

Die Kälber von Bauer Martin Schuler werden in Boxen aufgezogen. (Bild: giw)

Die Petition rund um die Stallbau-Pläne von Martin Schuler in Hünenberg sorgt für Kontroversen. So kommuniziert der Verein dahinter nicht mehr aktuelle Zahlen. Die Frage ist: Steckt Kalkül dahinter?

«Die Interfarm GmbH [...] möchte mit einem gewaltigen Neubau Platz für 1'040 Jersey-Kühe schaffen», warnt der Verein Fluid Spirit in seiner Petition gegen die geplante «Tierfabrik» in Drälikon, Hünenberg. Deswegen fordert er den Gemeinderat auf, das geplante Projekt zu verhindern und einer Vergrösserung der bestehenden Ställe nicht zuzustimmen. Das Problem ist bloss: Die Zahl der 1'040 Jersey-Kühe ist nicht mehr aktuell. Interfarm-Geschäftsführer und Bauer Martin Schuler hat sein Projekt inzwischen redimensioniert. Die Rede ist nun nur noch von 300 Kühen plus Jungtiere, die im neuen Stall Platz finden sollen, wie der zuständige Gemeinderat Thomas Anderegg klarmachte (zentralplus berichtete).

Werden Unterstützern der Petition etwa absichtlich falsche Zahlen kommuniziert?

Verein wurde überrascht

Danielle Jolissaint ist Vorsitzende von Fluid Spirit mit Sitz in Hünenberg. Sie spricht davon, dass die Gegenpartei die Inhalte der Petition zu bagatellisieren versuche. Sie zeigt sich erstaunt, dass nun andere Zahlen kommuniziert werden, da bis zum Zeitpunkt der Lancierung der Petition keine anderen Zahlen veröffentlicht worden seien.

«Jegliche Art von Massentierhaltung kommt in unserem Sinne einer Tierfabrik gleich.»

Danielle Jolissaint, Vorsitzende Verein Fluid Spirit

Sie bemängelt, dass bis zum Zeitpunkt der Petition niemand gewillt gewesen sei zu sagen, welche Zahlen betreffend Grössen und Mengen der Tiere im neuen Stall nun stimmten. Von der Gemeinde Hünenberg oder von Bauer Schuler sei sie bis heute nicht darauf aufmerksam gemacht worden, dass das Projekt inzwischen kleinere Ausmasse angenommen habe.

An der Haltung gegenüber Schulers Plänen ändert sich aus Sicht von Fluid Spirit trotz anderer Ausgangslage jedoch nichts. «Jegliche Art von Massentierhaltung kommt in unserem Sinne einer Tierfabrik gleich», sagt Jolissaint.

Schulklassen sollen Schlachthöfe besuchen

Doch was verbirgt sich hinter dem Namen Fluid Spirit überhaupt? Nach eigenen Angaben ist Ziel und Zweck des Vereins, «Heimat für alle Wesen, das heisst alle Menschen, Tiere und Pflanzen dieser Welt zu schaffen». Fluid Spirit schwebt unter anderem eine Aussöhnung der Geschlechter vor. Der Grundtenor ist dabei eindeutig: Das Patriarchat ist die Wurzel von Krieg und allem Übel.

Daneben setzt sich der Verein vehement für Tierrechte ein, teils mit radikalen Forderungen. So sollen Schulklassen Schlachthöfe besuchen, um das Leid der Tiere hautnah mitzuerleben. Auf der Website von Fluid Spirit finden sich zahlreiche Angebote, von veganen Kochbüchern über eine eigene Kochgruppe, der man beitreten kann, bis zu Studien über das Essverhalten der Menschen. Deren Leitung hatte Jolissaint dabei gleich selbst inne. Der Verein publizierte auch einen Artikel zum Thema, welche Qualen ESAF-Siegermuni Kolin habe ertragen müssen.

«Die Attraktivität von Hünenberg hat durch die Tier-Iglus und die Gewächshäuser bereits abgenommen.»

Danielle Jolissaint

Wie viele Mitglieder der Verein zählt, will Jolissaint nicht verraten, dies tue nichts zur Sache. «Wir sind ein kleiner Verein», sagt sie jedoch. Auskunftsbereiter zeigt sie sich, weshalb sie sich ausgerechnet gegen Schulers Pläne so vehement einsetzt.

Angst um Hünenberg

«Früher ging ich noch zum benachbarten Bauern Edgar Boog, um Gemüse einkaufen. Jedes Mal, wenn ich dafür an den vielen Iglus für die Kälbchen von Bauer Schuler vorbeigehen musste, brach es mir das Herz, wie unmenschlich die Menschen mit den Tieren umgehen.» Sie habe mehrmals erfolglos versucht, Martin Schuler umzustimmen und die Kälbchen bei ihren Müttern zu belassen. Aus ihrer Verzweiflung heraus habe sie begonnen, sich vermehrt für die Tiere einzusetzen.

Die Mitglieder von Fluid Spirit wollen bereits den Kindern aufzeigen, wie die Tiere leiden. (Bild: Facebook Fluid Spirit)

Jolissaint fürchtet nicht bloss um die Gesundheit der Tiere, sondern auch um die Attraktivität von Hünenberg. Diese habe durch die vielen Tier-Iglus (Schuler) und die zahlreichen Gewächshäuser (Boog) bereits abgenommen. «Wenn jetzt noch eine Tierfabrik dazukommt, leidet die Attraktivität von Hünenberg noch mehr. Das Naherholungsgebiet existiert dann überhaupt nicht mehr», befürchtet sie. Sie spricht von einer «Verschandelung der Reussebene in Hünenberg».

Die Petition, welche inzwischen deutlich über 4'000 Unterzeichner aufweist, läuft noch bis Ende Oktober. «Danach werden wir sehen, wie es weitergeht», zeigt sich Danielle Jolissaint zugeknöpft. Klar ist: Rechtlich verbindlich ist eine Petition nicht. Die Gemeinde ist einzig zur Kenntnisnahme verpflichtet.

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