Wirtschaft

Zug
Durch Kreativität zurück in den Arbeitsmarkt

  • Lesezeit: 6 min
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Programmteilnehmerin Hannah Alwara Dossenbach webt einen Teppich. (Bild: Susanne Bonnaire)

Die Halle 44 in Zug ist ein Beschäftigungsprogramm des Vereins für Arbeitsmarktmassnahmen (VAM) und befördert auf kreative Art und Weise stellenlose Personen zurück in den ersten Arbeitsmarkt. zentral+ stellt den Ort vor.

Die Halle 44 (ehemals Werkplatz Zug) wurde seit 1994 kontinuierlich aufgebaut, um arbeitslose Stellensuchende gezielt bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. Heute umfasst das Beschäftigungsprogramm fünf Ateliers, eine Wäscherei, eine Schreinerei, eine mechanische Werkstatt, eine Fahrrad- und Recycling-Werkstatt, einen Bücherservice, Arbeitsplätze im KV-Bereich sowie Seminarräume für interne Weiterbildung.

Von aussen unscheinbar

Ein Augenschein von zentral+ vor Ort: Die Institution liegt an der Altgasse 44 im Industriegebiet der Gemeinde Baar. Weit entfernt von Altstadtcharme und kommerziellen Geschäften. So wirkt das graue Gebäude mit dem bordeauxfarbenen Dach auf den ersten Blick etwas trist.

Hinter den Türen allerdings, findet sich eine unglaubliche Vielfalt. «Unter diesem Dach trifft man auf Menschen aller Altersgruppen und manchmal bis zu 15 unterschiedlichen Nationen», schwärmt Esther Staub, die Leiterin der Halle 44, «diese Menschen bringen ihre  Geschichten mit und machen den Arbeitsalltag lebendig und auch nicht immer vorausschaubar. In den verschiedenen Ateliers und Werkstätten entstehen Produkte, die auch bei unserer Kundschaft gut ankommen.»

Produktiv aber nicht hektisch

Erste Anlaufstation im Erdgeschoss ist der Empfang. Dort arbeiten vorwiegend Stellensuchende mit kaufmännischer Berufsausbildung am Computer. Auf derselben Etage gibt es ein Zimmer für die sogenannte Geschichtsgruppe, diese setzt sich mit der Geschichte des Kantons Zug auseinander.

Das Recherchieren und Erlernen von Interviewtechniken steht im Zentrum ihrer Aufgabe. Weitere Büros sind für interne PC- und Deutschkurse reserviert, die Besuchenden können dort ihre Kompetenzen erweitern. In der hintersten Ecke des Erdgeschosses befinden sich der so genannte Bücherservice und die dazugehörige Bibliothek.

5 Tonnen Bücher wöchentlich

Fünf Tonnen gelesene und neue Bücher werden wöchentlich in den Sammelstellen (Ökihöfen) der Zuger Gemeinden abgegeben, in die Halle 44 gebracht, nach Themen sortiert und aufgestellt.

Sie können vor Ort gelesen, ausgeliehen oder gratis mitgenommen werden (bis 10 Bücher pro Besuch). «Wer in dieser Abteilung arbeitet, muss gerne Kontakt mit Kunden haben, Literatur mögen und anpacken können», erklärt Esther Staub.

Unsere Entdeckungsreise quer durch die Arbeitswelten führt sodann in die hauseigene Cafeteria im Obergeschoss. Eine Köchin und eine Handvoll Programmbesucher sorgen dort für das leibliche Wohl. Der Raum versprüht zwar den Charme einer Kantine, trumpft aber mit umso herzlicherem Personal.

Jede Menge Kreativateliers

Das Herz des Förderprogramms aber schlägt in einer riesigen Halle – der Grund weshalb die Halle 44 eben «Halle» heisst. Sie ist eine Art Grossraumbüro, in dem sich ein Kreativatelier ans andere reiht. Hier sind eher handwerkliche Fähigkeiten gefragt oder man kann sie sich eben aneignen.

Die Teilnehmenden arbeiten mit Karton, Papier, Mosaik und Textilien und stellen unter Anleitung von Profis Geschenkboxen, Karten oder Kochschürzen für den Verkauf her. Die gewaltige Farbenpracht der Produkte lässt den Raum in märchenhaftem Licht erscheinen. Dies wirkt beruhigend.

Motivieren und Bestärken der Teilnehmer

Die Menschen gehen entspannt und konzentriert ihrer Arbeit nach. Sie scheinen trotz erschwerter Lebenssituation motiviert bei der Sache zu sein. Esther Staub: «Der Weg zu einer neuen Stelle kann sehr holprig sein. Die Menschen stecken in einer schwierigen Situation. Sie sind beim RAV angemeldet, möchten aber lieber im ersten Arbeitsmarkt tätig sein.»

Sie entsprächen aber nicht den Anforderungen der Stellenprofile oder hätten vielleicht gesundheitliche Probleme. «Wenn dann eine Absage nach der anderen kommt, kann das die Stimmung sehr trüben. Da sind wir gefragt. Wir motivieren, bestärken und führen unsere Teilnehmenden. Sie sollen wieder an sich glauben und darauf vertrauen, eine neue Stelle zu finden», so die Leiterin.

Hart umkämpfter Arbeitsmarkt

Hannah Alwara Dossenbach ist diplomierte Modedesignerin und stellenlos. Die 30-Jährige arbeitet seit knapp vier Wochen im Textilatelier. Sie steht fröhlich am Webstuhl und fertigt einen Teppich. So als ob sie nie etwas anderes getan hätte.

«Ich habe seit meinem Abschluss im letzten Sommer noch keine Stelle gefunden. Nun suche ich auch als Modeberaterin einen Job. Meine eigenen Kreationen stelle ich nebenbei her», sagt sie.

«Die Modebranche ist hart umkämpft. Meistens bekommt man nur Praktikumsplätze. Nachdem ich bereits zwei Praktika absolviert habe, muss ich jetzt Geld verdienen. Deshalb habe ich meine Suche ausgeweitet.»

Firmenschliessung, Job weg

Auch Jozef Fazekas sucht fleissig nach einem Job. Aufgrund der Firmenschliessung an seinem letzten Arbeitsort wurde ihm nach zehn Jahren die Stelle als CNC-Mechaniker gekündigt. Jetzt hält er nach einer Stelle in der Produktion eines Unternehmens Ausschau.

Der 56-Jährige kann keinen Berufsfachausweis vorweisen. Dies erschwert die Stellensuche zusätzlich. Derzeit setzt er seine Fähigkeiten in der Recycling- und Velowerkstatt ein. «Ich liebe es mit meinen Händen zu arbeiten», betont der Mechaniker.

Das Beschäftigungsprogramm hat ihm ausserdem neuen Mut gegeben: «Ich bin sehr zufrieden und werde hier super unterstützt. Ich habe Zeit, um Bewerbungen zu schreiben, kann Weiterbildungskurse besuchen und habe bereits zwei PC Kurse absolviert», erzählt Jozef Fazekas stolz.

Nicht alle freiwillig hier

Zug hat, als einziger Kanton der Schweiz, die Regionale Arbeitsvermittlung (RAV) und die Beschäftigung der stellenlosen Menschen an den privaten Anbieter Verein für Arbeitsmarktmassnahmen (VAM) ausgelagert. Die Halle 44 wurde im Mai 2010 eröffnet. Ihr Vorläufer, der «Werkplatz» in Zug, wurde 1994 ins Leben gerufen und war das erste Projekt des VAM überhaupt. Esther Staub: «Früher war es ein klassisches Beschäftigungsprogramm. Bei der Gründung des VAM stand das Ziel im Vordergrund, die Leute von der Strasse zu holen.»

Seit mehreren Jahren würden die Strukturen der Ateliers aber immer wieder den  Bedürfnissen des Arbeitsmarkts angepasst und seien jetzt für Fach- und Hilfskräfte als Förderprogramm konzipiert.

«Aus diesem Grund hören wir den Namen Beschäftigungsprogramm nicht mehr so gerne», sagt die Leiterin von Halle 44, «wir wollen die Stellenlosen fit machen für den ersten Arbeitsmarkt, bieten ihnen Unterstützung im  Bewerbungsschreiben und je nach Bedarf in der deutschen Sprache oder im Umgang mit dem PC.»

Mehrheitlich ohne Berufsausbildung

Derzeit sind 69 Personen beschäftigt. Es sind mehrheitlich Menschen ohne Berufsausbildung. Beispielsweise Hilfskräfte, aber auch KV- und Büroangestellte. Der Programmaufenthalt dauert in der Regel drei Monate und kann auf bis zu sechs Monate ausgedehnt werden. Die Personen, die im Programm arbeiten, werden meistens vom RAV-Beratenden zugewiesen. Dabei wird nach einer Wiedereingliederungsstrategie operiert.

Manuela von Arx, Gesamtleiterin RAV Zug, erklärt diese Strategie so: „Ab dem vierten Monat werden die Stellensuchenden an die Halle 44 vermittelt. Damit soll die Vermittlungsfähigkeit der Person verbessert, neue Fachkompetenzen erworben werden und die Tagesstruktur erhalten bleiben.»

VAM rechnet mit mehr Arbeitslosen

Laut dem VAM betreut die Halle 44 je nach Wirtschaftslage zwischen 450 und 800 Personen pro Jahr. 2012 waren es gemäss Jahresbericht 345. Die Arbeitslosenquote im Kanton Zug beträgt momentan bloss 2,1 Prozent.

Doch die Zahlen könnten ansteigen: «Wir erwarten seit längerem einen Anstieg der stellenlosen Personen aufgrund des nach wie vor starken Schweizer Frankens, den nicht gelösten Wirtschafts- und Finanzproblemen in der EU sowie dem Aufkommen von Schwellenländern», sagt VAM-Präsident Gianni Bomio. Er sei jedoch froh, dass die Prognose bisher nicht eingetreten sei.

Der Betrieb der Halle 44 kostet rund eine Million Franken pro Jahr. Diese Investition zahlt sich aus: 43 Prozent der Teilnehmenden können durchschnittlich pro Jahr gemäss Angaben des VAM an eine Fest- oder Temporärstelle vermittelt werden.

Das Projekt Halle 44 gehört wie das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zum Verein für Arbeitsmarktmassnahmen (VAM) und arbeitet mit einem Leistungsauftrag des Kantons Zug.

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