Wirtschaft

Milliardenprojekt am vorläufigen Ende
Die Zuger Nord Stream 2 ist Geschichte

  • Lesezeit: 4 min
  • Kommentare: 3
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Zentrale für ein Milliardenprojekt: Die Niederlassung von Nord Stream 2 in Zug. (Bild: mku)

Über hundert Mitarbeiter lobbyierten und organisierten von Zug aus für die russische Gaspipeline . Nun ist Schluss, das Unternehmen hat Konkurs angemeldet. Ein Augenschein bei einer verschwiegenen Firma.

hat sich fünf Minuten vom Zuger Bahnhof mitten im Stadtzentrum niedergelassen. Die 2017 hochgezogene Überbauung Lauried zeichnet sich mit viel Glas und Asphalt aus, modernes Erscheinungsbild, austauschbar, anonym. Man könnte auch sagen, sie passt sich bestens ins Stadtbild ein.

Der Innenhof eröffnet den Blick auf 24 Wohnungen. Eichenparkett, verrät die Broschüre. Den Parkplatz in der Garage gibt es für 240 Franken im Monat, auch die Besucherparkplätze kosten: In Zug entgeht kein Zentimeter der Monetarisierung.

Immerhin findet sich im asphaltierten Innenhof ein kleiner Spielplatz. Er wirkt wie ein Fremdkörper, eine Alibiübung der Planer. Wenig überraschend ist er verwaist – bis ihn keine Kinder, sondern fünf kahlgeschorene Männer queren.

Aufgeregt stecken sie ihre Köpfe zusammen, diskutieren in einer slawischen Sprache. Russisch? Ich kann nur raten. Ein Blick aus der Gruppe fällt auf das Kamerastativ. Aufgeschrecktes Köpfedrehen, die Schritte beschleunigen sich.

Ob sie für Nord Stream 2 arbeiten, kann ich noch kurz fragen. Dann huscht die Gruppe mit letzten nervösen Blicken durch die rettende Bürotür. Und ich bin wieder allein mit dem in die Asphaltödnis gepflanzten Spielplatz. Obwohl es erst März ist, wird es langsam heiss im von Rollläden verbarrikadierten Innenhof. Wie es wohl um die Betriebstemperatur auf der anderen Seite der Bürotür bestellt ist?

Bürotür im Innenhof: Ersehnte Retterin vor dem Reporter.

Die Rohstoffbranche in Zug ist notorisch verschwiegen, daran ändert offenbar auch ein Konkurs nichts. Diskretion ist oberste Prämisse. 80 % des russischen Rohstoffhandels sollen über Zug abgewickelt werden, heisst es. Mit der Gaspipeline Nord Stream 2 hätte seine Exporte noch einmal um 55’000 Kubikmeter Gas erweitern können.

11 Milliarden Franken teurer Schrotthaufen

Deutschland, der wichtigste europäische Partner für die Pipeline, erhoffte sich von dem Projekt unter anderem eine Kompensation für die sinkende Gasproduktion in Europa und willkommene Einnahmen für das strukturschwache Bundesland Mecklenburg-Vorpommern.

Neben der russischen Gazprom waren an dem Bau der 11 Milliarden Franken teuren Pipeline auch zwei deutsche Energieunternehmen beteiligt, ein französisches und die britische Shell.

Die Pipeline ist bereits fertig gebaut und hätte eigentlich in Betrieb gehen sollen, sobald Deutschland das Zertifizierungsverfahren für die neue Gasroute abgeschlossen hat. Doch weil Deutschland im Zuge des Kriegs in der Ukraine dieses Verfahren bis auf Weiteres sistiert hat, droht die Pipeline nun ein 11 Milliarden teurer Rosthaufen zu werden.

Ironischerweise käme das der Ukraine zupass. Denn durch das Land führen mehrere weitere Pipelines aus Russland nach Europa. Für die Durchleitung russischer Rohstoffe erhält – oder erhielt – die Ukraine Transfergebühren aus Russland.

Das Land befürchtete deshalb, durch Nord Stream 2 für die russischen Gasexporte an Bedeutung zu verlieren, was es auch anfälliger für russische Interventionen machen würde. Solche Überlegungen sind nun Makulatur.

Das Unternehmen ist Konkurs, alle 106 Mitarbeiter verlieren ihren Job

Während ich noch ein paar weitere Angestellte erfolglos anzusprechen versuche, erfahren SRF und der «Blick» von der Zuger Volkswirtschaftsdirektorin Silvia Thalmann-Gut, dass die Nord Stream 2 AG ihre Bilanz deponiert hat: Das Unternehmen mit einem im Handelsregister eingetragenen Aktienkapital von 126’705’000 Franken ist Konkurs. Alle 106 Angestellte verlieren ihren Job.

Ich schreibe E-Mails nach Russland und auf die andere Seite der Bürotür. Aus der 2’218 Kilometer entfernten Zentrale in Moskau erfahre ich, dass ich es doch bei der Bürotür versuchen soll. Doch die bewegt sich nicht mehr.

Zurück auf der geschäftigen Baarerstrasse kommt mir ein knapp über 20-jähriger Mann entgegen. Langer schwarzer Mantel, die Haare fein säuberlich in Gel einbetoniert. Das Handy am Ohr hat er den Blick nicht auf dem Trottoir, sondern in der Ferne, am anderen Ende der Leitung. Wo immer das auch sein mag.

In einer slawischen Sprache redet er auf sein Smartphone ein. Er wirkt aufgeregt, ratlos, die Schultern zusammengezogen. Ob hier gerade ein junger Berufseinsteiger seinen Eltern berichtet, dass das Abenteuer Zug zu Ende ist?

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3 Kommentare
  1. Bernhard Runkel, 04.03.2022, 07:00 Uhr

    Sicher, mit Nordstream 2 wären 55’000 m2 Gas dazugekommen – das braucht ein grösserer Industriebetrieb in einem Tag…

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  2. Lucy, 02.03.2022, 11:57 Uhr

    Ach, hören Sie auf mit dem Unsinn. Nordstream 2 hatte, wie LinkedIn zeigt, ein sehr internationales Team von Mitarbeitern.
    Es gibt absolut keinen Grund, über Zug als diesen mysteriösen Ort zu schreiben, an dem versteckte Verträge laufen.
    Meine Kinder mögen diesen Spielplatz tatsächlich.

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  3. Remo, 01.03.2022, 20:31 Uhr

    Geld stinkt halt nicht. Gut dass der Laden jetzt dicht ist.

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