Wirtschaft
Kleine Krankenkassen in Luzern und Zug

Die Grossen kitzeln?

Die Kunden kleiner Kassen wollen individuelle und persönliche Betreuung, keine Anonymität. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Über 60 Krankenkassen gibt es in der Schweiz. Solche mit Millionen von Versicherten und solche mit lediglich hundert oder tausend. Individualität ist bei den kleinen Kassen in Luzern und Zug trotzdem nur noch eine Floskel. Wie auch ihre Unabhängigkeit.

Was ist das besondere an den fünf kleinen Krankenkassen in Luzern und Zug? Das wollte zentral+ von ihnen selbst wissen. «Man steht nah beim Kunden und ermöglicht dadurch eine individuelle Betreuung», sagt Bruno Peter, Geschäftsführer der Krankenkasse Luzerner Hinterland (KkLH) und spricht damit gleich für alle. «Individuell» auf die Kunden einzugehen wird bei Krankenkassen so inflationär verwendet, wie künstliche Wimpern bei Mascara-Werbungen. Auf den Webseiten ist auch alles dasselbe. Einfache Prämienrechner, ähnliche Zusatzversicherungen, ähnliche Prämien, ähnliche Werbesprüche.

Was die fünf kleinen Kassen tatsächlich ausmacht und inwiefern sie sich von den grossen unterscheiden, zeigt sich erst auf den zweiten Blick. Grundsätzlich setzen diese auf Kundennähe und persönliche Beratung. Die meisten auf jeden Fall. «Unsere Grösse ermöglicht uns einen persönlichen Kontakt zu unseren Kunden», sagt Walter Distel, Geschäftsführer der Agilia Krankenkasse in Malters, mit unter 8’000 Versicherten.

«Wir sind im Grunde nichts Besonderes, eine normale regionale Krankenkasse.»
Bruno Peter, Geschäftsführer der Krankenkasse Luzerner Hinterland

Die Sanagate, eine der CSS-Töchter macht es genau andersrum. «Statt auf physische Versicherungsagenturen, setzt Sanagate auf den Online-Kanal und damit eher auf ein online-affines Zielpublikum. Dies ermöglicht schlanke Verwaltungsabläufe, was sich wiederum positiv auf die Prämien auswirkt», so Ute Dehn Christen, Leiterin Corporate Communications der CSS.

Verwaltung und Hierarchie

Verwaltungsabläufe – ein Stichwort der kleinen Kassen. Yvonne Dempfle, Geschäftsführerin der KLuG: «Durch die flachen Hierarchiestufen sind wir sehr flexibel und haben kurze Entscheidungswege. Das zeigt sich auch bei den Verwaltungskosten: im Jahr 2013 lag der Verwaltungskostenanteil der KLuG bei 2,8 Prozent.» Die KLuG wurde 1918 in Zug als Betriebskrankenkasse der Firma Landis & Gyr gegründet, ist mittlerweile aber auch gesamtschweizerisch tätig und hat ungefähr 20’000 Versicherte.

Auch Bruno Peter von der KkLH spricht die flachen Hierarchiestufen an: «Der Verwaltungsvorsteher ist Kundenberater, Finanzchef, Leistungs-, Personal- und Gebäudeverantwortlicher in einem.» Aber das sei nichts Spezielles. «Wir sind im Grunde nichts Besonderes, eine normale regionale Krankenkasse», so Peter über die 110-jährige Kasse mit knapp 15’000 Kunden.

Gespaltenes Gesundheitswesen

Bereits 1974 und 2007 konnte das Schweizer Stimmvolk über eine Einheitskrankenkasse entscheiden und am 28. September wird erneut abgestimmt. Beide Seiten erhalten dabei Zuspruch von Leuten, die in ihrem Berufsalltag mit Krankenkassen zu tun haben. Während der Schweizerische Verband der Assistenz- und Oberärzte sowie die Hebammen die Initiative grösstenteils unterstützen, beschlossen andere Ärztegesellschaften die Stimmfreigabe. Der nationale Verband der Spitäler lehnt die Einheitskasse ab. Klar ist jedoch, dass die einzelnen Kassen sich gegen die Öffentliche Krankenkasse aussprechen.

Doch die kleinen, regionalen Kassen würden auch viele Privilegien für die Kunden bieten. «Statt bei einer Einheitskasse zum Bittsteller in einer Behörde zu werden ist der Versicherte im jetzigen System der König», betont Dempfle von der KLuG und spricht damit auf die Abstimmung am 28. September zur Öffentlichen Krankenkasse an.

Ausserdem müssten die Kunden nicht zehnmal verbunden werden bis sie eine Antwort erhalten würden. Es könne ihnen bei Bedarf rasch und unbürokratisch geholfen werden. Dabei sei der Vorteil der kleinen Kassen ihrerseits das ländliche Einzugsgebiet. Dieser Bevölkerungskreis beziehe generell weniger medizinische Leistungen.«Es ist den Kunden auch nicht egal was mit ‹ihrer› Kasse passiert», so Peter.

Nachteile der Kleinen

Trotzdem hat eine grosse Kasse durch die neuen Gesetzgebungen ihre Vorteile. Peter von der KkLH: «Durch die stark zunehmende Bürokratie ist es schwieriger geworden. Eine kleine Kasse muss dieselben rechtlichen Auflagen erfüllen wie ein Grosskonzern.» Dabei können sie jedoch nicht auf interne Spezialisten zurückgreifen und werde damit eingeschränkt.

Dehn von der CSS kennt die Problematik: «Für kleinere und mittlere Kassen wird es immer schwieriger, die Vorschriften mit vernünftigem Verwaltungsaufwand überhaupt noch bewältigen zu können. So gesehen ist es für eine grosse Kasse effizienter, die entsprechenden Vorgaben zu erfüllen.» Die Schwierigkeiten zeigen sich daran, dass viele kleine Krankenkassen in den letzten Jahren an grössere angegliedert oder aufgekauft worden sind.

«Es ist für eine grosse Kasse effizienter, die Vorgaben zu erfüllen.»
Ute Dehn Christen, Leiterin Corporate Communications der CSS

Die Westschweizer Krankenkasse INTRAS beispielsweise wurde 2008 von der CSS übernommen. So auch vier Jahre vorher die Freiburger Accorda, die mittlerweile Arcosana heisst. Ziel des Zusammenschlusses sei für die CSS unter anderem gewesen, zu wachsen und Synergien im Management zu schaffen.

Und auch die Krankenkasse Agilia in Malters ist nicht mehr eigenständig. 1899 gegründet, erhielt sie im Jahr 2010 den neuen Namen Agilia Krankenkasse und gehört seither zur KPT-Versicherungsgruppe. «Für eine kleine Krankenkasse kann es bei bestimmten Aufgaben wie bei Tarifverhandlungen wichtig sein, mit einem grösseren Partner zusammenzuarbeiten. Daher ist man froh zur KPT zu gehören», so der Geschäftsführer Walter Distel.

Bruno Peter, Geschäfsführer der noch eigenständigen KkLH ist überzeugt davon, dass es die Kleinen trotzdem braucht: «Damit die Grossen in der Branche etwas ‹gekitzelt› werden. Denn Konkurrenz belebt das Geschäft.» 

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