Wirtschaft

Kritik wegen Rohstoff- und Bitcoin-Firmen
«Der Kanton Zug wird zu einem Klimakiller-Hotspot»

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Der Zuger Klimastreik am Sonntag machte die Verantwortung der Grosskonzerne zum Thema. (Bild: Markus Mathis)

Der Zuger Klimastreik will, dass die schädlichen Emissionen der Zuger Grosskonzerne in der Öffentlichkeit viel stärker zum Thema werden. In Zürich und Genf, den anderen «Rohstoff»-Kantonen der Schweiz, scheint die Bevölkerung die Situation deutlich kritischer zu sehen als in Zug.

vom Zuger Klimastreik zieht nach der Demonstration vom Sonntag eine positive Bilanz: «Die Stimmung an der Demo war gut und wir sind sehr zufrieden.» Hauptthema waren die Grosskonzerne. «Diese tragen einen riesige Verantwortung an der Klimakrise», sagt Abächerli. In den Reden sei vor allem auch deren Verantwortung an der Lage im globalen Süden thematisiert worden (zentralplus berichtete).

«Die in Zug ansässigen Grosskonzerne sind für etwa 1,5 Prozent der globalen verantwortlich», hielt das Komitee Zuger Klimastreik im Vorfeld der Demonstration fest. Es kritisierte damit direkt auch die Klima-Studie «Green Check» der .

Grosskonzerne wie , Nordstream, und , welche alle ihren Hauptsitz in Zug haben, würden von dieser Studie überhaupt nicht erfasst. Zwar sei klar, dass das Problem des Verkehrs und der Heizungen angegangen werden müsse, so das Komitee. Das völlige Ignorieren der Verantwortung der Grosskonzerne aber beweise das fehlende Verständnis für das Ausmass der Klimakrise.

Zuger Wirtschaftskammer beruft sich auf «Territorialprinzip»

von der Zuger Wirtschaftskammer sagt, die in Auftrag gegebene Studie basiere auf dem Territorialprinzip. «Das heisst, es wurden diejenigen Emissionen erfasst, die im Kanton Zug entstehen», so die Geschäftsführerin. Auch die Netto-null-Ziele der Schweiz würden auf diesem Prinzip beruhen. Die grossen Konzerne wie Roche und Holcim seien in der Studie also mit jenen Emissionen erfasst, die sie im Kanton Zug verursachen. «Unser Ansatz war, dort hinzuschauen, wo wir auch etwas bewegen können – lokal. Hier sind wir verankert, hier haben wir politischen Impact.»

«Das ist völlig absurd, hier wird mit zweierlei Ellen gemessen.»

, Kantonsrat ALG

Dieser Sichtweise kann Luzian Franzini nichts abgewinnen. «Das ist völlig absurd, hier wird mit zweierlei Ellen gemessen», kritisiert der Kantonsrat der Alternativen-die Grünen (ALG). Zug könne nicht von Steuereinnahmen aus Geschäftstätigkeiten aus der ganzen Welt profitieren und danach die Verantwortung für die entsprechenden Emissionen nicht übernehmen wollen. «Als internationaler Tiefsteuerstandort mit vielen Hauptsitzen internationaler Firmen haben wir auch eine Mitverantwortung für die Emissionen. Dies blendet die Zuger Wirtschaftskammer wohlweislich aus.»

«Mining» verursacht enormen Strombedarf

Auch der frühere Zuger Nationalrat Jo Lang äusserte sich auf Twitter kürzlich zum Thema. «Mit Kohle-, Öl-, Gas-, -Firmen wird der Standort Zug zu einem Klimakiller-Hotspot», schrieb er Anfang Monat. Dem stimmt Franzini zu. Alleine Glencore fördere pro Jahr 106,2 Millionen Tonnen Kohle, was ungefähr 300 Millionen Tonnen CO2 entspreche. 

«Bitcoins verbrauchen aktuell etwa 140 Terawattstunden jährlich.» Das sei vergleichbar mit dem Stromverbrauch von Malaysia mit seinen 30 Millionen Einwohnern und weit mehr als der doppelte Verbrauch der Schweiz. Nach Schätzungen einer Studie der Universität Cambridge komme 61 Prozent der Energie für die Schürfung dieser Kryptowährungen aus nicht erneuerbaren Energieformen wie Kohle, Gas oder Erdöl. 

Die Gewinnung von Bitcoins durch das sogenannte «Mining» führe in Schwellenländern zu Stromausfällen und verursache nebst dem gigantischen Strombedarf auch bis zu 12’000 Tonnen Elektroschrott pro Jahr.

Zugs wirtschaftliche Mitverantwortung

Luzian Franzini sieht den Kanton Zug in diesem Zusammenhang ganz klar in der Pflicht. Einerseits sei Zug in Sachen Bitcoin «Pionierstandort». Vor allem aber habe der Standort Zug eine wirtschaftliche Mitverantwortung aufgrund seiner heutigen Stellung. Die Hälfte der 960 Blockchain-Unternehmen in der Schweiz seien in Zug beheimatet. «Als Standort dieser Unternehmen hat Zug auch eine besondere Verantwortung, dies analog zur Rohstoffbranche», sagt Franzini.

Die Klimafrage stelle für Zug ein grosses Reputationsrisiko dar. «Gerade als reicher Kanton wird von uns natürlich in besonderer Weise erwartet, dass wir unsere nationale und internationale Verantwortung wahrnehmen.» Klimaziele seien nur dann glaubwürdig, wenn sie auch die Zuger Wirtschaft mit einschliessen. Franzini weist darauf hin, dass der Ruf eines Standortes längerfristig auch zu einem entscheidenden Faktor für eine Standortwahl werden könne.

Kanton spricht von einem gemeinsamen «Verbesserungspfad»

Der Kanton ist sich der Thematik bewusst. Bernhard Neidhart, Vorsteher des Zuger Amtes für Wirtschaft und Arbeit, verweist auf eine Diskussion von letzter Woche, welche sich um die erwähnte Studie der Zuger Handelskammer gedreht habe. Eine unbestrittene Aussage sei dabei gewesen, dass die Energiewende in der Übergangsphase nicht ohne Kompromisse wie Kohlenenergie und Gas zu erreichen sei. Dabei sei wichtig, dass sich die involvierten Unternehmen den kritischen Fragen stellen müssten. «Genau diesen Ansatz leben wir in Zug und in der Schweiz», sagt Neidhart. Die öffentliche Hand sei in stetigem Kontakt mit den entsprechenden Firmen.

«Wir wollen die Ziele des Pariser Abkommens unterstützen und streben daher an, unsere Kohlenstoffemissionen bis 2050 auf Netto-null Gesamtemissionen zu reduzieren.» 

Sarah Antenore, Glencore

Seit 2013 finde eine sogenannter «Commodity Round Table» unter Leitung der Bundesbehörden zusammen mit der Rohstoffbranche, den spezialisierten NGOs und den Standortkantonen wie Zug statt. «Seither hat sich vieles bei den sozialen, umweltrelevanten und finanziellen Rahmenbedingungen in den Minen vor Ort und im Handel getan.» Auch wenn längst noch nicht alle Ziele erreicht seien, so sei man doch «gemeinsam auf einem kritisch-konstruktiven Verbesserungspfad». Dazu kommt: Von Zug aus würden grosse Konzerne technische Lösungen in verschiedenen Branchen verantworten, die der Vision einer Netto-null-CO2-Emission zudienlich seien. Anstelle eines Reputationsrisikos für den Standort Zug sieht Neidhart daher primär Potenziale und Opportunitäten.

Glencore und die Kohle

Dass den Rohstofffirmen eine grosse Verantwortung zukommt, zeigte 2018 eine Studie von Niels Jungbluth und Christoph Meili im Vorfeld der Konzernverantwortungsinitiative. Sie untersuchten im Auftrag des Bundes die Umweltbelastungen, die aufgrund der Produktion jener Rohstoffe entstehen, die durch Schweizer Firmen gehandelt werden. Die Studie kam zum Schluss, dass diese Belastungen 19-mal grösser sind als jene, welche der private Konsum der Schweizer Bevölkerung verursacht.

Interessant ist in diesem Kontext ein Blick auf das Beispiel Glencore. Kürzlich war zu lesen, der Konzern wolle seinen Kohleanteil vermindern und künftig vermehrt in andere Bereiche investieren. Oliver Classen von der Organisation Public Eye sagt dazu, der Kohleanteil an den Einnahmen von Glencore sei primär wegen des Preisverfalls während der Pandemie zurückgegangen. Nun aber seien die Preise wieder hoch, was sich in den kommenden Ergebnissen von Glencore widerspiegeln werde.

Glencore sei – zusammen mit der australischen Konkurrenz – nach wie vor der weltgrösste Kohleexporteur. Der Konzern habe eben erst die verbleibenden zwei Drittel von El Cerrejón in Kolumbien gekauft. «Dies, obwohl sich das Unternehmen vor drei Jahren verpflichtet hatte, seine Kohleförderung zu begrenzen.»

Glencore, einmal mehr im Fokus der Kritik: Plakat einer Demonstrantin auf dem Stierenmarktareal.

Sarah Antenore, Sprecherin der Firma Glencore, schreibt dazu: «Die Entscheidung von Glencore, vollständige Eigentümerin der Mine zu werden, steht im Einklang mit unserer Verpflichtung, im Laufe der Zeit unsere Kohleproduktion auf verantwortungsvolle Weise zu verringern, und gefährdet auch nicht unser Ziel, unsere Emissionen bis 2026 um 15 und bis 2035 um 50 Prozent zu reduzieren.»

Kritik an PR-Sprech

Glencore habe sich verpflichtet, seine Bergbaubetriebe verantwortungsvoll zu verwalten und dabei die Auswirkungen auf Menschenrechte und zu berücksichtigen. «Wir wollen die Ziele des Pariser Abkommens unterstützen und streben daher an, unsere Kohlenstoffemissionen bis 2050 auf Netto-null Gesamtemissionen zu reduzieren», so Antenore.

«Es handelt sich also um eine Kommunikationswende, keine Strategiewende.»

Oliver Classen, Public Eye

In der Vergangenheit habe die Kohle bis zu einem Drittel des Gewinns von Glencore ausgemacht, hält Oliver Classen von Public Eye hingegen fest. «Die Margen bei Kohle sind enorm, weil immer mehr verantwortungsbewusste Akteure aus dem Sektor aussteigen, was ihn zu einem interessanten Feld für risikoreiche Investitionen macht. Das ist das Paradoxe.»

Investitionen in Kobalt würden nicht auf Kosten der Kohle getätigt. Der aktuelle Glencore-CEO Gary Nagle habe von seinem Vorgänger Ivan Glasenberg auch gelernt, dass man heute an Pressekonferenzen besser über Kobalt als über Kohle spreche. «Es handelt sich also um eine Kommunikationswende, keine Strategiewende», so die Kritik von Public Eye.

In Genf und Zürich ist man viel kritischer

Die Aussage von Jo Lang, wonach Zug zu einem Klimakiller-Hotspot werde, unterstützt Oliver Classen. «Ein Blick ins Zuger Handelsregister genügt, um zu sehen, dass das zutrifft.» Die Frage sei, in welchem Umfang und ob Genf oder Zürich nicht mindestens so heisse Hotspots seien.

Einen Unterschied aber gibt es zwischen den drei Kantonen ganz offensichtlich – so wie dies kürzlich auch die NZZ sinngemäss festhielt. In den Kantonen Zürich und Genf scheint die Bevölkerung die Entwicklung deutlich kritischer zu sehen als jene von Zug.

Ein Hinweis dafür sind die Ergebnisse der Konzernverantwortungsinitiative vor einem Jahr. Der Kanton Zürich stimmte ihr mit einem Ja-Anteil von 52,8 Prozent zu, der Kanton Genf gar mit einem Anteil von 64,2 Prozent. Der Kanton Zug hingegen verwarf die Initiative sehr deutlich: Der Ja-Anteil betrug gerade mal 35,2 Prozent.

Dasselbe Bild in den Städten: Die Stadt Genf sagte mit 68,7 Ja, die Stadt Zürich mit 66,1 Prozent. In der Stadt Zug hingegen erreichte das Anliegen bloss eine Zustimmung von 39,8 Prozent.

Die Reputationsfrage aus Sicht der Wissenschaft

In der Forschung spreche man von einem negativen «Spillover-Effect», erklärt Diana Ingenhoff, Professorin für Organisationskommunikation der Universität Freiburg. «Das heisst, eine schlechte Reputation eines oder mehrerer Akteure – hier: die in Zug ansässigen Unternehmen – überträgt sich auf eine andere Entität, hier den Kanton Zug.» Es stelle sich aber immer die Frage, bei wem, also bei welcher Zielgruppe, dieser Effekt eintrete.

«Offenbar zeigt sich dieser Effekt unter anderem bei denjenigen, die für Klimafragen sensibilisiert sind, und sich zum Beispiel aktiv auf einer Klima-Demo einbringen.» Bei denjenigen, die von den niedrigen Steuern des Kantons profitieren, oder grossen Investoren, die von der vorhandenen Expertise und dem Humankapital profitieren wollen, werde dieser Effekt wahrscheinlich weniger stark sein.

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1 Kommentare
  1. Marc Wieser, 18.11.2021, 09:39 Uhr

    Die Kritik an den energieintensiven Kryptowährungen kann ich nachvollziehen. Aber macht man beim Anprangern der Rohstoffkonzerne nicht den Gärtner zum Bock? Anstatt auf die Produzenten zu zielen, sollten imho die Verbraucher in die Pflicht genommen werden. Die Rohstoffproduktion bedient ja letzendlich die Nachfrage des Marktes.

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