Ringen um neuen Gesamtarbeitsvertrag

Bauarbeiter demonstrieren gegen flexiblere Arbeitszeiten

Die Baubranche brauche einen neuen Gesamtarbeitsvertrag. Die Differenzen zwischen der Unia und dem Baumeisterverband sind jedoch sehr gross. (Bild: Adobe Stock)

Der Baumeisterverband möchte die Arbeitszeiten in der Baubranche flexibilisieren. Bauarbeiter aus der Zentralschweiz werden am 11. November auf die Strasse gehen und dagegen protestieren. Wieso?

Der momentan gültige Gesamtarbeitsvertrag der Baubranche, der sogenannte Landesmantelvertrag (LMV), läuft Ende Jahr aus. Es braucht einen neuen Vertrag für die 80'000 Bauarbeiter in der ganzen Schweiz. Die Verhandlungen stocken, in bisher sechs Verhandlungsrunden konnten die Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretungen keine Einigung finden.

Und besonders kontrovers: Im Rahmen der Verhandlungen über den Landesmantelvertrag fordert der Schweizerische Baumeisterverband eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten.

Bisher funktioniert die Arbeitszeitregelung in der Baubranche so, dass am Ende des Jahres ein Arbeitsplan für alle Kalenderwochen des Folgejahres erstellt wird. So wissen die Bauarbeiter grundsätzlich, wann sie wie lange arbeiten. In jeder Kalenderwoche arbeiten die Angestellten zwischen 37,5 und 45 Stunden. Im Sommer grundsätzlich mehr, im Winter weniger. Die jährliche Arbeitszeit beträgt 2'112 Stunden.

Unia befürchtet Etablierung einer 58-Stunden-Woche

Mit der Bandbreite zwischen 37,5 und 45 Stunden soll nun Schluss sein, wie Chris Kelley, Co-Leiter der Sektion Bau der Unia gegenüber zentralplus sagt. «Der Baumeisterverband schlägt vor, dass die Arbeitszeiten pro Woche zwischen 0 und 48 Stunden betragen und nur kurzfristig bekannt gegeben werden.»

Auch wenn die Jahresarbeitszeit von 2'112 Stunden beibehalten werde, befürchtet Kelley längere Arbeitszeiten, insbesondere im Sommer. «Der Vorschlag des Baumeisterverbandes erlaubt bis zu einer 58-Stunden-Woche.» Erlaubt sein soll im neuen LMV neben der 48-Stunden-Woche nämlich noch bis zu zehn Stunden Reisezeit vom Magazin zur Baustelle. Wie bereits heute ist davon eine halbe Stunde Reisezeit pro Tag unbezahlt.

Chris Kelley (links) von der Unia sagt, dass Bauarbeiter kein Interesse an Flexibilisierung von Arbeitszeiten hätten. Kurt A. Zurfluh vom Baumeisterverband behauptet das Gegenteil. (Bild: zvg)

Den Vorwurf, eine 58-Stunden-Woche zu legalisieren, streitet Kurt A. Zurfluh vehement ab. Er ist Geschäftsführer der Zentralschweizer Baumeisterverbände: «Ich nehme mit Erstaunen zur Kenntnis, dass die Unia solche Behauptungen in die Welt setzt. An den heute geltenden Bestimmungen in Bezug auf die Jahresarbeitszeit von 2'112 Stunden und der Wochenhöchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche ändert sich nichts.»

Die Reisezeit-Regelung wolle der Baumeisterverband einführen, um die Reisezeit zu deckeln. Dies aber zum Schutz des Arbeitnehmers. Die Reisezeit sei zudem finanziell lukrativ: «Die Reisezeit von der Sammel- zur Baustelle wird von den Arbeitgebern ab der 31. Minute entschädigt, was für die Bauarbeiter einen nicht unwesentlichen Bestandteil zum Lohn ergibt», so Zurfluh. Zudem relativiert er: «In der Zentralschweiz beträgt die durchschnittliche Reisezeit gar weniger als eine Stunde pro Tag.»

Flexibilisierung – Bedürfnis oder nicht?

Der Baumeisterverband preist die Flexibilisierung auf seiner Webseite als Fortschritt an. Mit der Flexibilisierung könne etwa ein Familienvater seine Arbeitszeit auf vier Tage aufteilen. Er würde dementsprechend an diesen vier Tagen länger arbeiten, im Gegenzug aber einen zusätzlichen Freitag erhalten. Eine solche 4-Tage-Woche prüfen beispielsweise bereits einige Gastronomie-Unternehmen (zentralplus berichtete).

Die Flexibilisierung empfindet die Unia aber als Rückschritt. Laut Kelley leisten die Bauarbeiter bereits heute viele Überstunden, sehen oftmals ihre Familien kaum und müssten sich schon unter dem jetzigen LMV immer wieder flexibel nach den Wünschen des Arbeitgebers richten. Zudem «ist es einfach nicht gesund, immer wieder zwölf Stunden pro Tag zu arbeiten», wie Kelley gegenüber zentralplus weiter sagt.

«Die Gewerkschaften machen ein riesiges ‹Gstürm› und dramatisieren einmal mehr.»

Kurt Zurfluh, Zentralschweizerische Baumeisterverbände

Die Gewerkschaft befürchtetet zudem, dass der neue LMV die Zeitplanung von Bauarbeitern verunmögliche. «Der Baumeisterverband wünscht sich Arbeit auf Abruf, es braucht aber eine Planbarkeit für Bauarbeiter, damit diese das Privatleben organisieren können», so Kelley.

Der Baumeisterverband dementiert: Mit dem neuen Arbeitszeitmodell würden die Arbeitspläne für den gesamten Betrieb oder den Betriebsteilen mindestens vier Wochen im Voraus publiziert. «Die Gewerkschaften machen hier ein riesiges ‹Gstürm› und dramatisieren einmal mehr», sagt Zurfluh. Bereits heute sei im Sommer die 45-Stunden-Woche die Regel. Mit dem neuen LMV wären maximal 48 Stunden möglich. Das Arbeitsgesetz würde sogar Arbeitswochen bis zu 50 Stunden erlauben. «Somit halten wir die gesetzlichen Bestimmungen mehr als ein», so Zurfluh.

Und er betont: «Mitarbeiter haben kein Interesse, an Arbeitstagen weniger Stunden als möglich zu leisten, wenn sie dadurch in einen Minussaldo fallen. Unsere Mitarbeiter möchten an den Arbeitstagen möglichst viele Stunden leisten, um somit in einen Plussaldo zu kommen, welchen sie dann zum Beispiel als Familienzeit kompensieren können.»

Baumeisterverband: Flexibilisierung bringt höhere Einkommen

Der Schweizerische Baumeisterverband rechnet vor, dass die Flexibilisierung der Arbeitszeiten höhere Löhne bringen würde. Der Grund: Wenn Bauarbeiten aufgrund schlechter Wetterbedingungen eingestellt werden, kann die Schlechtwetterversicherung angerufen werden. Diese deckt jedoch nur 80 Prozent des Lohnes ab, weswegen ein Arbeiter an Lohn einbüsst. Je nach Region gibt es derzeit bis zu zehn solcher Schlechtwettertage pro Jahr. Als Schlechtwettertage gelten Tage, an denen es beispielsweise besonders kalt oder extrem heiss ist. Bei einem Jahreslohn von 77'500 Franken führen zehn Schlechtwettertage zu Lohneinbussen von 600 Franken.

Aufgrund des Klimawandels wird es in Zukunft sehr wahrscheinlich mehr solcher Schlechtwettertage geben, daher werden auch die Lohneinbussen zunehmen. Die Lohneinbussen könne man mit einer Flexibilisierung der Arbeitszeiten aber verhindern, so der Baumeisterverband. Die Idee: Ist es an einem Nachmittag besonders heiss, kann man den Arbeitern kurzfristig frei geben und die Stunden zu einem anderen Zeitpunkt nachholen.

Dieses Argument lässt die Unia nicht gelten. Unter dem jetzigen Gesamtarbeitsvertrag könnten nämlich im Falle von schlechtem Wetter Überstunden abgebaut oder die Arbeitsplanung angepasst werden. Lohneinbussen gebe es daher selten. Jedoch zeigt sich die Unia offen, über eine Neugestaltung der Schlechtwetterversicherung zu diskutieren.

Wird auf Baustellen in Luzern und Zug bald gestreikt?

Aufgrund des Unmutes über den geplanten LMV haben in der Nordwestschweiz Bauarbeiter mehrerer Kantone ihre Arbeit niedergelegt. So etwa in Basel, wo Arbeiter von 400 Baustellen gestreikt haben. Giuseppe Reo, Regionalsekretär Zentralschweiz der Unia, sagt, dass in Luzern und Zug momentan noch keine Streiks geplant seien. Jedoch gebe es am 11. November eine Kundgebung in Zürich, an denen auch Bauarbeiter aus der Zentralschweiz teilnehmen werden. Ob an diesem Tag auf Zentralschweizer Baustellen weitergearbeitet wird, wollte Reo nicht mitteilen.

Wichtigste Forderung an der Demonstration: Keine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten und eine Lohnerhöhung aufgrund der allgemein gestiegenen Preise. Zu letzterem gibt es erfreuliche Nachrichten vonseiten des Baumeisterverbandes: «Die Verhandlungsdelegation des Schweizerischen Baumeisterverbandes hat gegenüber den Gewerkschaften Diskussionsbereitschaft signalisiert für generelle Lohnerhöhungen», so Matthias Engel, Mediensprecher des Schweizerischen Baumeisterverbandes.

Die letzte Verhandlungsrunde zum neuen Gesamtarbeitsvertrag soll am 14. November stattfinden.

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Giuseppe Reo, Regionalsekretär Zentralschweiz der Unia
  • Telefonat mit Chris Kelley, Co-Leiter Sektion Bau, Unia Schweiz
  • Informationen zum neuen LMV des Schweizerischen Baumeisterverbandes
  • Telefonat mit Kurt A. Zurfluh, Geschäftsführer Zentralschweizerische Baumeisterverbände
  • Telefonat mit Matthias Engel, Mediensprecher Baumeisterverband Schweiz
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