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Wirrwarr um Sprachenstreit: Wir helfen weiter
  • Politik
Primarschulunterricht im Schulhaus St. Karli, Luzern. Klassenlehrer Jörg Gut unterrichtet seine 5. Klasse in Französisch. (Bild: Lustat/ Dany Schulthess )

Luzerner stimmen über Fremdsprachen-Initiative ab Wirrwarr um Sprachenstreit: Wir helfen weiter

7 min Lesezeit 1 Kommentar 17.09.2017, 05:15 Uhr

Der Sprachenstreit ist kompliziert. Lehrer und Unternehmer sind sich uneinig – sogar durch die Parteien hindurch gibt’s Gräben. Niemand weiss so recht, was das Beste ist. zentralplus nimmt deshalb die Argumente unter die Lupe. Und stellt fest: In einem bestimmten Punkt denken trotzdem alle gleich.

Wann heisst’s für die Kinder in der Schule «Hello» und wann «Bonjour»? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Im Kanton Luzern unterrichtet man bereits in der Primarschule zwei Fremdsprachen. Eine Initiative will das ändern, Regierung und Kantonsrat lehnen das ab. Am 24. September entscheidet nun das Volk. Und die Ausgangslage ist schwierig, wie der Faktencheck zeigt.

Englisch abschaffen? Oder doch Französisch?

 

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«Die Fremdsprachen-Initiative schafft Englisch in der Primarschule ab.»

Gegner-Komitee

Reto Wyss hat bereits verlauten lassen, dass man bei einem Ja tatsächlich Englisch aus der Primarschule verbannen würde (zentralplus berichtete). Und trotzdem sorgt diese Aussage des Gegnerkomitees für gehörigen Zündstoff. Die Initianten haben nämlich bewusst offengelassen, welche Fremdsprache weichen müsste. Es liegt also nicht in ihren Händen, ob Primarschüler künftig Englisch oder Französisch lernen dürften. Es liegt jedoch auch nicht in den Händen von Reto Wyss. Weil es eine Gesetzesänderung braucht, bestimmt der Kantonsrat. Gibt es gar ein Referendum, hätte das Volk das letzte Wort.

zentralplus-Fazit:

 

«Die Abschaffung des Frühfranzösisch ist aus staatspolitischen Gründen ein Tabu.»

Ludwig Peyer, CVP-Fraktionschef – Gegner

Das Gegner-Komitee führt ein gewichtiges Argument ins Feld, weshalb es trotzdem das Englisch treffen würde. Französisch ist in der Schweiz nun mal eine Landessprache und hat Priorität. Auch Bundesrat Berset hat sich in den Sprachenstreit eingemischt. Niemals wird Reto Wyss vorschlagen, Früh-Französisch abzuschaffen. Er könnte sich an Erziehungsdirektorenkonferenzen mit seinen Kollegen aus der Romandie nicht mehr blicken lassen. Das wissen auch die Kantonsräte. Richtig spannend würde es, wenn das Volk über die Sprache entscheiden dürfte. Dann müssten die Befürworter definitiv die Hosen runterlassen, welche Sprache sie denn verbannen wollen. Einziges Gegenargument: Natürlich würde es den Stimmbürgern freistehen, wie sie sich entscheiden wollen.

zentralplus-Fazit:

 

«Die Initiative richtet sich nicht gegen die Mehrsprachigkeit.»

Trix Dettling, alt SP-Kantonsrätin, Lehrerin – Befürworterin

Die Hauptbotschaft der Befürworter. So steht es auch auf Flyern und Plakaten: «Zwei Fremdsprachen – nur eine auf der Primar.» Es gibt keinen Grund, an dieser Aussage zu zweifeln. Es steht ausser Frage, dass die Schüler in ihrer obligatorischen Schulzeit sowohl Englisch wie auch Französisch lernen sollen.

zentralplus-Fazit:

 

Der Nutzen von Frühfranzösisch

«70 Prozent der Schüler erreichen im Kanton Luzern Ende Schulzeit die Lernziele nicht.»

Gaudenz Zemp, FDP-Kantonsrat, Direktor Gewerbeverband – Befürworter

Es liegt eine Studie der Bildungsdirektoren-Konferenz Zentralschweiz vor, die das Erreichen der Lernziele nach dem Ende der Schulzeit misst. Die Resultate sind ernüchternd. Dies lässt sich nicht wegdiskutieren. Die Aussage suggeriert jedoch ein viel zu negatives Bild. Sämtliche Gymnasiasten sind in der Studie nicht enthalten. Und es liegt auf der Hand, dass diese das Ergebnis verbessern würden. Fairnesshalber sei angefügt, dass auch die Dispensierten in der Studie fehlen.

zentralplus-Fazit:

 

«Je früher man mit dem Erwerb einer Fremdsprache beginnt, desto nachhaltiger ist der Erfolg. Das ist wissenschaftlich belegt.»

Ylfete Fanaj, SP-Fraktionschefin – Gegnerin

Kinder sind spontan und neugierig. Dass man dies für den Spracherwerb nutzen kann, ist einleuchtend. Die grosse Frage ist, wie der Erwerb der Fremdsprache gestaltet wird. Das Argument hält Stand, wenn die Sprache auf spielerische Art und Weise vermittelt wird. Schlussendlich ist die grosse Glaubensfrage nicht nur wann, sondern wie man zum Erfolg kommt.

zentralplus-Fazit:

 

«Wir haben einen nicht kindergerechten pädagogischen Irrweg eingeschlagen.»

Remo Largo, Kinderarzt – Befürworter

Genauso wie es Studien zu vorherigem Argument gibt, lassen sich Studien finden, die den Nutzen des Unterrichts von zwei Fremdsprachen in der Primarschule in Frage stellen. Das Hauptargument lautet, dass ein analytischer Spracherwerb erst im Alter von zehn bis zwölf Jahren möglich ist. Ist nun aber die zweite Fremdsprache der pädagogische Irrweg oder liegt’s an der Art und Weise des Unterrichts.

zentralplus-Fazit:

 

«Gute Fremdsprachenkenntnisse sind in einer zunehmend globalisierten Arbeitswelt ein Muss.»

Andreas Moser, FDP-Fraktionschef – Gegner

Dem gibt es nicht viel hinzufügen. Ein Plädoyer für die Bildung. Auch Mathematik- und Informatik-Kenntnisse sind ein Muss.

zentralplus-Fazit:

«Für das Gewerbe ist entscheidend, welche Fähigkeiten die Schulabgänger haben.»

Gaudenz Zemp – Befürworter

Auch diese Aussage ist sehr allgemein und natürlich vollkommen unbestritten. Nur der Weg dahin wird in Frage gestellt und darüber dreht sich auch die Abstimmungsfrage.

zentralplus-Fazit:

 

Die Insellösung

«In praktisch allen anderen Kantonen werden an der Primarschule zwei Fremdsprachen unterrichtet. Luzern würde zu einer Sprachinsel und die Lernenden bei einem Wohnortwechsel benachteiligt.»

Monique Frey, Fraktionschefin Grüne – Gegnerin

Dieses Argument stimmt. Und dennoch: Der Sprachenstreit ist in vielen Deutschschweizer Kantonen ein Thema (Thurgau, Zürich, Nidwalden). Der Kanton Luzern würde insofern aus der Reihe tanzen, da noch kein Kanton einen definitiven Entscheid gefällt hat, eine Sprache aus der Primarschule zu kippen. Auch im Nachbarkanton Zug gibt es jedoch solche Absichten – schliesslich liegt die Bildungspolitik in der Hoheit der Kantone. Wie lange es also noch stimmt, ist eine andere Frage.

zentralplus-Fazit:

 

«Auch eine harmonisierte Volksschule wird immer regionale und kantonale Anpassungen kennen.»

Armin Hartmann, SVP-Kantonsrat – Befürworter

Das Argument der Befürwortet geht genau in diese Richtung. Die Kantone sind unabhängig in ihren Entscheidungen, wie der Lehrplan ausgestaltet werden soll. Der Kanton Luzern gehört dem Harmos-Konkordat ja gerade nicht an. Wermutstropfen dieses Arguments: Es ist eine korrekte Allgemeinaussage, die mit der Abstimmungsfrage wenig zu tun hat. Sie würde einzig einen Alleingang legitimieren.

zentralplus-Fazit:

 

Die Schüler

«Frühes Fremdsprachen-Lernen macht Spass.»

Gegner-Komitee

 

«Frühes Fremdsprachen-Lernen führt zu Frust.»

Annamarie Bürkli, Präsidentin Luzerner Lehrerverband – Befürworterin

 

Diese beiden Argumente kann man getrost gemeinsam behandeln. Klar gibt es Schüler, die Freude an einer neuen Sprache haben. Und klar gibt es Schüler, die damit überfordert sind. Es ist in jedem Fach dasselbe. Man findet Sportmuffel und Bewegungs-Fanatiker. Man findet Rechen-Genies und Zahlen-Verdreher und man findet Wort-Akrobaten und Sprachen-Verweigerer.

zentralplus-Fazit für beide Argumente:

 

Die Kosten

«Wird eine Fremdsprache auf die Oberstufe verlegt, würde dies Kosten von bis zu neun Millionen Franken verursachen.»

Michèle Graber, GLP-Fraktionschefin – Gegnerin

Das Argument ist einfach. Neue Lehrpläne müssten ausgearbeitet, neue Lehrmittel entwickelt und die Lehrpersonen für den neuen Unterricht qualifiziert werden. Die auch von der Regierung genannte Zahl ist jedoch mit Vorsicht zu geniessen. Die Ausbildung der Lehrkräfte sollte eigentlich so ausgelegt sein, dass beide Systeme durchgeführt werden. Zudem blendet das Argument aus, dass das heutige System auch Nebenkosten verursacht, weil man für dispensierte Kinder ein Extra-Unterrichtsangebot anbieten muss. Neun Millionen Franken als eindeutiges Preisschild zu nennen, ist fragwürdig.

zentralplus-Fazit:

 

«Nur eine Fremdsprache auf der Primarschule kommt günstiger.»

Jakob Lütolf, Präsident Bauernverband, alt CVP-Kantonsrat – Befürworter

Genauso ins Schwarz-Weiss-Schema fällt diese Aussage. Auf vier Millionen Franken würden sich die Kosten für eine Extra-Lektion für dispensierte Schüler belaufen. Gut möglich, dass man dieses Problem mit nur einer Fremdsprache in den Griff bekommen würde. Trotzdem: Im ersten Jahr nach dem Systemwechsel käme das neue System bestimmt nicht günstiger, was nachher kommt, weiss man nicht.

zentralplus-Fazit:

 

Fazit: Es ist eine Glaubensfrage

Die Situation ist verzwickt – die Argumente auf Wahrheitsgehalt zu prüfen, extrem anspruchsvoll. Viele Aussagen sind wahr, decken aber nur einen Teil der Wahrheit ab. Viele sind generisch und können gar nicht eingeordnet werden. Und ganz viele sind sehr allgemein gehalten. Es gibt schlicht für alle Punkte gute Argumente dafür und dagegen. Und Zuspitzung ist in einer Kampagne zu einem gewissen Grad natürlich zulässig – gelogen wird objektiv betrachtet nicht. Ob in der Primarschule zwei Fremdsprachen unterrichtet werden können, ist eine regelrechte Glaubensfrage.

Es ist auch kaum ein Muster erkennbar, welche Gräben sich durch die politische Landschaft ziehen. Klar, die SVP hat als einzige Partei die Ja-Parole gefasst – im Komitee hat es aber Mitglieder aller politischen Coleur, man vermeidet es tunlichst, als SVP-Initiative abgestempelt zu werden. Genauso zerstritten sind die Lehrer. Obwohl der Lehrerverband hinter der Initiative steht, engagieren sich auch Lehrer gegen die Initiative. Und auch die Unternehmer sind unschlüssig, ob es dem Schulabgänger nun etwas gebracht hat, wenn er bereits in der Primarschule zwei Fremdsprachen erlernen durfte.

Klar ist, das aktuelle System hat Mängel. Die Resultate sind ernüchternd. Seit der Einführung des Modells mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule sind jedoch auch noch keine zehn Jahre vergangen. Optimierungspotential ist vorhanden, ob man das Modell gleich ganz kippen muss, steht auf einem anderen Blatt.

Weil es so viele Argumente oder noch besser Empfindungen für und gegen die Initiative gibt, wird es für viele enorm schwierig sein, sich festlegen zu können. Manchmal hilft es, auch auf den Bauch zu hören. Man sollte jedoch vermeiden, an seine eigene Schulzeit zurückzudenken. Die Schule ist in stetigem Wandel, neue Erkenntnisse bringen neue Lösungen. Schlussendlich fasst es SVP-Kantonsrat und Kinderarzt Bernhard Steiner im Komitee-Flyer der Initianten passend zusammen: «Für die Kinder ist nur das Beste gut genug». Er möchte mit seinem Namen bestimmt nicht in den Flyer der Gegner, das Zitat könnte man jedoch eins zu eins übernehmen.

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1 Kommentare
  1. Michel Ebinger, 17.09.2017, 12:13 Uhr

    Fakt ist, das eigentlich das Frühfranzösisch abgeschafft werden soll und nivht das Englisch. Die Ankündigung des Regierungsrates ist deshalb ein ganz fieses Manöver und eigentlich sollten die Initianten eine neue Initiative starten, welch ganz klar die Abschaffung des Frühfranzösisch fordert. Ich persönlich bleibe bei meiner Ansicht, das Fremdsprachen in der Primarschule eh nichts verloren haben. nationaler Zusammenhalt ist kein Argument, mit dem man Kinder überfordern darf und wenn dieser Zusammenhalt nur von der Sprache abhängt, ist er eh nichts wert

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