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«Wir wollen in der Altstadt nicht dasselbe wie in der Baselstrasse»
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Pierre Rügländer freut sich über die Steigerung der Attraktivität am Weinmarkt. (Bild: les )

Wie steht es wirklich um das Luzerner Zentrum? «Wir wollen in der Altstadt nicht dasselbe wie in der Baselstrasse»

6 min Lesezeit 2 Kommentare 26.04.2017, 05:14 Uhr

Der Weinmarkt in der Luzerner Altstadt wird aufgewertet. Das freut den Präsidenten des Quartiervereins Altstadt, Pierre Rügländer. Im Interview muss er aber auch einräumen, dass die Mieten teilweise jenseits von Gut und Böse sind. Ausserdem spricht er über die Entwicklung des Quartiers und die asiatischen Touristen am Grendel.

zentralplus: Herr Rügländer, neue Gastro-Angebote beleben den Weinmarkt. Dadurch wird der Platz attraktiver (zentralplus berichtete). Das muss Sie als Präsidenten des Quartiervereins Altstadt doch bestimmt freuen.

Pierre Rügländer: Ja, diese Aktivität ist absolut zu befürworten. Sind entsprechende Betreiber und ein passendes Konzept vorhanden, freut uns diese Belebung. Nicht nur am Weinmarkt, auch am Hirschenplatz geht’s vorwärts. Beim Kapellplatz wären wir ebenso offen, allerdings fehlt ein stimmiges Konzept. Mit ein paar Stühlen ist es nicht getan. Und irgendwelche Häuschen auf Plätzen in der Altstadt sind nicht erwünscht. 

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zentralplus: Die Neustadt oder das Bruchquartier gelten dennoch als viel lebendiger. Weshalb tut sich die Altstadt schwer?

Rügländer: Tatsächlich ist etwa das Helvetiagärtli zu einem wahren Bijou dieser Stadt geworden. Meiner Ansicht nach müssen wir grösser denken. Das Zentrum der Stadt Luzern reicht vom Bundesplatz bis zur Hofkirche. Grabenkämpfe über die Reuss hinweg sollten wir unterlassen. Ich finde die Vielfalt der gesamten Stadt lobenswert. In der Neustadt gibt es eher die kleinen Geschäfte, in der Altstadt die grossen Ketten.

zentralplus: Sie weichen aus.

Rügländer: Die Altstadt ist keineswegs ein Schlafquartier, wenn Sie darauf hinauswollen. Ich erinnere an die Aufwertung des Mühleplatzes. Auch der Löwengraben wurde in den letzten Jahren aufgewertet. Dass im ehemaligen Hirschen wieder ein Gastro-Angebot entstehen soll, ist eine gute Nachricht. Es muss alles organisch wachsen und in vernünftigem Rahmen. Ein Markt darf einfach nicht so gross sein, dass die Geschäfte links und rechts erdrückt werden. Es braucht ein Miteinander.

zentralplus: Nach Ladenschluss ist die Altstadt oft menschenleer. Wie nehmen Sie das wahr?

Rügländer: Ich habe eine andere Einschätzung. Es ist ein Phänomen jeder Grossstadt, dass bei Ladenschluss die Strassen leer sind. Die Bewohner essen zu Abend und schauen TV – das ist in Luzern nicht anders. An einem schönen Sommerabend gehen die Menschen überall nach draussen. In der Altstadt genauso wie etwa beim Inseli. Wichtig für die Attraktivität der Altstadt ist nicht nur, dass möglichst viel läuft, sondern auch ein sauberes und gepflegtes Auftreten. Künstlich ein immer andauerndes Festival zu veranstalten, ist definitiv keine Option.

«Diese Schwarz-Weiss-Malerei zwischen den Quartieren ist mir wirklich zuwider.»

zentralplus: Tönt konservativ. In anderen Quartieren wird etwa die kulturelle Durchmischung viel höher gewichtet als Ordnung und Sauberkeit.

Rügländer: Ja, das sind andere Quartiere und dort wohnen andere Menschen. Jedes Quartier hat seine Berechtigung. Wir wollen in der Altstadt nicht dasselbe wie in der Basel- oder Bernstrasse. Die sollen ihr Gesicht, ihre Identität haben – die Altstadt hat die ihrige. Das heisst noch nicht, dass die Altstadt schläft. Diese Schwarz-Weiss-Malerei zwischen den Quartieren ist mir wirklich zuwider.

zentralplus: Wir sprachen über die Steigerung der Attraktivität des Weinmarkts. Tut es gut, nebst dem Lädeli-Sterben auch mal von Neueröffnungen zu hören?

Rügländer: Energisch. Es stirbt kein einziger Laden. Der Ausdruck ist absolut falsch. Es wechselt der Betreiber. Ich kenne kein Geschäft in der Altstadt, das über mehrere Monate zu war.

zentralplus: Anders gefragt: Kleine Läden verschwinden, grosse Ketten ziehen ein. Eine Entwicklung, welche Ihnen Sorgen bereitet?

Rügländer: Über den Wechsel des Angebots kann man diskutieren. Dieses verlagert sich. Geschäfte, welche Güter des täglichen Bedarfs anbieten, verschwinden. Das ist zum Teil ein Problem. Schlussendlich richtet sich das Laden-Angebot an der Nachfrage aus. Grosse Ketten sind da finanziell potenter.

zentralplus: Sind profitgierige Hauseigentümer das Problem?

Rügländer: Es gibt Mieten, die weit von Gut und Bös entfernt sind. Früher waren die Häuser in der Altstadt in Familienbesitz. Dann gab’s möglicherweise Familienintern keinen Nachfolger und die Ladenfläche wurde vermietet. Irgendwann starb der Eigentümer und die Verwaltung oder Vermietung ging an irgendein Immobilienbüro.

«Einen Brief an die Immobilienbesitzer zu schreiben, ist verlorene Liebesmüh.»

zentralplus: Was geschieht dann?

Rügländer: Unter diesen Immobilienbüros gibt es Vernünftige und sogenannte «herti Cheibe». Das Hauptproblem ist, dass die emotionale Bindung zur Altstadt oft fehlt. Meist streicht die Immobilienfirma einen Prozentsatz der Miete ein. Dabei denkt sie ans eigene Portemonnaie und holt auch für den Besitzer das Meiste heraus. Öffentlich muss sich dieser nie rechtfertigen.

zentralplus: Was wären die Lösungen? Nimmt der Quartierverein Einfluss?

Rügländer: Wenn man in einem persönlichen Gespräch an die Entscheidungsträger herankommt, macht man das. Einen Brief an die Immobilienbesitzer zu schreiben, ist verlorene Liebesmüh. Es gibt aber auch Fälle, wo Vermieter Rückgrat zeigen. Sie haben Verständnis für die geschäftlichen Schwierigkeiten ihres Mieters, etwa wenn die gesamte Branche zeitweise leidet.

Rügländer sieht bei mehreren Plätzen noch Potential.

Rügländer sieht bei mehreren Plätzen noch Potential.

(Bild: les)

zentralplus: Nebst Geschäften gibt’s auch Bewohner. Ein Student kann sich eine Wohnung in der Altstadt allerdings kaum leisten.

Rügländer: Es gibt schon auch ältere und somit günstigere Wohnungen. Dennoch: In der Altstadt möchten viele gerne wohnen. Durch die steigende Nachfrage steigen auch die Preise. Es gibt entsprechende Wohnungen, die eine grossartige Aussicht auf See, Berge und Stadt bieten. Dann geht eine 170-Quadratmeter-Wohnung halt marktüblich für 3’500 Franken weg. Studenten gehören da nicht zur Zielgruppe.

zentralplus: Das scheint Sie also nicht gross zu stören. Trotzdem: Könnte man hier nicht eingreifen?

Rügländer: Ob man das staatlich steuern will, ist eine politische Frage. Persönlich finde ich es schwierig. Wir haben schon Schwierigkeiten mit den Bewilligungen für die Marroni-Häuschen, wie wollen wir das beim Wohnungsmarkt bewerkstelligen.

zentralplus: Anderes Thema. Viel zu reden geben die Touristen in der Altstadt – es ist schon mal vom «Disneyland» die Rede. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Rügländer: Die asiatischen Touristen fallen halt – nur schon äusserlich – viel mehr auf. Man vergisst immer die erhebliche Anzahl aus den USA oder Europa. Daran stört sich niemand. Nur die asiatischen Gruppentouristen sorgen für Kritik. Aber deren Verhalten ist auch erklärbar. Wir würden uns in Asien auch am Guide orientieren. Oder an den bekannten Plätzen. Das ist nun mal beim Schwanenplatz, weil man dort ein- und aussteigt.

«Meist sind die Prozesse in der Altstadt relativ gut erklärbar.»

zentralplus: Kritisch beäugt wird insbesondere, wenn Touristen einfach vor einem Uhrenladen ausgeladen werden, sich dort eindecken und dann wieder verreisen. Was hat die Stadt wirklich davon?

Rügländer: Das ist ein Klischee. Laufen Sie einmal durch die Stadt und betrachten Sie die Tragtaschen der asiatischen Touristen. Sie würden staunen. Ich habe mal einen Chinesen gesehen, der tatsächlich einen Wok, eine chinesische Pfanne, in Luzern gekauft hat. Klar werden die Gäste von der Tourismusbranche nach Luzern gelockt, und viele kommen mit der Absicht, eine Uhr oder ein Schmuckstück zu kaufen. Zu sagen, darauf will man gänzlich verzichten, ist auch aus wirtschaftlichen Gründen dämlich. Viele Luzerner leben auch vom Tourismus.

zentralplus: Dass sich die Uhrenbranche immer weiter den Grendel hinauf ausbreitet, bereitet Ihnen kein Kopfzerbrechen?

Rügländer: Früher wurden alle Marken in einem Geschäft angeboten. Heute hat die Uhrenbranche geschwenkt und schreibt den Händlern vor, einen eigenständigen Laden zu eröffnen. Das erklärt das rasche Tempo den Grendel hinauf. Meist sind die Prozesse in der Altstadt relativ gut erklärbar.

zentralplus: Es fällt auf, dass Sie sich in der Funktion als Präsident des Quartiervereins Altstadt in der öffentlichen Wahrnehmung sehr oft missverstanden fühlen. Täuscht das?

Rügländer: Die Altstadt ist in der Tat nicht so schlecht, wie sie teilweise gemacht wird, sonst würde sie nicht weltweit zu den beliebtesten Destinationen zählen. Komme ich nach einem Urlaub zurück in die Altstadt, freue ich mich jedes Mal riesig. Sie hat, wie jedes andere Quartier auch, ihren ganz eigenen Charakter. Und das ist auch gut so.

 

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2 Kommentare
  1. Robert Casagrande, 26.04.2017, 20:55 Uhr

    Es ist schade, wenn ein Journalist nur kritisch beäugte Fragen stellt und der Interviewte sich durch das ganze Interview verteidigen muss.
    Ganz am Anfang des Interview versucht er umfassend zu antworten. Sofort wird Ihm vorgeworfen abzuschweifen.
    Am Schluss wird dann noch sugeriert, dass der Quartiervereinspräsident anscheinend öffentlich Missverstanden wird.
    Der Quartiervereinspräsident hat die Aufgabe Bindeglied zwischen der Stadt und dem Quartier zu sein. Er ist Vertreter der Bewohner, Hausbesitzer und der Gewerbetreibenden.
    Unser Altstadtpräsident ist mit Herz und Seele dabei. In Fronarbeit geht er praktisch zu jedem Anlass an den er eingeladen wird. Ich schätze, dass er versucht möglichst Alle erwähnten Vertreter ausgewogen zu vertreten. Als Tourismusvertreter freue ich mich persönlich, dass er den Nutzen des Tourismus (über 23% des Volkseinkommens in der Stadt Luzern) erkennt und verteidigt. Jede Industrie bringt Nachteile. Der Tourimus bringt dringend benötigte Devisen und Arbeitsplätze.
    Robert Casagrande, Ehrenpraesident QV Altstadt

  2. Christoph Loetscher, 26.04.2017, 15:08 Uhr

    Interessantes Interview mit guten Fragen, leider sind die Antworten wenig befriedigend. Mit alles schönreden und die Augen vor Problemen verschliessen ist es nicht gemacht. Tatsache ist, dass das Neustadt-Quartier und auch das “BaBel-Quartier” viel innovativer sind.