Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
«Wir wissen nicht, wie wir den nächsten Winter überstehen»
  • Wirtschaft
  • Gastronomie
  • Tourismus
Vera Kaufmann und Roger Stalder kämpfen für ihren Bed-&-Breakfast-Betrieb, die «Bettstatt» in Luzern. (Bild: uus)

Luzerner Hotelbetriebe kämpfen ums Überleben «Wir wissen nicht, wie wir den nächsten Winter überstehen»

8 min Lesezeit 29.03.2020, 05:00 Uhr

Der Touristenstadt Luzern fehlen die Gäste. Gerade kleinere Hotels haben kaum Reserven, um versprochene einfache Kredite zurückzuzahlen. Welche Unterstützung sie erwarten dürfen, bleibt in der Schwebe. Ein Beispiel aus der Neustadt.

Vera Kaufmann und Roger Stalder sitzen alleine in ihrer Bar. Ein langer Tisch, darauf stapelt sich viel Papier. Im Bed & Breakfast Bettstatt in der Luzerner Neustadt geht seit ein paar Wochen fast nichts mehr. «Am Anfang hat man vielleicht noch daran gedacht, die Zeit mit kleineren Renovationen und Dekorationsarbeiten zu überbrücken», sagt Vera Kaufmann. «In den vergangenen Tagen ist uns aber klar geworden, dass es um unsere Existenz geht.»

So geht es gerade vielen Gaststätten und Herbergen in der Touristenstadt Luzern. Das Hotel Schweizerhof hat in seiner 175-jährigen Geschichte sogar zum ersten Mal geschlossen – abgesehen von einer vorübergehenden Schliessung bei einem Umbau in den Jahren 1998 und 1999. Es ist, als ob der Polarstern entschlossen hätte, eine Nacht lang nicht zu leuchten. Das hat mehr als nur symbolischen Charakter.

Andere Hotels haben zwar noch geöffnet, Gäste und Buchungen gibt es aber kaum. Gerade die kleinen und mittleren Betriebe wie die «Bettstatt» haben dabei kaum die finanziellen Reserven, um einen derart massiven Umsatzeinbruch, wie er jetzt erwartet wird, zu verkraften.

DIe Nachfrage nach Hotels in Luzern ist im vergangenen Monat massiv eingebrochen. Das zeigt auch ein Blick in die Suchmaschinen-Statistik.

Es geht nicht nur um das Geschäft von Vera Kaufmann, Roger Stalder und Daniel Mequanint Tiruneh, sondern auch um die Jobs von Teilzeitangestellten und Stundenlöhnern, die Serviceaushilfe, Rezeptionsdienst oder Putzarbeit leisten.

Die Planungsunsicherheit zerrt an den Nerven

Als erste Massnahme hat die «Bettstatt» Kurzarbeit angemeldet. Noch haben sie keine Bestätigung erhalten, dass es auch für die Betreiber und die Stundenlöhner klappt.

Bekanntlich arbeiten die zuständigen Stellen derzeit auch am Wochenende durch, um die Gesuche nach Kurzarbeit zu bearbeiten (zentralplus berichtete). Bei der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit (was wira) sind es über 4300 Gesuche. Von den Gesuchen dürfte ein Löwenanteil aus der Gastronomie- und Hotelbranche stammen. Genaue Auswertungen sind wegen der grossen Datenmenge vom Wira allerdings noch nicht erhältlich, wie es auf Anfrage heisst.

Die Warterei zerrt zusätzlich an Vera Kaufmanns Nerven, aber sie hat Verständnis für die Behörden: «Zum letzten Mal hatte ich am Sonntag dem Wira eine Mail geschrieben. Ich war überrascht, dass sofort eine Rückmeldung kam.»

Zimmer werden zum Selbstkostenpreis angeboten

In der «Bettstatt» hat es Anfang März damit begonnen, dass die asiatischen Gäste ihre Buchungen abgesagt haben. Es folgten die Absage von Veranstaltungen wie dem Fumetto oder dem Luzerner Stadtlauf, die sicher geglaubte Einnahmen wegfallen liessen. Schliesslich sind auch Buchungen aus Europa und der Schweiz ausgeblieben oder storniert worden. Die Studierenden, die sich jeweils in der Wintersaison für längere Zeit einquartieren, zogen ihre Reservationen ebenfalls zurück, schliesslich findet ja auch kein Schulunterricht mehr statt. Stornierungen müssen die Hotelbetriebe in Corona-Zeiten gratis anbieten.

«Bei grösseren Unternehmen hätte ich weniger Skrupel, einen Aufschub der Rechnung zu beantragen. Bei unseren kleinen Lieferanten fällt mir das aber schwer.»

Roger Stalder

Der Plan für den Sommer ist leer, gähnend leer. Von den 30 Betten sind aktuell fünf besetzt, mit Dauergästen und ein paar anderen Besuchern. Darunter ein Chinese, der derzeit nicht zurückreisen kann oder ein Pärchen, das seine Weltreise abbrechen musste und in der Schweiz ohne Wohnung dastand.

«Wir bieten die Zimmer im Moment zum Selbstkostenpreis an», sagt Roger Stalder. Das heisst: Ein Monat kostet 550 Franken im kleinen Zimmer, 850 Franken im Doppelzimmer, ein Appartement gibt es für 1400 Franken. Pro Nacht bewegen sich die Preise im für Luzern günstigen Rahmen von 80 bis 142 Franken pro Person. Mit den Einnahmen von den fünf bis sieben Gästen, die derzeit bei ihnen weilen, können die Betreiber aber maximal einen Teil der Miete bezahlen.

Alternative Einnahmequellen fehlen

Natürlich hat auch die «Bettstatt» den Spitälern angeboten, zusätzliche Pflegekräfte unterzubringen. Das tun im Moment viele Hotels, der Bedarf scheint gedeckt. Andere Möglichkeiten, wie Take-away oder Lieferdienste anzubieten, hat die «Bettstatt» nicht, sie betreibt keine Küche.

Vera Kaufmann und Roger Stalder rechnen damit, dass ihr Umsatz in diesem Jahr bis auf die Hälfte zusammenschrumpfen könnte. Es ist für sie schwer zu ermessen, was dies in Franken ausgedrückt heisst. «Wir tragen aktuell alle unsere Zahlen zusammen», sagt Stalder und verweist wiederholt auf einen Stapel Papier.

Auch die Lieferanten trifft die Krise hart

Auch wenn es gut möglich ist, dass das Gesuch um Kurzarbeit bewilligt wird, werden die Ersatzzahlungen maximal einen Teil des Drucks wegnehmen. Eine Kompensation der Ausfälle und Stornierungen, die wegen der Corona-Krise entstehen, ist auch von den Versicherungen nicht zu erwarten. Sie stellen sich auf den Standpunkt, in einer Pandemie nicht für den Erwerbsausfall aufkommen zu müssen.

Daniel Mequanint Tiruneh hinter der «Bettstatt»-Bar: Sie bleibt im Moment so leer wie die Betten der «Bettstatt».

Vera Kaufmanns Telefon klingelt. «Der Weinhändler», sagt sie und seufzt. Die «Bettstatt» setzt auf viele kleine Lieferanten, man kennt sich meist persönlich. Diese seien oft auch auf das rasche Begleichen der Rechnungen angewiesen, Zahlungen aufzuschieben, bedeute auch für sie Mindereinnahmen, die nicht einfach zu kompensieren seien. «Bei grösseren Unternehmen hätte ich weniger Skrupel, einen Aufschub der Rechnung zu beantragen», sagt Roger Stalder. «Bei unseren Lieferanten fällt mir das aber schwer.»

Das gilt auch für Bierbrauer Roland «Mumi» Mumenthaler, der im Keller die «Stadtpfütze» braut, das Hausbier für die «Bettstatt»-Bar (zentralplus berichtete). «Ich helfe ihm privat ein bisschen, dass der Lagerbestand nicht zu gross wird», sagt Roger Stalder mit einem Augenzwinkern.

Kredite verschieben das Problem, aber lösen sie es auch?

Was zurzeit bleibt, ist die Hoffnung auf die vom Bund in Aussicht gestellten einfachen Kredite. Auch der Verband Hotelleriesuisse rät seinen Mitgliedern, diese Möglichkeit zu prüfen. Als Nächstes steht für die «Bettstatt»-Betreiber also der Gang zur Bank an, um sich beraten zu lassen. Sie werden all das Papier mitbringen, das sie in den letzten Tagen zusammengetragen haben. «Im besten Fall wissen wir danach, wie wir finanziell tatsächlich dastehen.» Die Ungewissheit bleibt aber vorerst. Denn: «Wie wir einen Kredit abstottern wollen, wissen wir nicht.»

Roger Stalder wird konkret: «In den vergangenen Jahren ist es ab Ostern, den Sommer hindurch, recht gut gelaufen. Die «Bettstatt» war meistens voll.» Das Problem sei, dass man mit den Einnahmen aus dem Sommer jeweils den Winter überbrückt habe. Insofern befürchtet er, dass ein Kredit zwar die Verluste des Sommers kompensieren könnte, man dann aber wieder vor derselben Situation stehe. Das Liquiditätsproblem stellte sich erneut, einfach etwas später. «Wir wissen nicht, wie wir den nächsten Winter überstehen.»

«Die Solidarität in der Nachbarschaft ist sehr gross.»

Vera Kaufmann

Auf das Problem, das Gastro- und Hotelbetriebe in gleichem Masse betrifft, hat schon Patrick Grinschgl, Präsident von Gastro Region Luzern aufmerksam gemacht (zentralplus berichtete). Er will dafür kämpfen, dass die Branche Beiträge à fonds perdu erhält, also Unterstützungsleistungen, die nicht zurückbezahlt werden müssen. Auf Anfrage sagt Grinschgl: «Die Kredite sind ja allen zugänglich und helfen somit kurzfristig.» Ob diese mittel- und langfristig zurückbezahlt werden, erscheine bei kleinen und mittleren Unternehmen fragwürdig. «Mittelfristig ist auch unklar, wie schnell sich Wirtschaft und Tourismus nach der Krise erholen.»

Der Kanton Luzern verhält sich derweil noch relativ passiv mit seinen Unterstützungsmassnahmen (zentralplus berichtete). Ein konkretes Rettungspaket hat die Regierung zumindest noch nicht verabschiedet.

Immerhin: Der Bund verspricht, dass Kredite, die nicht innerhalb der Frist von fünf Jahren zurückbezahlt werden können, durch eine Solidaritätsbürgschaft des Bundes gedeckt sind. Das heisst: Falls ein Kunde seinen Covid-19-Kredit nicht zurückzahlen kann, kann die Bank, die den Kredit gewährt, den Bund um Rückzahlung bitten. Inwiefern das kleinen Gastro- und Hotelbetrieben wie der «Bettstatt» helfen könnte – auch das ist derzeit noch unklar.

Das B&B Bettstatt an der Neustadtstrasse 10 in Luzern.

Was passiert nach der Wiedereröffnung?

Trotz schweren Zeiten wird in der «Bettstatt» auch an die Zeit gedacht, in der ein regulärer Betrieb wieder möglich ist. Zumindest dürfen sie damit rechnen, dass die Bar bei der Eröffnung gleich wieder anlaufen kann. «Allerdings ist die Bar selbstdeckend – wir können durch sie die Ausfälle im Hotelbetrieb nicht kompensieren.» Die Einschätzung der touristischen Situation ist ungemein schwierig. Wann kommen die Gäste aus Asien, Europa, der Schweiz wieder nach Luzern? Wie lange wird es dauern, bis sich die Menschen wieder trauen, Ferien zu machen? Welche Veranstaltungen, die Gäste versprechen, finden dieses Jahr noch statt? Machen die Schweizer vermehrt Ferien im eigenen Land?

Vera Kaufmann findet trotz Krise auch schöne Erlebnisse in der aktuellen Situation. Aus dem Fenster grüsst sie die Nachbarin vom Restaurant Neustadt. «Die Solidarität in der Nachbarschaft ist sehr gross», sagt sie. Viele würden nachfragen, wie es ihnen gehe, die Gespräche täten gut. Kaufmann will später auch noch zum «Neustädtli» rüber, sich ein Cordon-bleu vom provisorisch eingerichteten Take-away holen. Feelgood-Food für gescholtene Hoteliers.

Dann passiert Denkwürdiges in der «Bettstatt»: Ein Gast kommt an. Er hat für zwei Tage ein Zimmer gebucht. Was ist der Grund? Roger Stalder hebt die Schultern, setzt ein fragendes Gesicht auf, schmunzelt und schüttelt dabei fast ungläubig leicht den Kopf. Er geht zur Rezeption, der Gast checkt ein. Die Situation wirkt beinahe absurd in Zeiten der Corona-Krise.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

Dieser Artikel hat uns über 850 Franken gekostet. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.