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«Wir werden miserabel behandelt!»
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Eingang zum Sonnenbergtunnel zwischen Luzern und Kriens: Diese Ein-/Ausfahrt würde mit dem Bypass doppelt so breit. Das Astra ist bereit, die ersten 100 Meter (rot eingefärbt) zu überdeckeln. Die Krienser verlangen eine viel längere Überdachung. (Bild: zvg)

Streit um Autobahnprojekt Bypass Luzern «Wir werden miserabel behandelt!»

6 min Lesezeit 09.06.2015, 16:59 Uhr

Das Projekt Bypass sieht beim Sonnenbergtunnel in Kriens künftig zehn statt vier Spuren vor. Aus Angst vor massiv mehr Lärm und Verkehr fordert Kriens eine komplette Überdachung des ganzen Autobahnabschnittes. Doch der Bund will davon nichts wissen und offeriert einen Kompromiss – der aber kommt in Kriens überhaupt nicht gut an.

Die Enttäuschung war gross, als das Bundesamt für Strassen (Astra) diesen Montagabend die Krienser Bevölkerung über das 1,6 Milliarden-Autobahnprojekt Bypass (siehe Box) informiert hat. Erhofft haben sich nebst dem Gemeinderat und dem gesamten Gemeindeparlament auch viele Einwohner, dass die Autobahn zwischen dem Sonnenbergeingang und dem Tunnel Schlund komplett überdacht wird. (zentral+ berichtete). Schliesslich wird die Autobahn massiv breiter, zehn statt vier Spuren – satte 75 Meter breit wäre die Autobahn in diesem Bereich neu.

Lösung aller Verkehrsprobleme?

Der frühestens auf 2035 terminierte Bypass besteht aus zwei Hauptelementen. Zum einen ein neuer, vier Kilometer langer Autobahntunnel zwischen Rotsee und Kriens durch den Sonnenberg (siehe Grafik). Dieser soll die bestehende Autobahn vom Transitverkehr entlasten. Financier wäre der Bund. Zum anderen soll der Kanton für 150 Millionen Franken die Spange Nord realisieren. Diese sieht einen Autobahnzubringer vom Lochhof bis zum Schlossberg vor, inklusive Tunnel. Laut Kanton könnten damit die grössten Verkehrsprobleme im Raum Luzern gelöst werden: weniger Verkehr im verstopften Stadtzentrum, genügend Kapazität auf der Autobahn.

Bei derzeit über 90’000 vorbeiflitzenden Autos, Tendenz stark steigend, sind Mehrverkehr und zusätzlicher Lärm absehbar. Doch dem Bund ist diese komplette Variante zu teuer. 

100 Meter Überdachung als Maximum

Das Astra ist lediglich bereit, den Tunneleingang auf einer Länge von 100 Metern zu überdachen. Dies führt zu Mehrkosten von rund 42 Millionen Franken. Eine Gesamtüberdachung hätte, laut Astra-Informationschefin Esther Widmer, etwa 540 Millionen Franken gekostet. Gaben also die Kosten den Ausschlag für das Njet aus Bern? Widmer verneint. «Ausschlaggebend war, dass wir bei einer Totalüberdeckelung nicht mehr zwei unabhängige Autobahnen haben würden. Eine in Richtung Nord, eine in Richtung Süd. Dadurch müsste bei einem Unfall der gesamte Tunnel gesperrt werden. Dann müsste der Verkehr auf die umliegenden Kantons- und Gemeindestrassen umgeleitet werden – damit wäre aber das Ziel, die Region vom Verkehr zu entlasten, nicht erfüllt.»

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So könnte die 100-Meter-Verlängerung vor dem Sonnenbergtunnel in Kriens aussehen.

So könnte die 100-Meter-Verlängerung vor dem Sonnenbergtunnel in Kriens aussehen.

(Bild: astra)

Auch hätten bei einer Totalüberdachung, laut Widmer, einige Häuser entlang der Autobahn abgerissen werden müssen. Grund: Die Tunnelvariante würde mehr Platz benötigen, womit einige benachbarte Häuser nicht mehr den erforderlichen Mindestabstand aufweisen würden. Wie viele Häuser das genau sind, kann Widmer aber nicht sagen.

Weniger Lärm und Tempo

Konkret beinhaltet die vom Astra unterbreitete Lösung folgende Elemente: Ein analoges Lärmschutzbauwerk zum heutigen Tunnelportal, Lärmschutzwände entlang der Grosshofbrücke sowie den Einbau eines lärmreduzierenden Belags und eine Geschwindigkeitsreduktion südlich des Anschlusses Kriens von Tempo 100 auf 80.

Mit dieser Variante hat das Astra, laut Widmer, auch einen wegweisenden Bundesgerichtsentscheid berücksichtigt. Darin wird einer Zürcher Gemeinde Recht gegeben, welche die Überdeckelung eines neuen Autobahnabschnittes auf ihrem Gemeindegebiet verlangt hat. «Das Bundesgericht hat damals festgehalten, dass das Astra städtebauliche Aspekte miteinbeziehen muss. Das haben wir nun auch in Kriens getan.»

«Wir gehen mit unserer Variante ans absolute Maximum.»

Esther Widmer, Bundesamt für Strassen

Ein weiteres Entgegenkommen seitens des Astra scheint unrealistisch, wenn man Widmer argumentieren hört. So sagt sie: «Die gesetzlich geforderten Grenzwerte werden eingehalten und mehr investieren, als nun geplant, dürfen wir laut Gesetz gar nicht. Wir gehen ans absolute Maximum.»

So könnte die 100-Meter-Verlängerung vor dem Sonnenbergtunnel in Kriens aussehen.

So könnte die 100-Meter-Verlängerung vor dem Sonnenbergtunnel in Kriens aussehen.

(Bild: astra)

Insgesamt hat das Astra via Machbarkeitsstudie fünf Varianten einer Überdachung auf Krienser Boden untersucht. Diese Varianten reichten von einer Gesamtüberdeckung Grosshof bis Schlund, welche nebst einer neuen Tunnellüftung auch den Abriss verschiedener Liegenschaften sowie eine Aufstockung des bestehenden Tunnels Schlund beinhalten würde, bis hin zur erwähnten Überdeckung im Bereich Grosshof von rund 100 Metern. Sämtliche Varianten übersteigen, laut Widmer, die gesetzlich geforderten Lärmschutzanforderungen.

Kanton steht hinter dem Astra

Der Kanton Luzern begrüsst gemäss Widmer die vom Astra in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudien und «spricht sich nach Kenntnis aller wichtigen Eckwerte für die vom Astra favorisierte Lösung aus.» Beat Hofstetter, Abteilungsleiter Planung Strassen in der kantonalen Dienststelle Verkehr und Infrastruktur (vif), bestätigt dies auf Anfrage: «Der Kanton Luzern begrüsst die zusätzlichen Abklärungen durch das Astra und auch die Bereitschaft des Astra, zusätzliche finanzielle Mittel für städtebauliche Gestaltungen im Bereich Grosshof zu investieren.» Die Massnahmen hätten zudem einen positiven Effekt hinsichtlich Lärmschutz und die Mehrkosten würden das Gesamptprojekt nicht gefährden.

«Aus Sicht des Kantons sind Varianten, welche über den Vorschlag des Astra hinausgehen, klar keine Lösungen.»

Beat Hofstetter, Abteilungsleiter Strassen beim Kanton 

«Aus Sicht des Kantons Luzern sind Varianten, welche über den Vorschlag des Astra hinausgehen, klar keine Lösungen, da damit das zentrale Projektziel nicht mehr erreicht wird. Ein kleiner Störfall würde auf dem Autobahnnetz den gesamten Verkehr, inklusive des strassengebundenen öffentlichen Verkehrs, in der Agglomeration beeinträchtigen respektive lahmlegen», sagt Hofstetter.

Gericht, Flyer, Demos!

Räto Camenisch sieht das anders. Er ist Krienser, SVP-Kantonsrat und Vize-Präsident des Krienser Komitees «Bypass so nicht!», dem sämtliche Parteien angehören. Camenisch ärgert sich: «Wir werden miserabel behandelt, und zwar vom Bund wie vom Kanton Luzern. Die vom Astra vorgeschlagene Variante ist ungenügend.» Ein Gang vor Gericht, eine Flyerkampagne und Demonstrationen – das alles werde nun geprüft.

Jedoch räumt Camenisch erstmals ein, dass die Argumente des Astra gegen eine komplette Überdeckelung teilweise nachvollziehbar seien. «Wir fordern deshalb neu die Variante 3, also eine Überdeckelung vom Sonnenbergtunnel bis zur Arsenalbrücke.» Damit wäre rund die Hälfte der Autobahn überdacht. Kostenpunkt laut Camenisch: 225 Millionen Franken.

«Für ein Jahrhundertbauwerk sind 225 Millionen Franken ein Klacks!»

Räto Camenisch, Vize-Präsident Komitee «Bypass so nicht!»

«Für ein Jahrhundertbauwerk ist das ein Klacks! Auch wenn man sieht, wie in anderen Gemeinden vom Astra viel teurere Lärmschutzprojekte realisiert würden. «In Obwalden etwa wurde dafür mehr als eine Milliarde investiert», enerviert sich Camenisch.

Weiter fordert Camenisch im Namen des Komitees flankierende Massnahmen. Schon heute sei Kriens von enormen Stauproblemen geplagt. Mit dem Bypass würde dieser Verkehr noch stärker zunehmen, ist Camenisch überzeugt. Deshalb haut er noch einen drauf und fordert auch gleich: «Früher oder später muss das Krienser Zentrum untertunnelt werden, auch ein Anschluss an die S-Bahn ist zwingend.» Dafür sei der Kanton zuständig und dafür werde man sich vehement einsetzen. Interessantes Detail: In der neuen Luzerner Regierung sitzen mit Paul Winiker und Marcel Schwerzmann gleich zwei Krienser.

Die Gemeinde Kriens wird ihre offizielle Stellungnahme erst Ende Juni dem Kanton zustellen. Gemeinderat Cyrill Wiget lässt aber durchblicken, dass man mit dem Astra-Vorschlag nur mässig zufrieden ist: «Die 100 Meter Überdeckelung ist auf die gesamte Länge von etwa 1,5 Kilometern nicht gerade riesig, aber wenigstens ein Schritt in die richtige Richtung. Wir sind etwas ernüchtert.»

Auch Bruchlandung ist möglich

Und so gehts weiter: Der Krienser Gemeinderat kann nun zum neusten Vorschlag Stellung nehmen, das Astra beurteilt diese und informiert dann über das weitere Vorgehen.

Wobei: Ob und wann der Bund die nötigen 1,6 Milliarden Franken für den Bypass locker machen wird, steht in den Sternen. Denn der Bypass steht im Modul 3 vom «Programm Engpassbeseitung» des Bundes. Projekte in diesem Modul werden nicht als dringlich angesehen. Erst wenn das Luzerner Projekt ins Modul 1 nachrücken kann, ist die Finanzierung und rasche Umsetzung gesichert. Aber dann muss die Luzerner Bevölkerung auch noch die 150 Millionen für die Spange Nord absegnen.

Das Projekt Bypass mit den verschiedenen Elementen.

Das Projekt Bypass mit den verschiedenen Elementen.

(Bild: Kanton Luzern/zentral+)

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