Wir stellen vor: Diese Typen reden über die Zuger Wohnraum-Initiative
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In Zug sollen die Wohnungen günstiger werden. Oder doch lieber nicht? Zuger diskutieren um die Wohnraum-Initiative. (Bild: montage zentralplus)

Argumente von ironisch bis komplett verwirrt Wir stellen vor: Diese Typen reden über die Zuger Wohnraum-Initiative

5 min Lesezeit 1 Kommentar 05.05.2017, 14:44 Uhr

Um die Zuger Wohnraum-Initiative fliegen die Fetzen. Aus den Leserbriefen, die uns hierzu erreichen, wie auch aus Social Media Posts lassen sich fünf Argumenttypen erkennen. Einem davon sollte man vielleicht noch ein wenig besser zuhören.

Wie günstig soll’s den sein? Zug diskutiert sich wund wegen den lokalen Wohnungspreisen. Bald wird über die Wohnraum-Initiative der Juso und der Jungen Alternative abgestimmt und Leserbriefschreiber tippen, was die Tasten hergeben. Auch auf Social Media schenken sich Gegner und Befürworter nichts. Höchste Zeit für eine kleine Liste der verschiedenen Argumenttypen.

1. Der Ironische

Ironie ist eine sehr stilvolle Art, zu diskutieren. Der ironische Typ schafft es, den Gegner unglaublich blöd aussehen zu lassen. Proportional dazu sieht man selber klug, gebildet und scharfsinnig aus. Etwa so:

Aber: Die ironischen Typen haben meist auch keinen Plan, wie’s denn sonst gehen soll.

Doch erst mal eine kleine Erinnerung. Um was geht es eigentlich genau? Die Initiative der beiden Jungparteien soll dafür sorgen, dass in Zug mehr günstige Wohnungen verfügbar werden. Konkret heisst das: Jede fünfte Wohnung im Kanton Zug soll bis 2037 günstig sein. Was aber ist nun «günstig»? Und was ist teuer? Patrick Mollet, Vize-Präsident der Zuger FDP, fragt ironisch:

 

 

Doch, doch, den Bereich gibt es sicher. Aber den Vermietern passen höhere Renditen eher besser als günstige Wohnungen. Dem Mieter, der nun mal ein Dach über dem Kopf braucht, bleiben zwei Möglichkeiten: Er zahlt. Oder flüchtet in den Aargau, wenn’s ihm nicht passt. It’s economy, stupid.

 

 

Die Zuger Regierung ist übrigens auch einer ähnlichen Meinung. Aktuell kommen sie auf einen preisgünstigen Wohnungsanteil in Zug von 27 Prozent (zentralplus berichtete). Es gäbe also mehr als genug günstige Wohnungen. Nur: Bei dieser Berechnung stützen sie sich auf Richtlinien, die von einem monatlichen Einkommen von etwas mehr als 6’000 Franken ausgehen. So gesehen gibt es wohl tatsächlich viele günstige Wohnungen in Zug.

Ok, einen Moment bitte! War das nun auch wieder ironisch?

 

Ein bisschen vielleicht. Der Zuger Präsident der Grünen, Anastas Odermatt, zumindest findet das ziemlich ironisch und erklärt die Pointe dabei in seinem Leserbrief.

«Das Argument, dass 27 Prozent der Wohnungen im Kanton Zug schon ‹preisgünstig› seien, ist lächerlich: 27 Prozent der Wohnungen sind 20 Prozent günstiger als die übliche Marktmiete – und jetzt? Ist die übliche Marktmiete hoch, dann heisst das, dass 27 Prozent der Wohnungen nicht einfach ‹sehr teuer›, sondern nur ‹teuer› sind – aber sicherlich nicht ‹preisgünstig›.»
Anastas Odermatt, Kantonsrat der Grünen

2. . Die Mittelstandserlöser

Dem Mittelstand ergeht es oft ein wenig wie Aschenputtel: Erst wollen alle mit ihr tanzen, wenn die Party aber vorbei ist, steht die Arme trotzdem mit nur noch einem Schuh da.

Oder jedenfalls ohne grosse Hilfe. Sonst müsste man ihn ja nicht jedes Mal wieder retten. Momentan wollen aber noch alle mit dem Mittelstand tanzen.  

Hier beispielsweise das Video der Jungfreisinnigen Zug, die erklären, dass Investoren die fehlende Rendite mit Wohnungen im Hochpreissegment kompensieren werden.

Oder der Zuger Jungfreisinnige Gian Brun in einem Leserbrief auf zentralplus:

«Die Initiative tönt verlockend. Was sie jedoch damit erreichen, ist Wohnraum, welcher unter dem Zuger Standard gebaut würde und in welchen viele Ausserkantonale ziehen würden. Dies auf Kosten des Mittelstandes.»
Gian Brun, Vizepräsident Jungfreisinnige Zug

Aber nicht nur Gegner der Initiative appellieren an den Mittelstand. Die Co-Präsidentin der Juso Zug schreibt in einem Leserbrief, dass Zuger Bauland nicht mehr per se an den Meistbietenden gehen soll. Natürlich ganz im Sinne des Mittelstandes.

«Damit mehr Wohnraum für den Mittelstand entsteht – auch bei Renovationsprojekten –, muss den Wohnbaugenossenschaften Zugang zu Land sichergestellt werden.»
Sophia Moczko, Co-Präsidentin Juso Zug

Der Mittelstand hat sich allgemein irgendwie als Totschlag-Argument eingeschlichen. Man kann irgendetwas erzählen, irgendetwas fordern, einen Einschubsatz mit «Mittelstand» einfügen und schwupps klingt’s wie eine ganz gute Idee. Ein Beispiel? «Keine roten Ampeln mehr! Das ist Schikane auf dem Rücken des Mittelstandes: Der Pöbel fährt Bus und die Reichen nehmen den Helikopter.» Oder: «Die Snickers-Preise steigen und wer bezahlt die Zeche? Die Familien, der Mittelstand!» Bei diesem Argumentationstyp darf man also getrost ein wenig kritisch sein. Was uns direkt zum nächsten Typ führt.

3. Der Verwirrte

Manche Dinge scheinen manchmal einfach keinen Sinn zu ergeben. Das Beste ist, seine Verwirrung zu überspielen und sofort wieder als Gegenargument zu benutzen.

Bitte was? Wenn innert 20 Jahren 20 Prozent der Wohnungen auf Basis der Kostenmiete bezahlbar sind, schadet das dem Mittelstand? Andersrum gesagt, wenn nur noch mit 80 Prozent der vermieteten Wohnungen, anstelle der heute 95 Prozent, horrender Gewinn gemacht werden kann, ist das zum Nachteil des Mittelstandes? Nicht wirklich, das wissen wir alle.
Mara Landtwing, Leserbriefschreiberin

Der CVP-Kantonsrat Andreas Hausheer fährt die genau umgekehrte Strategie wie oben. Anstatt seiner Verwirrung Ausdruck zu verleihen, verwirrt er hier in einem Leserbrief seinerseits seine Gegner.

«Letztlich geht es den Juso wohl um die Abschaffung des Privateigentums. Wollen wir das? Nein.»
Andreas Hausheer, CVP-Kantonsrat

Nein, Herr Hausheer, es geht immer noch um Wohnungspreise.

4. Der Ungehörte

Zum Schluss kommt noch eine tragische Figur. Denn es gibt Leute, die bereits seit Jahren günstige Wohnungen im Kanton Zug bauen. Andi Willinig, Präsident Regionalverband Zentralschweiz von Wohnbau­genossenschaften Schweiz, schreibt in seinem Leserbrief an die Zuger Zeitung:

Wollen gewisse Politiker einfach nicht wahrhaben, was die gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften im Kanton Zug seit Generationen leisten? Diese erstellen auf einstmals selber am Markt erworbenem Land oder auf Arealen, für die sie der öffentlichen Hand marktgerechte Baurechtszinse entrichten, qualitativ guten Wohnraum.
Andi Willinig, Regionalverband Zentralschweiz von Wohnbau­genossenschaften Schweiz

 

Fazit

Was also bleibt? Naja, nicht viel: Spitzfindigkeiten, Mittelstandsgeschwurbel, verwirrte Leute auf allen Seiten und die, die seit Jahrzehnten günstige Wohnungen bauen, kommen nicht so recht zu Wort. Politik ist immer ein wenig chaotisch. Aber das wussten wir ja schon.

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1 Kommentare
  1. Adrian Hürlimann, 07.05.2017, 15:41 Uhr

    Die unendliche Geschichte
    Vor Jahrzehnten (1981) verlangte eine SP-Initiative 400 zahlbare Wohnungen. Passiert war danach wenig bis nichts. 2012 wurde „Wohnen in Zug für alle“ angenommen – wieder so ein unnötiges Dramatisieren von Seiten der bösen Linken -, und 2014 bilanzierte der Stadtrat: In der Stadt gab es bereits rund 2000 preisgünstige Wohnungen, von der Korporation Zug (rund 1’000), von Wohnbaugenossenschaften und gemeinnützigen Bauträgern (rund 600) und von der Stadt (29). Dies entsprach 14 % aller Wohnungen. 2009 hat die Stadt zudem vier Zonen für preisgünstigen Wohnungsbau (Im Rank, Lüssi/Göbli, Schleife Nord, Mülimatt Oberwil) definiert. Dort sollten in den folgenden Jahren rund 340 preisgünstige Wohnungen von privater Hand entstehen.
    Dafür hat der Stadtrat (2014) eine Maximalmiete von 2470 Franken für eine 4.5-Zimmerwohnung festgesetzt (ohne Nebenkosten). Auf dem freien Markt müsste derzeit für eine solche Wohnung rund 2900 Franken bezahlt werden. In der Stadt Bern gilt für dieselbe Wohnung eine Maximalmiete von 1100 Franken.
    2012 spielte der Markt laut Comparis folgende Musik: Am Zugersee bestimmte die Nähe zur Stadt Zug (3000 Franken – teurer als Zürich) den Preis für eine 4 ½- Zimmer-Wohnung. Die einzige Gemeinde unter 2200 Franken war Arth (1950.-).
    In den letzten 20 Jahren wurden im Kanton 1’800 Wohnungen WFG-gefördert, also 3,3 Prozent des Gesamtbestandes von 55’000. In den kommenden zwei Jahrzehnten werden gegen 16’000 Wohnungen gebaut werden. Davon müssten bei Annahme der Initiative 3’200 preisgünstig angeboten werden, 530 davon WFG-gefördert (gemäss heutigem Prozentsatz). Wie die beiden plakatierten Regierungsräte auf 11’000 zu bauende Sozialwohnungen kommen, kann ich nicht nachvollziehen. Der Einbezug des alteingesessenen Bestandes in die Gesamtrechnung kann kaum gemeint sein. Die Regierung verspricht 600 bis 800 zahlbare Wohnungen demnächst.
    Zum Vergleich: in der Stadt Zürich wurden seit 2011 29,3 % gemeinnützige Wohnungen gebaut. Die Welt ging nicht unter, der Mittelstand nagt nicht am Hungertuch, die Investoren bleiben weiterhin am Ball, die Stadtzürcher wandern nicht aus. Irgendetwas machen die besser!
    Adrian Hürlimann, Zug

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