«Wir sind ein Krebsgeschwür»
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Vanja Palmers in seiner Wohnung in Luzern. (Bild: jav)

Interview mit Vanja Palmers «Wir sind ein Krebsgeschwür»

6 min Lesezeit 4 Kommentare 11.10.2014, 15:00 Uhr

Vanja Palmers ist Calida-Erbe, Tierschützer, Buddhist, Veganer und er ist vor allem gegen radikale Lösungen. zentral+ traf den Zen-Mönch und Luzerner Hausbesitzer zum Tee und zum Gespräch über LSD, Kuhglocken und Ecopop.

Johannes Palmers, Vanja genannt, empfängt mich in seiner Dachwohnung in der Luzerner Neustadt. Die hellen Räume riechen nach Räucherstäbchen. Auf dem grossen Sofa neben dem buddhistischen Altar serviert er einen Kräutertee und setzt sich in den Korbstuhl.

zentral+: Tragen Sie immer Calida oder Palmers-Unterwäsche?

Vanja Palmers: Gar nicht. Er beginnt seine Hose aufzuknöpfen und präsentiert ein weisses Stofftuch, welches er als Unterhose trägt. Seit über 30 Jahren trage ich japanische Unterwäsche – so eine Art indianischen Lendenschurz. Mittlerweile mache ich die auch selbst. Das Geschäft könnte von mir auf keinen Fall leben. Er lacht herzlich.

zentral+: Woher kommt eigentlich der Name Vanja? Wir dürfen doch Vanja sagen – nachdem Sie bereits die Hose haben fallen lassen?

Palmers: Selbstverständlich. Vanja heisst «Hänschen» auf russisch. Mein Taufname ist Johannes – ich werde jedoch nur von wenigen Leuten Johannes oder Hans genannt – die meisten nennen mich Vanja oder auch Scheich, ein Überbleibsel aus der Zeit in der Luzerner Studentenverbindung.

«Ich war zehn Jahre im Kloster.»

zentral+: «Vanja Palmers» hiess auch deine Boutique in Zürich?

Palmers: Genau. Die hatte ich mit meiner damaligen Freundin, meiner heutigen Frau. Ende der 60er war das. Und eines Tages bin ich da einfach rausgelaufen – der klassische Hippie-Ausstieg. Wir haben uns damals getrennt. Ich war dann zehn Jahre in einem Kloster. Nach meiner Rückkehr heirateten wir und bekamen eine Tochter. Heute leben wir getrennt, sehen uns aber täglich.

zentral+: Wie sieht dein Alltag sonst aus?

Palmers: Morgens meditiere ich, gehe mit dem Hund meiner Tochter laufen, kläre Geschäftliches. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinem Bauernhof in Weggis. Gestern war Heuen an der Reihe, ausserdem haben wir einen grossen Garten, der Pflege braucht. Dazu bin ich viel auf Reisen – halte Vorträge, gebe Kurse. Gerade war ich für zehn Tage in Österreich und Deutschland.

Vanja Palmers

Vanja Palmers, heute 66, wurde in Wien geboren und sollte, wie seine Brüder, in das Familien-Textilimperium einsteigen. Palmers studierte also Nationalökonomie und baute die Boutique «Vanja Palmers» gemeinsam mit seiner damaligen Freundin und heutigen Frau auf. Von einem Tag auf den anderen schloss er sich der Hippie-Bewegung an, reiste durch die Welt und lebte zehn Jahre lang in einem buddhistischen Kloster in den USA.

Heute ist Palmers Zen-Mönch, Tierschützer und betreibt zwei Meditationszentren. Er besitzt mehrere Liegenschaften, auch einige an der Waldstätterstrasse in Luzern und hält Vorträge zum Thema Veganismus und Vegetarismus.

zentral+: Du bewegst dich in deinem Leben zwischen Hippie und Millionenerbe – wie lässt sich das vereinbaren?

Palmers: Von aussen wirkt diese Kombination bestimmt sehr gegensätzlich. Von innen her ist es jedoch sehr zusammenhängend. Ich sehe es als Privileg, mich zwischen den verschiedenen Schichten bewegen zu können. Ich habe Freunde, die als Clochards unter Brücken wohnten. Da treffe ich nachmittags einen solchen Freund und abends esse ich mit einem reichen Geschäftsmann im 5-Sterne-Restaurant. Es ist eine enorme Bereicherung.

zentral+: Tierschutz ist eines deiner wichtigsten Anliegen. Wie weit gehst du als Tierschützer?

Palmers: Früher hatte ich keine Hemmungen – da war ich ein Aktivist, bin in Ställe eingestiegen und habe das Bildmaterial den Behörden zugespielt. Heute ist mein wichtigster Beitrag meine persönliche Ernährung. In der Stiftung Felsentor verbinde ich ein Meditationszentrum und eine Tierschutzstelle und damit zwei der zentralen Punkte in meinem Leben.

Die Nonne Schwester Theresia kümmert sich um die Tiere im Felsentor. Ich habe sie bei einem Meditationskurs kennengelernt, den ich leitete. Das Telefon klingelt. Er hebt ab. Hallo Schwesterherz. Ich grüsse dich. Nach ein paar Sätzen legen die beiden auf. Es war Schwester Theresia.

Ich halte auch Vorträge zum Thema Veganismus und Vegetarismus und habe das Projekt mit dem Grunzmobil.

zentral+: Du bist also Veganer?

Palmers: Ja, aber erst seit drei Jahren. Vegetarier bin ich jedoch seit meiner Kindheit. Gottseidank hat sich daraus eine Art Modeerscheinung entwickelt. Vor zehn Jahren fand man im Coop und der Migros noch keine veganen Produkte. Heute hat sich das Angebot durch den Trend stark in diese Richtung entwickelt.

«Ich bin ein ‹Möchtegern-Veganer›.»

zentral+: Bist du zu 100 Prozent konsequenter Veganer?

Palmers: Nein. Ich bin ein Skeptiker von 100-Prozent-Lösungen. Alles was nach radikaler Einstellung riecht, ist mir suspekt. Ich bin ein «Möchtegern-Veganer» – ich möchte gern vegan leben. Aber ich möchte auch ein soziales Leben führen und in Restaurants essen gehen, ohne mein eigenes Säckchen mitzunehmen. Das führt zu einem 99 Prozent veganen Leben.

zentral+: Kann man sich solch idealistische Einstellung nur leisten, wenn man so viel Geld hat?

Palmers: Offensichtlich nicht. Ich teile die Einstellung mit vielen Menschen, die ein solches Leben ohne viel Geld leben. Es ist nicht eine Einstellung, die viel Geld benötigt. Natürlich habe ich mehr Möglichkeiten und nutze diese auch – indem ich beispielsweise Studien finanziere, die mir wichtig erscheinen. Man kann das Geld für solche Projekte jedoch auch erbetteln.

zentral+: Hast du derzeit neue Projekte, die laufen oder anstehen?

Palmers: Gerade wurde eine Doktorarbeit abgeschlossen, die ich an der ETH gesponsert habe. Es ging um den Einfluss von Kuhglocken auf die Kühe. Die armen Tiere werden dadurch schwerhörig oder gar taub. Man braucht sich nur mal die Alpabzüge anzuschauen, bei welchen die Älpler Hörschutz tragen. Eine kleine Glocke auf der Alp macht durchaus Sinn, das kann ich als Bauer auch nachvollziehen, aber diese riesigen Glocken behindern die Tiere und schaden ihnen.

«Als Hippie war LSD ein wichtiger Teil meines Lebens.»

Und es beginnt bereits eine neue Studie mit der Uni Zürich, an welcher ich mich beteilige. Es handelt sich um eine legale Studie zur Meditation mit Psylocybin, einem Stoff in Pilzen, der einen LSD-ähnlichen Rausch auslöst. Eines der Tabuthemen, welches mir sehr wichtig ist. Als Hippie war LSD ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich habe aber auch 20 bis 30 Jahre nichts genommen, nun jedoch das Interesse wieder entdeckt.

zentral+: Auch der Umweltschutz ist dir ein Anliegen. Was wünscht du dir für die Welt?

Palmers: Ich wünsche unserer Welt weniger Menschen. Ein weiteres Tabuthema. Man muss sich vorstellen: Seit meiner Geburt hat sich die Menschheit verdreifacht. Wir sind wie ein Krebsgeschwür auf der Erde. Selbstmörderisch zerstören wir alles, was wir zum Leben brauchen. In einigen Jahren wird es keine frei lebenden grossen Wildtiere mehr geben. In Wildgehegen oder eingesperrt in Zoos vielleicht noch. Und es wird einfach nicht thematisiert. Aber was soll man tun. Vorschriften funktionieren nicht, es muss ins Bewusstsein der Leute.

Natürlich ist jeder einzelne Mensch wertvoll. Doch vielleicht haben wir mittlerweile genug wertvolle Individuen, das hat auch der Dalai Lama gesagt. Im Westen wurde der Wert des Individuums lange gestärkt und ein Bewusstsein dafür entwickelt. Nun müssen wir unser Bewusstsein als Menschheit wieder stärken.

zentral+: Apropos Überbevölkerung: Dein Bruder Walter Palmers ist im Vorstand der Ecopop-Initiative. Unterstützt du die Initiative?

Palmers: Ja, ich unterstütze sie, da sie das Bewusstsein für die explosionsartige Vermehrung der Menschheit in den letzten Jahren fördert. Alles, was die Diskussion zum Thema anregt, muss gefördert werden, auch wenn ich weiss, dass die Initiative keine Chance hat. Meiner Meinung nach wird sie jedoch völlig zu unrecht in die rechte Ecke gedrängt. Das Grundproblem, dass wir täglich 200’000 Menschen mehr auf der Erde haben, die alle essen, trinken, wohnen, sich anziehen müssen, das müssen wir thematisieren und nicht nur kosmetische Massnahmen treffen.

«Ich wünsche unserer Welt weniger Menschen.»

zentral+: Was wünschst du dir für dich selbst?

Palmers: Er lächelt und überlegt. Nicht mehr viel. Ich habe alles in reichlichem Masse gehabt. Vor kurzem traf ich meinen guten Freund und Lehrer «Bruder David», einen alten Benediktiner-Mönch. Er sagte mir, er wünsche sich einen schönen Tod. Ich wünsche mir viel Freude und wenig leiden. Er klopft sich auf den Kopf. Aber gerade war ich für eine Woche am Boom-Festival in Portugal – es läuft also noch. Er lacht und scheint in Erinnerungen zu schwelgen.

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4 Kommentare
  1. Blanca Achermann, 14.10.2014, 20:08 Uhr

    Wir sind zu viele. – Die ganze Menschheit ist angesprochen, aber wir in der Schweiz massen uns an, die Lösung zu kennen und haben das Recht, unsere Sicht den armen Ländern aufzudrängen. Sie sollen ihre Frauen endlich mit der „Pille“ ausstatten. Dabei wüssten wir längst, dass es immer die wirtschaftlich Schwächsten sind, die viele Kinder haben. Kinderreichtum ist immer gekoppelt an niedriges Einkommen. Unsere Sorge gilt aber nicht ihrer Armut. Statt bei unser Ressourcen-Verschwendung anzufangen, statt unseren Wohlstand unter die Lupe zu nehmen und uns für eine gerechtere Wirtschaftsordnung einzusetzen, wollen wir den Armen vorschreiben, wie viele Kinder sie haben sollen. Was für eine Arroganz! Dazu das Sprichwort aus Uganda: „Wer alles haben will, sagt den anderen, sie sollen zufrieden sein“ .

  2. Mario Gsell, 14.10.2014, 11:12 Uhr

    Palmers isind typische Ego-Poppers. Selber Millionäre und Besitzer von Villen, aber von Überbevölkerung reden. Würden alle so viel Platz wie die Palmers brauchen, dann hätte die Schweiz wohl kaum Platz für eine Million Menschen. Auch die Aussage, dass es täglich 200’000 Menschen mehr auf der Welt gebe, stimmt so nicht. Seit rund 15 Jahren ist die Zahl der Kinder bis 15 Jahre auf der Welt stabil. Wachsen tut die Menschheit zur Zeit nur, weil auch die Lebenserwartung in Afrika und Lateinamerika gestiegen ist. Und das müsste ja auch einen Pseudo-Zen-Mönch freuen.
    Mario Gsell, Kaltbach

  3. Beat Portmann, 12.10.2014, 13:28 Uhr

    Ecopop – die Angst der Priviligierten vor den Verdammten dieser Erde.

  4. Tonino Bucherinsky, 11.10.2014, 18:27 Uhr

    Wer möchte nicht Gutes tun und das Leben geniessen? Auch ohne Zen Meditation hat mir dieses Interview wertvolles Innehalten ermöglicht.

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.