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Wir präsentieren: Die «Höhepunkte» des Behördenkauderwelsches
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Alles unklar? Mitteilungen von Behörden und Unternehmen können für manches Fragezeichen – und Belustigung – sorgen. (Symbolbild: Fotolia)

So schwurbeln unsere Ämter, Firmen und Sportklubs Wir präsentieren: Die «Höhepunkte» des Behördenkauderwelsches

7 min Lesezeit 27.05.2018, 17:55 Uhr

Sie verstehen manchmal nur Bahnhof, wenn eine Firma oder ein Amt etwas mitteilt? Auch in Luzern und Zug hilft bei einigen Formulierungen nicht mal mehr der Duden. Wieso entsprechende Sätze trotzdem den Weg in die Welt hinaus finden – und wo selbst der Kommunikationsexperte leer schlucken muss.

Geschwurbel, wo das Auge hinblickt: Wer mit den Behörden und Unternehmen zu tun hat, begegnet mancher Floskel und umständlichen Sätzen. Da ist von Zweiradlenkenden die Rede, wenn Velofahrer gemeint sind; von hochaltrige Menschen, wenn man doch einfach über 80-Jährige meint oder von «strategischen Entwicklungen und Prozessen», wenn man gar nichts sagen will. 

Dabei sollte Kommunikation ja dazu dienen, den Bürgern und Kunden reinen Wein einzuschenken. Denn laut Schätzungen haben rund 800’000 Menschen in der Schweiz Mühe, Behördendeutsch zu verstehen. Abgesehen davon dürfte wohl auch der eine oder andere Sprachgewandte mit den folgenden Sätzen seine liebe Mühe haben.

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Denn zentralplus hat die umständlichsten und teilweise unfreiwillig komischsten Formulierungen der letzten Wochen zusammengetragen – und einen Experten gefragt, was dahinter steckt.

1. Von abstrakt bis bürokratisch: Tü-da-do

«Der überwachungspflichtige Gefahrguttransport wurde von der Polizei zum nahegelegenen Bestimmungsort begleitet.»

Dieses Bijou eines Satzes verdanken wir der Medienstelle der Luzerner Polizei, die ohnehin eine Fundgrube humoristischer Formulierungen darstellt. Gemeint war im obigen Fall ein Lastwagen («Tanksattelmotorfahrzeug»), der 18 Tonnen tiefgekühlten Flüssigsauerstoff transportierte und dessen Bremssscheiben Risse hatten, wie eine Kontrolle zeigte.

«Die Obduktion hat ergeben, dass der Autofahrer an einem natürlichen inneren Geschehen verstarb.»

Für wenig Klarheit sorgte auch diese Mitteilung der Luzerner Polizei Anfang März. Sie wollte eigentlich darüber informieren, was die Untersuchungen nach einem tödlichen Autounfall ergeben haben. Eine Nachfrage ergab, dass der Begriff «natürliche innere Geschehen» nichts anderes heisst als ein medizinisches Problem, das man aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht näher benennen wollte (zentralplus berichtete).

«Baar: Illegale Gärtnerin vom Baum gepflückt und verurteilt»

Ganz anders – und in diesem Fall wohl etwas übertrieben – handhabt es übrigens die Zuger Polizei. Mit dieser vermutlich lustig gemeinten Formulierung betitelte sie eine Meldung über eine Frau, die wegen Schwarzarbeit verhaftet und ausgeschafft wurde.

2. Von unverständlich bis grotesk: aus dem Polit- und Verwaltungsbetrieb

«Durch die insgesamt strenge Kostendisziplin wurde das mengengetriebene Leistungswachstum in den Bereichen polizeiliche Sicherheit, Volksschulbildung sowie Asyl- und Flüchtlingswesen mehr als kompensiert.»

Behördendeutsch vom Feinsten, was das Finanzdepartement des Kantons Luzern Ende März präsentierte. Es ging um die Jahresrechnung 2017, die um etliche Millionen besser ausfiel als erwartet (zentralplus berichtete). Die Begründung hätte der Regierungsrat – der in Sachen Kommunikation bekanntlich nicht den besten Ruf geniesst – allerdings wesentlich einfacher an den Mann und die Frau bringen können. Wir helfen mal auf die Sprünge und übersetzen spontan: «Weil in allen Bereichen gespart wurde, ist es finanziell tragbar, dass immer mehr Menschen im Kanton Luzern leben und dem Kanton höhere Kosten verursachen.»

«Aus Gründen der sich verändernden Bedürfnisse älterer Menschen mit Betreuungs- und Pflegebedarf wie aus qualitativen und betriebswirtschaftlichen Überlegungen beschloss der Verwaltungsrat der Viva Luzern AG anlässlich seiner Strategieretraite im Sommer 2015, die bestehenden vier Pflegewohnungen nicht wie ursprünglich geplant auszubauen, sondern mittelfristig schrittweise zu schliessen.»

So weit musste Viva Luzern AG kürzlich ausholen, um einen aktuellen Entscheid zu begründen. Wir sagen: Chapeau, so viele Wörter muss man erstmal in einen Satz packen können. Doch bevor das jemand würdigen kann, sind die meisten wohl schon abgehängt. Lesefreundlich wäre anders.

«Der Stadtrat wird beauftragt, dem Grossen Gemeinderat der Stadt Zug eine gemeinderechtliche Umsetzung der Planungs-Mehrwert-Ausgleichs-Bestimmungen des eidgenössischen Raumplanungs-Gesetzes (RPG, SR 700) (Artikel 5) in Form eines gemeindlichen Reglements oder Ergänzung eines bestehenden gemeindlichen Reglements beziehungsweise der Gemeindeordnung, mit Bericht zu Beratung und Beschluss dem Grossen Gemeinderat der Stadt Zug vorzulegen.»

Ein Vorstoss aus der Stadt Zug, dem wir nichts anzufügen haben. Wir kapitulieren.

3. Von schleierhaft bis schmierig: aus der wunderbaren Welt der Wirtschaft und des Sports

«Wir haben gemeinsam erkannt, dass sich die Situation zugespitzt hat und sind miteinander zum Schluss gekommen, uns zu trennen.»

Die Aussagen von FCL-Präsident Philipp Studhalter nach dem Abgang von CEO Marcel Kälin Ende März waren geprägt von Floskeln und nichtssagenden Allgemeinplätzen (zentralplus berichtete). Wer etwas über die Gründe des Entscheids erfahren musste, war auf Spekulationen angewiesen.

«Nach Beendigung der Saison sind der EVZ und Harold Kreis im Rahmen der Saisonanalyse gemeinsam übereingekommen, die Zusammenarbeit nach vier Jahren zu beenden.»

Der EVZ steht dem FCL in Sachen Trennung von Kadermitarbeitern in nichts nach. Das zeigt diese Mitteilung nach der kürzlich erfolgten Trennung von Cheftrainer Harold Kreis (zentralplus berichtete). Wenigstens muss man anerkennen: Den weiteren Sätzen im insgesamt relativ dürren Communiqé konnte man – mit sprachlicher Fantasie und sportlichem Sachverstand – entnehmen, dass der Verein wohl in Sachen Talentförderung nicht zufrieden war mit seinem Trainer.

«Nach verschiedenen Untersuchungen, die zuvor durchgeführt werden mussten, wird er nun medikamentös eingestellt.»

Nun ja, der FCL hat es sicher gut gemeint, als er kürzlich über den Gesundheitszustand eines seiner Spieler informierte. Doch die Formulierung «medikamentös eingestellt» weckt ungute Erinnerungen an die Behandlungen, die Jack Nickolson in «Einer flog über das Kuckucksnest» über sich ergehen lassen musste, was hier hoffentlich nicht gemeint sein dürfte. Dass die Untersuchungen zudem zuerst stattfanden und man erst nachher Medikamente verschrieb, dürfte wohl offensichtlich sein – oder macht man das irgendwo umgekehrt? Bleibt nur zu hoffen, dass die Medikamente besser wirken als die Botschaften des Vereins.

«Damit soll der Patient lernen, wie er sich selber ganzheitlich gesund halten kann.»

Ein Satz, der erläutern sollte, was die sogenannte Solo-Prophylaxe in der neu eröffneten Dentalklinik auf dem Bürgenstock ist. Doch viel schlauer ist man nach dieser Mitteilung des Resorts nicht – im Gegenteil: die Aussage bleibt ganzheitlich unverständlich.

«Seit damals haben wir bei der ZVB einen Personalüberbestand im Fahrdienst.»

Mit dieser kreativen Formulierung versuchte die Sprecherin der Zugerland Verkehrsbetriebe mitzuteilen, dass sie aktuell zu viele Chauffeure haben. Da wird’s dem Leser schwindliger als im Bus (zentralplus berichtete).

«Manchmal geht es schlicht darum, etwas nicht beim Namen zu nennen»

Auch Vinzenz Rast musste einige Male schmunzeln, als wir ihn mit den Beispielen konfrontierten. Wir haben den Leiter des Kompetenzzentrums Professionelle Kommunikation an der Hochschule Luzern – Wirtschaft gefragt: Wie schaffen es solche Meldungen an die Öffentlichkeit?

Vinzenz Rast weist auf einen möglichen Grund hin, der bei Verwaltungen greift: Sie haben die Tendenz, Schubladen zu erfinden und Vorgänge nach einem eigenen Muster zu kategorisieren. «Man vergisst, dass die interne Sprache gegenüber aussen übersetzt werden müsste.» Der «Personalunterbestand im Fahrdienst» sei ein klassisches Beispiel dieser Art. «Auch bei Polizeimeldungen hat es sehr oft Jargon-Elemente drin, also eine Art interne Gruppensprache, die gegen aussen nicht sinnvoll ist.»

Manchmal sind sich die Betroffenen also gar nicht bewusst, dass Aussenstehende ihre Sprache nicht verstehen. Es gibt indes auch andere Gründe für komplizierte Formulierungen. «Oft ist es das Bedürfnis, möglichst präzise zu sein. Und manchmal geht es schlicht darum, etwas nicht beim Namen zu nennen und sich hinter einer vagen Formulierung zu verstecken.»

Vinzenz Rast forscht und lehrt im Bereich Kommunikation am Wirtschaftsdepartment der Hochschule Luzern.

Vinzenz Rast forscht und lehrt im Bereich Kommunikation am Wirtschaftsdepartment der Hochschule Luzern.

(Bild: zvg)

Dinge verschleiern zu wollen, das dürfte laut Rast beispielsweise beim FCL zutreffen, der sich mit Floskeln über die tatsächlichen Gründe für die Trennung von CEO Marcel Kälin hinwegsetzte. Was wäre in einem solchen Fall die ideale Form von Kommunikation? «Ich persönlich plädiere für Klartext», sagt Vinzenz Rast. «Aber es gibt Situationen, in denen man besser etwas weniger direkt kommuniziert.» Der Klassiker diesbezüglich: Wenn ein Unternehmen Stellen abbauen muss. Dennoch sollte man laut Rast in einem solchen Fall klar deklarieren, wieso man noch nicht näher Auskunft geben kann oder will. «Ansonsten schafft man nur noch stärkere Unsicherheit.»

Grenzen der verständlichen Sprache

Vinzenz Rast weist aber auch darauf hin, dass einfache und klare Formulierungen manchmal an ihre Grenzen stossen. Ein teilweise schwieriges Abwägen zwischen Verständlichkeit und Präzision, das indes nicht immer auf die richtige Seite kippt. «Dieses Argument wird von Behörden und Unternehmen manchmal vorgeschoben, die behaupten, eine einfachere Sprache würde dem Sachverhalt nicht gerecht werden», sagt Rast. Dabei sei es die Pflicht dieser Stellen, die Kommunikation verständlich zu gestalten.

Vinzenz Rast wehrt sich allerdings gegen die Klischees rund um das angebliche Behördendeutsch, das kein Mensch versteht. «Die Verwaltung hat immer einen schlechten Stand, weil man in der Regel mit dem Amt zu tun hat, wenn man etwas falsch gemacht hat, Steuern zahlen oder Formulare ausfüllen muss.» Kurzum: Oft Dinge, die mit Ärger oder Aufwand verbunden sind. Wenn hingegen ein Reisebüro einen umständlichen Brief schreibe, nehme man das in der Regel gar nicht wahr, sondern freue sich über die bevorstehenden Ferien.

Insgesamt stellt Vinzenz Rast keinen Trend hin zu mehr bürokratischen und komplizierten Formulierungen fest. Gerade Verwaltungen sind seiner Meinung nach stark bemüht, ihre Arbeit kundenfreundlicher und entsprechend nahe am Alltag zu erklären. Dennoch hat diese Entwicklung auch Schattenseiten. «Diese Professionalisierung führt dazu, dass in Zukunft noch taktischer und cleverer kommuniziert wird – im guten und im schlechten Sinne.»

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