«Wir mussten einander erst verstehen»
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Jonas Ineichen, Präsident der kantonalen Juso und Kim Rast, Präsidentin der Jungfreisinnigen Kanton Luzern. (Bild: ida)

Luzerner Jungfreisinnige und Jungsozialist sind ein Paar «Wir mussten einander erst verstehen»

5 min Lesezeit 21.09.2020, 05:00 Uhr

Kim Rast ist Präsidentin der Jungfreisinnigen Luzern, Jonas Ineichen Präsident der Luzerner Juso. Politisch könnten die beiden nicht anders ticken – dennoch sind die beiden seit zwei Jahren zusammen. Wie funktioniert das?

Sie stramm bürgerlich. Er pointiert links. Ihrer Meinung nach braucht es nicht unbedingt eine Frau in der Luzerner Regierung, seiner Ansicht nach ist dies ein absolutes Muss. Sie ist gegen den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub, er dafür. Kampfjets? Ja, sagt sie, er sagt nein.

Kim Rast, Präsidentin der Jungfreisinnigen Kanton Luzern, und Jonas Ineichen, Präsident der kantonalen Juso, stehen politisch an unterschiedlichen Ecken. Trotzdem sind die beiden seit zwei Jahren ein Paar. Und glücklich, wie es scheint.

Der Charakter zählt

Die Frage lautet also: «Wie klappt das»? Zumal verschiedene Studien zum Schluss kommen, dass unterschiedliche politische Ansichten für viele Menschen ein Grund sind, eine Beziehung zu beenden.

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Es ist eine Frage, die den beiden 20-Jährigen oft gestellt wird. Auch innerhalb der Parteien hätten zu Beginn einige geschmunzelt, sagt Kim Rast. Sie und ihr Freund sehen aber überhaupt kein Problem. Durch die Beziehung hätten sie viel voneinander lernen können. Und Ineichen ergänzt, dass es völlig menschlich sei, dass man sich eher mit Menschen umgibt, die einem politisch ähnlicher sind, sich in seiner Blase bewegt. «Gerade wenn es um politische Ansichten geht – schliesslich ist das der angenehmere Weg.»

«Während des Wahlkampfes sahen Jonas und ich uns praktisch nicht – deswegen haben wir uns aber kein einziges Mal gestritten.»

Kim Rast

Die Herzen der beiden schlagen für unterschiedliche Parteien – doch das Motiv dahinter ist dasselbe. «Nämlich, dass es uns beiden nicht egal ist, was politisch auf der Welt, in der Schweiz und in unserem Kanton geschieht, und wir mitbestimmen möchten», erklärt Ineichen. Ein politikfaules Gegenüber könnte wohl weniger damit anfangen, wenn der eine in der Beziehung so viel Zeit in die Politik investiert. «Während des Wahlkampfes sahen Jonas und ich uns praktisch nicht – deswegen haben wir uns aber kein einziges Mal gestritten», sagt Kim Rast.

So unterschiedlich ticken die beiden, wenn’s um die eidgenössischen Abstimmungen geht:

Die beiden betonen, dass beide in ihren Parteien gerade keine Extrempositionen innehaben, sondern eher moderat eingestellt seien. «Wir sind, überspitzt gesagt, keine knallharten Ideologen und politisieren nicht an den jeweils äussersten Punkten des politischen Spektrums», so Ineichen. Dass sich ihre Meinungen in einigen – wenn auch wenigen – Bereichen überschneiden, trage ebenfalls zum gegenseitigen Verständnis bei.

Frauenfrage gibt am meisten zu diskutieren

Dem Paar ist es viel wichtiger, das politische Engagement des Gegenübers zu verstehen, als immer derselben Meinung zu sein. So hätten sie sich über politische Angelegenheiten noch nie gezofft. «Auch wenn die Frauenthematik zwischen uns sicher am polarisierendsten ist», so Ineichen.

Auch im Gespräch sorgt die Frage, ob der Kanton eine Regierungsrätin braucht, mit am meisten für Gesprächsstoff. Während Jonas Ineichen der Meinung ist, dass der Kanton «schon lange von Männern regiert» wird und «unbedingt» eine Frau brauche, fände Rast eine Regierungsrätin «cool, aber nicht nötig».

Wenn es endlich mal von alleine funktionieren würde, wäre das zwar schön. Und wenn nicht, dann braucht es eben eine Quote.»

Jonas Ineichen

Sie präzisiert: «Wenn die Bürgerlichen eine Frau aufstellen würden, würde ich sie klar supporten. Eine linke Kandidatin würde ich nicht unterstützen.» Für sie seien persönliche Fähigkeiten und Meinungen eines Kandidaten oder einer Kandidatin ausschlaggebend, nicht aber das Geschlecht.

Von einer Quote hält sie nicht viel, wenn sie denn auch findet, dass Parlament und Regierung die Gesellschaft als Ganzes abbilden sollten. «Jetzt eine Frauenquote einzuführen, wäre niederschmetternd», so Rast. Die Frauenbewegung sei wichtig und es zeige sich, dass Frauen immer mehr Fuss in der Politik fassen.

Ineichen geht das aber zu langsam.

«Bei den Nationalratswahlen sei es vielleicht möglich, dass sich die Geschlechteranteile gerade nach der Wahl 2019 zunehmend Richtung Parität/Ausgeglichenheit entwickeln.» Im Ständerat und insbesondere in wirtschaftlichen Gremien sehe der Frauenanteil deutlich schlechter aus. «Wenn es endlich mal von alleine funktionieren würde, wäre das zwar schön. Und wenn nicht, dann braucht es eben eine Quote.»

Bei der ersten Begegnung funkte es überhaupt nicht

Doch was zählt für die beiden Jungpolitiker in einer Beziehung, wenn es denn nicht die ähnlichen Ansichten über Gesellschaft und Staat sind? «Das Übliche», sagt Ineichen. Vertrauen, Respekt, Ehrlichkeit. «Zudem sind wir charakterlich recht ähnlich.»

Ganz so harmonisch war es zu Beginn zwischen den beiden nicht. Kennengelernt haben sie sich im Jugendparlament. Gleich bei der ersten Begegnung sei es «schon ein wenig extrem» zu- und hergegangen, erzählt Kim Rast.

«Ich konnte deine Meinung einfach nicht verstehen, nicht nachvollziehen, wie ein junger Mensch so denken kann.»

Jonas Ineichen, Präsident Juso Kanton Luzern

Beim Apéro nach der Generalversammlung hätten die beiden eine Auseinandersetzung über Aussenpolitik, Migration und Ausländer geführt. «Ich konnte deine Meinung einfach nicht verstehen, nicht nachvollziehen, wie ein junger Mensch so denken kann», sagt Ineichen mit Blick auf Rast.

«Ich war jung und hatte schon noch eine radikalere Meinung», erwidert diese. Im Jugendparlament würden die diversesten Meinungen aufeinanderprallen. Man wisse ja nicht – anders als bei der Versammlung der eigenen Partei – wie das Gegenüber politisch tickt.

«Wir mussten einander erst verstehen.»

Kim Rast, Präsidentin Jungfreisinnige Kanton Luzern

«Wir mussten einander erst verstehen und anfreunden», so Kim Rast. Erst nach eineinhalb Jahren und einer guten Freundschaft entwickelte sich zwischen den beiden mehr.

Kein Grund zu streiten, aber voneinander zu lernen

Gegenseitig die Meinung beeinflusst haben die beiden nicht. «Kim ist nicht linker durch mich geworden und ich auch nicht bürgerlicher durch sie», sagt Ineichen.

Ineichen findet es interessant, nicht immer mit derselben Meinung konfrontiert zu werden und seine eigene Meinung permanent zu hinterfragen. Rast sagt, dass sie durch Ineichen gelernt habe, sich auch andere Meinungen anzuhören und gemeinsam Lösungen zu finden.

«Vermutlich wären Fragen, wer sich um die Wäsche kümmert, viel eher ein Grund, sich zu streiten, als die politische Meinung.»

Kim Rast

Für beide ist das andere politische Denken folglich kein Beziehungskiller. «Man ist ja mit dem Mensch in einer Beziehung, nicht mit seiner Meinung», so Rast. Und sie ergänzt: «Vermutlich wären Fragen, wer den Abfallsack nach draussen bringt oder wer sich um die Wäsche kümmert, viel eher ein Grund, sich zu streiten, als die politische Meinung.»

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