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«Wir müssen nicht plötzlich alle vegan leben»
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Jürgen Ragaller ist der Mister Klima im Kanton Luzern. (Bild: les)

Wie der neue Luzerner Klimaexperte vorgehen will «Wir müssen nicht plötzlich alle vegan leben»

7 min Lesezeit 2 Kommentare 11.01.2020, 05:00 Uhr

Jürgen Ragaller heisst der neue Klimaexperte des Kantons Luzern. Er hat den wichtigen Auftrag, den Kanton Luzern fit zu machen für die Überwindung der Klimakrise. Der Luzerner Kantonsrat hat das Ziel von Netto-Null bis ins Jahr 2050 beschlossen. Ragaller erklärt im Interview, wie das gelingen soll.

zentralplus: Jürgen Ragaller, die Klimajugend schlägt Alarm, die Berichte über die drohende Katastrophe häufen sich. Nimmt der Kanton Luzern in Sachen Klimawandel nicht viel zu spät die Arbeit auf?

Jürgen Ragaller: Der Kanton Luzern setzt schon länger konkrete Massnahmen zum Schutz des Klimas und zur Anpassung an den Klimawandel um. Der Regierungsrat hat jedoch erkannt, dass die Massnahmen verstärkt und auf weitere Sektoren ausgeweitet werden müssen. Dazu hat der Kantonsrat ein klares Ziel gesetzt: Klimaneutralität bis 2050. Dieses Ziel teilen wir mit dem Bund, mit der EU und vielen weiteren Ländern. Zugleich verstärkt der Kanton seine Massnahmen zur Anpassung an das sich bereits deutlich ändernde Klima.

«Klimaschutz ist kein Parteiprogramm.»

zentralplus: Richtig aufs Tapet kam das Thema in den letzten Jahren mit dem Hitzesommer 2018, mit all den Klimastreiks und schliesslich auch mit der Sondersession des Kantonsrats. Sind Sie froh, dass die Politik endlich gehandelt hat?

Ragaller: Die Jugend hat mit den Klimastreiks erreicht, dass das Thema mit der Klarheit und Ernsthaftigkeit diskutiert wird, die hier angebracht ist. In seinem Bericht zum 1,5-Grad-Ziel hat der Weltklimarat (IPCC) klar dargelegt, dass bereits ab 2 Grad Erwärmung mit deutlich gravierenderen Folgen gerechnet werden muss. Zudem zeigen aktuelle Studien, dass bereits bei der jetzigen Erwärmung von etwas über einem Grad Kipppunkte in Bewegung geraten. Kipppunkte sind unter anderen das Auftauen des Permafrostes oder das beschleunigte Schmelzen des Eises an den Polen. Der Kantonsrat hat entschieden, dass wir uns am Ziel der Klimaneutralität bis 2050 orientieren. Nun können wir aufzeigen, was dieses Ziel bedeutet und einen Plan ausarbeiten, wie wir es erreichen.

zentralplus: Sie sind Wissenschaftler (zentralplus berichtete). Sind Sie auch ein Grüner?

Ragaller: Klimaschutz ist kein Parteiprogramm. Ich arbeite als Teil eines Teams im Auftrag des Regierungsrats. Die Gestaltung und Umsetzung der Massnahmen erfolgt in Zusammenarbeit mit allen Departementen des Kantons und deren Fachexpertinnen und -experten sowie im Dialog mit externen Partnern. Dabei verfolgen alle gemeinsam das Ziel, netto Null CO2-Emmissionen bis 2050 zu erreichen. Die politische Ausrichtung der einzelnen Akteure ist nicht relevant.

zentralplus: Was ist Ihre Motivation, als Luzerner Klimaexperte Ihren Teil zur Rettung des Klimas beizutragen?

Ragaller: Die Wissenschaft äussert sich sehr klar in der Frage, was auf uns zukommt und was zu tun ist. Ein ungebremster Klimawandel würde dazu führen, dass Teile unserer Erde unbewohnbar werden. Die Durchschnittstemperatur in der Schweiz würde sich in einem Szenario ohne Klimaschutz bis 2100 um 4 bis 7 Grad erhöhen. Ich bin davon überzeugt, dass Massnahmen zum Klimaschutz, eine Chance für die Luzerner Bevölkerung und Wirtschaft darstellen. Unsere Unternehmen sowie unsere Hochschule können bei der Gestaltung des Wandels eine tragende Rolle spielen. Dazu beitragen zu können, dass dieses Potenzial freigesetzt wird, fasziniert mich.

zentralplus: Und wie soll das Ziel erreicht werden?

Ragaller: Der Kanton Luzern ist mit seinem modernen Energiegesetz bereits gut unterwegs. Auf diesem Fundament können wir aufbauen und den Weg zur Klimaneutralität ebnen. Wie im Kanton Luzern dabei vorgegangen wird, wird die Regierung in einem gemeinsam erarbeiteten Planungsbericht aufzeigen. Wesentlich zur Zielerreichung ist, dass wir das Potenzial erneuerbarer Energieträger (Solarenergie, Biomasse inklusive Holz, Umweltwärme und Windenergie) konsequent nutzen und zugleich die fossilen Brenn- und Treibstoffe (Öl, Erdgas, Benzin, Diesel und Kerosin) ersetzen. Zugleich müssen wir die Energie- und Ressourceneffizienz weiter steigern. Diese Aufgabe ist herausfordernd und spannend zugleich.

zentralplus: Inwiefern?

Ragaller: Zur Umsetzung braucht es gute technische Lösungen und die Rahmenbedingungen müssen so ausgestaltet werden, dass der Wandel leistbar ist. Wir brauchen weitere Massnahmen in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft, der Mobilität, der Raumplanung und bei der Ressourcennutzung. Die öffentliche Hand, also der Kanton und seine Gemeinden, haben eine Vorbildfunktion und nehmen diese etwa bei den eigenen Immobilien wahr.  

«Ich werde nie mit dem Moral-Zeigefinger kommen.»

zentralplus: Die meisten Bürger sind mit einfacheren Fragen konfrontiert. Was ist mit Fleisch essen und in die Ferien fliegen?

Ragaller: Klimaneutralität bedeutet nicht, vollständig auf das Fliegen zu verzichten und nur noch vegan zu essen. Beides können wir in sinnvollem, reduziertem Mass nutzen, nach dem Motto «weniger, dafür mit umso mehr Genuss». Früher gab es manchmal den Sonntagsbraten und Fliegen war etwas Spezielles. Im Bereich des Flugverkehrs forscht man intensiv an synthetischen, erneuerbaren Treibstoffen und auch im Bereich der Tierproduktion macht man sich Gedanken, wie man die Emissionen von Treibhausgasen reduzieren kann.

zentralplus: Sie wollen sich in die Freiheit der Bürger einmischen?

Ragaller: Nein, vielmehr habe ich den Anspruch, transparent zu informieren. Ein ungebremster Klimawandel würde die Freiheit sehr vieler Menschen weltweit massiv einschränken. Das Klima ist ein Gemeingut, zu dem wir alle Sorge tragen müssen. Klimaschutz ist somit auch ein Akt der Solidarität gegenüber unseren Kindern und gegenüber Menschen in Regionen unserer Erde, die besonders verwundbar sind. Da ist es legitim, über den Konsum zu sprechen und darüber, wie man bewusst mit Ressourcen umgeht. Hier gehört ein Hinterfragen mancher Gewohnheiten dazu. Ich bin aber überzeugt, dass wir das Klima schützen können, ohne auf Lebensqualität zu verzichten.

«Beim Verkehr sind wir klar noch nicht auf Kurs.»

zentralplus: Also keine Bevormundung?

Ragaller: Nein, auf keinen Fall. Ich werde auch nie mit dem Moral-Zeigefinger kommen. Unsere Aufgabe ist es, zu informieren, was welche Folgen hat. Bürgerinnen und Bürger sind ja selber besorgt bei diesem Thema. Gefragt sind ganz konkrete Massnahmen für mehr Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel. Der Kanton hat zudem die Pflicht, offen und umfassend über Umweltthemen zu informieren.

zentralplus: In der öffentlichen Debatte ist der Verkehr stets ein grosses Thema. Der Begriff Mobilitätsmanagement hat Hochkonjunktur. Wie beurteilen Sie diesen Bereich?

Ragaller: Beim Verkehr sind wir klar noch nicht auf Kurs. Zwar werden die Motoren effizienter, die Fahrzeuge stossen aber aufgrund der Gewichtszunahme mehr CO2 aus. Die Elektromobilität steht kurz vor dem Durchbruch und bietet eine grosse Chance für die Senkung der CO2-Intensität bei Fahrzeugen. Wir müssen die Mobilität aber weiterdenken und die Themen Klimaschutz und Klimaanpassung in der Entwicklung berücksichtigen. Gerade in der Agglomeration Luzern bietet sich mit der Realisation des Durchgangsbahnhofs eine Chance, diese verkehrstechnisch weiter zu entwickeln.

zentralplus: Sie erarbeiten derzeit einen Bericht, der später dem Kantonsrat vorgelegt wird. Die Hürden werden gross sein.

Ragaller: In die Berichtserarbeitung sind Fachpersonen aus allen fünf Departementen des Kantons Luzern involviert. Ein politstrategischer Beirat mit Vertretern aus Regierung, Wirtschaft, Wissenschaft und Umwelt begleitet das Projekt und es werden Echoräume durchgeführt, um Inputs von verschiedenen Interessenvertretern einzuholen. Zudem wird Ende 2020 ein breites Vernehmlassungsverfahren zum Berichtsentwurf durchgeführt. Wir sind uns bewusst, dass politisch viel über Stossrichtungen und Massnahmen diskutiert werden wird. Letztlich hat der Kantonsrat selber der Regierung den Auftrag gegeben, mit dem Bericht aufzuzeigen, wie Klimaneutralität bis 2050 erreicht werden soll. Wichtig ist, dass wir so konsensfähig wie möglich agieren und vorhandenes Wissen nutzen. Und wir wollen eine Strategie erarbeiten, die zum Kanton Luzern passt.

zentralplus: Haben Sie nicht Angst, dass der Bericht von grüner Seite als zu wenig griffig und von ganz rechts als völlig übertrieben beurteilt wird? Wie wollen Sie den Ansprüchen gerecht werden?

Ragaller: Die Kantonsrätinnen und Kantonsräte können wir nur mit guten Lösungen überzeugen. Und die entstehen, davon bin ich überzeugt, im Dialog. Ich bin zuversichtlich, dass die Zeit reif ist für griffigen Klimaschutz und die notwenigen Schritte zur Anpassung an das sich verändernde Klima.

zentralplus: Viele finden die Schweiz sei in Sachen Klimaschutz bereits genügend weit, man würde besser in China den Klimaschutz finanzieren. Was sagen Sie dazu?

Ragaller: Die Schweiz ist im Klimaschutz-Index 2020 (CCPI) auf Platz 16 abgestiegen. Das ist zwar noch ein guter Wert, aber keine Topposition. Wir haben Potenzial für mehr und sollten die Chance packen. So können wir letztlich auch Know-how und Umwelttechnik exportieren – auch nach China.

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2 Kommentare
  1. Stefan Tigges, 11.01.2020, 18:26 Uhr

    Wo sieht Zentralplus in seinen Äußerungen denn eine Bevormundung? Das Gegenteil ist der Fall! Entgegen klaren wissenschaftlichen Erkenntnissen (damit meine ich nicht die Industriefinanzierte “Wissenschaft”), sagt er ganz fröhlich, auf Flugreisen zu verzichten und vegan zu leben, sei nicht nötig. Es ist klar, dass jeder Mensch seine freie Entscheidungen trifft und weiterhin treffen soll, aber wenn man transparent informieren will, muss man notwendigerweise auch die Fakten benennen.
    Und die sind klar: Nur, wenn jeder – Regierungen, Industrien UND Privatleute – alles gibt, haben wir eine Chance! Das hieße für uns Bürger (wenn wir das Kliam retten wollen): Keine Tierprodukte (–> 51% aller Treibhausgase), kein Fliegen, kein Autofahren (bzw. wenn, dann nur mit vollem Wagen), Wärmedämmung des Hauses usw… Das wäre die notwendige Konsequenz – danach kann immer noch jeder sagen “Dann ist mir das Klima halt egal.”. Aber als “Fachmann” bereits VORHER den Leuten irgendwas vorgaukeln ist unseriös und fahrlässig!

    1. Markus Zopfi, 11.01.2020, 21:46 Uhr

      Man sollte nicht gleich dem erstbesten Google-Link vertrauen. Laut UNO ist die Ernährung mit Fleisch für 25% der Treibhausgase verantwortlich, andere Quellen sprechen von 6 bis 10%. Die Frage ist, wie diese Produkte substituiert werden und wie viel Treibhausgas dies verursacht – weniger als Fleisch, aber auch nicht nichts.