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«Wir helfen, lassen uns aber auch helfen»
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Severiyos Aydin steht vor den Kisten, die nächstens per Lastwagen in den Irak transportiert werden. (Bild: Jonas Briner)

Hilfe von Baar nach Syrien mit «Aramaic Relief» «Wir helfen, lassen uns aber auch helfen»

6 min Lesezeit 15.10.2016, 12:00 Uhr

Das Baarer Hilfswerk «Aramaic Relief» sammelt bereits zum vierten Mal Kleider für vertriebene Minderheiten im Nahen Osten. Gründer und Präsident Severiyos Aydin ist stolz auf seine junge Organisation, auch wenn diese vom Bund nicht unterstützt wird.

Hunderte von Schachteln stapeln sich bereits im Bauch der ehemaligen Spinnerei in Baar. Decken, Jacken, Pullover – alles ist willkommen, was den Vertriebenen im Nordirak während der kommenden Wintermonate Wärme spendet. 20 Tonnen Textilien seien beim letzten Mal gesammelt worden, meint Severiyos Aydin. Wäre auch die laufende Spendenaktion derart erfolgreich, könnten erneut 2000 siebenköpfige Familien versorgt werden.

Begeisterung und Selbstbewusstsein sind deutlich zu spüren beim 30-jährigen Präsidenten von «Aramaic Relief». Sowohl wenn er vom Weg spricht, den seine Hilfsorganisation bereits zurückgelegt hat, als auch wenn er die Reise schildert, welche die aufgetürmten Schachteln demnächst antreten werden.

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zentralplus: Was geschieht mit den Kleidern in dieser Halle, wenn am Sonntagabend die Sammelaktion zu Ende geht?

Severiyos Aydin: Die Kisten werden von voraussichtlich zwei Lastwagen an die türkisch-irakische Grenze transportiert. Das dauert zehn Tage. Dort werde ich die Lieferung gemeinsam mit meinem lokalen Team in Empfang nehmen.

Ein junges Unternehmen will Hilfe leisten

Aramaic Relief International wurde Anfang 2013 vom Baarer Severiyos Aydin gegründet. Hauptfokus der Organisation liegt laut eigenen Angaben in der Soforthilfe mit lebensnotwendigen Hilfsgütern für besonders betroffene Flüchtlinge, die von internationaler Unterstützung nicht erreicht und unterstützt werden können. Derzeit läuft die vierte Spendensammlung. Bis und mit Sonntag können Winterkleider und Schuhe, gut verpackt in Kartonkisten, für 2 Franken je Kilogramm an der Langgasse 40 in Baar abgegeben werden. Der Betrag gehe zuhanden der Transport- und Lagerkosten.

Als Hilfsgüter können wir die Ware zollfrei in die autonome Region Kurdistan importieren. Anschliessend werden die Kleider neu abgepackt und unter den Minderheiten verteilt, die in diese Region geflohen sind.

zentralplus: Im Nordirak leben derzeit Hundertausende Flüchtlinge. Sie können nur einen Bruchteil dieser Menschen unterstützen. Wie wählen Sie aus?

Aydin: Unser zentrales Kriterium ist die Bedürftigkeit der Menschen. Besonders prekär ist die Situation in den entlegenen Bergregionen, wo die Flüchtlinge nicht in offiziellen Camps leben. Vor Ort verteilen wir unsere Güter unter sämtlichen notleidenden Personen. Hier können und wollen wir keine Auswahl treffen. Sei es aufgrund von Religionszugehörigkeit oder Herkunft.

zentralplus: Woher wissen Sie, an welchen Orten die Not derzeit besonders gross ist?

Aydin: Wir haben während der vergangenen drei Jahre vor Ort ein umfassendes Netzwerk aufgebaut. Zu Beginn arbeiteten wir mit Vertretern der syrisch-orthodoxen Kirche zusammen. Mittlerweile hat sich der Kreis um zahlreiche zivile Personen ausgeweitet. Die Leute vor Ort versorgen uns mit den entsprechenden Informationen zur humanitären Situation.

«Im Nahen Osten findet seit Jahren ein Genozid an christlichen Minderheiten statt. Für uns aramäische Christen ist dies ein Déjà-vu.»

zentralplus: In Syrien sind über zehn grosse Schweizer NGOs aktiv und unzählige weitere internationale Organisationen. Weshalb gelangten sie 2013 zur Überzeugung, dass es sinnvoller ist, eine neue Hilfsorganisation zu gründen, anstatt die bestehenden zu unterstützen?

Aydin: Im Nahen Osten findet seit Jahren ein Genozid an christlichen Minderheiten statt. Ausgeführt vom IS und anderen radikalislamischen Gruppen. Für uns aramäische Christen ist dies ein Déjà-vu. Bereits beim Völkermord von 1914/1915 waren wir unter den Opfern und bereits damals schaute die Weltöffentlichkeit weg. Ich bin in enger Verbindung zur aramäischen Gemeinschaft hier in der Schweiz aufgewachsen. 2013 war es für mich daher klar, dass ich mich für die Aramäer und verfolgte Christen generell in der Krisenregion einsetzen möchte.

Doch es war nicht einfach: Viele Christen waren aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit in den UN-Flüchtlingscamps diskriminiert worden. Sie suchten daher Zuflucht ausserhalb der Camps und waren dadurch aus dem Blickfeld der Hilfsorganisationen verschwunden. 2013 suchte ich das Gespräch zu mehreren Schweizer NGOs und machte sie auf diese Problematik aufmerksam. Die bestehenden Organisationen wollten jedoch nicht spezielle Hilfe für die christliche Minderheit leisten. So gründete ich Aramaic Relief mit Fokus auf verfolgte und diskriminierte Minderheiten.

zentralplus: Sie führen auf Ihrer Website auf, dass Sie mit 180 Hilfsgüterverteilungen bislang 101’500 Flüchtlingen geholfen haben. Wie beurteilen Sie die bisherige Entwicklung von Aramaic Relief?

Aydin: Wir sind sehr zufrieden. Innert kürzester Zeit haben wir sowohl die Anzahl der Projekte als auch die Anzahl der Verteilungen sowie die Menge an Hilfsgütern pro Verteilung enorm gesteigert. Zurzeit bauen wir auch eine Schule für 200 syrische Kinder, die wir selbständig finanzieren. Aramaic Relief profitiert bei seinem Engagement von geringen Verwaltungskosten und davon, dass wir fast ausschliesslich mit Menschen vor Ort zusammenarbeiten. So können wir mit wenig Geld vielen Flüchtlingen helfen.

zentralplus: Mit wie viel Geld denn genau?

Aydin: Mit beispielsweise 100 Franken können wir vier Lebensmittelpakete finanzieren und damit vier Familien für zwei Wochen versorgen. Unsere Spendeneinnahmen sind von 2013 bis 2015 um ein Vielfaches gewachsen. Wir profitieren bei den Spenden von unserer Medienpräsenz. Diverse Regionalzeitungen und das Schweizer Fernsehen haben bereits über unsere Arbeit berichtet. Auch auf Social Media sind wir sehr aktiv.

zentralplus: Sie kommen aus der Rohstoffbranche und waren 2013 ein Quereinsteiger auf dem Feld der Entwicklungshilfe. Anfänger machen Fehler. Was haben Sie und Ihre Organisation in den vergangenen drei Jahren gelernt und bereits geändert?

Aydin: Wir lernen mit der Arbeit. Zum Teil haben wir die Produktelieferanten gewechselt, weil wir günstigere und bessere Anbieter fanden. Grundsätzlich haben sich unsere Systeme aber bewährt.

zentralplus: Ihre kleine Organisation ist in vier Ländern engagiert: Syrien, Irak, Libanon und Jordanien. Sie versorgen Flüchtlinge mit Nahrung, Kleidung und Hygieneartikeln. Sie unterstützen Studenten und helfen beim Aufbau von Schulen. Wie können Sie auf all diesen Feldern kompetent Hilfe leisten?

Aydin: Wir wollen im Nahen Osten nicht nur Kleider verteilen, sondern den Flüchtlingen umfassend helfen. Dabei profitieren wir, wie gesagt, vom Know-how der Menschen vor Ort. Die bereits genannte Schule bauen wir beispielsweise in Zusammenarbeit mit der syrisch-orthodoxen Kirche. Wir stellen die Finanzen zur Verfügung, koordinieren gemeinsam das Konzept, und die Kirche übernimmt die operative Leitung. Wir helfen, lassen uns aber auch helfen.

«Wir haben sowohl beim Bund als auch bei einer bekannten Sammelinstitution angefragt. Beide bevorzugen es, ihre bewährten Partner zu unterstützen.»

zentralplus: Keine Hilfe haben Sie bislang vom Bund erhalten, der seit 2011 250 Millionen CHF für die Flüchtlinge des syrischen Bürgerkriegs ausgegeben hat. Weshalb?

Aydin: Wir haben sowohl beim Bund als auch bei einer bekannten Sammelinstitution angefragt. Beide bevorzugen es, ihre bewährten Partner zu unterstützen.

zentralplus: Ist es ein Nachteil, dass Sie nicht von der Stiftung «Zewo» zertifiziert sind, welche über die Transparenz gemeinnütziger Organisationen wacht?

Aydin: Das ist schwer zu sagen. Im Sommer 2015 wurden wir als gemeinnütziger Verein anerkannt. Aufgrund unseres schnellen Wachstums hatten wir in diesem Jahr beschlossen, uns für die Prüfung der Zewo anzumelden. Das werden wir im kommenden Jahr tun.

«Viele NGOs haben sich aufgrund der Gefahr aus Syrien zurückgezogen.»

zentralplus: Durch Ihre Reisen für Aramaic Relief haben Sie immer wieder Einblick in die Krisenregion. Wie beurteilen Sie die internationale Hilfe für die Opfer des syrischen Bürgerkriegs?

Aydin: Die internationale Gemeinschaft hat im Fall des syrischen Bürgerkriegs versagt. Speziell in Syrien selbst ist die Situation derzeit dramatisch. Gerade die, denen es am schlechtesten geht, erhalten viel zu wenig Unterstützung. Wiederholt habe ich gesehen, dass die Güter von Hilfsorganisationen nicht gerecht verteilt wurden. Viele NGOs haben sich aufgrund der Gefahr aus Syrien zurückgezogen. Wir von Aramaic Relief reisen weiterhin nach Syrien und helfen mit unseren lokalen Partnern in weiten Teilen des Landes, dort, wo die Not am grössten ist.

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