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«Wir haben vor Freude geweint»
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Joseph Brunner trifft am Montagmorgen in der Backstube der Bäckerei Brunner ein gewaltiges Bild der Zerstörung an. (Bild: srf: Schweiz Aktuell )

Hilfe für verwüstete Bäckerei in Dierikon «Wir haben vor Freude geweint»

4 min Lesezeit 12.06.2015, 12:00 Uhr

Die Backstube der Bäckerei Brunner in Dierikon wurde vom Unwetter vollständig zerstört. Trotzdem verkauft die Bäckerei weiterhin Brot. Dahinter steckt Spontaneität und eine grosse Portion Menschlichkeit.

Die Gemeinde Dierikon wurde vergangenen Sonntag von einem schweren Unwetter verwüstet (zentral+ berichtete). Eine Frau und ihr Kind sind dabei auf tragischste Weise in einer Tiefgarage ertrunken. Auch die Bäckerei Brunner an der Rigistrasse 22 durchlebt turbulente Zeiten – erhält aber überwältigende Unterstützung von Berufskollegen.

Produktion zerstört

Der Schock war gross, als Joseph Brunner am Sonntagabend sah, was das Unwetter in seiner Backstube angerichtete hatte. «Im ersten Moment spürt man eine grosse Hilfslosigkeit. Das Ausmass der Verwüstung hat uns erschüttert.» Die Bäckerei Brunner produziert in Dierikon für sämtliche fünf Verkaufsstellen, welche am Montagmorgen hätten beliefert werden sollen. Zwei befinden sich in Dierikon selbst, je eine in Adligenswil, Buchrain und in der Stadt Luzern.

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Der Gedanke an den Montagmorgen war Brunner trotz des Schocks präsent. «An eine Produktion war nicht zu denken, also habe ich bei Berufskollegen nachgefragt, ob sie meine Filialen beliefern können.» Trotzdem hatte Brunner Angst, dass seine Verkaufstheken leer bleiben würden – doch das Gegenteil traf ein.

Welle der Solidarität

Spontan hätten seine Berufskollegen zugesagt, die Belieferung zu übernehmen. «Es war irrsinnig und sehr berührend, dass dies klappte. Einfach sensationell. Wir haben vor Freude geweint», beschreibt Brunner seine Gefühle über die Welle der Solidarität. In der Bäckerbranche kenne man einander. Und diese Menschlichkeit und Hilfe von Mitbewerbern habe ihn beeindruckt.

«Die Unterstützung für die Bäckerei Brunner in dieser Situation ist selbstverständlich.»

Willi Suter, Bäcker aus Egolzwil

Eine von fünf Filialen der Bäckerei Brunner liegt in Luzern am Hirschengraben gleich neben «Suter’s Meile». Suter’s Meile produziert die Backwaren ebenfalls nicht in Luzern, sondern in Egolzwil. Seit dieser Woche beliefert Suter auch die Filiale von Brunner. «Die Unterstützung für die Bäckerei Brunner in dieser Situation ist selbstverständlich», sagt Geschäftsführer Willi Suter.

«Er ist ein feiner Typ»

«Ich habe die Bilder der Backstube von Joseph Brunner im Fernsehen gesehen», sagt ein mitfühlender Suter. «Wir sind gleich alt und waren zusammen in der Berufsschule. Er ist ein feiner Typ, und auch unsere Frauen kennen sich gut.» Er kann gut nachvollziehen, wie ohnmächtig man sich in einer solchen Situation fühlt. Es sei für ihn unvorstellbar, wie aus einem kleinen Bach ein solcher Tsunami werden könne, sagt Suter.

Suter schildert die Szene am Sonntagabend. «Etwa um 22 Uhr wurde Brunners Backstube zerstört, um 23 Uhr war klar, dass nicht gebacken werden kann. Um 1 Uhr in der Nacht hat mich Joseph Brunner angerufen und gefragt, ob ich seine Filiale am Hirschengraben beliefern könne. Ich habe zugesagt und um 6 Uhr am Montagmorgen öffnete die Bäckerei – so wie immer.»

Details werden geregelt – irgendwann

Aus logistischer Sicht sei dies keine grosse Herausforderung gewesen, weil Suter’s Meile gleich daneben liegt. Auch produktionstechnisch habe er den Mehraufwand bewältigen können. «Um 3 Uhr hat übrigens auch «Suter’s Meile» angerufen und über Hochwasser am Hirschengraben geklagt.» Natürlich sei es ein vergleichsweise kleiner Schaden gewesen, aber es passte in diese turbulente Nacht.

«Falls jemand eine leere Backstube weiss, kann er sich gerne melden.»

Joseph Brunner, Bäcker aus Dierikon

Seit diesem Telefon in der Nacht auf Montag habe er von Brunner nichts mehr gehört, sagt Suter. Über Geld habe man noch kein Wort verloren. Dies sei kein Problem. «Ein solches Ereignis verändert von einem Tag auf den anderen alles. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.» Alles weitere werde man zu gegebener Zeit regeln.

Keine Dinkelpastete am Hirschengraben

In der Brunner Filiale am Hirschengraben erhält man bis auf weiteres das Sortiment Suter’s. Zu 80 Prozent sei dies annähernd deckungsgleich. Brunners Spezialitäten gibt es momentan nicht zu kaufen. «Eine Möglichkeit wäre, eine provisorische Backstube einzurichten, um unsere Spezialitäten herzustellen. Falls jemand eine leere Backstube weiss, kann er sich gerne melden», so Brunner. Die 13 Angestellten in der Produktion würden die nächsten zwei bis drei Wochen bei den Räumungen helfen. Was in der Zeit des Umbaus bis zur Wiedereröffnung der Backstube mit ihnen passiert, kann Brunner noch nicht sagen.

Backen ist für Joseph Brunner (in der Bildmitte) und sein Produktionsteam momentan unmöglich. Sie sind mit Aufräumarbeiten beschäftigt. (Bild: www.beck-brunner.ch)

Backen ist für Joseph Brunner (in der Bildmitte) und sein Produktionsteam momentan unmöglich. Sie sind mit Aufräumarbeiten beschäftigt. (Bild: www.beck-brunner.ch)

Über die Dauer der «Zusammenarbeit» haben die beiden Bäckermeister noch nicht gesprochen. Brunner nennt zwei Monate als optimistischen Zeithorizont. «Alles ist kaputt: Zuerst muss alles trocknen, dann werden die Böden herausgerissen und erneuert. Auch sämtliche Einrichtungen und die Kühlanlage müssen ersetzt werden.»

Wiederaufbau dank grosser Unterstützung

Dass es in Dierikon weiter geht, ist nicht selbstverständlich. Brunner sagt: «In einem solchen Moment spürt man eine grosse Leere.» Seine Familie habe ihn ermuntert, weiterzumachen. Auch die Unterstützung durch die Berufskollegen sieht er als Anschub. Und auch Suter wünscht Brunner Kraft: «Ich hoffe, er hat genügend Moral für den Wiederaufbau.»

Mehr Eindrücke von der zerstörten Backstuben finden Sie hier in unserer Bildergalerie:

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