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«Wir haben genug von immergleicher Massenware»
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Einer der ältesten in Luzern ist der Flohmarkt an der Reuss. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Flohmarkt-Trend in Luzern «Wir haben genug von immergleicher Massenware»

5 min Lesezeit 05.06.2015, 12:01 Uhr

Flohmärkte boomen in Luzern. Immer mehr Lokale, Vereine und Private veranstalten Secondhandmärkte. Die Expertin hat eine Erklärung dafür, die fast alle Trends der heutigen Zeit beinhaltet. Und auch dafür, was der Trend mit Slow Food und der Digitalisierung zu tun hat.

Ausgebucht. Augebucht bis Sommer 2015. Ausgebucht bis September 2015. So sieht es aus, wenn man bei einem der grossen Flohmärkte in Luzern einen Stand ergattern möchte. Und nicht nur an der Reuss, im Südpol und im Neubad sind die Flohmärkte regelrechte Magnete.

Der Flohmarkt-Klassiker in Luzern, auf der Unteren Burgerstrasse bis zum Rathaussteg, findet bereits seit 1978 statt. Im Südpol fing die Erfolgsstory mit dem Flohmarkt 2010 an. Und nun zog auch die Zwischennutzung Neubad nach und veranstaltet seit Mitte 2014 den Flohmarkt «Strandgut». Und nicht nur den. Auch der Musikerflohmarkt wurde im Neubad eingeführt.

«Es ist absurd, für jeden Lebensabschnitt alles neu zu kaufen und danach wieder zu entsorgen.»
Dorothea Schaffner

Quartierfeste wie das Industriestrassenfest waren schon immer ein beliebter Ort für «Hol-und-Bring»-Märkte und andere Tausch- und Secondhandmärkte. Mittlerweile wirbt man auf Flyern und Plakaten jedoch speziell damit. Und auch Private veranstalten in Innenhöfen Märkte. Oder sie organisieren Wohnungs-, Haus- oder Garagenverkäufe. Sogar Kirchen und Wohnbaugenossenschaften springen auf den Zug auf. Die katholische Kirche der Stadt Luzern beispielsweise. Dazu ist das System «Flohmarkt» auch online auf dem Vormarsch. Verschenkkreise, Tauschkreise, Secondhandgruppen als App oder in den sozialen Medien verzeichnen einen grossen Zuwachs.

Was ist Besitz?

Dorothea Schaffner ist Dozentin und Projektleiterin am Institut für Kommunikation und Marketing an der Hochschule Luzern im Departement Wirtschaft. Sie beleuchtet das Thema für uns aus der Sicht der Konsumentenforschung. Schaffner erklärt sich den Flohmarktboom mit einer Entwicklung, die viele Trendforscher derzeit thematisieren: «Es geht um die Entwicklung dahin, dass der Besitz an Bedeutung verliert und man akzeptiert, dass dann etwas nur noch für einen gewissen Zeitraum seins ist.»

An Flohmärkten wechsen viele Objekte die Besitzer und nach einigen Jahren werden sie vielleicht erneut an einem Flohmarktstand feilgeboten. «Diese Entwicklung passt zu vielen weiteren Trends unserer Zeit», so Schaffner. Darunter fallen beispielsweise die Themen Nachhaltigkeit, Authentizität und Sharing.

Dorothea Schaffner

Dorothea Schaffner

(Bild: zvg)

Beim Sharing geht es beispielsweise nicht darum, etwas Neues alleine zu besitzen, sondern zu teilen. Dazu zählt auch der Trend, einen Gegenstand einen Teil seiner Lebensdauer zu nutzen und ihn dann weiterzugeben. «Aus Sicht der Nachhaltigkeit ist es absurd, für jeden Lebensabschnitt alles neu zu kaufen und danach wieder zu entsorgen. Nehmen wir als Beispiel einen Kinderwagen oder ein Kindervelo. Es macht bei solchen Dingen doch viel mehr Sinn, dass sie mehrere Generationen nacheinander benützen können.» Dieses Bewusstsein entwickle sich immer stärker. «Der Boom von Sharing und Weiterverkaufen hat auch viel mit der Digitalisierung zu tun. Diese macht es uns viel einfacher, Dinge mit anderen Leuten zu teilen oder zu tauschen.»

Was hat das mit Essen zu tun?

Auch «Slow Living» ist ein Stichwort, der mit dem Trend Flohmarkt zusammenhängt. Slow Food als Gegenbewegung zum Fast Food ist bereits bekannt. Eine Gegenbewegung, die jedoch beispielhaft für viele andere sei. Der Inhalt: sich Zeit zu nehmen, um etwas Spezielles, etwas Einzigartiges zu finden, anstatt dass man möglichst schnell möglichst viel besorgen will.

Die Zeit spielt keine Rolle beim Flohmarkt, auch der finanzielle Aspekt nicht. «Man zahlt nicht unbedingt weniger an einem Flohmarkt. Darum geht es nicht. Auch nicht um den grösseren Aufwand», so Schaffner. «Es geht darum, im heutigen Überfluss und bei dem kommerziellen Massenkonsum noch etwas mit einem guten Gefühl kaufen zu können.» Es sei dann auch ein sozialeres Einkaufen. Man hat Kontakt mit den Leuten – lernt vielleicht die Geschichte des Stücks kennen, welches man kauft.

«Viele Leute haben langsam genug davon, dass alles gleich aussieht und in Massen produziert wird.»
Dorothea Schaffner, Dozentin IKM 

Es gibt auch viele, die dafür sogar reisen, Flohmärkte in New York, Berlin oder Paris nach Schätzen abklappern. «Es macht einen Bilderrahmen oder eine Jacke wertvoller, greifbarer und echter, wenn eine Geschichte daran hängt. Man stellt sich vor, wie der Bilderrahmen im Wohnzimmer einer älteren eleganten Dame in Berlin stand, was diese Frau alles erlebt hat, vielleicht war sie Schauspielerin oder hat den Krieg miterlebt, vielleicht war das Foto darin von einem ihrer Kinder oder das eines Liebhabers aus der Jugend.» Oder welche Abenteuer eine Jacke in New York bereits durchgemacht hat, welche wichtigen Leute sie getroffen hat. Dies führe zu einem Gefühl von Authentizität und Einzigartigkeit, die in der Konsumgesellschaft ansonsten kaum mehr zu finden sei.

Neben dem Slow Food findet sich auch eine weitere Parallele beim Thema Essen und Flohmärkte. Und zwar die zu Foodwaste, was derzeit ebenfalls in aller Munde ist (zentral+ berichtete). «Wir sind eine Wegwerfgesellschaft und das steht immer mehr im Fokus.» Eine Anti-Konsum-Haltung, eine Auflehnung gegen die Verschwendung kommt dabei zum Audruck.

Hat ein Gegenstand Geschichte?

Bereits seit den 60er Jahren werden der Massenkonsum und seine negativen Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesellschaft fundamental kritisiert, erklärt Schaffner. Trotzdem habe sich dieser Konsum in den letzten Jahren noch extremer entwickelt. «Viele Leute haben langsam genug davon, dass alles gleich aussieht und in Massen produziert wird.» Der Gegentrend geht deshalb hin zum Einzelstück mit Geschichte.

«Nun ist der Wohlstand so weit fortgeschritten, dass man sich den Nachhaltigkeitsgedanken leisten kann.»
Dorothea Schaffner

Doch eine Frage stellt sich bei Flohmärkten, die dem Ganzen eine weniger positive Note verleiht: Besitzen wir so vieles, das wir nicht brauchen, nie gebraucht haben? Denn woher nähmen wir sonst die ganzen Dinge zum Verkaufen?

«Wir leben in einem grossen Überfluss. Und der steigende Wohlstand liess uns verschwenderisch werden. Nun ist der Wohlstand so weit fortgeschritten, dass man sich den Nachhaltigkeitsgedanken leisten kann und einen vernünftigen Umgang mit dem Überfluss sucht», erklärt Schaffner.

Doch der Verkauf der Dinge, die man nicht braucht, sei wiederum ein gutes Zeichen, so Schaffner. Sie erklärt sich die Motivation der Flohmarktverkäufer folgendermassen: «Es tut uns heute weh, Dinge fortzuwerfen, die noch gut in Schuss sind. Es sind grundsätzlich wertvolle Dinge, die man aber selbst nicht benutzt. Also verkauft man sie und stellt damit sicher, dass sie gebraucht und geschätzt werden.»

Alle diese Entwicklungen sind nicht neu, erklärt Schaffner. «Aber sie schwappen immer mehr über – auf die jungen Generationen.» Es seien nicht mehr nur die Birkenstockträger, die sich für Themen wie Nachhaltigkeit interessierten. «Mittlerweile käme es eher schräg rüber, wenn man sagen würde, man interessiere sich überhaupt nicht dafür.»

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