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«Wir dachten es hält ewig»
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Starke, junge Mütter auf der Suche nach einer Lehrstelle: Sabine Schumacher, Aliya Musina, Lydia Fessehai und Ramona Bütler. (Bild: Yasmin Biletter )

Neues Projekt für junge Mütter «Wir dachten es hält ewig»

8 min Lesezeit 16.12.2013, 13:00 Uhr

Wer früh Mutter wird, verpasst oft den Einstieg ins Berufsleben. Ein neues Projekt unterstützt junge Frauen aus der Innerschweiz beim Sprung in die Arbeitswelt. zentral+ stellt vier junge Frauen vor, die bereits im Teenager-Alter Mutter wurden.

«Ich hatte den grössten Schock meines Lebens», sagt Janina über den Moment, als sie erfuhr, dass sie schwanger war. Sie war 17 Jahre jung, schön und hatte gerade eine Lehre begonnen mit dem Plan danach zu studieren. Dann war sie «erst mal» Mutter. Erst mal, wie lange das dauern wird, war ihr damals nicht bewusst. Es überstieg die Vorstellungskraft einer 17-jährigen. Ihre Tochter ist heute zwei Jahre alt, eine Ausbildung hat sie nicht. Als Mutter war ihre Zukunft beruflich, erst mal auf Eis gelegt.

Pilotprojekt hilft jungen Müttern beim Einstieg ins Berufsleben

Ein neues Projekt für junge Mütter soll ihr nun den Sprung ins Berufsleben erleichtern. Janina ist eine von 18 Teilnehmerinnen, die fünf Tage die Woche den Unterricht des «MIA – Innerschweiz» an der Zürichstrasse in Luzern besuchen. Die Räumlichkeiten erinnern an eine Mischung aus Kindergarten und Berufsschule. Pulte angeordnet in Hufeisenform, Fotos von Kindern an den Wänden, eine Wandtafel, Spielzeug, Laptops, Kinderbücher und eine Kaffeemaschine. Initiiert wurde das Projekt von der Albert Koechlin Stiftung. In Basel und Zürich gibt es ähnliche Angebote, im Kanton Luzern wird es das erste Mal durchgeführt.

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Am heutigen Morgen führt die Lehrlingsverantwortliche der Modekette «Chicorée» durch den Unterricht. Sie bespricht mit den Teilnehmerinnen die typischen Fragen bei einem Vorstellungsgespräch. Auf heikle Fragen im Bezug auf das Kind sollen die Frauen ehrlich antworten. Sie dürfen aber auch ihre, durch das Muttersein erworbenen, Stärken hervorheben: Sie sind selbstständig, können Verantwortung übernehmen und haben gelernt flexibel zu reagieren.

Die Gesprächsthemen der jungen Frauen in der Pause drehen sich um Liebe, Sex und natürlich die Kinder. «Es tut gut bei den anderen auch einmal Dampf ablassen zu können, wenn die Kleine wieder einmal mühsam war», sagt eine Schülerin. Schwierige Probleme mit dem Partner oder Sorgen mit dem Kind, können sie auch im Rahmen des Erziehungsmorgens anbringen. Neben Persönlichem werden dort allgemeine Erziehungsthemen wie Fantasiefreunde oder Aufklärung bei Kleinkindern behandelt.

Dabei fällt ein Merkmal auf, welches sie wohl mit vielen anderen Schülern gemeinsam haben: sie schauen unglaublich oft auf ihr Handy. 

Junge Mütter sind keine Wunschkandidatinnen

«Die Lehrstellensuche, das ist klar, wird als junge Mutter nicht einfacher», – im Gegenteil, sagt Bettina Bach Leiterin des Projekts: «Für viele Ausbildungsbetriebe gehören junge Mütter schlicht nicht zu den Wunschkandidatinnen.» Sie hätten es darum besonders schwer, eine Lehrstelle zu finden. Viele Ausbildner befürchten, dass es mit der Kinderbetreuung nicht klappen könnte und die Frauen überfordert seien. Ohne qualifizierte Ausbildung sei es zusätzlich schwierig, Arbeit zu finden. Somit seien die Betroffenen oft von der Sozialhilfe abhängig. Nur wer den Schritt ins Berufsleben schafft, kann laut Bach ein selbstbestimmtes Leben, unabhängig von der Sozialhilfe führen. Neben einer Ausbildung fehlt den jungen Müttern oft auch ein gesundes Selbstbewusstsein. Das liegt laut Bach daran, dass sie oft im Fokus stehen. «Nicht weil sie die Rolle als Mutter nicht erfüllen können, sondern weil viele Augen auf sie gerichtet sind. Da muss das Kind nur einmal vor der Migros schreien und ein ganzes Dorf schaut hin.»

Früher gab es mehr junge Mütter

Junge Mütter galten nicht immer als Exotinnen. Noch 1970 waren rund 33 Prozent der Mütter bei der Geburt ihres Kindes jünger als 25 Jahre alt. 2012 waren es lediglich noch 8,5 Prozent. Es gibt keine Erhebung, wie viele junge Mütter ohne Ausbildung dastehen, das Bedürfnis nach einem Angebot wie «MIA» sei aber definitiv da. Bach betont, dass sie keine Lehrstellen vermitteln, sondern höchstens Lobby-Arbeit betreiben. Zudem dürfen nur Mütter teilnehmen, die das aus Eigenmotivation tun. 

Statistik (BFS)

Statistik (BFS)

zentral+ hat vier junge Mütter gebeten, ihre Geschichte zu erzählen.

Sabine Schumacher, 19 Jahre, Tochter 18 Monate
Lehrstellenwunsch: Fachfrau Betreuung oder Büroassistentin

Sabine Schoch wirkt wie ein schüchternes, nettes Mädchen wenn sie spricht. Sie war 17 Jahre alt, als sie wegen Migräne zum Arzt ging und sich der Schmerz im Kopf als Baby im Bauch entpuppte. Von diesem Tag an sollte sich alles ändern. Auch das Verhältnis zu ihrer Mutter. «Meine Mutter war beim Arztbesuch dabei und sagte, sie unterstütze mich bei meiner Entscheidung. Danach redete sie eine Woche lang nicht mit mir und schickte mich stattdessen zu einer Psychologin, die mich über Abtreibung und Beerdigung zutextete», erzählt Sabine. Sie glaubt, ihre Mutter habe ihre Entscheidung bis heute nicht akzeptiert. Nach dem ersten Schock über die Schwangerschaft freuten sich Sabine und ihr damals 21-jähriger Freund auf den Nachwuchs. Die beiden suchten eine gemeinsame Wohnung und bildeten ein Jahr lang eine zufriedene Kleinfamilie. «Meine Tochter steht für mich im Vordergrund», erklärt die junge Mutter. Auch wenn es schwierig sei, dass ihr Freund bei der Hausarbeit nicht freiwillig mithelfe und keinen Sinn darin sehe, sich um die Kleine zu kümmern, wenn sie anwesend ist. Das «MIA» biete da eine willkommene Abwechslung zum Dasein als Vollzeit-Mutter. «Ich habe Zeit für mich, kann mich schulisch verbessern und es ist interessant, mich mit den anderen Müttern auszutauschen.»

Sabine Schumacher. Bild (APOLLON Photography)

Sabine Schumacher. Bild (APOLLON Photography)

Lydia Fessehai, 21 Jahre, Tochter 2 Jahre
Lehrstellenwunsch: offen

«Ich dachte jetzt ist mein Leben vorbei», erinnert sich die junge Frau mit afrikanischen Wurzeln. Mit 14 kam sie in die Schweiz, mit 18 wurde sie schwanger. «Ich bin gegen Abtreibung, deshalb habe ich das Kind bekommen.» Mit ihrem damaligen Freund, einem Schweizer, fand sie eine Wohnung in Emmenbrücke. Er arbeitete, sie kümmerte sich um das Kind. Doch mit dem Babyglück kam auch die Isolation. «Ich war viel zu Hause und beschäftigte mich den ganzen Tag mit mir selber.» Als ihr Freund sie verliess, bekam sie Schwangerschaftsdepressionen: «Ich war die ganze Zeit traurig, schlecht drauf und wenn die Kleine weinte, dachte ich, dass ich das nicht schaffe», erklärt Lydia. Sie machte eine Therapie. Dann nahmen die Behörden ihr das Kind weg. Lydia entschied, dass ihre Tochter zum Vater kommen soll. Sie darf ihr Kind nun alle zwei Wochenenden und Mittwochs sehen. Wenn sie einen Lehrabschluss hat, wird das Sorgerecht neu verhandelt. Das Angebot von «MIA» gibt ihr eine Tagesstruktur: «Vorher habe ich tagsüber oft geschlafen», sagt Lydia. Sie träumt von einem eigenen Coiffeure Laden. Jedoch nicht so ein «Schweizerischer», sondern einer der «Zöpfli und Extensions» macht, wie Lydia es in «ihrer Heimat» gelernt hat. Eine Lehre als Coiffeuse möchte sie allerdings nicht machen, sondern eine «die einfach ist und die ich einfach durchziehen kann, fertig.» Lydia freut sich auf den Moment, wenn ihre Tochter wieder bei ihr wohnen darf. Momentan sei die Situation aber gut so «Ich will erst eine Lehre machen, damit ich meiner Tochter auch etwas bieten kann» sagt sie und lächelt. 

Lydia Fessehai. Bild (APOLLON Photography)

Lydia Fessehai. Bild (APOLLON Photography)

(Bild: APOLLON Photography)

Ramona Bütler und Aliya Musina

Ramona Bütler, 20 Jahre, Tochter 1 Jahr
Lehrstellenwunsch: Pflegeassistentin oder Kauffrau

Ganz anders war es bei Ramona: Als einzige in der Klasse wollte sie jung Mutter werden – ihr Kind war «kein Unfall». «Als ich mit 19 schwanger wurde, bin ich fast ausgeflippt vor Freude! Ich habe mir gleich mehrere Schwangerschaftstests gekauft, weil ich es kaum glauben konnte. Es klingt vielleicht ein bisschen blöd, aber ich wollte nicht erst mit 30 schwanger werden», sagt die junge Frau und lacht verlegen. «Jetzt bin ich Mutter und nicht mehr alleine.» Der Vater ihrer Tochter ist fast 30 und arbeitet als Koch. «Wir waren frisch verliebt und dachten es hält ewig», sagt Ramona. Das Kind habe keinen negativen Einfluss auf die Beziehung gehabt, trotzdem suchen sie nun nach getrennten Wohnungen. Die jungen Eltern möchten keinen Konkurrenzkampf um ihre Tochter führen und deshalb im gleichen Dorf wohnen bleiben und je ein Kinderzimmer einrichten. Eine Lehrstelle hat Ramona noch nicht. Die Vorstellung eine Lehrstelle zu finden, bringt für sie nicht nur positive Gefühle mit sich: «Ich möchte nicht, dass die Kleine denkt, ich lasse sie alleine oder möchte sie abschieben.» Später wünscht sich Ramona vielleicht ein zweites Kind. 

Ramona Bütler. Bild (yab)

Ramona Bütler. Bild (yab)

Aliya Musina, 21 Jahre, Tochter 2 Jahre
Lehrstellenwunsch: Polygrafin oder Kauffrau 

«Es gehört in russischen Familien dazu, dass die Kinder von ihren Eltern geschlagen werden», sagt die hübsche Aliya. Aufgewachsen 1000 Kilometer entfernt von Moskau, ist sie ihrer Mutter vor zwei Jahren in die Schweiz gefolgt. «Ich konnte meine Mutter nicht alleine lassen», erklärt die junge Frau. Ihre Mutter wohnt mittlerweile in Spanien, Aliya wurde in der Schweiz selber Mutter. Von einem Schweizer, der sich vor der Vaterschaft drücken wollte, indem er seinen Bruder mit falschem Ausweis zum Vaterschaftstest schickte. Die Sache flog auf, der junge Mann musste ein zweites Mal – diesmal in Anwesenheit von Aliya – zum Test und die Vaterschaft anerkennen. Eine Abtreibung kam nicht in Frage. «Danach hätte ich laut den Ärzten ein 70-prozentiges Risiko gehabt, nicht mehr schwanger werden zu können», erklärt sie in beinahe perfektem Deutsch. Jetzt wohnt sie mit ihrer Tochter und ihrem neuen Freund, auch Russe, in Cham. «Die Beziehung ist sehr wichtig für mich. Gerade jetzt wo ich keine Familie mehr in der Schweiz habe, brauche ich seine Unterstützung», sagt Aliya. Seit eineinhalb Jahren ist sie mit dem Informatiker zusammen: «Mein Freund ist ganz anders als andere russische Männer. Er ist selbstständig und hat sich aus seinem gesparten Geld ein Motorrad gekauft.» Bis Ende Jahr möchte sie eine Lehrstelle finden. In Russland hat sie vier Jahre Kunst studiert, doch das zähle hier nicht. Kunst komme jetzt wo sie Mutter ist sowieso nicht mehr in Frage, da man erst bekannt werden muss, um mit Kunst Geld zu verdienen. «Für mich ist es wichtig finanziell unabhängig zu werden», sagt sie. Auf dem Weg zum Bahnhof erzählt sie von einem Lehrer der ihr immer wieder Werkzeuge zum Zeichnen und Farben zum Malen bringe. Er motiviere sie trotz allem mit der Kunst weiterzumachen, er will ihr helfen. «So einen guten Menschen habe ich noch nie getroffen», sagt Aliya und lacht. 

Aliya Musina. Bild (yab)

Aliya Musina. Bild (yab)

 

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