«Wir brauchen die Einnahmen aus dem Pin-Verkauf»
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Wenn sich das KKL blau verfärbt, ist Blue-Balls-Zeit: Auftritt von Gary Clark Jr. im Jahr 2015.

Urs Leierer vor dem Start des Blue-Balls «Wir brauchen die Einnahmen aus dem Pin-Verkauf»

8 min Lesezeit 1 Kommentar 21.07.2016, 11:09 Uhr

Ab Freitag erschüttert das Blue Balls wieder das Luzerner Seebecken – und 100’000 Besucher pilgern an über 80 Konzerte. Kurz vor dem Start sagt der langjährige Festivaldirektor Urs Leierer, wieso noch immer die wenig begehrten Pins verkauft werden. Und wieso er es gut findet, wenn man über den Namen Blue Balls lacht.

zentralplus: Sie seien «entspannt und bereit», sagten Sie kürzlich. Wie kann man einen Tag vor dem Festival entspannt sein?

Urs Leierer: Wenn man alles gut organisiert und top Mitarbeiter hat (und er klingt tatsächlich sehr entspannt). Ich habe ein super Team, ich bedanke mich jetzt schon bei allen Ehrenamtlichen, ohne sie würde das Festival nicht funktionieren. Der Verein Luzerner Blues Session, der das organisiert, macht einen super Job.

zentralplus: Von wie vielen Ehrenamtlichen sprechen wir?

Leierer: Abgesehen von den Leuten, die in der Produktion, in der Gastronomie und in den Locations Schweizerhof und KKL arbeiten, sind es 2500 Tageseinsätze von Ehrenamtlichen. Verteilt auf etwa 400 bis 500 Freiwillige.

zentralplus: Während des Festivals sind Sie dann kaum mehr so entspannt.

Urs Leierer steht jeweils selbst auf der Bühne: Er moderiert die Konzerte ab und an.   (Bild: zvg)

Urs Leierer steht jeweils selbst auf der Bühne: Er moderiert die Konzerte ab und an.   (Bild: zvg)

Leierer: Dann steigt das Adrenalin etwas. Aber viele Leute im Team sind schon sehr lange dabei, auch ich mache seit 24 Jahren nichts anderes.

zentralplus: Was sind die beliebtesten, was die unbeliebtesten Helferjobs am Blue Balls?

Leierer: Am unbeliebtesten sicher Reinigung und Abfalljobs. Hart ist auch der Aufbau in dieser Hitze. Interessant ist der ganze Backstage- und Cateringbereich, wo man mit den Artisten in Kontakt kommt.

zentralplus: Der Verkauf von Pins scheint auch nicht sehr begehrt. Wieso halten Sie an diesem System fest? (Für 20 Franken erhält man während des ganzen Festivals Einlass ins Rahmenprogramm im KKL, Schweizerhof und beim Pavillon.)

Leierer: Das stimmt, aber man kriegt immerhin eine bescheidene Kommission. Es ist ganz schwierig, was sich die Verkäufer teilweise anhören müssen, das ist unter der Gürtellinie. Aber was soll ich sonst machen, wir brauchen diese Einnahmen. Ich danke jedem, der einen Pin kauft.

«Das ganze DJ-Zeugs interessiert mich weniger. Die bedienen sich beim kreativen Gedankengut anderer Künstler und mixen es neu.»

Blue-Balls-Direktor Urs Leierer

zentralplus: Reden wir über Musik. Wofür schlägt Ihr Herz: für die gestandenen Stars oder für die Newcomer?

Leierer: Grundsätzlich für Kreativität in allen Bereichen und Facetten, ob Musik, Kunst oder Video. Ich finde vor allem die jungen Talente sehr interessant, es macht Spass mit denen. Bei Newcomern spürt man das Herzblut und den Enthusiasmus, die geben alles. Für andere Acts ist es eher ein Geschäft. Aber ich konnte es bis jetzt noch mit fast allen Künstlern gut.

zentralplus: Und hören Sie eher modernen Pop oder alten Blues?

Leierer: Ich habe mit Blueskonzerten angefangen, es ist meine Musik. Auch zu Hause nehme ich ab und zu meine Gitarre in die Hand und spiele den Frust los, wenn ich den Blues habe (lacht). Ich finde Musik dann interessant, wenn ein Handwerk dahinter ist und live gespielt ist. Das ganze DJ-Zeugs interessiert mich weniger. Die bedienen sich beim kreativen Gedankengut anderer Künstler und mixen es neu.

«Ich gehe nur Risiken ein mit diesem Festival!»

zentralplus: Es ist ja ein gewisses Risiko: Als Sie das diesjährige Festival-Face Shura gebucht haben, hatte diese noch kein Album veröffentlicht – das Debüt ist erst im Juli erschienen (siehe Box unten).

Leierer: Ich gehe nur Risiken ein mit diesem Festival! Es ist unser Konzept: Der Künstler, der Festival-Face wird, muss vielversprechend sein, das Debüt kurz vor dem Festival veröffentlichen und am Blue Balls den ersten Schweizer Gig spielen. Wir geben diesen Künstlern eine riesige Plattform, nirgends in der Schweiz bekommt man auf einen Schlag eine solche Präsenz. Aber ob es funktioniert oder nicht, das kann ich nicht beeinflussen. Letztes Jahr hatten wir James Bay, jetzt könnten wir ihn nicht mehr bezahlen und er spielte auf dem Gurten auf der Hauptbühne. Der wird nur noch hochgeboten, das geht so rasant.

Und das ist das diesjährige Festival-Face Shura:

 

zentralplus: Aber das Blue Balls kann sagen: Wir waren die Ersten!

Leierer: Klar, es ist ein gutes Gefühl. Wir wollen ein Festival der Entdeckungen sein. Wir bringen frische Sachen wie Ala.ni, Sóley oder Frances (siehe Box), die das erste Mal in der Schweiz spielen. Bei denen erwarten wir nicht, dass das Konzert ausverkauft ist, aber sie kriegen die Möglichkeit, in einem qualitativ hervorragenden Saal zu spielen.

So tönt die Isländerin Sóley:

 

zentralplus: Das Festivalbusiness ist hart geworden, der Markt ist stark umkämpft und der Wettstreit um die Gagen unerbittlich. Wieso tun Sie sich das noch an?

Leierer: Es ist oft frustrierend, wie überall im Leben. Um das im KKL überhaupt noch machen zu können, müssen wir erfinderisch und kreativ bleiben, ich kann das Kind ja nicht einfach sein lassen, auch wenn es jetzt volljährig ist. Das Ziel ist, das Festival auf eine gute Basis zu bringen, eine Struktur zu schaffen, die mich überlebt. Im Vergleich mit dem Montreux Jazz Festival haben wir einen viel weniger starken Rückhalt. Die sind etwa so verankert wie hier das Lucerne Festival. Wir hingegen kämpfen immer etwas alleine und suchen die Finanzen zusammen.

«Wir können nicht eine Gage von 200’000 Franken zahlen, dann würden die Ticketpreise massiv zu hoch.»

zentralplus: Open Airs treiben die Gagen in die Höhe, wieso können diese mehr bezahlen als das Blue Balls?

Leierer: Die machen eine andere Rechnung: Sie bieten vielleicht an einem Tag zehn Konzerte für einen Package-Preis, und es kommen 10’000 Leute. So können sie einen Headliner engagieren, der massiv viel Geld kostet, der sich aber einzeln nicht lohnen würde. Sie machen es wie die Grossisten: Man kriegt viel Ware für einen guten Preis. Aber wir können nicht eine Gage von 200’000 Franken zahlen, dann würden die Ticketpreise massiv zu hoch.

zentralplus: Sind sie’s nicht leid, dauernd mit Geld argumentieren zu müssen? Etwa dass das Blue Balls in Luzern eine Wertschöpfung von 10 Millionen Franken generiert?

Leierer: (seufzt) Logisch, aber ich weiss bald nicht mehr, was ich noch sagen soll. Ich warte auf den Tag, an dem sich jemand stark macht für uns.

zentralplus: Thomas Gisler ist nun das erste Mal mit an Bord (zentralplus berichtete) als Talent Buyer und für die Artist Relations. Konnte er schon Akzente setzen?

Leierer: Intern schon, er macht einen super Job. Er macht die ganze Vorbereitung für über 80 Acts, die er nicht selber gebucht hat. Das ist nicht ohne.

zentralplus: Was erhoffen Sie sich von ihm?

Leierer: Dass er mit mir 2017 ein gutes Programm macht. Das ist einfach gesagt, aber nicht einfach getan (lacht).

zentralplus: Sie lassen es sich auch dieses Jahr nicht nehmen, die Konzerte persönlich anzusagen. Ist das nicht ein Riesenstress?

Leierer: Ich gebe dem Festival ein Gesicht, ich mache das gerne und es gehört zu meiner Aufgabe. Einerseits um Gäste zu begrüssen, andererseits für die Musiker, damit sie nicht kalt auf die Bühne müssen.

«Stellen Sie sich vor: Ein Name, über den so viel geredet und gelacht wird, das ist doch super!»

zentralplus: Welches Konzert werden Sie sich bestimmt anhören?

Leierer: Ich werde in vieles hineinhören, sicherlich Bry, der vor KT Tunstall spielt. Dann viele coole Sachen im Pavillon und auch Milky Chance darf ich nicht verpassen.

Und so tönt das deutsche Duo Milky Chance:

 

zentralplus: Zuletzt eine Frage, die Sie wohl öfters hören: Noch immer gibt es Kopfschütteln über den Namen «Blue Balls». Halten Sie an diesem Namen fest?

Leierer: Stellen Sie sich vor: Ein Name, über den so viel geredet und gelacht wird, das ist doch super! Es gibt so viele Geschichten von Musikern, die auf der Bühne Witze darüber machen, was wünschen Sie sich mehr? Das Gute ist, dass man mehrere Sachen hineininterpretieren kann. Einfach gesagt, muss bei uns auf der Bühne alles «Balls» haben – es muss also etwas hergeben. Lustig finde ich die Leute, die fragen, ob wir überhaupt wissen, was der Name bedeute. (lacht).

(Wo wir schon dabei sind: Den Namen «Blue Balls» kann man tatsächlich unterschiedlich deuten: Im musikalischen Kontext geht er auf die «Blue Note» zurück: ein Begriff, der den Bluescharakter von Melodien beschreibt, schliesslich hat das Festival ja als Bluesfestival begonnen. Nun heisst aber zur Belustigung vieler Englischsprachiger «Blue Balls» auch einfach «Blaue Hoden» – und dabei geht es um Schmerz und Sehnsucht. Was ja auch wieder sehr gut zum Festival passt. Mehr Einzelheiten dazu lesen Sie hier.)

Das 24. Blue Balls Festival

Ab Freitag wird’s ums Luzerner Seebecken wieder laut und ausgelassen: Zwischen 22. und 30. Juli findet im KKL, Schweizerhof, im Pavillon am Quai sowie auf kleineren Bühnen draussen das Blue Balls Festival statt. Erfahrungsgemäss kommen rund 100’000 Besucher.

Die 24-jährige Britin Shura (eigentlich: Aleksandra Lilah Yakunina-Denton) ist das diesjährige Festivalgesicht. Sie tritt am Eröffnungsabend das erste Mal in der Schweiz auf vor dem französischen Elektro-Pop-Duo Air im Luzerner Saal. Shura hat eben erst ihr Debütalbum veröffentlicht – darauf gibt es recht schicken und zeitgemässen Synthie-Pop zu hören.

Shura ist eine von vielen Newcomern, deren Namen man noch kaum kennt, die am Blue Balls eine grosse Bühne erhalten, weitere sind: Frances, Ala.ni, Ibeyi, The Temperance Movement oder Sóley. Mit Laura Mvula kehrt zudem das Festival-Face von 2013 zurück und spielt im Weissen Saal.

120 Events

Letztlich lebt ein Festival von den bekannten Namen, auch davon kann das Blue Balls einige präsentieren: Seal, Keb’ Mo, Vintage Trouble, Katie Melua, The Corrs oder Zola Jesus. Es gibt für alle Konzerte noch Tickets, einzig Katie Melua ist ausverkauft.

120 Events stehen an den neun Tagen zur Auswahl – neben Konzerten sind das eine Fotoausstellung des Kanadiers Mark Peckmezian (er hat auch das diesjährige Festivalgesicht Shura abgelichtet), Live-Graffiti, Videoperformances oder ein Film über das Comeback der Britpop-Legenden Blur («New World Towers») sowie diverse Talks mit den Künstlern. Diese «Meet the Artists» finden täglich statt, Tickets dafür kann man nicht kaufen, sie werden jeweils ab 18 Uhr vor dem KKL verteilt.

50 Konzerte finden allein auf den Nebenbühnen statt, also vor dem KKL, im und vor dem Schweizerhof und im Pavillon am Quai. Dort kommen auch viele nationale und Luzerner Bands zu einem Auftritt. Aber auch im Luzerner Saal gibt es Luzerner Musik: Dort eröffnet das Luzerner Hip-Hop-Kollektiv 2041 (Mimiks, Emm, Kackmusikk, Marash, Dave, Luzi) für den Berliner Rapper Kool Savas.

Weitere Bilder gibt’s in der Galerie:

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1 Kommentare
  1. Jonas Schafer, 25.07.2016, 16:59 Uhr

    Es ist nicht der erste Auftritt von Soley in der CH – sie spielte 2013 bereits an der Bad Bonn Kilbi.

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