Im Winter wirken eine heisse Schokolade und Kuscheldecke oft verlockender als die Kälte draussen. Denise Hürlimann erklärt, wieso man trotzdem nach draussen gehen sollte.
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Im Winter wirken eine heisse Schokolade und Kuscheldecke oft verlockender als die Kälte draussen. Denise Hürlimann erklärt, wieso man trotzdem nach draussen gehen sollte. (Bild: Unsplash/@aminhasani/zvg)

Jeder Zehnte hat saisonale Stimmungstiefs Winterblues? Das rät eine Zuger Psychologin

4 min Lesezeit 11.11.2021, 19:09 Uhr

Die Tage werden kürzer, das Aufstehen am Morgen wird zunehmend schwerer. Zum Winterbeginn spüren erstaunlich viele den Winterblues. Eine Zuger Psychologin erklärt, was Menschen diesbezüglich mit Pflanzen gemeinsam haben und wie man saisonalen Stimmungsschwankungen vorbeugt.

Sobald das Laub zu fallen beginnt, fällt bei vielen auch die Stimmung. Auch die Autorin hat morgens zunehmend mehr Mühe, den Workout-Vorsatz nicht gegen eine halbe Stunde mehr Schlaf einzutauschen. Die auf Volksweisheiten gestützte Selbstdiagnose: Winterblues. zentralplus hat die Zuger Psychotherapeutin Denise Hürlimann gefragt, wie man diesem saisonalen Stimmungstief vorbeugt.

Weit verbreitetes Phänomen

Zuallererst: Gibt es den Winterblues überhaupt abseits des Volksmunde? Hürlimann bejaht dies. Sie habe in den Wintermonaten deutlich mehr Patienten. Dies zeigt sich auch bei einem Blick auf ihre Website: Aufgrund der hohen Nachfrage kann sie derzeit keine weiteren Patienten mehr aufnehmen.

Der Anstieg habe jedoch nicht nur mit dem winterlichen Stimmungstief zu tun. Gegen Ende des Jahres erleben viele eine Art Torschlusspanik à la «Schon wieder geht ein Jahr zu Ende und es hat sich nichts geändert», so Hürlimann.

«Jeder Zehnte hat Mühe mit saisonalen Stimmungsschwankungen. Tendenziell trifft es Frauen etwas mehr als Männer.»

Denise Hürlimann, Zuger Psychotherapeutin

Viele spüren aber tatsächlich den Winterblues. Wie sich zeigt, ist das Phänomen weit verbreitet: «Jeder Zehnte hat Mühe mit saisonalen Stimmungsschwankungen. Tendenziell trifft es Frauen etwas mehr als Männer.»

Zu wenig Licht sorgt für gestörten Schlaf

Das Winterbluesphänomen hat mit der Chronobiologie zu tun. Kurz zusammengefasst: Nicht nur die eigene Zimmerpflanze braucht hin und wieder Licht, sondern auch wir Menschen. «Licht ist ein ganz wichtiger Taktgeber, der uns zu grossen Teilen steuert», erklärt Hürlimann.

Fehlt das Tageslicht, kann die Produktion des Schlafhormons Melatonin tagsüber nicht genug reduziert werden. Dies wird vermehrt im Winter zum Problem, in dem man im Dunkeln zur Arbeit fährt und im Dunkeln wieder zurückkommt. Kälte hätte beim Winterblues jedoch kaum einen Einfluss. Allerhöchstens spielen die Temperaturen eine indirekte Rolle, da man wegen der Kälte weniger nach draussen geht und damit wieder weniger Licht aufnimmt.

«Gerade wenn man unter dem Winterblues leidet, ist es nicht mehr so einfach, sich aufzuraffen, um Leute zu treffen oder nach draussen zu gehen.»

Denise Hürlimann, Zuger Psychotherapeutin

Stattdessen wird die Corona-Pandemie in diesem Winter eine Rolle spielen, vermutet Hürlimann. Das Homeoffice begünstige die Entwicklung, immer mehr zu Hause zu bleiben. So rät sie trotzdem täglich nach draussen zu gehen, um etwas Licht zu sehen. Auch ein regelmässiger Rhythmus sei wichtig: Es hilft, jeden Tag etwa zur gleichen Zeit aufzustehen und die Mahlzeiten ungefähr zur gleichen Zeit einzunehmen.

Ähnlichkeit zu Depressionen

Infolgedessen erlebt man die typischen Winterbluesanzeichen: Man wird müder, schläft schlechter und hat morgens mehr Mühe aufzustehen. Dazu kommen ein allgemeines Stimmungstief, verstärkte Schmerzen, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten und bisweilen auch Vergesslichkeit.

Alles Symptome, die auch bei Depressionen vorkommen. Gemäss der Zuger Psychotherapeutin gibt es trotzdem Unterschiede: «Depressive Menschen kommen häufig zu weniger Schlaf und haben kaum Appetit. Hier ist es geradezu umgekehrt: Durch die Erschöpfung schlafen die Leute mehr und nehmen tendenziell zu.»

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Zudem zeigt sich die Nähe zur Erkrankung sprachlich: Winterblues bezeichnet in etwa das gleiche Phänomen wie saisonale Depressionen. Ersteres sei primär der umgangssprachliche Begriff. «Ich finde solche umgangssprachlichen Begriffe immer wertvoll, da dadurch der Dialog um das Tabuthema mentale Gesundheit begünstigt wird», freut sich Hürlimann.

Viereinhalb Tipps gegen das Stimmungstief

Da Winterblues so ein weit verbreitetes Phänomen ist, rät Hürlimann Betroffenen, es zuerst einmal mit Hausmitteln zu versuchen:

  • Ganz wichtig: Versuch, genug natürliches Licht aufzunehmen.
    • Sollte das schwer fallen, könne auch der Kauf einer weissen Lichtlampe mit 10’000 Lux helfen. «Ich habe damit sehr oft gute Erfahrungen gemacht», sagt Hürlimann. Es helfe, diese jeweils morgens einzusetzen.
  • Versuch, regelmässig nach draussen zu gehen. Gerade im Homeoffice soll man sich bewusst Zeit nehmen, um vorzugsweise Mittags draussen etwas frische Luft und Licht zu tanken.
  • Betätige dich sportlich und bleib in Bewegung.
  • Sei sozial aktiv: Triff dich mit Freunden oder telefonier mal wieder mit Verwandten und tausche dich aus.

Diese Tipps klingen vergleichsweise banal und einfach, doch der Eindruck täuscht: «Gerade wenn man unter dem Winterblues leidet, ist es nicht mehr so einfach, sich aufzuraffen, um Leute zu treffen oder nach draussen zu gehen.» Hier müsse man sich dann bewusst überwinden. Fixe Verabredungen mit anderern helfen dabei.

Sollten alle Stricke reissen oder es gesellen sich noch andere Beschwerden wie Schlafstörungen hinzu, rät Hürlimann dazu, sich professionelle Hilfe bei der Hausärztin oder einem Psychotherapeuten zu holen.

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