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Willkommen in der Welt der Shopping-Brachen
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Einkaufszentrum Letzipark: Was passiert in Zukunft mit den Einkaufsflächen von heute? (Bild: David Jäggi)

Einkaufszentren Thema im Krienser Bellpark-Museum Willkommen in der Welt der Shopping-Brachen

6 min Lesezeit 1 Kommentar 22.08.2019, 05:06 Uhr

Das Museum im Bellpark zeigt die Anfänge der Shopping-Malls in der Schweiz und was heute daraus geworden ist. Es fragt mit provokativen Thesen nach der Zukunft: Sind die heutigen Einkaufszentren die zukünftigen Brachen?

Luzern hat das älteste und das neuste Shopping-Center der Schweiz – das Schönbühl-Center und die Mall of Switzerland. 1967 und 2017. Das eine punktet mit seiner Stadtnähe, der Übersichtlichkeit und dem berühmten Alvar-Aalto-Turm; das andere mit Indoor-Surfen, Giga-Kino und Wohlfühl-Erlebnissen.

Willkommen in der Welt der Shopping-Center, diesen «dekorierten Schuppen», wie sie Hilar Stadler auch nennt. Der Leiter des Museum im Bellpark Kriens hatte schon lange eine Ausstellung über Einkaufszentren als wichtigen Teil der Alltagskultur im Hinterkopf: «Es ist so ein Riesenthema, das in unserem kleinen Rahmen eigentlich fast nicht zu bewältigen ist.»

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Tote Einkaufszentren

Und doch ist gerade das Bellpark als Agglo-Museum prädestiniert und hat schon verschiedene Siedlungsphänomene in Ausstellungen thematisiert. «Shopping-Center sind wie Landmarken, an denen man sich orientiert und wo man sich trifft», sagt er. Doch wie lange noch?

Wo man sich trifft: Werbeaufnahme für «Der Migros-Kosmos». (Bild: Archiv Migros-Genossenschafts-Bund)

Man kennt die drängenden Fragen: Sind die Konsumtempel in der digitalen Welt noch zeitgemäss? Ist die Mall ein Konzept von gestern? Verkommen die einstigen Zeugen der Modernisierung der Schweiz zu Agglo-Brachen an den Verkehrsadern?

«Das war unsere Ausgangsfrage: Was ist die nächste Brache, welche die Siedlung Schweiz ausscheidet?», so Stadler. Nach den Militär- und den Industrie- könnten das durchaus die Shopping-Brachen sein.

«Was wird man in Zukunft mit diesen Verkaufsflächen machen?»

Hilar Stadler, Museum Bellpark

Mit diesem provokativen Fokus taucht die Ausstellung in die Thematik ein, und Bilder des Fotografen und Filmers Reto Caduff aus den USA zeigen, dass die These so abwegig nicht ist. Dort ziehen die «Dead Malls» Instagram-Knipser und Youtuber auf der Suche nach Ruinenlandschaften an.

Klar, in den USA läuft die digitale Entwicklung weit rasanter und hat die ökonomische Katastrophe viel gnadenloser zugeschlagen. Aber die Entwicklung könnte uns noch blühen.

Gepflegte Ruine

In der Schweiz sind tote Malls mit einer Ausnahme noch nicht anzutreffen. «Jetzt funktionieren diese Verkaufsräume noch sehr gut, aber man wird sich überlegen müssen, was man mit diesen in Zukunft macht», sagt Stadler.

Das einzige Schweizer Exemplar eines ausgestorbenen Shopping-Centers ist das gescheiterte Centro Ovale in Chiasso. Aber im Gegensatz zu den USA sehen hierzulande selbst die Ruinen noch gepflegt aus, wie die Bilder in der Ausstellung zeigen. Stadler glaubt nicht, dass die Mall of Switzerland die Zukunft abbilde, sondern Bilder wie diese realistischer seien.

«Ladenschluss»: Dokumentation von Reto Caduff über «Dead Malls»:

Die neue Freiheit des Autos

Die Ausstellung blickt auch auf die Anfänge des modernen Marktplatzes. In den verschiedenen Räumen des Bellparks gibt es historische Bilder der ersten Selbstbedienungsläden aus den Archiven von Coop und Migros, in die man wunderbar nostalgisch eintauchen kann: alte Schriftzüge, Fleisch-Theken, retrohafte Beschilderungen und immer wieder Autos und Parkplätze. Ohne die neue Freiheit des motorisierten Verkehrs hätten sich die Einkaufszentren nie durchgesetzt. «Die neue Mobilität und die Idee des Wohnen im Grünen haben den Trend der Shopping-Center beflügelt», sagt Stadler.

Die Archivbilder werden mit Recherchen aus dem Jetzt konfrontiert – diese wirken im Gegensatz zu den pulsierenden Schwarz-weiss-Bildern oft trist und leer. Den aktuellen Zustand steuert der Zürcher Designer David Jäggi mit seiner präzisen Foto-Recherche «Die schönsten Shoppingcenter der Schweiz» bei, die in einer augenzwinkernden Publikation und einem Quartett mündete. «Das ist quasi eine Bestandesaufnahme der Schweizer Einkaufszentren», sagt Stadler.

Aufnahme aus dem Consumverein Chur von 1966. (Bild: Zentralarchiv Coop)

Das erste Einkaufszentrum

Fragen der Architektur und Modernität werden anhand des 1967 eröffneten Schönbühl-Centers in Luzern abgehandelt, von der eine ganze Foto-Dokumentation zu sehen ist. Gebaut wurde das Zentrum von Alfred Roth und Alvar Aalto.

«Wir dürfen ja sagen, dass wir das erste Shopping-Center haben», sagt Stadler, auch wenn böse Zungen behaupten, es handle sich nur um eine gedeckte Ladengasse. Aber zum ersten Mal wurden verschiedene Läden in einem Komplex zusammengeführt. «Ich glaube, heute sind Shopping-Center nicht sehr beliebte Arbeiten bei Architekten», sagt Stadler.

Das Shoppingcenter Schönbühl in Luzern auf einer Aufnahme von 1968. (Bild: Otto Pfeifer, Archiv Museum im Bellpark, Kriens)

Als Gegen-Konzept dazu steht das bis heute grösste Shoppingcenter des Landes in Spreitenbach. «Wir bauen uns ein Paradies», warb es bei der Eröffnung und es steht seither sinnbildlich für das Shopping als Erlebniswelt. «Das war für die Schweiz eine neue Stufe des Einkaufens», sagt Stadler.

Das 1970 eröffnete Zentrum sollte nach den Plänen des Amerikaners Victor Gruen zu einem umfassenden Erlebnis für die ganze Familie werden. Einkaufen nicht einfach als Konsum, sondern verbunden mit sportlichen, kulturellen oder Unterhaltungs-Aktivitäten. Das Konzept hat sich bis heute gehalten: Die Böötli-Fahrt im Wasser von damals ist heute die stehende Welle für Surfer in der Mall of Switzerland.

«Wir würden gerne unser Museum in ein ehemaliges Shopping-Center verlegen.»

Hilar Stadler, Leiter Museum Bellpark

Neben den eindrücklichen Bildern kommen in Videos Experten zu Wort – etwa Stadtplaner Walter R. Hunziker, der die ersten Einkaufszentren der Schweiz konzipiert hat. «Er ist eine wichtige Figur, er hat den Transfer der Ideen aus den USA in die Schweiz gemacht», sagt Stadler. Nach seinen ersten Plänen wäre sogar der See künstlich bis ans Schönbühl-Zentrum geführt worden, wie eine Skizze zeigt.

Und auch Kritik hat Platz, etwa anhand von Spreitenbach, wo die Beton-Architektur die Landschaft zementierte. «Es wurde schon 1976 sehr stark hinterfragt, ob das tatsächlich die Zukunft der Siedlung Schweiz ist», sagt Stadler. Das Zentrum droht das Dorf zu erdrücken, wie eine Aufnahme zeigt.

Einkaufen wird zum Erlebnis: Einweihung des Shoppingcenters Spreitenbach 1970. (Bild: Shoppi Tivoli Management AG)

Die Musealisierung der Einkaufstempel

Wie hält es Hilar Stadler selber mit Shopping-Malls? «Da ich ohne Autos unterwegs bin, schwöre ich aufs Authentische und gehe auf den Markt.» Gleichwohl fasziniert ihn das gesellschaftliche Phänomen – und sähe es als Verlust, wenn die Shopping-Center als verbindendes Element in der Agglo verschwänden.

Die Antwort nach der Zukunft der Mall hat auch Stadler nicht gefunden. Aber er glaubt, dass die Entwicklung Richtung Showroom geht, wo man die Produkte anfassen kann – bestellt werden sie dann online. «Dies ist quasi eine Art Musealisierung, und das interessiert uns als Museum natürlich», sagt Stadler. Oder die Malls werden zu durchmischten Zonen von Konsum, Unterhaltung, Arbeiten und Wohnen und akzentuieren ihre Funktion als gesellschaftliche Zentren.

Shopping-Center – diese «Museen der Produkte und Marken», wie sie Stadler nennt – passen ganz gut ins klassische Museum. Hilar Stadler dreht den Spiess um und kommt auf die Brache zurück. Er glaubt ganz ohne Ironie, dass nicht mehr Industriebrachen, sondern Einkaufszentren die Ausstellungsflächen von morgen sind. «Es gibt die Sehnsucht, die Kunst und das Leben zu verschränken. Wir würden gerne unser Museum in ein ehemaliges Shopping-Center verlegen.»

«Shopping Center. Zur Zukunft des modernen Marktplatzes»: 24. August bis 10. November, Bellpark Kriens. Eröffnung: 23. August, 18.30 Uhr.

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1 Kommentare
  1. Joseph de Mol, 22.08.2019, 07:10 Uhr

    Wer die NZZ-Dokumentation “Ladenschluss…..” ansieht, kommt unweigerlich zum Schluss, dass die Entwicklung, welche dort insbesondere in den USA beschrieben werden, kurz- und mittelfristig auch hier eintreten werden. Das Konzept der shopping-mall war in den 70er en vogue und wurde als adäquate Verkaufstrategie betrachtet und sehr erfolgreich umgesetzt. Nun bleiben aber die Kosumentenbedürfnisse nicht konstant und entwickeln sich, parallel zum Markt, weiter. Heute sprechen wir hier von Online-Handel. Kurzum: Das Schicksal der Mall of Switzerland ist schon besiegelt, bevor sie überhaupt in die schwarzen Zahlen kommen könnte. Die völlig unnötige Infrastruktur (Strassen etc.) haben sich die Katarer natürlich vom Schweizer Steuerzahler finanzieren lassen.