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Wildtiere: Geliebt, gehasst, gejagt
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Am Sonntag wurde Bartgeier Trudi auf der Melchsee-Frutt ausgewildert. Geschlechtsreif ist sie in etwa fünf Jahren. Foto: Hansruedi Weyrich (Bild: Hansruedi Weyrich)

Luzern wird bewildert Wildtiere: Geliebt, gehasst, gejagt

6 min Lesezeit 06.06.2015, 17:00 Uhr

Grosse Wildtiere machen sich auch im Kanton Luzern breit. Während es um den Wolf ruhig geworden ist, beklagen Jäger Konkurrenz durch den Luchs. Neben Raubtieren haben aber auch Biber und neuerdings Wildschweine zurück ins Luzernische gefunden. Speziell Letztere werden zunehmend zum Politikum.

Vergangenen Sonntag wurden auf der Melchsee-Frutt drei junge weibliche Bartgeier ausgewildert. Sie bilden die Vorhut, denn in den nächsten fünf Jahren sollen jährlich zwei oder drei weitere Jungtiere hinzukommen. Sie sollen sich vermehren und sicherstellen, dass die vor einem Jahrhundert ausgerotteten Greifvögel wieder langfristig in der Zentralschweiz heimisch werden – ganz so wie der Steinadler, von dem sich mittlerweile wieder vier Paare in Luzerner Felswänden und zwei an der Kantonsgrenze eingenistet haben. «Der Bartgeier ist künftig auch im Kanton Luzern anzutreffen», ist sich Daniel Hegglin, Präsident von Pro Bartgeier, sicher. Dies vor allem über der Waldgrenze.

Die Angst vor dem Riesenvogel ist passé. Dass sich der Bartgeier von Aas und Knochen und nicht etwa von Kindern ernährt, hat sich mittlerweile auch in der Zentralschweiz herumgesprochen, was der Akzeptanz der Auswilderung förderlich ist.

Der verschollene Wolf

Andere Rückkehrer sind hingegen weniger willkommen. Der Wolf zum Beispiel. Doch um diesen ist es im Kanton Luzern ziemlich ruhig geworden. M20, der 2012 im Entlebuch und im Emmental zahlreiche Schafe riss, ist verschollen. Laut Manuela von Arx von der Schweizer Raubtierforschungsstelle KORA wurde M20 im November 2012 zum letzten Mal in Schangnau genetisch nachgewiesen. «Seither fehlt jede Spur von ihm», so die Wildtierbiologin. Man dürfe nun aber nicht das Gefühl haben, es komme nie mehr einer, mahnt Philipp Amrein, Fachleiter Jagd und Fischerei bei der kantonalen Dienststelle Landwirtschaft und Wald (lawa). Zurzeit wird das weitere Vorgehen mit jenen Älplern besprochen, die Herdenschutzhunde haben.

Jäger wollen Luchse regulieren

Auch zum Luchs regen sich in der Zentralschweiz ambivalente Gefühle. Zu sagen, wie viele Raubkatzen sich zurzeit im Kanton Luzern herumtrieben, sei Kaffeesatzleserei, sagt Philipp Amrein und lacht. Sichte man heute einen Luchs, könne er morgen bereits 50 bis 70 Kilometer weiter weg sein. Zahlen sind daher reine Momentaufnahmen. KORA-Forscher konnten 2013 ein Dutzend Luchse im Gebiet vom Pilatus bis zum Brienzergrat nachweisen. Jäger spüren die Präsenz des Luchses vor allem am Rückgang des Schalenwilds, insbesondere der Gämsen. «Es hat zu viele Luchse», hält Peter Küenzi, Präsident der Revierjagd Luzern, unmissverständlich fest und betont, die Jäger wollten den Luchs keineswegs ausrotten, seinen Bestand jedoch regulieren können. Küenzi begrüsst deshalb die derzeitige Lockerung des Luchs-Schutzes auf eidgenössischer Ebene.

Die Frage, wie viele Luchse es im Entlebuch und am Pilatus leiden mag, ist heikel. Philipp Amrein setzt deshalb an anderer Stelle an: «Der Luchs lebt territorial und ist innerartlicher Konkurrenz unterworfen», erklärt er. Die Anzahl der residenten Luchse richte sich daher nach dem Beutetierangebot. In die gleiche Kerbe schlägt auch KORA-Forscherin Manuela von Arx und erinnert daran, dass das Wechselspiel zwischen Luchs, Beutetieren und Mensch enorm komplex sei.

30 Wildschweine sorgen für Arbeit

Zuwachs erhält Luzerns Fauna aktuell von den Wildschweinen. Zwei bis drei Rotten, also um die 30 Tiere, sollen sich derzeit im Kanton aufhalten. Die Neuankömmlinge sind im Kanton willkommen, auch bei den Jägern. «Das Schwarzwild macht Freude, ist aber für uns und die Landwirtschaft eine Herausforderung», sagt Luzerns höchster Jäger Peter Küenzi. Während Landwirte Flurschäden und die Übertragung von Krankheiten auf Hausschweine fürchten, sorgen sich die Jäger um ihre Kasse. Sie werden bei der Verhütung von Schwarzwildschäden zur Verantwortung gezogen und müssen Schadensfälle zur Hälfte vergüten (siehe Box).

Bislang mussten die Jäger noch nicht in die Tasche greifen. Bei der lawa wurden bisher nur einzelne Bagatellschäden gemeldet. Es sei zu früh, um von einem Problem zu sprechen, bestätigt auch Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands. Man rüste sich nun aber für den Fall, dass der Druck zunehme. Waldbesitzer, Schweinezüchter, lawa und Jäger haben sich bereits zu einem runden Tisch getroffen und Kommunikationskanäle eröffnet.

Auch Biber kehren zurück

Neben den Wildschweinen erobern zurzeit auch die Biber den Kanton zurück. Von den schweizweit rund 2’000 Bibern sind mittlerweile rund 30 im Luzernischen heimisch. «In den umliegenden Kantonen gibt es bereits etablierte Biber-Bestände», weiss Marleen Schäfer, Projektleiterin von Hallo Biber! Zentralschweiz. «Von den dortigen Gewässern wandern die Biber nun auch langsam bei uns ein, zurzeit vor allem in den nordwestlichen Kantonsteil.»

Der Biber und sein Lebensraum sind geschützt, seine Akzeptanz gross. Von Schäden wie gestauten Abwasserkanälen, Feldüberflutungen und angeknabberten Feldfrüchten wie Mais oder Zuckerrüben sind meist nur einzelne Landwirte betroffen. Ein kantonales Biber-Konzept steht kurz vor dem Abschluss.

Marderhunde und Waschbären

Welche grösseren Wildtiere den Kanton Luzern in den nächsten Jahren noch besuchen werden, lässt sich schwer prognostizieren. Philipp Amrein von der lawa wagt sich ebenso wenig auf die Äste hinaus wie Wildtierbiologin Manuela von Arx. Vereinzelt wurden in den letzten Jahren Marderhunde und Waschbären beobachtet. Während Amrein eher mit einer Zunahme dieser Tiere rechnet, geht von Arx eher nicht davon aus, dass sich in der Zentralschweiz Populationen entwickeln werden. Dass sich Einzeltiere etablieren, hält sie jedoch für möglich. Beide Tierarten sind ganzjährig jagdbar. Dass sie in der Schweiz heimisch würden, sei nicht erwünscht, sagt von Arx.

Jäger drängen auf Jagdgesetzrevision

Für einen sinnvollen Umgang mit der absehbaren Zunahme der Wildschweine im Kanton Luzern ist nach Ansicht der Jäger auch die Regierung gefordert. Unlängst wurde zwar die Jagdverordnung revidiert, das Jagdgesetz und das Schwarzwild-Konzept sind jedoch veraltet. Letzteres sei zwar nicht unbrauchbar, müsse aber den heutigen Gegebenheiten angepasst werden, findet auch Philipp Amrein, Fachleiter Jagd und Fischerei bei der lawa.

Die Jäger sehen sich nämlich mit mehreren Problemen konfrontiert: Zum einen fordern sie eine Überarbeitung der Schadensvergütung. Nach dem gegenwärtigen Verteilschlüssel kommen Kanton und Jäger hälftig für die Kosten auf. Im Kanton Solothurn brachten stark gestiegene Schwarzwildschäden die Jagdgesellschaften an ihre finanziellen Grenzen, im Kanton Aargau gab eine Jagdgesellschaft deswegen sogar ihr Revier auf.

Zudem fordern die Jäger die Möglichkeit, die Bejagung von Schwarzwild zu optimieren. «Wir müssen die Wildschweine auch noch erwischen», sagt Peter Küenzi, Präsident der Revierjagd Luzern. Dazu brauche es speziell ausgebildete Hunde. Seit drei Jahren poche er beim Kanton vergeblich auf eine Revision des Jagdgesetzes und werde vertröstet, klagt Küenzi.

Zudem werden 2017 die Jagdreviere für eine weitere, achtjährige Periode neu verpachtet. «Die Jäger kaufen dann also etwas ein, ohne zu wissen, worauf sie sich einlassen», klagt der höchste Luzerner Jäger. Er hofft, dass eine Anfang Jahr eingereichte parlamentarische Anfrage vom jagenden Kantonsrat Urs Kunz den Druck auf die Regierung verstärkt, endlich die Revision des Jagdgesetzes in die Hände zu nehmen.

Dass es so weit kommt, steht noch nicht fest. Eine Revision ist gemäss lawa frühestens 2016 oder 2107 zu erwarten.

Mehr Fotos von Wildtieren zeigen wir Ihnen in unserer Fotogalerie:

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