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Wilder Westen auf den Bermudas
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Die «Salle Modulable» - die Vision einer multifunktionalen Hülle für Musik und Theater (Bild: Projektstudie Stiftung Salle Modulable )

Prozess um die «Salle Modulable» Wilder Westen auf den Bermudas

9 min Lesezeit 1 Kommentar 11.12.2013, 06:01 Uhr

Im Jahr 2007 liess der Intendant des Lucerne Festivals an einer eigens einberufenen Medienorientierung aufhorchen: Zum Bau eines multifunktionalen Musiktheaters – der «Salle Modulable» – stünden 120 Millionen Franken bereit. Im August 2010 starb der Geldgeber Christof Engelhorn im Alter von 84 Jahren. Kurz zuvor habe sich dessen Trust-Verwaltung aus dem Projekt zurückgezogen. Seit Mitte November kämpft nun die Stiftung Salle Modulable auf den Bermudas vor Gericht, um die Millionen doch noch zu bekommen.

Christof Engelhorn war als Visionär und Kulturmäzen bekannt und unterstützte zu seinen Lebzeiten diverse kulturelle Projekte. Um in Luzern die Vision einer Salle Modulable zu verwirklichen, empfahl er 2007 den Verwaltern seines «Art One Trusts», das vom Intendanten des Lucerne Festivals, Michael Haefliger, ins Leben gerufene Projekt, mit 120 Millionen Franken zu unterstützen.

Das System eines Trusts funktioniert ähnlich einer Stiftung nach Schweizerischem Rechtssystem. So hat der Geldgeber und Gründer des Trusts («Settlor») kein weiteres Bestimmungsrecht über die Verwendung der Summe. Darüber entscheiden einzig die Trustverwalter, im Falle der Salle Modulable die «Butterfield Group» auf den Bermudas. Diese verfügen im Sinne des «Settlors» über die sinngerechte Verwendung der Gelder. So überwies die Butterfield Group im Jahr 2008 auch 5,6 Millionen Franken aus dem Trust, um die Projektierung der Salle Modulable zu finanzieren.

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Prozess mit Lügen, Unterstellungen und giftiger Atmosphäre

Bis zu seinem Tod im August 2010 habe Christof Engelhorn zum geplanten Musiktheater gehalten, betont die Stiftung Salle Modulable. Im Juni 2010 hat sich der Trust dann aus dem Projekt zurückgezogen, mit der Begründung, dass dem Trust wichtige Informationen vorenthalten und entscheidende Vorgaben nicht eingehalten wurden. Nun kämpfen die Parteien – auf der einen Seite der Butterfield-Trust, auf der Anderen die Stiftung Salle Modulable – um die im Trust verbliebenen 114,4 Millionen Franken.

Seit Mitte November läuft nun der Prozess der Stiftung gegen den Butterfield-Trust. Dabei sind die Luzerner Vertreter einer komplett anderen Prozesskultur ausgeliefert, als dass sie in der Schweiz gelebt wird. «Wir sind uns solche Kreuzverhöre nicht gewohnt», erklärt Hubert Achermann, Präsident der Stiftung Salle Modulable. «Man muss wissen, dass der Gegenanwalt einen aufs Glatteis zu führen versucht. Fundierte Kenntnisse der Akten sind daher ein «Muss». Schliesslich muss jede Frage beantwortet werden, auch wenn sie für den Fall gar nicht relevant ist. Die Gegenseite tat das wiederholt und endete damit oft in einer Sackgasse.»

«Die Anwälte der Gegenseite sind sehr giftig und heizen das Klima an.»

Hubert Achermann

Der Prozess wird mit harten Bandagen geführt: «Der Eindruck täuscht nicht, die Anwälte der Gegenseite sind sehr giftig und heizen das Klima an. Ich musste mich mehrmals fragen «geht’s noch»? Die Gegenseite erlaubte sich Unterstellungen, Lügen und zielte wiederholt auf die persönliche Integrität, schlicht stillos,» führt er weiter aus. Sacha Wigdorovits, Sprecher des Butterfield-Trusts bestätigt, dass die Prozesse auf den Bermudas anders geführt werden: «Dort laufen Prozesse halt anders ab. Das ist zum Teil so, wie in Hollywood-Filmen zu sehen. Daher stellt sich jemand auch nur dann einem Kreuzverhör, wenn er darauf vorbereitet wurde.»

Nachdem die Anwälte des Butterfield-Trusts als Erstes ins Feld führten, dass keine verbindliche Zusage von Herrn Christof Engelhorn existiere, sondern lediglich eine Absichtserklärung, mussten sie laut Achermann schliesslich eingestehen, das dem nicht so ist: «Nachdem nun die ursprünglich schon verbindliche Zusage des Trusts von 2007 tatsächlich auch von der Gegenpartei als rechtlich verbindlich akzeptiert wurde, werfen sie uns andere Gründe vor», erklärt Achermann. «Sie haben die Taktik mitten im Prozess geändert.»

Dieser Ansicht widerspricht Wigdorovits und hält fest: «Von Herrn Engelhorn gab es nie eine verbindliche Zusage. Herr Engelhorn hat den Trust gebeten, die Idee zu prüfen. Die Trust-Verwalter entscheiden dann aber unabhängig. Es gibt keine verbindliche Zusage, deshalb findet ja jetzt auch der Prozess statt.»

Butterfield-Trust: Wesentliche Vorgaben wurden nicht erfüllt

Nun gehe es im Prozess hauptsächlich darum, dass der Trust seitens der Stiftung ungenügend informiert worden sei. «Die Stiftung der Salle Modulable kommunizierte beschönigend mit den Trust-Verwaltern. Probleme wurden verschwiegen», kritisiert Sacha Wigdorovits. Die Gegenseite wirft den Butterfield-Anwälten vor, alles in die Waagschale zu legen, was auch nur marginal von Bedeutung sein könnte. So zum Beispiel, «dass an einer Sitzung der Stiftung eine Person gefehlt habe», erklärt Achermann.

«Von Herrn Engelhorn gab es nie eine verbindliche Zusage.»

Sacha Wigdorovits

Auch andere Argumente waren für die Stiftung Salle Modulable nur schwer nachvollziehbar: «Der Anwalt des Butterfield-Trusts machte sich in seinem Eröffnungsplädoyer lustig über die Kleinräumigkeit der Schweiz, des kleinen, wirtschaftlich unbedeutenden Kantons, und über die knapp 60’000 Bewohner zählende Stadt Luzern, wo jeder jeden kenne. Er fragte sich auch, was das für ein Land sei, welches eine solch komische Sprache spreche (Mundart – Anm. d. Redaktion). Das habe viel Nebel über den Fall gebracht.»

Wigdorovits widerspricht dieser Ansicht vehement: «Die Butterfield-Anwälte haben sich nicht über Luzern lustig gemacht. Sie haben lediglich darauf hingewiesen, dass die Debatte in Luzern über den Standort, die Finanzierung des Baus und der Betriebskosten zu keinen Resultaten führte und betonten, dass es in der Region selbst umstritten ist, ob man ein solches Projekt finanziell stemmen kann.»

Das Projekt «Salle Modulable»

Die Idee der Salle Modulabe stammt vom französischen Komponisten Pierre Boulez. Sie zeichnet sich durch eine umfassende Modulierbarkeit des Bühnen- und Publikumsbereiches aus. Dabei verfliessen die klassichen Grenzen zwischen Publikums- und Bühnenbereich, da diese nicht fixiert sind, sondern von Aufführung zu Aufführung neu konzeptioniert werden können.

Nachdem der Intendant des Lucerne Festivals Michael Häfliger 2007 über das Projekt und die bereitstehende Finanzierung berichtete, entfachte sich in Luzern eine hitzige Diskussion über das Projekt, da über die Herkunft der Gelder, die Betriebskosten, die programmlichen Inhalte und einen möglichen Standort noch keine Auskünfte gegeben werden konnten.

Nachdem nun die Trust-Verwalter die Donation der 120 Millionen gerichtlich in Frage stellen, ist das Projekt vorerst auf Eis gelegt. Doch die dringenden Investitionen in das Luzerner Stadttheater lassen die Veranwortlichen in Luzern darauf hoffen, dass die Gelder doch noch gesprochen werden. Im Zentrum würde dann ein Neubau des Luzerner Theaters stehen, welcher im Sinne des Ursprungprojekts Salle Modulable entstehen soll.

Zurück auf einer sachlicheren Ebene kritisieren die Trust-Anwälte weiter, dass nach einer ersten Machbarkeitsstudie durch die Münchner Firma «actori» eine zweite Studie in Auftrag gegeben wurde. Diese zweite Machbarkeitsstudie, welche in den Augen der Trust-Anwälte keine Machbarkeitsstudie, sondern lediglich ein Businessplan ist, kam zum Schluss, dass für die Betreibung einer Salle Modulable jährlich 3 Millionen Franken fehlen würden.

Ungenügende Information?

Hubert Achermann fasst die Kritik wie folgt zusammen: «Die Gegenseite wirft uns vor, ungenügend informiert zu haben, und das genau ab jenem Zeitpunkt, in welchem sie im Geheimen und hinter dem Rücken des Trustgründers, Herrn Engelhorn, bereits anfangs 2010 beschlossen haben, dem Projekt den Stecker zu ziehen («to pull the plug…»). Alles was folgte, war ein widerliches Theaterspiel, und das vorgetäuschte Informationsbedürfnis diente nur dem Zweck, uns noch eine gewisse Zeit hinzuhalten in der Hoffnung, dass der Gründer und Förderer der Salle Modulable infolge fortschreitender Krankheit keinen Einfluss auf den Trust mehr ausüben könne. Wenn Sie heute alle diese Protokolle und Telefonnotizen lesen, kann man das ganze Ausmass des Verrates am alten Herrn Engelhorn und der Unehrlichkeit langsam begreifen», so Achermann.

In diesem Punkt scheint dann auch der entscheidende Moment des Prozesses zu stecken. Sacha Wigdorovits erklärt aus der Sicht der Trust-Verwalter: «Der Stiftung wurde angelastet, dass sie wesentliche Vorgaben der Trust-Verwalter nicht erfüllt habe. Vorgaben waren ein Standort in Gehdistanz zum Bahnhof Luzern, eine Machbarkeitsstudie und nicht einfach ein Businessplan, wie er schlussendlich vorgelegt wurde. Und es war bis zuletzt unklar, wo die fehlenden Millionen für den Bau und den Betrieb herkommen sollten.

Alle diese Punkte wurden bis im Juni 2010 nicht erfüllt und deshalb hat der Trust der Stiftung schon damals angekündigt, er ziehe sich aus dem Projekt zurück.» Laut Wigdorovits wurde die Stiftung Salle Modulable bereits vor dem Tod von Christof Engelhorn über diesen Rückzug informiert.

«Ich musste mich mehrmals fragen, warum ich mir das antue.»

Hubert Achermann

Die Schilderungen der Beteiligten verdeutlichen, wie scharf während dem Prozess geschossen wird. Achermann gesteht denn auch, dass diese Art der Prozessführung nicht spurlos an ihm vorbeiging: «Ich musste mich mehrmals fragen, warum ich mir das antue. Seit vier, fünf Jahren arbeite ich ehrenamtlich an diesem Projekt und muss mir dann solche Vorwürfe anhören. Doch ich wusste von Anfang an, dass der Gang auf die Bermudas kein Spaziergang werden würde. Man muss im entscheidenden Moment auch kämpfen können.» 

Fakt ist jedoch, dass jährlich drei Millionen Franken zur Deckung der Betriebskosten der Salle Modulable fehlten und die Stadt Luzern mehrmals betonte, die in die Kultur investierten Mittel nicht zu erhöhen. Achermann gibt sich kämpferisch. Er ist nach wie vor fest davon überzeugt, «dass private Investoren diese Lücke zusammen mit der öffentlichen Hand schliessen würden. In all den letzten Jahren haben wir beim Festival und in Luzern bewiesen, dass wir dazu imstande sind.» Fakt aber ist auch, dass die Standortfrage der Salle Modulable bis im Sommer 2010 nicht geklärt werden konnte.

«Schlussendlich noch mehr motiviert»

Hubert Achermann macht deutlich, dass die als eine Art Zermürbungstaktik wirkende Vorgehensweise der Butterfield-Anwälte bei ihm eine Gegenreaktion ausgelöst habe: «Schlussendlich bin ich jetzt noch mehr motiviert. Warum? Weil ich bestätigt worden bin, dass wir juristisch und auch moralisch im Recht sind. Wieso ich mir die paar schlaflosen Nächte antue? Ich tue das aus Respekt vor dem Trustgründer und grossen Mäzenen, Christoph Engelhorn – das Projekt zu realisieren war sein innigster Wunsch, und ich tue es für Luzern und ihre Weiterentwicklung als die Musikstadt der Schweiz mit einer unglaublichen internationalen Ausstrahlung.»

Ein Wunsch, der nach Prozessabschluss mitte Dezember betreffend der Donation nur noch durch Richter Ian Kawaley erfüllt werden kann. Er wird im ersten Quartal 2014 darüber entscheiden, welche Seite Recht behält. Siegessicher zeigt sich auch der Butterfield-Trust, wie Wigdorovits betont: «Wir sind der Meinung, mit den vorhandenen Unterlagen, den Zeugenaussagen und den durchgeführten Kreuzverhören aufzeigen zu können, dass sich der Trust im Einklang mit dem Recht aus dem Projekt zurückgezogen hat. Daher sind wir zuversichtlich, dass der Prozess zu unseren Gunsten entschieden wird.» Das mit Spannung erwartete Urteil kann dann schlussendlich noch an eine letzte, höhere Instanz weitergezogen werden, den sogenannten «Court of Appeal».

Was passiert, wenn…

Egal wie die Entscheidung auf den Bermudas ausfallen wird, eines hat die Salle Modulable laut Cathrine Huth, Geschäftsleiterin der Interessengemeinschaft Kultur Luzern, bereits erreicht: «Dank der Salle Modulable wurde die Diskussion über den Theaterstandort Luzern überhaupt erst lanciert.» Und so finden sich im Planungsbericht des Kanton Luzern und in der Kulturagenda 2020 der Stadt Luzern Pläne, das Luzerner Theater neu zu denken und neu zu bauen. Das dazu eine Notwendigkeit besteht, wird von keiner Seite angezweifelt – zu sehr ist das Stadttheater an der Reuss in die Jahre gekommen.

«Ich wünschte mir, dass das Geld nicht nur in einen einzigen Luxusbau fliessen würde.»

Cathrine Huth

Falls der Entscheid zu Gunsten der Stiftung Salle Modulable ausfällt, rechnet Huth als erstes mit einer grossen Begeisterung: «Ich persönlich rechne nicht mehr mit dem Geld. Zu schwierig war die Diskussion als es vorhanden war und noch grösser der Eklat als es hiess, das Geld stehe nun doch nicht mehr zur Verfügung.» Falls die Donation doch noch Tatsache werde, «wird sich das Lucerne Festival positionieren und fordern, dass die Mittel in ein neues Theaterprojekt fliessen».

Huth würde sich aber eine breitere Verwendung der Mittel wünschen: «Wir sind heute an einem anderen Punkt. Die Notwendigkeit, in den Theaterplatz Luzern zu investieren, ist kulturpolitisch anerkannt. Daher wünschte ich mir, dass das Geld nicht nur in einen einzigen Luxusbau fliessen würde. Es wäre schön, wenn damit auch andere Projekte unterstützt werden könnten. So oder so wäre es aber eine Chance.»

Theater soll so oder so umgesetzt werden

Erhält aber im Gegensatz der Butterfield-Trust recht und die Gelder würden nicht nach Luzern fliessen, sähe Huth die Pläne für die «neue Theaterinfrastruktur» nicht gefährdet: «Die Pläne für das Theaterwerk Luzern werden und müssen so oder so umgesetzt werden. Es ist eine gute Chance, etwas Neues zu schaffen, da auch die «Freie Szene» in die Pläne eingebunden ist. Ich hoffe, diese Vorhaben können unabhängig vom Entscheid auf den Bermudas umgesetzt werden.»

Schliesslich geht es jetzt auch darum, wie stark damit die Kantons- und Stadtkasse entlastet werden könnte, für den Neubau eines Theaters. Neben diesem finanziellen Zustupf dürfte der Entscheid auch für das Lucerne Festival relevant bleiben: Gewinnt die Stiftung Salle Modulable den Prozess, wird sich das Lucerne Festival, welches am Ursprung der Schenkung stand, auf ein Mitspracherecht berufen, in welcher Form ein neues Theater gebaut werden soll. Bei einem negativen Entscheid würde das Lucerne Festival wohl einer von vielen Anspruchspartnern bleiben.

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1 Kommentare
  1. Peter Bitterli, 26.12.2013, 14:30 Uhr

    Sorry, aber auf den Bermudas schmiert man doch einfach den Richter. Und den Wigdorowitz auch. Ist denn noch niemand auf diese Idee gekommen? Oder gibt es kein Budget für sowas?