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Wieso Martina Stutz trotz Lädelisterben optimistisch ist
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Martina Stutz-Aregger steht als erste Frau an der Spitze des Luzerner Detaillistenverbandes. (Bild: jal)

Neue Präsidentin des Detaillistenverbandes jammert nicht Wieso Martina Stutz trotz Lädelisterben optimistisch ist

6 min Lesezeit 21.07.2019, 05:00 Uhr

Onlinehandel, Konkurrenz durch Discounter, unattraktive Arbeitsbedingungen: Viele kleine Läden leiden. Die neue Präsidentin des Luzerner Detaillistenverbandes, Martina Stutz-Aregger, glaubt allen Unkenrufen zum Trotz an die Stärke der inhabergeführten Fachgeschäfte. Und die Kraft einer Kultmarke.

Wer wissen will, wie Martina Stutz-Aregger tickt, braucht ihr nur zuzuhören. Die neue Präsidentin des Detaillistenverbandes (DVL) spricht freundlich, energisch und frisch von der Leber weg. Ja, sie sei eine Macherin, sagt die Rothenburgerin. Und hängt kopfschüttelnd an: «Und mit Jammern kann ich gar nichts anfangen.»

Über die Probleme des Detailhandels sprechen ohne zu jammern? Das mag manchen unmöglich erscheinen. Denn ob Sportgeschäft, Boutique oder Bäckerei: Dass kleine «Lädeli» schliessen müssen, sorgt regelmässig für Schlagzeilen. Doch Martina Stutz empfängt uns gutgelaunt in einem Sitzungszimmer in der Luzerner Kleinstadt. Sie hat im Juni als erste Frau in der über 100-jährigen Geschichte des Verbandes das Präsidium übernommen, nachdem Heinz Bossert zurücktrat (zentralplus berichtete).

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Von Paragrafen und Plätzli

Eben erst hat der Verband gemeinsam mit den Gewerkschaften einen Kompromiss im Streit um die Ladenöffnungszeiten gefunden. Künftig sollen die Geschäfte wochentags bis 19 Uhr, am Samstag bis 17 Uhr geöffnet sein – im Gegenzug fällt einer der Abendverkäufe weg (zentralplus berichtete). Lange hatte sich der Detaillistenverband – im Gegensatz zu den anderen Wirtschaftsverbänden – gegen eine Liberalisierung gewehrt. Ihre knapp 600 Mitglieder, oft Familienbetriebe, könnten das personell nicht stemmen. Doch dann folgte das Einlenken. Präsidentin Martina Stutz sagt nun: «Ich bin sehr erfreut, dass unsere Mitglieder grösstenteils dahinterstehen.»

«Es gibt überall Profiteure, aber man darf das Geschäft nicht nach ihnen ausrichten.»

Martina Stutz, DVL-Präsidentin

Der Vorschlag wird demnächst im Kantonsrat diskutiert. An der Urne scheiterten bisher alle Versuche, die Öffnungszeiten auszuweiten. Im Kanton Freiburg, der ähnlich konservativ geprägt ist wie Luzern, lehnte die Bevölkerung kürzlich eine Ausweitung samstags um eine Stunde ab. Martina Stutz weiss, dass das Thema umstritten ist. «Auch ich habe in meinem Umfeld Menschen, die sagen, sie gehen auf die Strasse, wenn sie länger arbeiten müssen. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass wir nun einen Kompromiss haben, mit dem alle gut leben können.»

Altbacken, vielleicht aber auch schon Kult: Martina Stutz-Aregger mit den Treuebons.

Gemeinsam mit ihrem Mann führt Martina Stutz in Rothenburg eine Metzgerei in dritter Generation. «Ich habe nicht nur meinen Mann, sondern auch die Metzgerei mitgeheiratet», sagt sie lachend. Eine Stelle auf ihrem gelernten Beruf als Juristin habe nebst Familie und Geschäft keinen Platz gehabt. Zweimal wöchentlich steht sie hinter der Theke, daneben organisiert sie den Einkauf für den Partyservice und für einen Teil der Produkte im Laden. Nicht zuletzt dank ihres Engagements im Gewerbe- und Industrieverein Rothenburg/Rain sowie im Verwaltungsrat der Raiffeisenbank führte ihr Weg sie nun ins Präsidium des Detaillistenverbandes.

Was die Klimajugend zeigt

Das Rad neu erfinden kann und will Martina Stutz in ihrem neuen Amt nicht. «Ich werde die von meinem Vorgänger Heinz Bossert vorgezeichnete Richtung weiterverfolgen.» Stutz’ Rezepte sind deshalb altbewährte. Die kleinen Geschäfte müssten ihre Stärke, namentlich den persönlichen Kontakt und die Beratung, in den Fokus rücken. Die 44-Jährige ist – auch aus eigener Erfahrung – überzeugt, dass das funktioniert. «Grossverteiler haben zwar mehr Mitarbeiter, aber vielfach nicht dasselbe Wissen und dieselbe Leidenschaft wie ein Geschäftsinhaber. Die Kunden kommen bei uns gerne in den Laden, weil wir persönlich hinter dem Tresen stehen.»

Doch was einfach klingt, zeitigt nicht immer den gewünschten Erfolg. Dass manche Kunden sich beraten lassen, um das Produkt anschliessend im Internet zu erwerben, sorgt für Unmut bei Geschäftsinhabern. Stutzs Vorgänger beim DVL, Heinz Bossert, brachte deshalb die Idee ins Spiel, dass Geschäfte für die Beratung Geld verlangen. Martina Stutz sagt dazu: «Es gibt überall Profiteure, aber man darf das Geschäft nicht nach ihnen ausrichten.» Eine «goldene Lösung» habe sie zwar auch nicht parat, aber sie vertraut – auch hier – auf die Menschen selber.

Sie erwähnt die Klimajugend als Beispiel. «Heute gibt es Kinder, die sich weigern, für den Familienurlaub ins Flugzeug zu steigen», erzählt die Mutter zweier Mädchen im Alter von 12 und 14 Jahren. Einen solchen Mentalitätswandel könnte es ihrer Meinung nach auch im Detailhandel geben: «Vielleicht weigern sie sich dereinst auch, Dinge im Internet statt im Laden zu kaufen, nur weil sie ein paar Franken günstiger sind.»

«Onlinehandel macht nicht für alle Geschäfte Sinn.»

Martina Stutz-Aregger, Präsidentin DVL

Dass die Detailhändler selber den virtuellen Zug verpasst haben, glaubt Martina Stutz nicht. Ihre eigene Metzgerei hat zwar einen Internetauftritt, aber viel mehr als die Öffnungszeiten, Fotos und Infos zum Partyservice bietet die Seite nicht. Aus gutem Grund: «Onlinehandel macht nicht für alle Geschäfte Sinn. Manche sind gerade wegen des persönlichen Kontakts im Laden erfolgreich.» Selber kauft sie fast ausschliesslich im Dorf ein, Pakete mit Onlinebestellungen kommen ihr kaum je ins Haus. «Ein Buch für meinen E-Reader war mein letzter Einkauf im Internet», sagt sie.

So erfolgversprechend er laut Martina Stutz ist, der Fokus auf den persönlichen Kundenkontakt hat auch Schattenseiten. Hohe Präsenzzeiten, wenig Ferien: Wie bei den Hausärzten und Bauern geht der Trend auch im Detailhandel Richtung Grossbetriebe, weil tendenziell immer weniger Menschen diesen Kraftakt alleine stemmen wollen. Martina Stutz und ihr Mann hatten ebenfalls schon Anfragen, weitere Filialen zu eröffnen. Für die Luzernerin ist aber klar: «Das Erfolgskonzept des persönlichen Kontakts funktioniert nur, wenn man selber im Laden stehen kann. Wenn man nicht bereit ist, diese Stunden zu investieren, wird es schwierig.»

116 Jahre im Dienst der «Kleinen»

Der Luzerner Detaillistenverband wurde 1903 unter dem Namen «Geschäftswehr» gegründet und engagierte sich damals insbesondere gegen Hausierer und die ersten Grosshändler. 116 Jahre später zählt er rund 600 Mitglieder aus unterschiedlichen Branchen. Er vertritt gegenüber Politik Behörden und Wirtschaft die Interessen der KMU-Detaillisten im Kanton Luzern. Mit Martina Stutz-Aregger hat im Juni die erste Frau das Präsidium übernommen. Sie trat die Nachfolge von Heinz Bossert an, der 37 Jahre beim Verband tätig war, zuletzt als geschäftsführender Präsident. Neuer Geschäftsführer wurde Rolf Bossart. Der Verband beschäftigt drei Personen, nebst der Präsidentin (20%-Pensum) und dem Geschäftsführer (60–80%) eine Sekretärin (50–80%).

Persönlich habe sie keine Mühe mit diesem Aufwand. «Ich liege auch gerne mal im Liegestuhl», sagt sie und fügt nach wenigen Sekunden an. «Aber man ist ja auf dieser Welt, um etwas zu leisten.» Gleichwohl hat sie Verständnis dafür, wenn es für viele attraktiver ist, einen Job mit geregelten Arbeitszeiten anzunehmen. Geschäfte bei der Nachfolgeregelung zu unterstützen, ist eines ihrer Ziele beim Detaillistenverband.

Verstaubt? Nein, Kult!

Wenn Martina Stutz spricht, klingt vieles sehr positiv – fast, als wären die Herausforderungen des Detailhandels in Rothenburg noch nicht angekommen. Doch sie bestreitet, dass das Geschäft in der anonymen Stadt schwieriger ist als in einem Dorf. «Ich will nichts schönreden, aber wenn man es richtig macht, kann ein kleines Geschäft auch in der Stadt Luzern funktionieren – ja, gerade in der Stadt.» Sie verweist auf den Erfolg des Wochenmarkts in Luzern, der jeweils gut besucht ist. «Das sind nicht Kunden, die möglichst billig einkaufen wollen, sondern die bewusst konsumieren.» Nicht von ungefähr komme es, dass zum Beispiel die hippe Himmelrich-Siedlung in Luzern auf «Tante-Emma-Läden» setzt (zentralplus berichtete).

Alten Konzepten frisches Leben einhauchen, das hat Martina Stutz auch mit den traditionellen Luzerner Treuebons vor. Viele Junge dürften die roten Marken, die Kunden sammeln, einkleben und bei voller Karte gegen Geld eintauschen können, gar nicht mehr kennen. Doch die Treuebons seien sehr beliebt, sagt die DVL-Präsidentin. Deshalb schwebt ihr eine Modernisierung vor, sodass auch die nächste Generation – vielleicht per App – Marken sammeln wird. Der Erfolg der Cumulus-Karte der Migros zeigt das Potenzial. «Böse Stimmen könnten sagen, die Treuebonmarken seien verstaubt», weiss Martina Stutz und lacht. «Doch ich sage: Sie sind Kult!»

Es kommt eben – wie so oft im Detailhandel – darauf an, wie man etwas verkauft.

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