Wieso Leute für Wasser aus Oberägeri durch die halbe Schweiz fahren
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Damit sich die Anfahrt auch lohnt, zapfen manche Besucher Wasser im grossen Stil ab. (Bild: zvg)

Der ominöse Brunnen am Raten Wieso Leute für Wasser aus Oberägeri durch die halbe Schweiz fahren

4 min Lesezeit 1 Kommentar 23.12.2020, 17:55 Uhr

Aus einem unscheinbaren Brunnen in Oberägeri soll aussergewöhnlich gutes Wasser fliessen. Für manche Grund genug, um hunderte Kilometer zu reisen und literweise davon abzufüllen. zentralplus hat sich auf Spurensuche begeben.

Fährt man in Oberägeri auf der Ratenstrasse Richtung Passhöhe, passiert man in einem kleinen Waldabschnitt (von den Einheimischen «Paulisloch» genannt) einen unscheinbaren Brunnen am Strassenrand. Zugegeben, eine Augenweide ist er nicht. Er besteht lediglich aus einem ausgehöhlten Baumstamm, das Wasser fliesst aus einem Eisenrohr, das aus der Böschung ragt.

Auffällig an dem Ort ist höchstens die beachtliche Anzahl Besucher, die sich tagtäglich dort aufhält. Manche füllen nur ihre Trinkflaschen auf, andere kommen gleich mit mehreren Kanistern daher, um das Brunnenwasser abzutransportieren.

Das beste Wasser der Schweiz?

«Es ist das beste Wasser der Schweiz», erklären drei Überzeugte aus dem aargauischen Reinach gegenüber zentralplus. Ein Statement, das von einer Familie aus Zürich gestützt wird, die sich regelmässig nach Oberägeri auf den Weg zum Brunnen macht. Auch die Reinacher kommen laut eigenen Aussagen seit Jahren fast wöchentlich hierher, um Wasser für die ganze Familie zu schöpfen. Vier grosse Kanister zeugen davon. Ein weiterer Besucher weist uns ausserdem darauf hin, dass es Heilwasser sei, das aus dem Eisenrohr fliesst.

Ideal für Leib, Seele und Aquarium

Natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen, das Brunnenwasser zu degustieren. Tatsächlich schmeckt es sehr neutral, weich und deutlich weniger bitter als hiesiges Leitungswasser. Oder ist das nur quasi eine psychosomatische Empfindung?

Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen. Für den Brunnen verantwortlich ist die Korporation Oberägeri. Korporationsschreiber Christian Rogenmoser bestätigt auf Anfrage, dass sich täglich Leute beim Paulislochbrunnen aufhalten und Wasser abfüllen. Warum das so ist, weiss er selbst allerdings auch nicht.

«Wissenschaftlich belegt ist das nicht.»

Christian Rogenmoser, Korporation Oberägeri

Er sei schon von einem Mann darauf aufmerksam gemacht worden, dass sich das Wasser hervorragend für Aquarien eigne. «Weil damit anscheinend die Scheiben länger sauber bleiben», erzählt Rogenmoser und fügt noch an: «Wissenschaftlich belegt ist das aber nicht.»

Was meint die Wissenschaft?

Die Quelle wird zweimal jährlich durch das Lebensmittelinspektorat überprüft – und zwar in mikrobiologischer, chemischer und physikalischer Hinsicht. Im aktuellen Bericht ist lediglich nüchtern vermerkt, dass das Brunnenwasser «die gesetzlichen Anforderungen an Trinkwasser» erfüllt. Hinweise, die das überschwengliche Urteil der überzeugten «Fans» objektiv stützen, sucht man vergeblich.

Laut Christian Rogenmoser von der Korporation ist das einzig Augenfällige am Bericht, dass die Wassertemperatur mit 8,4 Grad tiefer sei als bei umliegenden Quellen – wie dem Laufbrunnen auf dem Parkplatz bei der Passhöhe Raten, der mit 11,4 Grad wärmer ausfällt. Soweit so unspektakulär.

Vielleicht hilft die Geschichte

Wenn die Wissenschaft schon keine Erklärung findet, dann vielleicht ein Blick in die Geschichte. 1830 planten die Oberägerer eine Strasse durch das Dorfbachtobel, um die Gebiete besser miteinander zu verknüpfen – und auch um eine bessere Verbindung mit dem Wallfahrtsort Einsiedeln zu schaffen. Sie erhofften sich dadurch mehr Pilgerverkehr durch das Ägerital. Wie die Gemeinde Oberägeri schreibt, fehlte dem Kanton aber das Geld, weswegen die Einheimischen die Finanzierung selbst lösen wollten.

Der Strassenabschnitt wurde in zehn Teilstrecken auf- und einzelnen Bauunternehmen zugeteilt. Eines davon fiel dem Oberägerer Bauunternehmer Paul Meier zu. In mühseliger Handarbeit wurde die Strasse fertiggestellt und 1896 als Ratenstrasse eingeweiht. Das Projekt kostete mit 39’000 Franken aber weit mehr als ursprünglich geplant – und trieb Paul Meier in den Ruin. Obwohl der korrekte Flurname des Gebiets eigentlich Hunntal ist, nennt man es heute noch umgangssprachlich «Paulisloch». Vielleicht, weil Meier hier so viel Geld «verlochet» hat.

Das Mysterium bleibt

Wie es zum Brunnen gekommen ist, bleibt aber ebenfalls unklar. Gemäss Christian Rogenmoser gibt es im Archiv der Korporation keine weiteren Unterlagen zum Brunnen – auch weil keine eigentliche Quellfassung vorliegt und man lediglich ein sechs Meter langes Eisenrohr in den Hang getrieben hat, aus dem das Wasser nun fliesst.

Was das Brunnenwasser nun so aussergewöhnlich macht oder ob es gar heilende Kräfte hat: Das zu beurteilen, bleibt wohl jedem Besucher selbst überlassen. Wissenschaftlich nachweisen lässt sich jedenfalls nichts – was nicht heisst, dass sich ein Besuch beim Brunnen nicht lohnen würde.

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1 Kommentare
  1. Thomas, 24.12.2020, 17:29 Uhr

    Soviel ich weiss kommt das Wasser von der Glanerberglandschaft. Auch ist die Wasserhärte sehr tief. Dies ist der Grund warum es weich im Geschmack ist und auch die Aquarien länger sauber bleiben.
    Ich benutze dies zum Reduzieren von Alkohol.

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