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Wieso die Stadt Luzern das neue Theater bezahlt
  • Kultur
Die Stadt will die Zukunft des Luzerner Theaters vorantreiben. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Die elf wichtigsten Antworten zum Kultur-Deal Wieso die Stadt Luzern das neue Theater bezahlt

8 min Lesezeit 05.09.2019, 16:50 Uhr

Die Stadt Luzern reisst den Lead für die neue Theaterinfrastruktur an sich. Sie erhält damit mehr Macht, trägt im Gegenzug aber die Kosten von geschätzten 100 Millionen Franken. Wieso das laut den Verantwortlichen Sinn macht – und nicht bedeutet, dass sich der Kanton aus der Verantwortung stiehlt.

Die Subventionen für die grossen Luzerner Kulturinstitutionen werden neu geregelt. Die Stadt Luzern übernimmt künftig 40 Prozent der Betriebsbeiträge, der Kanton nur noch 60 Prozent. Bisher war der Verteilschlüssel 30/70. Das heisst: Die Stadt zahlt zukünftig jährlich rund drei Millionen Franken mehr an das Luzerner Theater, Sinfonieorchester, Kunstmuseum, Verkehrshaus und Lucerne Festival. Der Kanton zahlt entsprechend weniger (zentralplus berichtete).

Das haben die beiden Kulturdirektoren Marcel Schwerzmann (Kanton) und Beat Züsli (Stadt) am Donnerstag an einer Medienkonferenz bekannt gegeben. Sie haben sich auf eine gemeinsame Absichtserklärung für einen neuen Finanzierungsschlüssel geeinigt. Das Kulturförderungsgesetz soll entsprechend angepasst werden.

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Auch bei den Investitionen haben Stadt und Kanton einen überraschenden Entscheid gefällt: Die Stadt übernimmt die Federführung bei der neuen Theaterinfrastruktur, der Kanton hat dafür den Lead beim Verkehrshaus. Auch hier kommt der Kanton deutlich besser weg: Er rechnet mit rund 25 Millionen Franken Investitionen, die in den nächsten Jahren beim Verkehrshaus anfallen. Beim Theater hingegen ist die Rede von einem hohen zweistelligen, vielleicht sogar dreistelligen Millionenbetrag, der auf die Stadt zukommt.

zentralplus hat die wichtigsten Fragen zusammengestellt.

1. Wieso zahlt die Stadt viel mehr?

Der neue Verteilschlüssel basiert auf einem (nicht öffentlichen) Gutachten des Professors Christoph Schaltegger von der Universität Luzern. Der Ökonom empfiehlt, dass Stadt und Kanton bei einer Vollkostenrechnung je die Hälfte der Kosten tragen. Eine sehr komplexe Rechnung sei das, sagte sogar der langjährige Finanzdirektor Marcel Schwerzmann am Donnerstag. Sie berücksichtigt auch Leistungen, die zuvor nicht ins Gewicht fielen, beispielsweise Baurechtzinsen, welche die Stadt bislang nicht einzog. Unter dem Strich kommen Stadt und Kanton so auf den neuen Schlüssel.

2. Wurde die Stadt über den Tisch gezogen?

Stadtpräsident Beat Züsli betont, dass sich die Stadt nicht einfach damit zufriedengibt, wenn sie mehr zahlen muss. Ursprünglich sei der Vorschlag gewesen, dass auch die Betriebsbeiträge je hälftig aufgeteilt werden. «Insofern ist das ein Kompromiss», sagt er.

Gleichzeitig erhalte die Stadt mehr Mitbestimmung. Denn auch im Zweckverband Grosse Kulturbetriebe gilt: Wer zahlt, befiehlt. Der Kanton war bisher mit drei, die Stadt mit zwei Delegierten im Zweckverband vertreten. Neu soll er paritätisch ausgestaltet werden.

«Es heisst auf keinen Fall, dass sich der Kanton aus dem Theaterprojekt zurückziehen will.»

Marcel Schwerzmann, Kulturdirektor Kanton

Insbesondere aber hat die Stadt nun mehr Mitsprache beim Theater. «Wir können in der Stadt ein Gebäude gestalten, das den Stadtraum viel besser einbezieht, als es bisher der Fall war», sagte Züsli, der sich ein offenes Haus wünscht. Das habe seinen Preis, räumte er ein. Doch die gesamte Abwägung habe ergeben, dass es eine gute Lösung sei.

Marcel Schwerzmann, zuvor zwölf Jahre lang Finanzdirektor und bei Kritikern bekannt als «Sparvogt», verneint übrigens seine zentrale Rolle bei diesem Deal. Nicht er habe die Verhandlungen geführt, sondern sein Vorgänger und der jetzige Finanzdirektor Reto Wyss (CVP).

3. Ab wann gilt der neue Verteilschlüssel?

Der neue Verteilschlüssel soll ab 2023 etappenweise eingeführt werden. Derzeit ist eine Übergangsfinanzierung in Kraft. Denn im Zuge seiner Sparmassnahmen beschloss der Kanton 2016, die kantonalen Kulturbeiträge ab 2018 um 1,2 Millionen Franken zu kürzen. Mit Folgen: Automatisch reduzierte sich damit – aufgrund der fixen Verteilschlüssels –auch der Beitrag der Stadt. Unter dem Strich fehlten damit plötzlich 1,7 Millionen Franken.

Die Stadt zahlte daraufhin freiwillig etwas mehr und der Kanton zapfte Lotteriegelder an (zentralplus berichtete). Diese Regelung gilt bis 2020 – und wird nun voraussichtlich in den Jahren 2021 und 2022 weitergeführt.

4. Wer zahlt nun das neue Theater?

Wie bisher wird jeweils im Einzelfall entschieden, wer wie viel zahlt, wenn bei den Kulturhäusern Investitionen anfallen. Für das Theater und das Verkehrshaus haben Stadt und Kanton dies geregelt.

  • Der Kanton investiert rund 25 Millionen Franken beim Verkehrshaus.
  • Die Stadt investiert einen hohen zweistelligen Millionenbetrag beim Luzerner Theater.

«Das macht aufgrund der unterschiedlichen Verankerung der grossen Kulturinstitutionen Sinn», sagte Marcel Schwerzmann, der sich an seinem ersten öffentlichen Auftritt als kantonaler Kulturdirektor gewohnt locker gab. Während das Verkehrshaus Gäste aus der ganzen Schweiz anziehe, sei das Theater eine regionale Institution.

5. Wie hohe Kosten kommen auf die Stadt zu?

Die Kosten für einen Neubau sind noch nicht klar. Frühere Schätzungen gingen von 50 bis 80 Millionen Franken aus, zuletzt nannte die städtische Kulturchefin Rosie Bitterli als Grössenordnung 100 bis 150 Millionen Franken (zentralplus berichtete).

Auch Stadtpräsident Beat Züsli sprach am Donnerstag von einem hohen zweistelligen, womöglich gar dreistelligen Millionenbetrag. Der wird von der Stadt bezahlt. Dass sich der Kanton im kleineren Rahmen an der Investition beteiligt, sei aber nicht ausgeschlossen. Zudem hofft Züsli darauf, dass wie beim Bau des KKL dereinst auch beim Theater private Sponsoren einen Beitrag leisten.

Regierungsrat Marcel Schwerzmann (links) und Luzerns Stadtpräsident Beat Züsli vor dem Luzerner Theater.

Es mag erstaunen, dass die Stadt diesen Millionenbetrag einfach auf ihre Kappe nimmt. Doch Züsli betont die Relationen: «Die Investition in die Theaterinfrastruktur ist längerfristig nicht der relevante Beitrag.» Auch wenn das neue Theater 100 Millionen Franken verschlingen sollte: Diesen Betrag gebe man in «nur» fünf Jahren für den Betrieb des Theaters aus. Denn der Zweckverband zahlt jährlich 20 Millionen Franken ans Luzerner Theater, wobei der Kanton 60 Prozent davon trägt. «Das ist die viel relevantere Grösse», so der SP-Stadtpräsident.

6. Stiehlt sich der Kanton beim Theater aus der Verantwortung?

Das verneinen sowohl Stadt als auch Kanton. «Es heisst auf keinen Fall, dass sich der Kanton aus dem Theaterprojekt zurückziehen will», sagt Marcel Schwerzmann. Ebenso wenig ziehe sich die Stadt beim Verkehrshaus aus der Verantwortung. Beide Seiten blieben über den Zweckverband bewusst verbunden.

Der Kanton weist auch den Verdacht zurück, die Stadt Luzern habe sich mit der Kostenübernahme ein schnelleres Tempo «erkauft». «Es geht nicht darum, dass der Kanton bisher die Bremse angezogen hat», sagte Schwerzmann. Der Kanton habe keinen Vorteil, wenn sich das Projekt verzögere. Im Gegenteil: Die neue Regelung ermögliche gerade schlanke Entscheide und ein zügiges Vorangehen.

Auch für die Kantonskasse ist zudem relevant, wie das Theater zukünftig aussehen wird: Denn die Infrastruktur hat Auswirkungen auf die Betriebskosten – und an diesen beteiligt sich der Kanton weiterhin.

7. Was heisst das für das Theaterprojekt?

Politisch vereinfacht die vorgelegte Lösung den Prozess. «Diese Absichtserklärung ist für uns ein Meilenstein auf dem Weg zur Realisierung der neuen Theaterinfrastruktur», sagte Züsli am Donnerstag. Die Stadt könne das Projekt nun gezielt vorantreiben.

«Man muss von politischer Seite her zur Kenntnis nehmen, dass das Interesse an einer modernen Theaterinfrastruktur ein urbanes ist.»

Beat Züsli, Kulturdirektor Stadt Luzern

Dass der Kantonsrat – wie bei der Salle Modulable – den Stecker zieht, dürfte also nicht mehr vorkommen. Damit tragen die Verantwortlichen der Tatsache Rechnung, dass das Theater für einen Kantonsrat aus dem Entlebuch oder dem Hinterland nicht dieselbe Bedeutung hat wie für städtische Vertreter. «Man muss von politischer Seite her zur Kenntnis nehmen, dass das Interesse an einer modernen Theaterinfrastruktur ein urbanes ist», sagte Beat Züsli.  

Es ist das Stadtparlament, das den Kredit für den Architekturwettbewerb sprechen wird. Später wird die Stadtbevölkerung das Wort haben, zum einen bei der Bau- und Zonenordnung. Denn das Theater ist derzeit in der Schutzzone A, was einen Abriss verhindert. Zum anderen kommt dereinst der Baukredit an die Urne. Die Kantonsbevölkerung wird laut Marcel Schwerzmann hingegen nicht über die neue Theaterinfrastruktur abstimmen.

8. Gibt es einen Neubau oder eine Erweiterung?

Noch ist offen, ob das Luzerner Theater einen Neubau erhält oder ob das bestehende Gebäude renoviert und erweitert wird. Klar ist, dass das Theater am heutigen Standort bleiben wird.

Die Stadt hat letzten Herbst die Resultate einer Testplanung präsentiert. Sie zeigte: Sowohl ein Neubau als auch eine Erweiterung sind am jetzigen Standort möglich (zentralplus berichtete).

Stadtrat und Regierungsrat favorisieren einen Neubau, wie sie am Donnerstag sagten. Obwohl es dagegen Einwände gibt. Ein 13-seitiges Gutachten der eidgenössischen Kommissionen für Denkmalpflege und für Natur- und Heimatschutz besagt, dass ein Abbruch das Ortsbild von nationaler Bedeutung schwer beeinträchtige. Besonders die Nordfassade des Theaters – also jene zur Reuss hin – müsse erhalten bleiben.

«Für uns überwiegen nach wie vor die Vorteile eines Neubaus», sagt Beat Züsli. Er habe den Vorteil, die Räume einfacher den betrieblichen Anforderungen entsprechend zu organisieren. Bestärkt fühlt man sich durch die Stellungnahme der Planerverbände sowie des Landschaftsschutzes Vierwaldstättersee, die sich ebenfalls für einen Neubau aussprechen (zentralplus berichtete)

9. Wie geht es beim Theater weiter?

Für die Stadt ist trotzdem klar, dass der städtebauliche und der ortsbildprägende Aspekt wichtig sind. Deshalb wird im nächsten Schritt der «planerische Spielraum» ausgelotet. Das heisst: Es wird geprüft, welche Folgen die Empfehlungen des Gutachtens für die weiteren Pläne haben. Also zum Beispiel, ob sich der Erhalt der Fassade mit einem Neubau vereinbaren lässt. Oder ob es Möglichkeiten gibt, nur die Fassade stehenzulassen und quasi «dahinter» ein neues Gebäude zu realisieren.

Danach wird ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Klar ist laut Beat Züsli, dass es keinen Variantenwettbewerb geben wird. Das heisst: Der Entscheid für einen Neubau oder eine Erweiterung fällt bereits vorher.

10. Was bedeutet der Verteilschlüssel für die Betroffenen?

Für die Kulturhäuser hat die neue Regelung keine Folgen. Der Betrag von insgesamt knapp 28 Millionen Franken pro Jahr wird nicht angetastet. Er verteilt sich in den nächsten Jahren weiterhin folgendermassen:

  • Luzerner Theater: 20,5 Millionen Franken pro Jahr
  • Luzerner Sinfonieorchester: 3 Millionen Franken
  • Kunstmuseum: 2 Millionen Franken
  • Verkehrshaus: 1,3 Millionen Franken
  • Lucerne Festival: 1,2 Millionen Franken

11. Was ist überhaupt der Zweckverband Grosse Kulturbetriebe?

Der Zweckverband wurde 2008 gegründet, mit dem Ziel, die Existenz und Weiterentwicklung der Luzerner Kulturinstitutionen zu fördern. Stadt und Kanton finanzieren darüber die Institutionen Luzerner Theater, Luzerner Sinfonieorchester, Kunstmuseum, Lucerne Festival und Verkehrshaus der Schweiz. Zukünftig soll auch das Rosengart-Museum in Luzern in den Kreis der grossen Kulturbetriebe aufgenommen werden

Hinweis: In einer ersten Version des Textes war fälschlicherweise die Rede davon, dass das Rosengart-Museum bereits zum Zweckverband Grosse Kulturbetriebe gehöre. Richtig ist: Die Aufnahme ist zwar beabsichtigt, aber noch nicht vollzogen.

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