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Wieso die Luzerner Regierung auf die Jugendlichen hätte hören sollen
  • Politik
Der Schulunterricht muss jetzt digital stattfinden. (Bild: stem.T4L/Unsplash)

Förderung digitaler Lehrmittel sei unnötig Wieso die Luzerner Regierung auf die Jugendlichen hätte hören sollen

4 min Lesezeit 07.04.2020, 05:00 Uhr

Die Schule findet derzeit komplett virtuell statt. Die Digitalisierung des Unterrichts ist eine Herkulesaufgabe für die Lehrpersonen. Luzern könnte diesbezüglich schon viel weiter sein – hätte die Politik den Appell der Jugendlichen ernst genommen.

Die Corona-Krise krempelt praktisch jede Facette unseres Lebens komplett um – in manchen Dingen lässt sie uns plötzlich recht alt aussehen. Aktuelles Fallbeispiel: die Luzerner Regierung.

In einem Postulat fordert Sara Agner (SP) die Regierung auf, eine kantonale Strategie zur Förderung von digitalen Lehrmitteln über alle Schulstufen hinweg zu erarbeiten. Drei Tage bevor auch in Luzern die Schulen schliessen müssen, kommt die Regierung aber zum Schluss, dass die Erarbeitung einer solchen Strategie «nicht zielführend und damit unnötig» sei.

Schulen müssen improvisieren

Die Realität hat die Politik in dieser Angelegenheit bekanntlich überholt. Schweizweit mussten Lehrerinnen und Lehrer, praktisch über Nacht, ihren Unterricht komplett umstellen und Lösungen für den Fernunterricht improvisieren. Eine kohärente Strategie dafür gibt es nicht.

Kennt man den Hintergrund von Sara Agners Postulat, so muss man festhalten, dass man es hier mit einer üppigen Portion Ironie zu tun hat. Tatsache ist, dass die Forderung von Agners Postulat schon 2018 gestellt wurde – damals als Petition aus dem Jugendparlament.

«Die Entwicklung ist grundsätzlich auf guten Wegen.»

Bericht der Kommission für Erziehung, Bildung und Kultur

Die Jugendlichen warnten, dass die Luzerner Schulen bei der Umsetzung des digitalen Unterrichts unterschiedlich weit vorangeschritten sind. Im Besonderen sei der Wissens- sowie Motivationsstand der Lehrpersonen sehr verschieden, was Unklarheiten schaffe, welche Instrumente und Lehrmittel überhaupt eingesetzt und gefordert würden.

Deshalb verlangte das Jugendparlament, dass, zumindest auf Sekundarstufe I und II, bestehende Lehrmittel digitalisiert und die Entwicklung neuer interaktiver Lehrmittel seitens Politik und Kanton gefördert werden soll.

Wohlwollende Gleichgültigkeit

Den Praxiserfahrungen der Jugendlichen begegnete man im Kantonsrat grösstenteils mit wohlwollender Gleichgültigkeit. Die Kommission Erziehung, Bildung und Kultur (EBKK) nahm sich der Petition an. Man könne die «Einschätzung der Petitionäre betreffend der Thematik Digitalisierung an den verschiedenen Schulen nachvollziehen und teilweise teilen», heisst es im Bericht der Kommission.

Man mache zwar ebenfalls deutlichen Optimierungsbedarf sowohl bei den Lehrpersonen wie auch bei den Lehrmitteln aus, erachte die ganze Entwicklung aber «grundsätzlich auf guten Wegen». Dem Rat empfahl man die Petition «zur Kenntnis» zu nehmen.

Vereinzelte Stimmen monierten zwar, dass man die Forderungen des Jugendparlaments doch ernster nehmen solle, am Ende folgte der Rat der Empfehlung der EBKK jedoch mit 93 zu 0 Stimmen. Das war am 25. März 2019.

Postulat nimmt Forderung neu auf

Im darauffolgenden September reichte Agner ihr Postulat ein. Dieses nimmt explizit die Forderungen aus der Jugendsession 2018 auf. «Die Strategie soll unter anderem Lösungen aufzeigen, wie die (Weiter-)Entwicklung von didaktisch sinnvollen, digitalen Lehrmitteln in Zukunft aktiv gefördert werden kann», heisst es im Postulat.

Agner verweist darauf, das die verschiedenen Schulen und Schulstufen zwar durchaus an der Digitalisierung arbeiten. Dies in der Praxis aber extrem variiert – weil eine übergeordnete Strategie fehlt. Agner zitiert auch den Aufgaben- und Finanzplan (AFP) 2020–2023. In diesem wird festgehalten, dass der Mangel an guten digitalen Lehrmitteln den zweckdienlichen Einsatz von digitalen Geräten im Unterricht erschwert.

Verweis auf Erziehungsdirektoren

In ihrer nun veröffentlichten Stellungnahme, datiert auf den 10. März, verweist die Luzerner Regierung auf die EDK, die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. Diese verfügt bereits über eine Digitalisierungsstrategie, an der sich auch Luzern orientieren solle. «In mehreren Massnahmenbereichen werden die Lehrmittel thematisiert», hält die Regierung fest.

Völlig ausgestaltet ist die EDK-Strategie jedoch noch nicht. Das in diesem Zusammenhang relevanteste Ziel der EDK-Strategie lautet: «Die Schülerinnen, Schüler und Lernenden verfügen über geeignete digitale Lehr- und Lernmittel.» Genau bei diesem Punkt wurden jedoch noch keine Massnahmen beschlossen.

Entwicklung einer Strategie würde zu lange dauern

An anderer Stelle resümiert die Luzerner Regierung, dass die Bildungsinstitutionen auf das Thema sensibilisiert seien und bereits Massnahmen umsetzen. «Der politische Prozess für die Erarbeitung einer Strategieentwicklung dauert lange. Da der digitale Wandel sehr schnell vorangeht, wäre der Bericht zur Strategieentwicklung bereits veraltet, wenn er in Ihrem Rat behandelt würde», argumentiert die Regierung weiter und empfiehlt das Postulat zur Ablehnung.

Anders sieht man es etwa im Kanton Zürich: Der Zürcher Regierungsrat legte im März 2019 eine Strategie zum digitalen Wandel an den kantonalen Mittel- und Berufsfachschulen fest.  

Drei Tage später wurden die Schulen geschlossen

Nun sieht die Welt plötzlich anders und eine kantonale Strategie zu digitalen Lehrmitteln nicht mehr ganz so unnötig aus. Möglicherweise widerspiegelt sich dies auch in der Ratsdebatte zum Vorstoss.

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