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Wieso die Luzerner Gewerbler plötzlich Nein zur Velostation sagen
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Die Initianten präsentierten ein eigenes Projekt und konnten sich auch ein Bistro bei den Treppenaufgängen vorstellen. (Bild: zvg)

Verbände kritisieren die zu emotionale Debatte Wieso die Luzerner Gewerbler plötzlich Nein zur Velostation sagen

7 min Lesezeit 1 Kommentar 08.05.2019, 11:02 Uhr

Viel zu teuer und schlecht fürs Gewerbe, finden die City-Vereinigung und der Wirtschaftsverband Stadt Luzern. Deshalb sagen sie Nein zur geplanten Velostation unter der Bahnhofstrasse und präsentieren ein eigenes Projekt. Doch über die Vor- und Nachteile der beiden Varianten sind sie sich nicht ganz einig.

Am Montag warteten die City-Vereinigung und der Wirtschaftsverband der Stadt Luzern in der «Luzerner Zeitung» mit einer Überraschung auf: Sie bringen einen alternativen Standort für die geplante Velostation unter der Bahnhofstrasse aufs Tapet. Diese soll nicht unter der Strasse, sondern ein paar Meter nebenan unter der Reuss zu liegen kommen. Zwischen der See- und der Kapellbrücke soll es zudem eine Treppe zum Wasser geben. Erarbeitet wurde das Projekt vom Architekten Frieder Hiss, der durch das Konzept «Stadt am Wasser» bekannt wurde (zentralplus berichtete).

Mit dem Slogan «Nein sagen ohne Alternative kommt nicht in Frage» werben die Gewerbler für ihre Idee, die sie lediglich zwei Wochen vor der Abstimmung über den Projektierungskredit am 19. Mai in die Runde werfen. Trotz der pointierten Äusserung fehlt aber eine klare Aussage, was das Wort «Nein» nun konkret bedeutet. Stellen sich Wirtschaftsverband und City-Vereinigung damit explizit gegen das vorliegende Projekt mit einer Rampe an der Bahnhofstrasse?

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«Nein ist kein Projektabbruch»

«Wir haben die eindeutige Nein-Parole herausgegeben, weil für uns die Kosten für die Velostation schlicht zu hoch sind», sagt Alexander Gonzalez, Präsident des Wirtschaftsverbandes Stadt Luzern. Dies würde alles andere überwiegen. Will heissen: Der Vorschlag der Stadt kommt für die Gewerbler nicht in Frage. Alternative hin oder her.

Doch Gonzalez ergänzt: «Wir stellen uns nicht gegen das Projekt an und für sich, sondern sind lediglich gegen die Variante, wie sie momentan vorliegt und 13,5 Millionen kostet», so Gonzalez. «Es ist für uns aber absolut sinnvoll, die Velos dereinst unterirdisch zu parkieren.» Das Nein möchte man folglich nicht als Aufforderung zum Projektabbruch verstanden wissen.

Anspruchsvoller Untergrund

Der zentrale Vorteil der Version der beiden Wirtschaftsverbände ist, dass keine Leitungen verlegt werden müssen, wie dies beim Vorschlag der Stadt der Fall ist. Dies dürfte von rechts bis links unbestritten sein. Denn allein dieser Arbeitsschritt wird voraussichtlich vier Millionen kosten. «Unter der Bahnhofstrasse verlaufen Leitungen der Swisscom, die von nationaler Bedeutung sind. Man erschrickt förmlich, wenn man sich den Plan des Untergrunds ein wenig genauer anschaut», schildert Gonzalez seine Eindrücke.

«Ich habe den Eindruck, dass die anspruchsvolle Situation mit den Leitungen in der Öffentlichkeit vielerorts unterschätzt wird.»

Alexander Gonzalez, Präsident Wirtschaftsverband Luzern

Das bedeute auch, dass man während des Bauens mit Überraschungen rechnen müsse, welche die Kosten nochmals in die Höhe treiben könnten. «Ich habe den Eindruck, dass die sehr anspruchsvolle Situation mit den Leitungen auch in der Öffentlichkeit vielerorts unterschätzt wird», so Gonzalez.

Konkreter wird André Bachmann, Politikverantwortlicher bei der City-Vereinigung. Er weilt derzeit im Ausland und nimmt nur schriftlich Stellung. «Ob das städtische Projekt zu den geschätzten Kosten realisiert werden kann ist eher zu bezweifeln», schreibt er.

Und Alexander Gonzalez ergänzt: «Wir gehen deshalb davon aus, dass eine Station unter der Reuss trotz der Komplexität besser planbar ist und folglich genauere Kostenschätzungen gemacht werden könnten. Die Version von Wirtschaftsverband und City-Vereinigung ist mit rund 11 Millionen veranschlagt. Zudem gäbe es 400 Parkplätze mehr als bei der städtischen Variante.

Vorteile des vorliegenden Projekts

Doch ein Parking unter der Reuss hat auch einen gravierenden Nachteil. Nämlich, dass es keinen direkten Zugang in den Bahnhof geben würde. Dieser wird von den Befürwortern wie Pro Velo indes als Muss bezeichnet «Man darf diesen Schwachpunkt auf keinen Fall bagatellisieren», ist sich Gonzalez bewusst. Er fahre zwar eher selten Velo, könne aber verstehen, wenn es für einige Velofahrerinnen weniger attraktiv ist, die Station ohne Direktverbindung zu nutzen. «Es wollen aber längst nicht alle Velofahrer in den Bahnhof», schätzt Gonzalez die Lage ein. 

«Nach einer detaillierten Auslegeordnung würden die Vorzüge einer Station unter der Reuss deshalb eindeutig überwiegen, so Gonzalez. Zum Beispiel auch, dass es zwei Zugänge geben würde anstatt nur eine Rampe. Man könnte also von der Seebrücke direkt hinunterfahren, ohne auf der Bahnhofstrasse zu wenden.

«Auch beim Alternativprojekt müssen sie keine Strasse überqueren.»

André Bachmann, City-Vereinigung

Etwas anders beurteilt die Frage der Direktverbindung die City-Vereinigung. «Das Argument, wonach das Parking ohne Verbindung weniger genutzt würde, kann ich so nicht nachvollziehen. Wir bauen eine Velostation für eine gemischte Nutzung und nicht ein reines Pendler-Parking.»

Entscheidend werde bei beiden Projekten letztendlich die Bewirtschaftung in der Station und an der Oberfläche sein und nicht der fehlende Zugang direkt in den Bahnhof. «Auch beim Alternativprojekt müssen sie keine Strasse überqueren», so Bachmann.

Die Rampen würden sich in die geplante zweite Baumreihe eingliedern.

Die Rampen würden sich in die geplante zweite Baumreihe eingliedern.

(Bild: zvg)

Hinzu kämen zwei gedeckte Plattformen bei den Treppenaufgänge sowie ein Zugang zum Wasser ähnlich wie vor der Jesuitenkirche. Die Treppe zum Wasser sowie das Bistro bei den Treppen und dem Lift könnten aber auch unabhängig davon realisiert werden, welches der Projekte letztlich umgesetzt wird. «Insbesondere im Zuge der Aufwertung der Bahnhofstrasse ist diese Idee auf jeden Fall unterstützenswert», sagt Gonzalez. 

Dem widerspricht die City-Vereinigung: «Die Zugänglichkeit an die Reuss ist immer eine mögliche Attraktivierung des Stadtraumes. Losgelöst von der Velostation wäre diese Forderung an diesem Standort jedoch absurd, wenn wir ja bereits beim vorliegenden Konzept die Kosten infrage stellen», so André Bachmann.

Schädliches Hindernis?

In der «Luzerner Zeitung» wird von den Gewerblern ausserdem moniert, dass die Rampe die Nutzung des Erdgeschosses im Gebäude mit der Swisscom und der Raiffeisenbank erschweren würde. Zum Beispiel durch die Gastronomie. Geht man also davon aus, dass in den Ladenflächen dereinst gewirtet wird?

Gonzalez gibt eine allgemeine Antwort: «Die Nutzung dieser Gewerbefläche ist heute schon herausfordernd. Mit der Zufahrt würde dies noch zusätzlich erschwert.» Zumal man bedenken müsse, dass genannte Unternehmen wohl nicht auf ewig dort sein werden.

«Solche Ideen werden schnell einmal emotional diskutiert und geniessen viel Sympathie.»

«Auch die Swisscom ist ein normaler Detailhändler, der auf Laufkundschaft angewiesen ist.» Rückmeldungen von Geschäften würden zeigen, dass man es sofort merkt, wenn der Zugang nicht mehr so frei ist wie zuvor. Zum Beispiel wegen einer Baustelle. Hinzu komme, dass die Fläche bei der geplanten Rampe heute von Grossanlässen wie der Fasnacht oder dem Stadtlauf beansprucht wird. «Die Zufahrt würde ein Hindernis darstellen, für das man irgendeine Lösung suchen müsste», sagt Gonzalez.

Bei der City-Vereinigung tönt es ähnlich: «Mit der digitalen Transformation ist es durchaus realistisch, wenn auch nicht wünschenswert, dass Bankschalter reduziert werden und neue, vielleicht auch kombinierte Konzepte Sinn machen. Zusätzliche Gastroangebote würde ich entlang einer propagierten Flaniermeile jedenfalls nicht ausschliessen«, schreibt André Bachmann.

Zu teurer und schlecht fürs ansässige Gewerbe: Alexander Gonzales, Präsident des Wirtschaftsverbandes Luzern, setzt sich gegen die Velostation ein.

Zu teurer und schlecht fürs ansässige Gewerbe: Alexander Gonzales, Präsident des Wirtschaftsverbandes Luzern, setzt sich gegen die Velostation ein.

(Bild: zvg)

Rampen von Alternative würden mehr Raum frei lassen

Auf Plänen ist zu sehen, dass auch die zwei Rampen beim Alternativprojekt auf der Bahhofstrasse zu liegen kämen. Diese würden allerdings auf der Achse der geplanten zweiten Baumreihe zu  liegen kommen und wären somit einige Meter näher an der Reuss. Von den vorgesehenen 34 Bäumen könnten noch 27 gepflanzt werden, heisst es im Projektbeschrieb. 

Als Vertreter der Wirtschaft sehen sich die beiden Verbände laut Gonzalez verpflichtet, einen «vernünftigen und rationalen Blick» auf das Vorhaben zu werfen, weil dieses manchmal zu kurz komme. «Solche Ideen werden schnell einmal emotional diskutiert und geniessen viel Sympathie, auch wenn es auf Basis einer nüchternen Analyse oft anders aussieht.» Deshalb zeigt sich Gonzalez zuversichtlich, dass man die Abstimmung am 19. Mai gewinnen wird. «Die Kosten für die aktuelle Variante erachten viele Leute als zu hoch und werden deshalb Nein stimmen.»

Wäre eine spätere Direktverbindung möglich?

Spannend dürfte sein, wie die Meinungen sind, falls man beim Alternativprojekt später trotzdem einen direkten Zugang zum Bahnhof bauen wollte. Die Kosten für das Umlegen der Leitungen für die nötige Unterquerung der Bahnhofstrasse dürften aber auch in diesem Fall zu reden geben.

Sollte es bei den budgetierten 4 Millionen Franken bleiben, würde eine Unterwasserstation mit Bahnhofzugang wohl etwa 15 Millionen Franken kosten. Man erhielte für 1,5 Millionen Franken mehr also 400 zusätzliche Parkplätze und könnte die befürchteten negativen Auswirkungen auf das Gewerbe vergessen machen.

Es könnte aber auch sein, dass die Kosten für das Umlegen der Leitungen sogar tiefer sein werden, wenn nur ein Verbindungsstollen statt eine ganze Velostation unter der Bahnhofstrasse gebaut werden müsste. Vielleicht würde man so für den gleichen Preis letztlich mehr Abstellplätze erhalten. Dies ist zumindest eine Überlegung wert.

Wie es weitergeht, entscheiden die Stimmbürger am 19. Mai. Ausser der SVP und den Jungfreisinnigen stehen alle Parteien hinter dem Vorschlag der Stadt.

Die beiden überdeckten Zugänge mit Lift und Treppen.

Die beiden überdeckten Zugänge mit Lift und Treppen.

(Bild: zvg)

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1 Kommentare
  1. Urs Eggler, 08.05.2019, 13:25 Uhr

    Mein Stimmcouvert ist schon im Briefkasten vom Stadthaus. Dieser Vorschlag ist ein klassischer Schuss in den Ofen, zwar ist die Idee wahrscheinlich prüfenswert aber halt viel zu spät, schade um die Arbeit.