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Wiener «Musiknerd» errichtet sich im Zuger Glashof sein Reich
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Trotz musikalischer «Weltreise» – der Ska hat Jay Schaetz nie mehr losgelassen. (Bild: sib)

Ska-Musiker stellt eigenes Bandprojekt zusammen Wiener «Musiknerd» errichtet sich im Zuger Glashof sein Reich

7 min Lesezeit 04.05.2019, 17:17 Uhr

Jay Schaetz hat sich ganz der jamaikanischen Musik verschrieben. Nun ist der in Zug wohnhafte Wiener daran, seine eigene Ska-Band zusammenzustellen. In seinem Proberaum in den Tiefen des Glashofs würde er zudem ein eigenes Studio für junge Bands errichten. Wenn da nicht der drohende Abriss des Gebäudes wäre.

Als der Glashof 1966 fertiggestellt wurde, war er eines der ersten Hochhäuser Zugs. Damals war das Gebäude ein Gesprächsthema und zog die Blicke auf sich. Heute ist der Lack längst ab. Mehr noch: Im Rahmen der Neugestaltung der Baarerstrasse wird das Hochhaus früher oder später dem Erdboden gleichgemacht werden (zentralplus berichtete).

Bis dahin teilen sich Bewohner und Geschäfte den 14-stöckigen Block. Das wahre Reich befindet sich jedoch im Untergeschoss und ist im Besitz von Jay Schaetz.

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«Die Räumlichkeiten sind praktisch perfekt.»

Jay Schaetz, Zuger Ska-Musiker

Der gebürtige Wiener, der inzwischen in Zug wohnt, empfängt uns am Hauseingang und führt uns in die Unterwelt. Wir folgen ihm durch die weissen Gänge, bis Schaetz eine Tür öffnet, wo sich früher die Werkstatt eines Velogeschäfts befand. Drinnen empfängt uns ein grosser Proberaum (siehe Bildergalerie am Ende des Artikels).

Der Klang der Wäscherei

Die Wände sind komplett mit Noppenschaumstoff eingekleidet. Man hört das Wasser von der darüberliegenden Wäscherei durch die Rohre rauschen. Der Raum koste ihn rund  tausend Franken monatlich, so Schaetz. «Es stört hier niemanden, wenn ich am Abend oder in der Nacht noch musiziere. Die Räumlichkeiten sind praktisch perfekt – auch wenn es bei Regen ab und zu irgendwo reintröpfelt», sagt er.

Instrumente so weit das Auge reicht.

(Bild: sib)

An der linken Wand gleich beim Eingang stehen ein Kühlschrank und Ledermöbel. Der Rest des Raumes ist geprägt von unzähligen Instrumenten: zwei Schlagzeuge, Gitarren, Posaune, Orgel und Klavier. Hinzu kommen alte Mikrofone, Boxen und gar ein Austrovox-Verstärker aus den 1960er-Jahren.

Eine Ska-Band wird aus der Taufe gehoben

Fast das gesamte Equipment befindet sich im Besitz von Jay Schaetz. Der 38-Jährige bezeichnet sich selbst als Musik-Nerd. Die Instrumente sind jedoch nicht bloss für den Eigengebrauch gedacht. Zwei Bands sind im Raum beheimatet. Unter anderem die Afro-Funk-Kombo The Anthronauts, bei der Schaetz Mitglied ist. Zudem ist er gerade daran, in Zug eine Ska-Band zusammenzustellen.

Im Herbst startete er auf der Website Band-Buddy einen Aufruf. Inzwischen hat er acht Musiker für sein Projekt gewinnen können. «Vom 18-jährigen Schlagzeuger bis hin zum Biologielehrer an der Kanti Zug sind wir eine bunt durchmischte Truppe», sagt Schaetz.

«Wenn dieses Projekt nichts wird, lasse ich es irgendwann mal sein.»

Klavier, Schlagzeug, Kontrabass, Posaune, mehrere Trompeten sowie Tenor-, Alt- und Bariton-Saxofon sind beisammen. Nun sucht Schaetz insbesondere noch einen Gitarristen. Schaetz selbst hat ursprünglich Saxofon gelernt, ist dann jedoch auf Orgel und Klavier umgeschwenkt. Hinter dem Mikrofon wird bei den nächsten Stücken unter anderem auch seine Frau stehen.

Der Wunsch nach Vinyl

Ein nächster Schritt sei dann, die Musik mit traditionellen Aufnahmemethoden einzufangen – beispielsweise nur mit zwei Mikrofonen. «Und dann auf Vinyl zu pressen. Das ist ein Langzeit-Ziel von mir», sagt Schaetz.

Nach monatelangem Rätseln steht der Name für die Band inzwischen fest: The Skatanauts. Ein Webauftritt folgt Mitte Mai. Der erste Konzertauftritt ist bereits gebucht – Ende August im zürcherischen Bonstetten.

Für Schaetz wird es beileibe kein Neuland sein, auf der Bühne zu stehen. 1999 gründete der studierte Tontechniker in der österreichischen Hauptstadt die Ska-Band Ska-Lite Express. 2004 löste sich die Band auf. Grund: Schaetz zog nach London.

Die Geschichte des Ska

Ska ist ein Musikrichtung, die Ende der 1950er-Jahre in Jamaika entstanden ist. Aus dieser Tanzmusik entwickelte sich später unter anderem Reggae. Ska zeichnet sich vor allem durch seinen Offbeat-Rhythmus aus. In den meisten Ska-Bands finden sich neben der klassischen Instrumentierung auch Blechbläser.

Man spricht gemeinhin von drei Wellen des Ska. Die erste ist als Jamaican Ska bekannt. Zu den Wurzeln gehört Rhythm and Blues. Ende der 1970er-Jahre kam die zweite Ska-Welle auf. Vor allem britische Bands wie The Specials und The Selecter brachten Ska wieder auf die Musiklandkarte. Entsprechend wurde sie auch nach dem britischen Musiklabel 2-Tone benannt. Die dritte Welle, passend Third Wave genannt, rollte Mitte der 1980er-Jahre an. Viele Bands von damals sind bis heute aktiv.

Von Wien nach London in die Schweiz

«Ich glaube, wir waren damals zu früh. Ich wollte es authentisch machen und die Leute waren wohl ein bisschen überfordert», erklärt er. Er habe das Gefühl gehabt, mit der Band in Wien zu wenige Möglichkeiten zu haben. In die englische Metropole sei er jedoch aus persönlichen Gründen gezogen.

Dort hat Schaetz in verschiedenen jamaikanischen Bands gespielt und in musikalischen Projekten für Jugendliche mitgewirkt. «Ich hatte dann 2009 ein Angebot, als Keyboarder Teil einer bekannten englischen Ska-Band zu werden. Meine Frau hat dann jedoch just in diesem Moment ein Jobangebot bekommen und wir zogen in die Schweiz», erzählt Schaetz, der im IT-Bereich arbeitet.

Der Anfang wird schwer werden

Vor viereinhalb Jahren sind sie mit den Kindern in die Deutschschweiz gezogen. Er habe dann vermehrt den Wunsch verspürt, musikalisch wieder aktiver zu werden und sich mit einigen Reggae-Bands getroffen. «Doch wir wollten in unterschiedliche Richtungen. So kam mir die Idee, mein eigenes Projekt zusammenzustellen», so Schaetz.

«Die Musik ist ehrlich, aus der Seele heraus. Das habe ich in der Popmusik nie gefunden.»

Er ist überzeugt: Wenn man das Ganze auf eine professionelle Ebene hebt, könne man auch in Lokalen spielen, die normalerweise für solche Musik nicht in Frage kämen. Der Wiener ist sich jedoch bewusst, dass der Anfang schwer sein wird. «Da gebe ich mich keinen Illusionen hin», sagt er.

Man spürt im Gespräch: Jay Schaetz liegt viel an seinem Band-Projekt, er steckt viel Herzblut und Zeit hinein. Doch er sagt auch: «Wenn dieses Projekt nichts wird, lasse ich es irgendwann mal sein. Dann kann ich sagen, ich habe es zumindest probiert.»

Eine lange musikalische Reise

Doch wieso ist für den Wiener ausgerechnet Ska die Musik der Wahl? Im Schatten von Reggae mit dessen Lichtgestalt Bob Marley fristete der Ska hierzulande zumeist ein Schattendasein (siehe Box). Schaetz räumt zu, dass es in der Schweiz nur wenige aktive Ska-Bands gebe und die Szene recht zerstückelt sei. In Zug sei ihm gar überhaupt keine Ska-Band bekannt.

«Ich habe eine lange musikalische Reise hinter mir», beginnt er seinen Weg zum Ska aufzuzeigen. «Seit ich klein war, habe ich alles aufgesaugt. Die ersten musikalischen Einflüsse waren Boogie-Woogie-Sachen meines Vaters», erinnert sich Schaetz. Von dort sei es immer gitarrenlastiger geworden: Rock, Hard-Rock, Heavy-Metal. Irgendwann sei er beim Punk gelandet.

«Ich würde hier gerne ein Studio errichten für junge Bands mit dem Anspruch, authentische Musik zu machen.»

«Ich habe dann Anfang der 1990er festgestellt, dass es Bands gibt, die Punk und Ska vermischen. Mich nahm Wunder, was dieses Ska-Element genau ist.» Er habe deswegen begonnen, die jamaikanische Musikgeschichte mehr und mehr zu erforschen.

Eine ehrliche Musik

«Ich konnte mich dann nie mehr vom Ska loslösen. Diese Energie, welche er versprüht, fand ich in keiner anderen Musik. Die Musik ist ehrlich, aus der Seele heraus. Das habe ich in der Popmusik nie gefunden. Zudem ist Ska tanzbar – es ist für jeden etwas dabei», erklärt Schaetz.

Jay Schaetz bezeichnet sich selbst als Perfektionisten.

Jay Schaetz bezeichnet sich selbst als Perfektionisten.

(Bild: sib)

Trotz aller Liebe zur jamaikanischen Musik – auf der Karibikinsel war er noch nie. «Bevor ich nach England gezogen bin, wollte ich immer – doch ich hatte Schiss. In England hatte ich zahlreiche Kontakte zu Jamaikanern, die mich gewarnt haben, da es zu gefährlich sei dort», erzählt er. Trotzdem wolle er bis heute um jeden Preis gehen. «Es steht auf jeden Fall noch an.»

Schaetz, der Plattensammler

Dies nur schon, um nach Vinyl zu graben, denn Schaetz sammelt alte jamaikanische Platten – vor allem Singles. «Die Sammlung umfasst rund 5’000 Stück – hauptsächlich bestehend aus Ska, Rocksteady und frühem Reggae. Ich habe das Gefühl, damit gewissermassen Teil dieser Musikgeschichte zu sein», sagt er.

So klingen The Skatanauts:
 

Jay Schaetz blickt nicht bloss auf eine mögliche Jamaika-Reise voraus, sondern hat auch Pläne für seinen Proberaum. «Ich würde hier gerne ein Studio errichten für junge Bands mit dem Anspruch, authentische Musik zu machen. Ich würde das nicht kommerziell betreiben, sondern aus Liebe zur Musik», erklärt er seine Vision. Er weibelt durch den Raum, hat bereits genaue Vorstellungen, wo er Wände einbauen lassen würde. Es gibt dabei bloss einen Haken.

Eine Musik für die Expats?

Denn es ist fraglich, wie lange der Glashof, wo Schaetz früher selbst gewohnt hat, noch stehen wird. «Wenn ich in ein paar wenigen Jahren hier raus muss, weil das Haus abgerissen wird, muss ich mir bei den Investitionen die Sinnfrage stellen. Wenn es jedoch etwa bis 2030 stehen bliebe, würde ich es machen», so Schaetz’ Überlegungen.

Auch wenn das Gebäude schon bald dem Erdboden gleichgemacht werden sollte, möchte er Zug mit seiner Band treu bleiben und nicht nach Zürich abwandern. «Ich glaube, mit einer solchen Musik könnte man auch die ganze Expat-Community hier in Zug ansprechen. Es wäre schade, wenn aus solchen Gründen eine Band abwandern müsste.»

Einige Impressionen aus Jay Schaetz’ Proberaum:

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