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Wie Zuger Jugendradio zum nationalen Spartensender wurde
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DJ Sandro Schgör (links) mit Gast Weibello im Studio von Radio Jam On. (Bild: mam )

Weibello und Dub Spencer bei Radio Jam On Wie Zuger Jugendradio zum nationalen Spartensender wurde

5 min Lesezeit 05.04.2019, 17:31 Uhr

Mit zwei Online-Portalen, einem digitalen Radio und regelmässigen Veranstaltungen hat sich Radio Jam On aus Zug in den vergangenen zwei Jahren zur selbstständigen, deutschschweizer Station entwickelt. Die erstaunliche Entwicklung des einstigen Radios Industrie zum Sender für urbane Musik beeindruckt.

Um zum Studio von Radio Jam On zu gelangen, müssen wir durch den Schnee zum Hintereingang des Zuger Jugendkulturzentrums Industrie 45, oder kurz I45, stapfen. Dort treffen wir auf Weibello, erfolgreicher Rapper aus Zug, der am Mikrofon eben seine musikalischen Wurzeln im Reggae erklärt und Musikwünsche anbringt.

Die musikalische Heimat stimmt – denn Moderator Severin Fabris und DJ Sandro Schgör sind eben dabei, ihre Radio-Show «Tun It Up» aufzunehmen, die sich mit karibisch inspirierter Musik beschäftigt und zu der sie auch einen Konzertabend in der I45 veranstalten.

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Spin-off: von der Kulturszene in die Wirtschaft

In der I45 hat Radio Jam On seine Wurzeln. Der Sender hat inzwischen zwölf Jahre auf dem Buckel auf dem Buckel und ist sozusagen ein Spin-off eines Jugendzentrums. Wobei man unter Spin-off meist ein erfolgreiches kleines Unternehmen versteht, welches Wissenschaftler einer Uni starten, um mit einer Erfindung oder einer guten Idee viel Geld zu verdienen.

«Ohne Leidenschaft läuft gar nichts.»

Raphael Häfliger, Radio Jam On

Bei einem kulturellen Spin-off wie Radio Jam On gibt es freilich nicht die dicken Scheine zu verdienen. Und die Herausforderung, aus einem Projekt der Jugendarbeit einen selbstständigen Radiosender zu formen, ist gross. Aber eine gute Idee bleibt es dennoch.

Auch in Zürich und Basel daheim

«Die Entscheidung, vor zwei Jahren den Namen zu wechseln, war eine der wichtigsten für uns», sagt Raphael Häfliger, Geschäftsführer von Radio Jam On und seit 2014 mit von der Partie. Denn dies bedeutete auch, dass man sich weniger am einstigen Vorbild, dem Luzerner Radio 3fach, orientierte, und sich mehr in Richtung deutschschweizer Spartensender entwickelte. «Es ist ein Unterschied, ob du ein Jugendradio für Zug oder einen Radiosender für die Deutschschweiz aus Zug machst», sagt Häfliger.

Raphael Häfliger, Geschäftsführer bei Radio Jam On, ist Reggae-Spezialist.

Raphael Häfliger, Geschäftsführer bei Radio Jam On, ist Reggae-Spezialist.

(Bild: mam)

Bereits als Radio Industrie begann der Sender, auf Digitalradio zu senden und sich auf Urban Music zu spezialisieren – also auf Hip-Hop, Reggae, Dub, Dancehall und verwandte Genres (zentralplus berichtete). Mittlerweile ist Radio Jam On auf DAB in Luzern, Zug, Zürich und Basel zu hören. «Das ist ein wichtiger Entwicklungsschritt für uns», sagt Häfliger.

News zu Hip-Hop und Reggae

Ähnlich bedeutsam für die Selbständigkeit des Senders war die Übernahme von zwei Online-Plattformen vor zwei Jahren. Aightgenossen.ch war vor gut einem Jahrzehnt ein wichtiges Portal für Schweizer Hip-Hop, das auch einige Einnahmen generierte. In ihrem Schatten war reggaenews.ch für Freunde von jamaikanischen Klängen gewachsen.

Beide wurden von ihren Betreibern mit der Zeit vernachlässigt, als sich deren Lebensperspektive veränderte. Am Schluss wurde zwar noch Werbung über die Plattformen gebucht, redaktionelle Inhalte aber blieben aus. Unter der Bedingung, die Plattformen am Leben zu halten, konnten die Zuger beide Portale übernehmen – und betreiben sie nun als zusätzliche Marken neben dem Radio Jam On.

Online-Plattformen zu neuem Leben erweckt

«Wir mussten einige wenige Ressourcen aus dem Radiogeschäft investieren, um sie wieder zu beleben», sagt Häfliger. «Mittlerweile sind sie selbsttragend». Durch die verschiedenen Marken möchte man Konvergenzen für die verschiedenen Medien erzielen: Sprich Online-Nutzer aufs Digitalradio bringen und umgekehrt. «Konventionelle Radiohörer gibt es ja immer weniger», meint der 28-Jährige.

Ausserdem sollen die Online-Portale in Zukunft auch einen Teil des Radiobetriebs finanzieren. Denn Radio Jam On ist werbefrei, finanziert sich aus Kulturbeiträgen, durch Medienarbeit in Schulen, durch verschiedene Einkünfte, die man hier und da zusammenkratzen kann, sowie durch ein indirektes Sponsoring der I45, die den Sender immer noch seine Räumlichkeiten benutzen lässt.

Mit Veranstaltungen fürs Radio werben

Unter dem Strich werden 200 Stellenprozente finanziert, die sich sechs Leute teilen. Es sei klar, dass man jeweils viel mehr als nur die bezahlte Zeit für die Tätigkeit bei Radio Jam On aufwende, sagt Raphael Häfliger. «Ohne Leidenschaft läuft gar nichts.» Das gilt auch für die verschiedenen Musikbegeisterten im Umfeld von Jam On, die ehrenamtlich Sendungen realisieren – wie Severin Fabris, der gerade dabei ist, Weibello zu interviewen.

Hören Sie hier die Sendung mit Weibello bei Radio Jam On:

Weibello tritt am Freitagabend mit der Luzerner Band Dub Spencer & Trance Hill in der I45 auf – und somit im dritten Betätigungsfeld von Radio Jam On – den Veranstaltungen. «Wir haben das Konzept bei der BBC abgeschaut», sagt Häfliger.

Indem man nämlich unter dem eigenen Namen Konzerte oder Jam-Sessions veranstaltet, versuche man, die eigenen Marken bekannter zu machen. «Vielleicht denkt sich da der eine oder die andere: Wow, das war ein toller Abend, ich hör jetzt mal ins Radioprogramm hinein», so die Überlegungen von Häfliger.

Nachwuchs in der Molo Bar

Unterwegs war Radio Jam On verschiedentlich in Zürich, wo sich ein grosser Teil der Hörer und User befindet – noch öfter aber in Zug und Luzern. In der Kolinstadt sendet der Sender jeweils von den Grossevents, wie dem Seefest, ausserdem regelmässig aus dem Bistro zum Pfauen.

In Luzern ist die Radiostation in der Molo Bar und im El Barrio an der Baselstrasse zu Gast, wo sich einmal monatlich Nachwuchsmusiker und Bands aus dem ganzen Land vorstellen. «In welcher Stadt diese Events stattfinden, ist eigentlich nicht so wichtig», sagt Häfliger.

Sehnsucht nach neuem Studio

Fest steht indes, dass man das Studio in Zug erneuern will. «Das ist unser grosses Ziel», sagt Häfliger, «wir wollen ein komplettes Update der Anlagen». In der Vergangenheit waren immer wieder Praktikanten bei Radio Jam On, wie etwa der landesweit bekannte Rapper Nemo. Die mussten sich mit der bisher behelfsmässigen Technik des Senders herumschlagen.

Ziel sei es, dass die jungen Musikredaktoren, Moderatoren und DJs, die bei Radio Jam On ihre ersten Erfahrungen sammeln, Fertigkeiten erlernen, die sie anschliessend bei anderen Sendern anwenden können.

Moderator Severin Fabris (links) und DJ Sandro Schgör mit dem Zuger Rapper Weibello (vorn) im Studio von Radio Jam On.

Moderator Severin Fabris (links) und DJ Sandro Schgör mit dem Zuger Rapper Weibello (vorn) im Studio von Radio Jam On.

(Bild: mam)

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