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Wie war das mit diesen «cheiben» Touristen?
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Büsy Lingg hat sich extra in seine Uniform geworfen. (Bilder: jav)

Luzerner als Touristen-Flüsterer im Einsatz Wie war das mit diesen «cheiben» Touristen?

6 min Lesezeit 02.10.2016, 17:28 Uhr

Seit fünf Jahren hilft Kurt Lingg auf Luzerns Strassen Touristen, den Weg zu finden. Jenen Leute also, welche von Luzernern gerne mal verflucht werden. Ob sie dem sogenannten «Friendly Host» manchmal auch selbst auf den Geist gehen?

Kurt «Büsy» Lingg ist Ur-Luzerner und ein Friendly Host. Das bedeutet, der 66-Jährige hilft in Luzern Touristen und Passanten weiter. Er zeigt den Weg, gibt Auskunft und trägt auch mal Koffer über das Kopfsteinpflaster.

Bereits seit fünf Jahren ist Lingg einmal die Woche in der Stadt unterwegs – meist in der Altstadt. Der gelernte Schriftsetzer ist selbst viel gereist. In seinen jungen Jahren reiste er nach Johannesburg und schlug sich dort zwei Jahre lang mit verschiedensten Jobs durch. Danach reiste er von Südafrika via Tansania, Kenia, Ägypten, Libanon, Syrien und die Türkei zurück nach Luzern.

Später bereiste er gemeinsam mit seiner Frau Asien, Australien, Neuseeland und schon über zehnmal die USA. «Ich habe selbst erlebt, wie toll es ist, wenn einem an einem fremden Ort spontan Hilfe angeboten wird. Wenn man spontan von Einheimischen angesprochen wird.»

zentralplus: Ist es Arbeit, Friendly Host zu sein?

Büsy Lingg: Auf keinen Fall. Als «Lozärner» ist es immer ein bisschen wie heimkommen. Ich wohne seit 30 Jahren im Büttenen-Quartier, bin aber nie wirklich ein Büttener geworden. Ich blieb immer stadtorientiert, weil ich im Bruch-Quartier aufgewachsen und zur Schule gegangen bin. Aber durch diese Aufgabe habe ich die Stadt wieder neu entdeckt. Ich hab dann auch angefangen, die Kamera mitzunehmen und meine Entdeckungen festzuhalten.

«Man kann an der Reuss kaum sein Gemüse kaufen, weil einem dauerfotografierende Touristen im Weg rumstehen.»

zentralplus: Was ist Ihre Hauptaufgabe?

Lingg: Leider beschränkt sich das mehr und mehr auf ein kurzes Auskunftgeben. Und das ist meist wenig abwechslungsreich, denn: Neun von zehn Gästen suchen das Löwendenkmal. Das ist aber auch so schön versteckt und eher «diskret» beschildert. Ich würde zum Beispiel einen grossen Löwenballon aufblasen und an einer Schnur darüber fliegen lassen oder den Weg mit Löwen-Spuren auf dem Trottoir markieren. Aber dann hiesse es gleich: Macht doch noch mehr ein Disneyland aus unserer Stadt!

zentralplus: Und was halten Sie von solchen Aussagen und der Kritik am Luzerner Disneyland?

Lingg: Nun, es ist eine Tatsache, dass Luzern sehr touristenfreundlich ist. Ich habe auch schon den Namen «Tic-Tac-City» oder «Clock-Town» gehört. Es fällt mir selbst auf, wenn ich nicht im Einsatz bin und beispielsweise zum Markt gehe. Man kann an der Reuss kaum sein Gemüse kaufen, weil einem dauerfotografierende Touristen im Weg rumstehen.

zentralplus: Ist es denn im Winter besser?

Lingg: Früher ja. Da gehörte die Stadt im Winter noch grösstenteils uns Einheimischen. Da war man am Rathausquai auch willkommen für ein einfaches Café Träsch und die Tische waren nicht «nur zum Essen» gedeckt, jedermann wurde gastfreundlich bedient. Heute dauert die Touristen-Saison zwölf Monate im Jahr. Aber man kann eben nicht nur nehmen, sondern muss auch geben. Und ich habe da vielleicht etwas mehr Verständnis durch meine Tätigkeit als Friendly Host.

zentralplus: Und Ihr Umfeld?

Lingg: Das ärgert sich oft oder fühlt sich verdrängt. Klar, wenn da eine Zehner-Kolonne nach der anderen durch die Hertensteinstrasse zieht. Aber ich kann auch nicht mehr sagen als: Regt euch nicht auf.

zentralplus: Sind Sie offener als andere Schweizer?

Lingg: Vielleicht ein wenig. Die Offenheit und das ungehemmte Ansprechen lernt man bei dieser Aufgabe und beim Reisen in anderen Kulturen. Aber meine Einstiegsdroge war ganz klar die Fasnacht beziehungsweise das Intrigieren. Mit der Klein-Gruppe Nixfix sind wir zu zweit seit 15 Jahren unterwegs. Da geht man auf Leute zu, und «schnörret» ihnen den Kopf voll.

«Wir Schweizer sind nicht die geborenen Gesprächsführer.»

zentralplus: Kann man diese Offenheit auch trainieren, wenn man jetzt nicht so der Fasnächtler ist?

Lingg:  Ich denke schon. Wir haben ein «Götti-System» für neue Friendly Hosts. Und wir sind vermehrt zu zweit unterwegs. Alleine wird man anders wahrgenommen – als Einzelmaske wirkt man etwas seltsam, wenn man Leute anspricht. Zu zweit wird man auch eher angesprochen, diese Erfahrung habe ich in diesem Jahr öfters gemacht.

zentralplus: Wer kommt vor allem auf Sie zu?

Lingg: Die Leute kommen selten auf uns zu. Wir müssen auf die Leute zugehen. Das ist zu Beginn der Tätigkeit für die meisten von uns das pièce de résistance. Denn wir Schweizer sind nicht die geborenen Gesprächsführer, die im Bus oder auf der Strasse sofort das Gespräch suchen und offen auf alles Neue und Unbekannte zugehen – jedenfalls nicht im ersten Moment. Wir brauchen etwas mehr Zeit fürs Herantasten. (Er lacht.)

zentralplus: Mit welchen Nationalitäten haben Sie am meisten zu tun?

Lingg: Als ich vor fünf Jahren angefangen habe, da waren es halb Inder, halb Chinesen. Heute sind auch wieder mehr Amerikaner, Australier oder Leute aus Südamerika dabei. Auch aus arabischen Ländern kommen immer mehr Touristen. Was man stark merkt, sind grosse Events in Europa, wie 2012 die Olympiade in London. Viele Besucher hängen dann gleich noch eine Europareise an. Und diese Leute kommen dann wirklich von überall her.

zentralplus: Welche mögen Sie am liebsten?

Lingg: Am unkompliziertesten sind Gespräche mit Amerikanern oder Gästen aus englischsprachigen Ländern. Koreaner beeindrucken mich, weil sie oft als Individualtouristen unterwegs sind, gut vorbereitet sind und meistens sehr gut englisch sprechen. Chinesen hingegen kommen meist in Gruppen mit eigenem Reiseleiter. Die sind für uns Tabu. Wenn wir sie aus Versehen ansprechen, dann kommt gleich der aufgeregte Guide mit seinem Fähnchen um die Ecke und interveniert.

zentralplus: Was hat sich in den fünf Jahren, seit Sie ein Friendly Host sind, verändert?

Lingg: Am Anfang war unsere Hauptaufgabe, die Leute zu fotografieren. Beide zusammen, dann er mit mir, dann sie mit mir… (Er lacht.) Doch dann kamen die Selfiesticks. Jetzt laufen alle mit diesen Stecken rum, und das Fotografieren gehört kaum noch zu unseren Aufgaben. Zudem hat es auch zugenommen, dass die Leute sich durch ihr Smartphone navigieren lassen. Aber oft halten sie es dann falsch, gehen in die Gegenrichtung und man darf ihnen schlussendlich doch irgendwo wieder helfen.

«Am Anfang habe ich immer die falschen Leute angesprochen.»

zentralplus: Was sind die schrägsten Geschichten, die Sie erlebten?

Lingg:  Ich wurde schon am Ärmel gezerrt und von einer Frau ganz gestresst gefragt, wo denn jetzt dieser Tiger sei? Oder ein Kollege hat eine Gruppe erlebt, welche mit dem Schiff nach Genf wollte. Er musste ihnen dann beibringen, dass Luzern nicht dasselbe ist wie Lausanne. Doch sie wollten ihm einfach nicht glauben, dass sie nicht auf dem Wasserweg nach Genf weiterkönnen. Meist sind es sprachliche Missverständnisse.

zentralplus: Wie kommunizieren Sie? In welchen Sprachen?

Lingg: Ich spreche Englisch, ein Rest meines Schul-Französisch und ein bisschen Italienisch.

zentralplus: Und Afrikaans?

Lingg: Jaja. Ein paar «Kraftausdrücke» sind mir geblieben. Und für einen Smaltalk reicht es noch. (Er lacht.)

Wer steckt dahinter?

Die Friendly Host sind seit 2012 jeweils von Mai bis Oktober unterwegs. 34 Hosts helfen derzeit mehrmals pro Monat auf Luzerns Strassen den Touristen. Ausgerüstet, aus- und weitergebildet werden sie von Luzern Tourismus.

Die Hosts sind im Alter von 40 bis 80 Jahren und beraten die Gäste in über zehn Sprachen. Alle Friendly Hosts sind in ehrenamtlicher Tätigkeit engagiert.

zentralplus: Was ist für die Touristen in Luzern überraschend?

Lingg: Unsere ganzen Feiertage und die Öffnungszeiten.

zentralplus: Und was hat Sie am Anfang am meisten überrascht?

Lingg: Am Anfang habe ich immer die falschen Leute angesprochen. Oft asiatischstämmige Secondos oder einheimische Familien, welche beispielsweise Russisch oder Englisch untereinander sprechen. So hab ich ständig einen Korb bekommen – das war zu Beginn ganz schön deprimierend. (Er lacht.)

zentralplus: Was ist Ihr Geheimtipp? Wo schicken Sie die Leute oft hin?

Lingg: Auf die Manor Dachterrasse. Dort hat man eine super Aussicht. Oder auf den Männliturm, der als einziger Turm oben offen ist, wo man einen Ausblick von 360 Grad hat.

zentralplus: Der grösste Teil der Friendly Hosts wird wahrscheinlich pensioniert sein?

Lingg: Das ist so. Es ist einge gute Abwechslung im Rentner-Alltag. Man hält seine Sprachkenntnisse à jour, kommt an die frische Luft und zuhause mal wieder aus dem Weg. (Er lacht.)

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