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Wie viel Luzerner Musik unsere Radios tatsächlich spielen
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Es dröhnt auch Luzerner Musik aus den Radioboxen, doch welche? Und wie viel? (Bild: Emanuel Ammon/AURA/Montage zentralplus)

Ewiger Streitpunkt: Braucht es eine Quote? Wie viel Luzerner Musik unsere Radios tatsächlich spielen

10 min Lesezeit 05.02.2017, 09:07 Uhr

Unter Musikern ist es ein Reizthema: Der Anteil an lokaler Musik im Radioprogramm. Auch Zentralschweizer Sender stehen latent im Verdacht, sich nicht um das Luzerner Musikschaffen zu scheren. Doch wie wenig lokale Musik wird tatsächlich gespielt? Wir schauten hin und fragten nach.

Sie kommen mit schöner Regelmässigkeit: die Debatten über Sinn und Unsinn von Radioprogrammen, über den Geschmack von Musikredaktoren und den Anteil von Schweizer Musik auf dem Äther. Auch in Luzern, obwohl man hier eine vergleichsweise breite Abdeckung der Bedürfnisse hat – von Kick-Ass über Oldies bis zum «Kein Song doppelt»-Formatradio.

Einer, der sich gern über die lokalen Radiostationen echauffiert, ist der Luzerner Musiker Tobi Gmür. 2010 griff er «Radio Pilatus» verbal an und beklagte den fehlenden Support des Senders für Luzerner Musik. Und kürzlich im Dezember listete er auf Facebook Absagen von Radiostationen auf: «Zu wenig poppig produziert. Wir haben den Song auf die Watchlist genommen», «Zu schlagerhaft (…) sehr Kinderlieder-mässig» oder «Ich muss abwinken», las man da. Solche Floskeln kennt wohl jeder Musiker zur Genüge.

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Das Thema scheint nicht nur Musiker zu bewegen, das zeigen Kommentare auf Facebook und in Foren. Radio ist wie Volksschule: Jeder kennt es und jeder hat eine Meinung dazu. Es bleibt der Eindruck haften: Sie müssen ziemlich schnoddrig sein, diese Musikredaktoren. Doch stimmt das auch?

Wieso spielen sie es – oder eben nicht?

Wir wollten es genauer wissen und wagten einen nüchternen Blick: Spielen die vier lokalen Radiosender tatsächlich so wenig Luzerner Musik? Zum einen haben wir ein paar Luzerner Bands und Musiker herausgepickt und geschaut, ob sie bei den hiesigen Radiostationen laufen. Es sind subjektiv ausgewählte Vertreter, aber alle waren oder sind in letzter Zeit aktiv und haben das Format, im Radio gespielt zu werden.

Zum anderen haben wir die Musikredaktoren von «Radio Pilatus», «Central», «Sunshine» und «3fach» gefragt, wie sie zu ihrem Musikprogramm kommen und was sie sich dabei überlegen.

Keiner läuft auf allen Stationen

Die Datenbank «Airplay.ch» gibt Auskunft, welche Titel von welchen Radios gespielt werden. Und da fällt die Bilanz unserer Stichprobe eher mager aus. Nicht erfasst von «Airplay.ch» wird Radio 3fach, da muss man sich durch Playlists klicken. Bewusst nicht berücksichtigt haben wir nationale Sender, die auch Luzerner Musik spielen – etwa «SRF3», «Virus» oder «Couleur 3».

Das Credo bei den Zentralschweizer Radios scheint: Wenn es der eine spielt, dann der andere nicht (mehr). Die grosse Ausnahme ist der Luzerner Shooting-Star Damian Lynn, der mit neuer Single und bald neuem Album am Start ist. Der junge Songwriter schafft den Spagat, nur fürs alternative 3fach scheint er inzwischen zu populär. Ebenfalls auf mehreren Sendern präsent sind Henrik Belden und Tobi Gmür.

Wer wo läuft oder kürzlich gelaufen ist (Stand Ende Januar 2017):

Beliebt bei Radios: Damian Lynns neuer Song «When We Do It»:

 

Die Radios nannten auf Anfrage weitere lokale Musik, die sie kürzlich oder aktuell spielen:

«Pilatus»: Dada Ante Portas, Kunz, Seven, Hecht, DJ Bobo, Marash & Dave, Eliane, Jan Oliver oder Emm.

«Sunshine»: Flava & Stevenson feat. Patrick Jonsson & Jack Dylan, DJ Ecko und Melo, Marash & Dave, Alex Costanzo & Manuel Naranjo, Patrick Jonsson, Kunz, X-Stylez & Two-M, Chrystal Ball, Armando Vico feat. Rykka, Paul Etterlin, Visu, Reto Burrell, Racel Diva, Fleur Magali, DJ Ecko & Robin, Zuger Shuger, DJ Bobo, Redeem

«Central»: Kunz, Dada Ante Portas, Hecht, Nelly Patty, DJ Bobo, Caroline Chevin, Fabienne Louves, Eliane, Rachel Diva. Dazu etliche Luzerner Kapellen und Gruppen im volkstümlichen Bereich.

Was sagen die Musikredaktoren?

Schliesslich haben wir bei den Verantwortlichen nachgefragt: Musikredaktor Thomas Zesiger von Radio Pilatus, Programmleiter Roman Spirig von Radio Sunshine und Central (die beiden Sender gehören seit 2012 zusammen) sowie Musikchef Moritz Stettler von 3fach («Ich bin zuständig für die Musik, ich mag Musik»).

Die vier Radiostationen

«Radio Pilatus», gegründet 1983, gehört zu den LZ Medien und ist mit täglich 216'400 Hörern die Nummer 1 unter den Zentralschweizer Radios. Es spielt hauptsächlich Pop und Rock. Das Studio befindet sich in Luzern.

«Radio Central» und «Sunshine» gehören seit 2012 zusammen, senden aber weiterhin unabhängig. «Central» – das «Family-Radio» – kommt auf 200'100 Hörer und ist in Brunnen und Luzern stationiert. Es spielt Musik der 60er bis heute. Es ging 1990 als Radio Schwyz auf Sendung. «Sunshine» sitzt in Rotkreuz und kommt auf 104'700 Hörer – das 1983 gegründete «Hitradio» spielt Hits der Neuzeit.

Das alternative «Radio 3fach» ging 1998 offiziell auf Sendung – als erstes Jugendradio Europas. 3fach ist Teil der Union nicht-kommerzorientierter Lokalradios (UNIKOM). Das Studio liegt in Luzern, es spielt Musik aus den meisten Sparten, zielt auf junge Leute zwischen 13 und 30 Jahren und erreicht 27'000 Hörer.

zentralplus: Erhalten Sie viele Rückmeldungen, Reklamationen oder Anfragen, was Luzerner Musik im Programm anbelangt?

Radio Pilatus: Nein, es gibt regelmässig Playlist- und Interview-Anfragen. Je nachdem, ob die Musik in unser Programm passt, berücksichtigen wir diese gerne. 

Radio Central/Sunshine: Minimal, wir hören selten Negatives, denn wir spielen ja Luzerner Musik, welche den Kriterien entspricht. Es sind am ehesten Labels, die monieren, dass ihr Künstler nicht am Radio gespielt wird. Würde es sehr viele Hörer geben, die sich aufregen, dann hätten wir etwas falsch gemacht.

Radio 3fach: Weniger, als man vielleicht denkt. Bands haben zwar manchmal das Gefühl, nur weil man von Luzern ist und wir ein lokales, alternatives Radio sind, sei es selbstverständlich, dass man auf 3fach läuft. Doch das ist es für uns nicht.

zentralplus: Luzerner Musik wird nicht oft gespielt – täuscht der Eindruck?

Pilatus: Das mag bei gewissen Sendern gelten, bei Radio Pilatus ist dies nicht so. Im Programm finden Bands Platz, die man sonst fast nirgends im Radio hört. Fakt ist, dass wir das nicht mit Quoten regeln. Wenn die Musik eines Künstlers oder einer Band die qualitativen wie stilistischen Voraussetzungen für unser Programm erfüllt, hat sie eine Chance, im Programm gespielt zu werden. Dass dies im Verhältnis zu nationalen und internationalen weniger sind, ergibt sich von alleine.

«Es wäre völlig absurd, eine Quote einzuführen.»

Roman Spirig, Programmleiter Sunshine/Central

Central/Sunshine: Entschieden nein! Bei uns läuft Luzerner Musik verhältnismässig oft. Es ist wie beim Wein: je nach Jahrgang. Es gibt auf jeden Fall keinen Grund, gute Luzerner Musik nicht zu spielen, ebenso, wie es keinen Grund gibt, schlechte Luzerner Musik oft zu spielen.

3fach: Wir befassen uns sicher mehr damit als andere. Vor allem mit Nicht-Privatsender-tauglichen Bands. Und von denen gibt es in Luzern viele.

zentralplus: Wie wichtig ist für Ihr Radio das lokale Musikschaffen?

Pilatus: Lokales Musikschaffen ist wichtig. Nicht nur in Bezug auf die Playlist, sondern etwa in Ausgehtipps und in der Kulturberichterstattung. So finden auch Bands und Künstler in unserem Programm statt, welche nicht täglich mit ihrer Musik im Programm zu hören sind.

Central/Sunshine: Wichtig. Aber mindestens so wichtig ist uns das lokale Musikverlangen – also der Musikgeschmack der Menschen, die in unserer Region leben. In den letzten Jahren haben wir sehr viele Luzerner und Zentralschweizer Musiker gefördert und gespielt, als es andere noch nicht taten. Wir gaben ihnen auch Promotionsflächen, etwa auf den grössten Bühnen am Luzerner Fest.

3fach: Sehr wichtig. Ob musikalisch oder inhaltlich. Das Musikschaffen ist eine Art Orientierung für uns.

zentralplus: Wäre eine Quote für Luzerner Musik eine Überlegung?

Pilatus: Es gibt auch keine Quote für nationale oder internationale Musik. Was zu uns passt, das spielen wir gerne, aber wir sind in der Entscheidung unabhängig. Da machen wir auch bei international grossen Acts keine Ausnahme.

«Bei der Playlist gilt: Egal woher, es muss zu Radio Pilatus passen.»

Thomas Zesiger, Musikredaktor Pilatus

Central/Sunshine: Es wäre völlig absurd, eine solche Quote einzuführen. Es gab in den 90er-Jahren den Vorstoss, eine Quote für Schweizer Musik einzuführen. Die Branche hat sich erfolgreich dagegen gewehrt, denn es hätte damals einfach zu wenig gute Schweizer Musik auf dem Markt gehabt. Wir sagten immer: Macht bessere Musik, dann kommt sie automatisch im Radio! Das ist inzwischen geschehen. Die Schweizer Musikszene hat sich sehr erfreulich entwickelt und nimmt mittlerweile einen grossen Platz an Plays in Radioprogrammen in Anspruch. Genauso verhält es sich mit Zentralschweizer Musik.

zentralplus: Aber sehen Sie es als Auftrag, das lokale Musikschaffen bevorzugt zu behandeln?

Pilatus: Das tun wir, indem wir Konzerte und Veranstaltungen von lokalen Bands und Künstlern am Sender thematisieren. Bei der Playlist aber gilt: Egal woher, es muss zu Radio Pilatus passen!

Central/Sunshine: Wir gehen oft über unseren Leistungsauftrag hinaus, der in der Radiokonzession verankert ist. Darin steht, dass wir über Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft, Politik und Sport in unserer Region berichten wollen und sollen. Insofern ist es selbstverständlich unser Auftrag, das regionale Musikschaffen zu beobachten und wenn es dies verdient hat, in unsere Berichterstattung oder ins Programm aufzunehmen. Es ist gleichzeitig nicht unsere Pflicht, Hauptplattform für jene zu sein, die von sich selbst glauben, sie seien eine grosse Nummer. Anspruch und Realität sind auch im Musikbusiness oft zweierlei.

3fach: Nicht unbedingt bevorzugt, aber wir befassen uns sicher genauer damit. Wir verfolgen den Werdegang sehr nahe – das macht es auch spannend für uns.

zentralplus: Was sind die Kriterien, ob ein Song aus Luzern gespielt wird?

Pilatus: Für Musik aus Luzern gelten die gleichen Bedingungen wie für internationale Musik. Sie muss zum Programm, zur Zielgruppe und unserer musikalischen Ausrichtung passen. Gleichzeitig sind die Hürden für lokale Bands und Künstler teils sogar niedriger. So tragen wir dem lokalen Musikschaffen Rechnung.

Central/Sunshine: Dieselben wie bei jedem anderen Song. Es sollten mehr Hörer Freude an diesem Song haben, als dass sich Hörer dadurch bewegt fühlen, das Radio auszuschalten. Ausserdem ist es natürlich von Vorteil, dass man sich als Musiker aktiv bewirbt. Schauen wir auf die von Ihnen angesprochenen Bands: Da fehlt beispielsweise von Long Tall Jefferson, Vsitor, Gaia und Pink Spider jegliche Bemusterung. Da wäre in der Selbstvermarktung wohl noch Luft nach oben.

3fach: Bands müssen für uns den richtigen Approach haben. Sie müssen nicht für 20’000 Franken in ein Studio und dann meinen, das werde dann überall gespielt. Sie machen Musik aus Leidenschaft, tüfteln in ihren Bedroom-Studios und sehen dann, wo es hingeht. Sie suchen nicht verknorzt die Aufmerksamkeit, sondern machen authentisch das, was sie wollen und sind am Nerv der Zeit.

«Privatradios spielen die Hits, wir machen sie.»

Moritz Stettler, Musikchef 3fach

zentralplus: «Spielen, was die Hörer wollen» ist eine häufige Antwort. So kann man doch alles rechtfertigen?

Pilatus: Das ist keine Ausrede, sondern effektiv so. Dies belegen die aktuellen Hörerzahlen von Mediapulse. Zudem befragen wir unsere Hörer regelmässig in der Radio Pilatus Musikjury. Dabei testen wir immer auch wieder lokale Künstler.

Central/Sunshine: Der Umkehrschluss wäre «spielen, was die Hörer NICHT wollen». Das kann ja nicht der Anspruch sein. Wir möchten das spielen, was der Grossteil unserer Hörerschaft möchte. Bei Central können Hörer beim täglichen Wunschkonzert mitbestimmen, bei Sunshine gibt’s die «Swiss Charts», ein Gefäss, bei dem Hörer direkt und jederzeit mitbestimmen können.

3fach: Nein, Privatradios spielen die Hits, wir machen sie.

zentralplus: Welche Genres haben am meisten Chancen, gespielt zu werden: Pop, Rock, Hip-Hop, Schlager?

Pilatus: Wir spielen ein sogenanntes Hot-Adult-Contemporary-Format. In erster Linie spielen wir also Hits aus den Bereichen Pop und Rock, mit Fokus auf die letzten 20 bis 30 Jahre.

Central/Sunshine: Central ist klar auf der Schiene Pop, Rock und Schlager. Gleichzeitig hat der Sender den breitesten Musikmix und spielt beispielsweise auch Country, Oldies und Charts. Und wer ein derart breites Publikum hat, schliesst auch Hip-Hop nicht aus.

Was in den Charts läuft, läuft auch auf Sunshine, insofern schliesst auch Sunshine prinzipiell keinen Musikstil aus. Was in den letzten 25 Jahren gross war, spielen wir ebenfalls. Sunshine ist in seinem Musik-Programm jung, urban und modern ausgerichtet, es hat den jüngsten Musikteppich der Mainstreamradios der Region. Kein Titel ist älter als Jahrgang 1990.

3fach: Klar hat ein Pop-Rock-Song eine grössere Chance, im Tagesprogramm gespielt zu werden, als ein experimenteller oder Hardcore-Song. Doch wir decken mit unseren Musik-Specials alle Genres ab – Metal, Reggae, Rap, World Music und neu auch Jazz.

«In der Selbstvermarktung von Bands wäre noch Luft nach oben.»

Roman Spirig, Central/Sunshine

zentralplus: Wie wichtig ist, was die Konkurrenz spielt?

Pilatus: Der Begriff Konkurrenz ist heute relativ. Natürlich schauen wir, was auf Download- und Streaming-Portalen gut ankommt. Daneben beobachten wir, was lokale, national und international erfolgreiche Radiosender mit ähnlicher Ausrichtung tun. Entscheidend ist dies aber nur bedingt, denn die Musik muss zu unserer Hörerstruktur und zu unserem Konzessionsgebiet passen. Würden wir einzig auf andere Sender achten, hätten Künstler aus der Zentralschweiz kaum eine Chance.

Central/Sunshine: Das ist vor allem wichtig für die Formatauslegung. Wir haben als Central allerdings oft das Gefühl, dass sich die Konkurrenz eher an uns orientiert als umgekehrt (lacht). Wir waren immer anders als «formatiertere» Hitradios. Bei Sunshine haben Airplays von anderen Hitradios selbstverständlich Einfluss, da vergleicht man sich mit anderen Stationen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass man die Eigenständigkeit und die Regionalität trotzdem hört. In den Musikstrecken und den Moderationen hört man immer ein Stück Zentralschweiz heraus.

3fach: Nicht wichtig. Manchmal wird geschaut, ob ein Song von den Big Players gespielt wird, wenn man nicht so recht weiss, ob man ihn im 3fach spielen soll. Wenn ja, lassen wir es. Ausser, der Song gefällt uns sehr sehr gut, dann ist das egal. Das ist das Schöne: Wir können spielen, was wir wollen, ohne Angst, Werbedeals zu verlieren.

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