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Wie Thomas Hürlimann dem Tod ein Schnippchen schlägt
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Thomas Hürlimann, Schriftsteller aus Zug, arbeitet derzeit an einem Theaterstück für die Freilichtspiele Luzern. (Bild: Jürgen Bauer )

Neue Lebenszeichen des Zuger Schriftstellers Wie Thomas Hürlimann dem Tod ein Schnippchen schlägt

3 min Lesezeit 22.08.2018, 17:01 Uhr

Kürzlich musste der Schriftsteller Thomas Hürlimann (67) aus gesundheitlichen Gründen seine 1.-August-Rede in Walchwil absagen. Die Rede ist nun doch veröffentlicht worden und sorgt für Aufsehen. Wichtiger aber ist sein neuer Roman, mit dem sich der einzige international bedeutsame Zentralschweizer Autor zurückmeldet.

Lange blieb es still um Thomas Hürlimann. Seit einigen Jahren lebt der in Zug aufgewachsene und lange in Berlin ansässige Schriftsteller wieder in einer Wohnung in Walchwil, dem Herkunftsort seiner Vorfahren. In den Schlagzeilen tauchte er lediglich auf, als er das Haus seines Vaters, des Bundesrats Hans Hürlimann (1918–1994), teuer vermieten wollte. Sein letzter Roman, «Vierzig Rosen», erschien vor zwölf Jahren.

Umso grösser war die Überraschung, als die Gemeinde Walchwil Hürlimann als 1.-August-Redner für die diesjährige Bundesfeier ankündigte. Wegen eines kurzfristigen Spitalaufenthalts des Literaten wurde daraus nichts. Das Mikrofon in Walchwil blieb ausgeschaltet, die Feier ging ohne Rede über die Bühne.

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Grund für Missverständnisse

Während sich Hürlimann bei seiner Schwester im Kanton Baselland erholt, gibt die nicht gehaltene Rede nun dennoch zu reden. Die «Schweiz am Wochenende» hat sie integral und exklusiv abgedruckt. Andere Medien arbeiten sich nun an der Thematik ab – denn der Titel polarisiert: «Toleranz ist ein anderes Wort für Feigheit» lautet er.

Eigentlich wettert Hürlimann in seiner Rede gegen zu viel Political Correctness und den Genderwahn in der Sprache, welche diese gleichschaltet und beschädigt. Aber er zitiert darin auch einen verstorbenen rumänisch-französischen Philosophen mit antisemitischer Gesinnung – was ihm vorgehalten wird.

Endlich ein literarisches Lebenszeichen

Wichtiger für die Freunde der geistigen Regsamkeit ist indes, dass Hürlimann sich endlich mit einem neuen Werk zurückmeldet. Denn mit markigen Äusserungen hat er schon in der Vergangenheit für Aufmerksamkeit gesorgt.

Diese begründen aber ebenso wenig seinen Ruf, wie ihn seine frühen Werke und Theaterstücke unsterblich machen werden. An Hürlimann wird man sich nicht wegen dem «Franzos im Ybrig» erinnern. Sondern literarisch unanfechtbar wird er in der Beschäftigung mit seinem Hauptthema: seiner Familie.

 Zuger «Herrensöhnchen» sorgt für Aufregung

Neues Dasein in Sizilien

Darum geht’s in «Heimkehr», dem neuen Roman von Thomas Hürlimann: Ein Mann namens Heinrich Übel stirbt bei einem Unfall in der Schweiz und wird in ein neues Dasein in Sizilien katapultiert. Er weiss zwar, wer er ist, aber er hat keine Ahnung, wie er da hingekommen ist. Auch behandeln ihn die Menschen dort ganz anders als die in seinem früheren Leben: Aus dem Unglücksraben ist plötzlich ein Held und Frauenschwarm geworden. Doch Sizilien ist nur eine Station im Leben des Erzählers, der auch aus Afrika, Zürich oder Berlin berichtet.

Dieser hat er Denkmäler gesetzt. «Der grosse Kater» (1998), der seinem Vater, dem Bundesrat, gewidmet ist, wurde 2010 mit Bruno Ganz in der Hauptrolle verfilmt. In der Novelle «Fräulein Stark» (2001) ging es ums Erwachsenwerden – aber eben auch um die Verwandtschaft seiner Mutter in St. Gallen.

Es gab einen Skandal und Hürlimanns Onkel verfasste eine Streitschrift gegen das «Herrensöhnchen» vom Zugersee. Ausserdem bezichtigte Literaturpapst Marcel Reich-Ra­nicki (1920–2013) Hürlimann damals des Antisemitismus. Die Rezeption von «Vierzig Rosen», in der Thomas Hürlimann 2006 das Leben seiner Mutter Marie-Theres Hürlimann-Duft (1926–2001) schildert, verlief wieder ruhiger.

Unfall am Sihlsee

In gewisser Weise knüpft Hürlimann mit seinem neuen Buch «Heimkehr», das am Freitag in den Verkauf gelangt, an diese Familienbezogenheit an – denn es ist ein unverkennbar autobiografischer Roman. Überraschend ist die Perspektive, aus der erzählt wird: Hürlimanns Alter Ego, die Erzählperson Heinrich Übel, ist nämlich schon gestorben und erzählt aus dem Jenseits.

Literarisches Hauptthema von Thomas Hürlimann ist die Familie: Familiengrab der Hürlimanns auf dem Friedhof St. Michael in Zug.

Literarisches Hauptthema von Thomas Hürlimann ist die Familie: Familiengrab der Hürlimanns auf dem Friedhof St. Michael in Zug.

(Bild: Wolfgang Holz)

Damit verarbeitet Hürlimann einen Unfall, den er hatte, als er um die Jahrtausendwende am Sihlsee lebte, und der ihn fast das Leben gekostet hätte. Die Erzählperspektive lässt sich allerdings auch in Verbindung mit dem Tod setzen, der in Hürlimanns Werk eine wichtige Rolle spielte.

Die neue Leichtigkeit des Erzählens

Thomas Hürlimanns jüngerer Bruder starb an Krebs, was er in der «Der grosse Kater» thematisiert hat. Krebs und Tod waren etwa auch Gegenstand des Theaterstücks «Stichtag», das er vor genau zehn Jahren für eine Aufführung des Luzerner Theaters im Südpol neu bearbeitet hat. Die Krankheit hat Hürlimann eingeholt.

An ihr laboriert er nun, musste sich schon mehreren Operationen unterziehen. Der Tod ist für den hinfälligen Dichter gegenwärtig. Umso pfiffiger scheint die Idee, den Tod im neuen Roman nun einfach zu transzendieren.

Dadurch, dass Hürlimann alias Übel aus dem Jenseits erzählt, wird der Zugriff aufs Leben leicht – und die Lektüre vergnüglich.

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