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Wie parkplatzfeindlich ist die Stadtregierung wirklich?
  • Wirtschaft
Es hagelt böse Kommentare gegen die Parkplatz-Politik der Stadt.  (Montage: jwy)

Debatte nach Ladenschliessung in Luzerner Neustadt Wie parkplatzfeindlich ist die Stadtregierung wirklich?

6 min Lesezeit 1 Kommentar 17.08.2016, 09:58 Uhr

Ein Kleidergeschäft in der Luzerner Neustadt schliesst und auf Facebook geht das Gejaule los: Die Stadt Luzern sei wirtschaftsfeindlich, weil sie Parkplätze aufhebe, lauten die Vorwürfe. Die Stadt kontert: Ja, der Detailhandel leide – die Gründe macht man aber andernorts aus.

Silk & Cotton hatte im September 2012 eröffnet – und vier Jahre später ist bereits wieder Schluss. Das Geschäft an der Hirschmattstrasse 15 hat von einem Tag auf den anderen geschlossen. Im Schaufenster hängen zwar noch Kleider, doch ein Zettel an der Tür informiert die Kunden.

Information an die Kunden.  (Bild: jwy)

Information an die Kunden.  (Bild: jwy)

Der türkischstämmige Geschäftsführer Ismail Caner ist ein alter Hase im Modegeschäft, schon über 20 Jahre ist er in der Branche tätig. «Ich erfahre etwa eineinhalb Jahre vorher, was Trend sein wird», sagte Caner einmal selbstbewusst. Sein Geschäft vertrieb unter anderem exklusive türkische Kleidermarken. Zuvor war Caner bis 2008 Geschäftsführer beim Traditionshaus Gränicher.

Nicht alle Geschäfte halten dem Druck stand

Der Alltag der Kleider- und Schuhgeschäfte ist ungemütlich geworden: Frankenstärke, Online-Handel und steigende Mieten erhöhen den Druck. Nicht alle halten stand. Auch Silk & Cotton gibt als Grund die «schlechte Entwicklung im Detailhandel» an. Doch Ismail Caner nennt noch einen anderen Grund: Er schiebt die Schuld für die Schliessung ebenso dem angeblichen Abbau von Parkplätzen im Hirschmattquartier zu.

«Durch die wirtschaftsfremde Politik unserer links-grünen Regierung werden auch wir gezwungen sein, früher oder später unseren Standort aufzugeben.»

Roger Gelbart, Geschäftstreibender

Parkplätze sind ein populäres Streitthema, und es wird auf Social Media mit Handkuss aufgenommen: In den einschlägigen Luzerner Facebook-Gruppen «Du besch vo Lozärn, wenn …» und im neuen «Sorgenbriefkasten» holen User zum Rundumschlag gegen eine wahlweise «grüne», «wirtschafts- und bürgerfeindliche» oder schlicht «schändliche» Regierung aus.

Die vorherrschende Meinung kann man in etwa so zusammenfassen: Die Stadt baut Parkplätze ab, deshalb gehen die Läden ein. Ein paar Beispiele der Debatte gefällig?

  • «Tja, mit der grünen Regierung haben wir den Käse.»
  • «Viele Spezialgeschäfte sind auf die Kunden angewiesen, welche schnell mit dem Auto vorbeifahren können.»
  • «Was bringen alle Steuervorteile, wenn die Mobilität der willkommenen Mitarbeiter eingeschränkt wird?»
  • «Die aktuelle Regierung unternimmt wirklich alles, um Luzern bis in den Ruin zu treiben.»
  • «Schande über die bürgerfeindlich und unternehmerschädigende Stadtregierung.»

Ein anderer langjähriger Geschäftstreibender meldet sich zu Wort – und stimmt in den Kanon gegen die Stadtluzerner Regierung ein: Roger Gelbart vom gleichnamigen Orthopädie-Geschäft an der Habsburgerstrasse 26 schreibt auf Facebook: «Auch wir haben seit 52 Jahren ein Spezialgeschäft für Orthopädie in der Neustadt. Viele unserer Kunden sind auf ihr Auto angewiesen. Durch die wirtschaftsfremde Politik unserer links-grünen Regierung werden auch wir gezwungen sein, früher oder später unseren Standort aufzugeben.»

So verläuft die Diskussion auf Facebook.  (Screenshot)

So verläuft die Diskussion auf Facebook.  (Screenshot)

Andere User kontern:

  • «Unglaublich, für was die fehlenden Parkplätze in der Stadt alles herhalten müssen.»
  • «Das liegt sicher nicht an den Parkplätzen. Die Leute, die unbedingt mit dem Auto in die Stadt kommen wollen, sind nur zu faul, um vom Parkhaus in den Laden zu laufen.»

Wiederum andere User deuten an, dass Silk & Cotton – zumindest nicht nur – an der Parkplatzpolitik gescheitert ist, sondern eher beim mangelnden Preis/Leistungsverhältnis:

  • «Die Qualität der Kleidungsstücke liess oftmals zu wünschen übrig und auch war die Bedienung meist einfach einen Tick zu unaufmerksam/desinteressiert. Sowas kann man sich auf dem hart umkämpften Markt für Detailhandel nicht mehr erlauben.»
  • «Kurz und schmerzlos: Das hat nichts mit Parkplätzen oder dergleichen zu tun, sondern schlicht und einfach mit Misswirtschaft, fehlender Innovation, schlechtem Pricing und ungenügender Kundenberatung und/oder -bindung.»

Wir hätten gern von Ismail Caner erfahren, was er dazu sagt. Doch dieser war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. 

76 Parkplätze verschwinden

Zurück zur Parkplatzfrage: Wie nah muss ein Parkplatz beim Geschäft sein? Wie weit weg darf er sein? Fast alle Geschäfte in der Stadt liegen in Gehdistanz zu einem Parkhaus. Im Fall von Silk & Cotton sind es die Parkhäuser Kantonalbank oder in der Winkelriedstrasse.

Dass Parkplätze in der Neustadt weggefallen sind, stimmt aber: Im Zuge der Sanierung mussten 76 öffentliche Parkplätze weichen. Dies zugunsten besserer Sichtverhältnisse und einer attraktiveren Gestaltung. Von den wegfallenden Parkplätzen werden voraussichtlich rund 35 kompensiert im Parkhaus Hirzenmatt in der Winkelriedstrasse (zentralplus berichtete). Die Verhandlungen zwischen Stadt und dem privaten Parkhausbetreiber laufen noch.

Im Schaufenster hängen noch Kleider, doch das Geschäft ist zu.  (Bild: jwy)

Im Schaufenster hängen noch Kleider, doch das Geschäft ist zu.  (Bild: jwy)

Kein Recht auf Parkplatz vor dem Geschäft

Einige Gewerbetreibende zogen gegen die Parkplatz-Reduktion vor das Kantonsgericht – blitzten aber ab. «Zur Wirtschaftsfreiheit gehöre nicht grundsätzlich das Recht, dass von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellte Parkflächen immer bestehen blieben», begründete das Gericht letzten Sommer.

Denn das Gesamtangebot sei ausreichend: Noch immer befinden sich im betroffenen Gebiet rund 480 öffentliche Oberflächenparkplätze. Dazu kommen etwa 1700 Parkplätze in Parkhäusern, die sich innerhalb eines Umkreises von 500 Metern befinden. Kommt dazu: Das Hirschmattquartier ist jenes Quartier in der Stadt Luzern mit dem grössten Anteil an autofreien Haushalten. Letztlich ist es ein Abwägen zwischen den Interessen der Bewohner und des Gewerbes.

Man findet immer einen Parkplatz

Was sagt die Stadt Luzern zu den Vorwürfen, sie agiere wirtschaftsfremd und baue Parkplätze ab? Christoph Nick, Stabschef der Finanzdirektion, sagt: Bei Geschäften spielen so viele Faktoren mit, es sei normal, dass ein Teil rentiere und andere aufgeben – und das sei auch immer mit Emotionen verbunden.

«Wir haben genug Parkplätze, man sieht auf unserem Parkleitsystem, dass es praktisch immer freie Parkplätze gibt in der Stadt.»

Christoph Nick, Finanzdirektion

Dass es während der Umbauarbeiten in der Neustadt zu Einbussen kam, weiss auch Nick. Dass es hingegen zu wenig Parkplätze gebe, stimme nicht: «Wir haben genug Parkplätze, man sieht auf unserem Parkleitsystem, dass es praktisch immer freie Parkplätze gibt in der Stadt», sagt er. Dass die Parkhäuser voll seien, beschränke sich auf wenige Monate im Jahr. «Wenn man will, findet man einen Parkplatz, aber man kann halt nicht immer direkt vor dem Geschäft parkieren.»

Einig ist Nick mit den Geschäftsinhabern, dass die Situation für den Detailhandel alles andere als rosig ist – aber nicht wegen fehlender Parkplätze: «Ich mache mir mehr Sorgen wegen anderer Faktoren wie der Einkaufszentren oder des Internethandels, die den Druck auf die Stadt erhöhen.»

Umladen ist auf Trottoir erlaubt

Auch Roger Schürmann, Projektleiter der Gesamterneuerung Hirschmatt, sagt: «Gemäss den Daten des Parkleitsystems der Stadt Luzern gibt es in der Innenstadt zu jeder Zeit freie Parkplätze in umliegenden Parkhäusern, selbst am Samstagnachmittag.» Zwar wurden auf der Oberfläche Parkplätze aufgehoben, dafür würden die neuen, breiten Trottoirs mit zusätzlichen Bäumen neue Chancen bieten, so Schürmann.

Denn zum Ein- und Ausladen vor einem Geschäft darf man mit seinem Auto durchaus auch ausserhalb der Parkplätze auf dem Trottoir halten. Schürmann sagt es so: «Zum Umladen sind punktuell Umschlagsflächen markiert und die mit sechs Meter sehr breiten Einbahnstrassen lassen dies situativ vielerorts ebenfalls zu.»

Wie viele Parkplätze in der Stadt sind genug – und wie viele zu viel? Die Diskussion dürfte noch lange nicht zu Ende sein.

Ein weiteres Müsterchen aus der Facebook-Diskussion:

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1 Kommentare
  1. Karin Auf der Maur, 19.08.2016, 14:33 Uhr

    Die Betrachtung ist nicht vollständig. Für den Detailhandel sind Verfügbarkeit und Erreichbarkeit zentrale Elemente. In Luzern sind die Öffnungszeiten bekanntlich nachteilig. Dazu kommt das Gerangel um die verbleibenden Parkplätze, die von Anwohnern mit günstigen Parkkarten praktisch dauerbesetzt sind. Die motorisierte Klientel fühlt sich unerwünscht – bleibt dem Stadtzentrum fern. Der Detailhandel und die Dienstleister in der Stadt spüren das zunehmend. Geschäftsaufgaben sind die Folge. Bald gestaltet sich ein Teil der Mobilität umgekehrt. Wer das Auto bevorzugt – fährt zum Einkaufen, für den Haarschnitt oder den Arztbesuch bald lieber in die Zentren am Stadtrand und der Agglomeration. Die werden ihre Chance nutzen, während Luzern die gute Ausgangslage auf’s Spiel setzt.

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