Wie Luzerner SVP-Politiker Migranten den Weg zur Integration weisen
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Die Gastgeber von Neue Heimat Schweiz in Malters: Decebal Apostol und Giorgia Seeholzer. (Bild: Claudio Birnstiel)

Neue Heimat Schweiz mit rechtsbürgerlichen Idealen Wie Luzerner SVP-Politiker Migranten den Weg zur Integration weisen

6 min Lesezeit 27.12.2019, 11:15 Uhr

Sie sind Migranten, vertreten rechtsbürgerliche Werte und wählen teils die SVP. Das sind die Mitglieder der Organisation Neue Heimat Schweiz, von Luzerner SVP-Politikerinnen und -Politikern ins Leben gerufen. Die Idee: Einwanderer sollen sich an deren Idealen orientieren, um sich rasch und erfolgreich in der Schweiz zu integrieren.

Der Raum im dritten Stock des Gemeindesaals in Malters ist an diesem zweiten Weihnachtstag zwar nicht üppig, aber dennoch einladend dekoriert. Rund 25 Personen verschiedenen Alters und Herkunft haben sich zum gemütlichen weihnächtlichen Zusammensein getroffen. Damit auch das Kulinarische nicht zu kurz kommt, hat jeder der Teilnehmer etwas zum Buffet beigetragen. Getanzt wird zu traditioneller rumänischer Musik.

Gastgeber sind Giorgia Seeholzer und Decebal Apostol. Beide sind in Rumänien geboren, leben aber schon lange in der Schweiz. Sie stehen den Vereinigungen Arei Zentralschweiz, dem Innerschweizer Arm des rumänisch-schweizerischen Integrationsvereins, und dem Luzerner Ableger von Neue Heimat Schweiz vor, der Migrantinnen und Migranten sämtlicher Herkunftsländer Unterstützung bei der Integration bietet (zentralplus berichtete). Seeholzer ist vor allem in Malters bekannt, wo sie für die SVP in der Jugendkommission sitzt.

Klare politische Ausrichtung

Um Politisches geht es, zumindest an diesem Abend, indes nicht. Obwohl Neue Heimat Schweiz sich offiziell als politische Organisation präsentiert, wie Seeholzer betont. Dies im Gegensatz zur Partnerorganisation Arei. «Bei Arei geht es darum, Migrantinnen aus Rumänien zu helfen, in der Schweizer Gesellschaft und Arbeitswelt Fuss zu fassen. Sie ist aber politisch neutral. Wir von Neue Heimat Schweiz hingegen haben uns klar positioniert», sagt Seeholzer.

Wo die Organisation politisch steht, offenbart sich nicht nur an Giorgia Seeholzers Parteibuch. Gegründet wurde die Vereinigung vor vier Jahren unter anderem von SVP-Nationalrätin Yvette Estermann. Entsprechend vertrete die grosse Mehrheit der Mitglieder von Neue Heimat Schweiz ein rechtsbürgerliches Weltbild, so Seeholzer. Begonnen hatte alles nach der Abstimmung über die Ausweitung der Personenfreizügigkeit auf Rumänien und Bulgarien 2009.

Rund 25 Personen haben sich am zweiten Weihnachtstag im dritten Stock des Gemeindehauses in Malters zum gemütlichen Beisammensein getroffen.

«Die Presse vermittelte vielerorts ein eher negatives Bild von Rumäninnen und Rumänen. Um dieses Image zu korrigieren, haben wir Kontakt zu SVP-Nationalrat Toni Brunner aufgenommen, der uns ins Bundeshaus eingeladen hat», erzählt Seeholzer. Es sei darum gegangen, der Partei, die im Abstimmungskampf gegen die Ausweitung der Personenfreizügigkeit federführend war, die Menschen persönlich vorzustellen, um die es bei der ganzen Frage eigentlich ging. «Später waren wir dann auch in Toni Brunners Beiz im Toggenburg zu Gast und lernten irgendwann Frau Estermann kennen», blickt Seeholzer zurück.  

«Es gibt viele rechtsbürgerliche Migranten»

Doch mutet die Verbindung zwischen Migranten und der SVP nicht irgendwie speziell an? Seeholzer kann nachvollziehen, dass dies die Eine oder den Anderen allenfalls irritiert. Da sie selber sowie einige Migrantinnen aus ihrem Umfeld jedoch politisch eindeutig rechts stünden, sei ihnen die Idee gekommen, eine eigene Vereinigung zu gründen.

«Für eher links eingestellte Migranten gab es einige Angebote von linken Parteien und Organisationen, was insbesondere aufgrund von deren auf Internationalismus ausgerichteten Politik verständlich ist», sagt die 44-Jährige, die ihren Mann in Rumänien kennen gelernt hat und ihm in die Schweiz gefolgt ist.

«Ich bin für einen schlanken Staat, der die Eigeninitiative fördert.»

Giorgia Seeholzer

Von linken Parteien habe sie sich allerdings schon in Rumänien schlicht und einfach nicht angesprochen gefühlt. «Ich bin für einen schlanken Staat, der die Eigeninitiative fördert.» Im Bereich Migration bedeute dies vor allem, dass man die Sprache lernen, eine Ausbildung absolvieren und hart arbeiten soll. «Ich verstehe nicht, wieso der Staat Einwanderern zum Beispiel einen Deutschkurs bezahlen soll. Ich habe mir auch das meiste selber erarbeitet und bezahlt», sagt Seeholzer, die seit 2001 fest in der Schweiz lebt, mit Nachdruck.

Seeholzer: Für die FDP zu rechts, bei der SVP ganz links

Diese Werte vertritt auch die FDP. Wieso hat Seeholzer als Migrantin ihre politische Heimat dennoch bei der Volkspartei gefunden? «Die FDP steht für die Globalisierung und eine komplette Liberalisierung in sämtlichen Bereichen der Wirtschaft. Ich hingegen sehe dies sehr kritisch», führt Seeholzer aus. Denn man solle stärker auf kleine Betriebe und einheimische Produktion setzen, anstatt alles den internationalen Monopolisten zu überlassen. «Deshalb habe ich mich schon in Rumänien für die Bauernpartei interessiert», so ihre Begründung, die im Kern auch von links stammen könnte.

Hinzu komme, dass eine gesunde Portion Nationalismus nie schaden könne. «Die Wurzeln und Traditionen eines Volkes sollten erhalten bleiben. Denn genauso wie jeder Mensch einzigartig ist, ist auch jedes Volk einzigartig. Dabei geht es aber nicht um besser oder schlechter.» Viele Eigenheiten der Länder würden aber durch die EU, die in diversen Bereichen auf Vereinheitlichung setzt, zu wenig berücksichtigt, fasst die zweifache Mutter ihre Ansichten zusammen. Da sie gesellschaftspolitisch eher liberal sei, stehe sie innerhalb der SVP am linken Rand.

2020 soll es richtig losgehen

Welchen Parteien die Mitglieder tatsächlich nahestehen, weiss Seeholzer nicht. «Ich habe die Leute noch nie danach gefragt», sagt sie. Dass sie aber ähnliche Werte wie sie hochhalten, stelle sie immer wieder fest. Entsprechend wolle man ihnen auch den geschilderten Weg zur Integration und zu einem guten Leben in der Schweiz aufzeigen.

Dies ist auch die Herangehensweise von Decebal Apostol von Arei Zentralschweiz: «Wer in die Schweiz kommt, muss sich rasch an die hiesige Mentalität gewöhnen, sonst hat er ein Problem», ist er überzeugt. Viele Rumänen hätten indes Mühe, sich an die Gepflogenheiten der Schweiz anzupassen. «Nicht wenigen muss ich auch nach ein paar Jahren noch sagen, dass man hierzulande die Behörden nicht einfach mit Geld bestechen kann, wie das in ihrer alten Heimat nicht unüblich ist», so Apostol.

«Ich blicke voller Vorfreude auf 2020, in dem einige Anlässe in der Region geplant sind.»

Giorgia Seeholzer

Und auch für ihn sei klar, dass die Menschen in der Schweiz gewisse traditionelle Werte vertreten, die für sie nicht verhandelbar sind und mit allen politischen Mitteln verteidigt werden. Genauso wie in anderen Ländern. Obwohl im Grundsatz politisch neutral, lässt Apostol also seine politischen Ansichten durchsickern. Man spürt, dass er und Seeholzer im Geiste wie Geschwister sind.

Da Giorgia Seeholzer in den vergangenen drei Jahren beruflich stark eingespannt war, sei der Luzerner Ableger von Neue Heimat Schweiz in dieser Zeit zu kurz gekommen, bedauert sie. «Nun habe ich den Tritt aber wieder gefunden und blicke voller Vorfreude auf 2020, in dem einige Anlässe in der Region geplant sind», sagt sie.

Dann sollen auch wieder mehr Gäste als an diesem Stephanstag kommen. Zwischen 80 und 100 Personen sind es gemäss Seeholzer an vergangenen Events jeweils gewesen. Die Malterserin steigt jedenfalls mit viel Elan ins neue Jahrzehnt. Man darf gespannt sein, was man von ihr und ihrer Organisation noch hören wird.

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