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Wie Luzerner Nagelstudios für tiefe Preise tricksen
  • Wirtschaft
French Nails – ein Klassiker der Maniküre – werden im Studio von Star Nails in Obernau einer Kundin aufgetragen. (Bild: giw)

Branche arbeitet mit Tiefstlöhnen und -preisen Wie Luzerner Nagelstudios für tiefe Preise tricksen

4 min Lesezeit 1 Kommentar 18.07.2018, 05:12 Uhr

In Luzern haben etablierte Nagelstudios zunehmend mit Konkurrenz aus dem Ausland zu kämpfen. Billiganbieter nutzen Dumpinglöhne und allerlei Tricks, um günstigere Preise offerieren zu können. Etablierte Nagelstudios glauben, dass die Behörden zu wenig kontrollieren.

Das Geschäft mit den schönen Nägeln – es boomt. Doch die Nachfrage nach Manikure hat auch seine Schattenseiten. Denn vermehrt drängen Billiganbieter auf den Markt, die ausländische Mitarbeiter zu Dumpinglöhnen engagieren und in der unregulierten Branche die Gesetze bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus ausreizen.

Seit März kontrollieren die Luzerner Behörden wie eine Reihe anderer Kantone vermehrt Nagelstudios. Es handelt sich laut der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit (Wira) um Branchen mit häufigem Lohndumping und einer hohen Zuwanderung. Dazu gehören unter anderem das Gastgewerbe, die Baunebenbranche oder das Reinigungsgewerbe. Alleine letztes Jahr kamen über 20’000 ausländische Arbeitnehmer nach Luzern (siehe Box).

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Grosse Preisunterschiede

Yves Niedermann ist Gründer und Geschäftsführer von «Star Nails» und sagt: «Diese Entwicklung ist nichts Neues. Bereits vor 15 Jahren begannen vermehrt Billiganbieter vor allem aus Südostasien und namentlich Vietnam auf den Markt zu drängen.» Niedermann ist seit über 36 Jahren im Geschäft, führt im Kanton drei Nagelstudios und bildet ausserdem in der hauseigenen Academy Berufsnachwuchs aus. Tatsächlich habe es in den letzten zwei bis drei Jahren jedoch einige neue Studios in Luzern gegeben, die mit sehr tiefen Preisen operierten.

Dabei die Übersicht zu behalten, sei schwierig – alleine in der Stadt Luzern rechnet Niedermann mit gegen 30 bis 40 Nagel- und Beautysalons. Hinzu kämen Dienstleister, die neben Nagelpflege auch Haare schnitten oder Massagen anböten. Schweizweit geht man beim Verband von 8000 Betrieben aus. Genaue Zahlen sind schwierig zu eruieren, auch weil laut Niedermann viele Anbieterinnen als Einzelunternehmen die Kunst der Nagelverschönerung praktizieren.

«Ob die Luzerner Behörden jedoch Nagelstudios mit Tiefstpreisen systematisch kontrollieren, da bin ich mir nicht sicher.»

Yves Niedermann, Geschäftsführer Star Nails

Während Kundinnen bei Star Nails rund 90 Franken pro Arbeitsstunde bezahlen, preschen andere Anbieter mit Stundenansätzen von 40 oder 50 Franken vor, wie Niedermann beobachtet. «Da stellt sich mir schon die Frage, wie diese Salons sich finanzieren können.» Ein professioneller Betrieb achte neben gutem Material und Technik auch auf die Hygiene. Ein wichtiger Punkt, gerade für ältere Kunden, weil es bei unsachgemässer Behandlung sonst zu Pilzbefall kommen könne, erklärt Niedermann.

Wird tatsächlich systematisch kontrolliert?

Das Personal bei Dumping-Anbietern werde laut Niedermann oft als Praktikanten angestellt und arbeite dann zu niedrigsten Löhnen. Niedermann selbst bezahlt laut eigenen Angaben rund 4000 Franken für eine frisch ausgebildete Nagelpflegerin. Leicht mehr, als Coiffeure nach der Lehre verdienen.

Yves Häusermann, Inhaber von Star Nails, während der Arbeit.

Yves Häusermann, Inhaber von Star Nails, während der Arbeit.

(Bild: giw)

Kanton hat zu wenig Ressourcen für Kontrollen

Der Kanton Luzern verzeichnete im Jahr 2017 eine weit grössere Zunahme an Arbeitnehmern aus EU- und Drittstaaten als die Restschweiz. Im letzten Jahr wurden insgesamt 20'527 Personen gemeldet. Dies entspricht einer Zunahme von 10,3 Prozent, schweizweit betrug die Zunahme lediglich 4,3 Prozent gegenüber dem Jahr 2016. Das steht im Bericht zu den Arbeitsbedingungen im Kanton Luzern.

Die weiterhin rege Bautätigkeit im Kanton Luzern und die zunehmende Nachfrage nach persönlichen Dienstleistungen führten laut dem Kanton zu einem grösseren Bedarf an Arbeitskräften. Die meisten meldepflichtigen Unternehmen hätten sich jedoch korrekt verhalten. Die Arbeitsbedingungen und Löhne auf dem Luzerner Arbeitsmarkt würden nach wie vor grossmehrheitlich eingehalten.

Dennoch gibt es ein Problem: Dem Kanton fehlt das Personal für Kontrollen. Die Wira hält im Bericht fest: «Die vorhandenen Ressourcen genügen diesen Anforderungen nicht mehr.» Und auch die Bekämpfung der Schwarzarbeit bereitet den Behörden Kopfschmerzen: Die gesetzlichen Rahmenbedingungen seien ungenügend und dementsprechend bestünden viele Schlupflöcher. Es fehlten nach wie vor wirksame Sanktionsmöglichkeiten.

Wiederholt sei sein Betrieb in jüngster Zeit kontrolliert worden. Auch weil er schweizweit einer der grössten Anbieter und damit für die Behörden einfach zu identifizieren sei. Niedermann zweifelt jedoch an der Wirksamkeit der Kontrollen. Würden bei seinen Salons keine Verstösse entdeckt, könnten die Kontrolleure sagen: Hier ist alles in Ordnung – also bestehen keine Probleme in der Branche. «Ob die Luzerner Behörden jedoch Nagelstudios mit Tiefstpreisen systematisch kontrollieren, da bin ich mir nicht sicher», sagt Niedermann. Zumal es oft sehr kleine Anbieter seien. «Kontrollen sind deshalb für die Behörden aufwendig», sagt Niedermann.

Branche kaum reguliert

Der Unternehmer hat die Vorgängerorganisation des Fachverbands «swissnaildesign» mitbegründet. Es besteht kein GAV in der Branche und keine einheitliche Lohnpraxis und jeder kann theoretisch ohne Vorgaben und mit geringen Investitionen Maniküren oder Nagelverlängerungen anbieten. Die hohen administrativen Anforderungen, um als Branchenverband durchsetzbare Richtlinien zu schaffen, hätten entsprechende Bemühungen sehr erschwert. Dennoch besteht inzwischen eine anerkannte Fachausbildung zur «Naildesignerin» – laut Niedermann tragen den anerkannten Titel schweizweit jedoch erst zwei Personen.

Für Niedermann braucht es jedoch nicht primär mehr Regeln in der Branche, sondern vor allem mehr und bessere Kontrollen. Ein Aspekt sei dabei die Alkoholsteuer sowie Lenkungsabgabe auf Lösungsmittel wie flüchtige organische Verbindungen (VOC). Denn Salons bräuchten viel Alkohol für die Reinigung. Diese würden aber gerade von Billiganbietern aus Südostasien nicht bezahlt, sondern zuweilen ohne Versteuerung aus dem Ausland in die Schweiz importiert.

Ein weiterer Trick, um die Kosten tief zu halten, sei die gezielte Unterschreitung der Obergrenze von 100’000 Franken – erst darüber müssen Gewerbetriebe in der Schweiz Mehrwertsteuer bezahlen. «Das schafft den Anreiz, falsch abzurechnen und damit die 7,7% Umsatzsteuer zu vermeiden», vermutet Niedermann.

Regierung kann Mindestlöhne für problematische Branchen festlegen

Die Sanktionsmöglichkeiten aber sind gering. Laut Andreas Hunkeler von der Wira kann der Regierungsrat in Branchen, wo wiederholt missbräuchliche Lohnverhältnisse festgestellt werden, einen Normalarbeitsvertrag erlassen. Dieser legt unter anderem verbindliche Mindestlöhne fest. Das Problem mit den Tiefstlöhnen in Nagelstudios sei relativ neu für den Kanton Luzern, sagt der Leiter Industrie- und Gewerbeaufsicht.

Die festgestellten Löhne bei den Kontrollen seit März hätten laut Hunkeler eine grosse Bandbreite aufgewiesen im Vergleich zu den Angaben des Berufsverbandes. Bewertbare Aussagen könnten erst gemacht werden, wenn mehr Kontrollen stattgefunden hätten und ein orts- und branchenüblicher Lohn festgelegt wurde, sagt Hunkeler. Er vermutet den Grund für den Druck auf die Nagelstudiobranche in der grossen Nachfrage, welche den Markt bestimmt.

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1 Kommentare
  1. Pancho Larraque, 18.07.2018, 14:52 Uhr

    Geht den Coiffeuren gleich. Für 20 Stutz Haarschneiden kann sich nicht rechnen in der Schweiz. Da werden wohl nicht nur Haare gewaschen 😉