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Wie krank uns die Zeitumstellung wirklich macht
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Schlafspezialist Remo Sigrist vor dem Gemälde «Nacht und Schlaf» der englischen Malerin Evelyn de Morgan. (Bild: jal )

Luzerner Schlafforscher zur Kritik an Sommerzeit Wie krank uns die Zeitumstellung wirklich macht

7 Min 3 Kommentare 24.03.2018, 11:12 Uhr

Die Zeitumstellung schnappt uns dieses Wochenende eine Stunde Schlaf weg. Vielleicht zum letzten Mal. Denn die Kritiker erhalten Rückenwind aus der EU. Doch was ist dran an den angeblichen Schattenseiten der Sommerzeit? Wir haben den Luzerner Schlafspezialisten Remo Sigrist mit zwölf Behauptungen konfrontiert – und Tipps erhalten.

In der Nacht vom kommenden Samstag auf Sonntag werden die Uhren eine Stunde vorgestellt. Heisst: Am Sonntag fehlt allen eine Stunde Schlaf, frühmorgends ist es dunkler und abends länger hell.

So weit, so einfach. Doch die Zeitumstellung sorgt seit Jahren für Gesprächsstoff. Denn so manch einer würde sie am liebsten ins Reich der Träume schicken. Zu ihnen gehört die Krienser SVP-Nationalrätin Yvette Estermann (zentralplus berichtete). Nach mehreren erfolglosen Versuchen auf nationaler Ebene erhält sie jetzt Unterstützung aus einer sonst unbeliebten Warte: die EU-Kommission nimmt sich dem Thema an (siehe Box).

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Doch wieso die Sommerzeit abschaffen? Schliesslich ist es ihr zu verdanken, dass mit den hellen Sommerabenden ein mediterranes Feriengefühl durch Luzerns Gassen weht und Berufstätige auch nach Feierabend noch draussen verweilen können. Die Gegner kritisieren allerdings die Schattenseiten der Umstellung: Von Schlafstörungen bis hin zum tagelang gestörten Biorhythmus ist die Rede.

zentralplus wollte es genauer wissen und hat Remo Sigrist mit den gängigsten Behauptungen konfontiert. Er ist leitender Psychologe und Schlafspezialist an der Klinik für Schlafmedizin in Luzern.

1. Die Sommerzeit verursacht eine Art Mini-Jetlag, heisst es oft. Stimmt das?

Remo Sigrist: Das Prinzip ist tatsächlich dasselbe: Die innere Uhr, die jeder Organismus hat, muss sich anpassen. Dazu kommt, dass durch die Zeitumstellung im Frühling bei vielen ein kleiner Schlafmangel entsteht.

«Zu sagen, die Zeitumstellung wäre ungesund, scheint mir übertrieben.»

Bei einem Jetlag oder auch dem Schichtarbeiter-Syndrom sind Betroffene allerdings extremen Rhythmuswechseln ausgesetzt, wir sprechen in der Schlafmedizin von Störungen der inneren Uhr. Dieser Effekt ist natürlich nicht vergleichbar mit den Folgen der einmaligen, kleinen Zeitverschiebung, die mit dem Wechsel auf die Sommerzeit einhergeht.

2. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass die Zeitumstellung gesundheitliche Nachteile hat. Stimmt das?

Sigrist: Dass jemand allein durch die Zeitumstellung krank wird, ist unwahrscheinlich. Diesen direkten Zusammenhang ist meines Wissens bislang nicht erwiesen. Insgesamt ist die Datenlage aber relativ dünn, was die gesundheitlichen Folgen der Zeitumstellung betrifft. Es ist möglich, dass jemand aufgrund des Schlafmangels weniger konzentriert ist, sich mal verletzt oder sogar einen Unfall verursacht. Es gibt Studien, die solche Effekte auch statistisch belegen. Die Effekte sind aber klein und es handelt sich eher um Ausnahmeerscheinungen. Zu sagen, die Zeitumstellung sei ungesund, scheint mir daher übertrieben.

3. Die Zeitumstellung störe die innere Uhr, sagen die Gegner der Sommerzeit – Esoterik oder Wahrheit?

Sigrist: Ja, das ist belegt. Die Körperfunktionen, wie zum Beispiel die Temperatur und der Blutdruck schwanken im Tagesverlauf systematisch – man kann sich eine Sinuskurve vorstellen. Das ist der Effekt der inneren Uhr. Sie reguliert zum Beispiel, wann man bereit ist zum Schlafen. Abhängig von der inneren Uhr produziert der Körper Melatonin – umgangssprachlich das Schlafhormon –, das dem Körper signalisiert, wann Nacht ist. Wer beispielsweise eine Nacht lang wach bleibt, wird immer müder, ist aber am nächsten Morgen wieder wacher – denn der Zeiger der inneren Uhr ist quasi einmal ringsum. Auch wenn Licht aufs Auge fällt, wird die Melatoninproduktion unterdrückt.

Hat das letzte Stündchen der Sommerzeit geschlagen?

Die Krienser SVP-Nationalrätin kämpft seit Jahren für die Abschaffung der Sommerzeit. Zweimal schon hat sie eine Motion eingereicht – ohne Erfolg. Nun bläst der europäische Wind in ihre Segel. Denn das EU-Parlament hat im Februar erfolgreich Druck gemacht auf die Sommerzeit: Nun muss die EU-Kommission die Vor- und Nachteile prüfen – und entscheiden, ob die Zeitumstellung abgeschafft wird. Sagt die EU der Sommerzeit tatsächlich adieu, dürfte die Schweiz wohl früher oder später nachziehen.

Bisherige Versuche in der Schweiz, die Sommerzeit abzuschaffen, scheiterten allesamt. Hauptsächlich, weil das Land keine Zeitinsel inmitten Europa sein will. Genau derselbe Gedanke stand auch am Ursprung der Sommerzeit: Anfang der 80er-Jahre tickten die Uhren hierzulande anders als in den Ländern ringsum. Deshalb hielt die Zeitumstellung 1981 auch in der Schweiz Einzug – pikanterweise nur wenige Jahre nachdem sie an der Urne mit fast 84 Prozent Nein-Stimmen deutlich abgeschmettert wurde.

4. Eulen und Lerchen – Abend- und Morgenmenschen – ticken anders, sagt man. Und sie reagieren anders auf die Zeitumstellung. Gibt es diese Typen tatsächlich?

Sigrist: Es ist relativ gut belegt, dass es Eulen und Lerchen gibt. Denn die innere Uhr ist nicht auf 24 Stunden eingestellt. Der Wechsel auf die Sommerzeit kommt den Lerchen entgegen. Denn wer gewöhnlich um 7 Uhr aufsteht, tut dies ab Sonntag eigentlich um 6 Uhr, weil wir durch die Umstellung eine Stunde verloren haben. Lerchen fällt das einfacher, weil sie morgens sowieso tendenziell früher wach sind. Den Abendtypen, dazu gehören beispielsweise viele Jugendliche, fällt die kommende Zeitumstellung hingegen schwerer.

5. Ein Leben im falschen biologischen Rhythmus erhöhe das Risiko für Depressionen, Konzentrationsschwierigkeiten oder sogar Herzinfarkte, behaupten Gegner. Das klingt nicht gut – aber trifft es auch zu?

Sigrist: Die Umstellung der inneren Uhr hat sicher einen Effekt auf den Stoffwechsel oder die Verdauung. Aber eindeutige Daten bezüglich der Zeitumstellungen im Frühjahr und Herbst liegen meines Wissens nicht vor. Bei der Schichtarbeit sind die negativen Folgen besser belegt, aber auch da spielen viele Faktoren mit hinein. Bei einer Umstellung von nur einer Stunde ist der direkte Effekt in der Regel kaum gravierend. Ich würde das also nicht unterschreiben, aber auch nicht ausschliessen, dass manche mit solchen Symptomen reagieren.

6. Ein Wecker, der den Sonnenaufgang imitiert, hilft, sich der Zeitumstellung anzupassen? Stimmt das – oder gibt es andere Tricks?

Sigrist: Ein solcher Wecker kann den Prozess unterstützen, ja. Denn Licht ist für die innere Uhr der wichtigste Zeitgeber. Es kann durch das geschlossene Augenlid auf das Zentrum im Gehirn wirken. Aber die Studien dazu brauchen in der Regel richtiggehende Lichtschirme, die über das ganze Bett gehen – also einiges grösser sind als die Lichtwecker im Handel. Wenn man also mit dem Rücken zum Nachttisch schläft, nützt natürlich auch ein Lichtwecker nichts.

«Wie sinnvoll ist es, dass wir uns in Richtung einer 24-Stunden-Gesellschaft entwickeln?»

Ansonsten hilft es grundsätzlich, wenn man morgens ans Licht geht, damit sich die innere Uhr vorverschiebt. Und abends sollte man – obwohl es länger hell bleibt – nicht lange am Handy bleiben oder sich sonst hellem Licht aussetzen, weil man dadurch noch länger nicht schläft – und sich der Rhythmus weiter nach hinten verzögert. Es gibt andere äussere Zeitgeber für die innere Uhr, zum Beispiel die Essenszeiten. Das alles kann man etwas vorverschieben, um sich anzupassen.

7. Am Mittag ja nicht aufs Ohr hauen – sonst kann man abends nicht einschlafen. Stimmt das? Oder was gilt es zu vermeiden?

Sigrist: Auch das stimmt, vor allem bei längeren Nickerchen. Was man tagsüber schläft, addiert sich zum nächtlichen Schlaf – und trägt dazu bei, dass man abends später einschläft. Ganz grundsätzlich gilt es, unregelmässige Schlafzeiten zu vermeiden.

8. Der Körper braucht mehrere Tage, um sich der Zeitumstellung anzupassen. Wahr?

Sigrist: Studien haben eruiert, wie lange die Anpassung bei Menschen dauert, die Schicht arbeiten oder in eine entfernte Zeitzone reisen. Da gab es zwischen den Einzelnen grosse Unterschiede: Manche haben sich extrem schnell angepasst, andere brauchten mehrere Wochen. Woran das liegt, ist schwierig zu beantworten. Bei einzelnen Menschen kann es sicher ein paar Tage dauern, für den Durchschnittsmenschen wohl eher weniger.

9. Oft heisst es, nach der Zeitumstellung gebe es mehr Unfälle auf den Strassen, weil manche noch nicht wach sind. Ist das plausibel?

Sigrist: Tatsächlich gibt es Untersuchungen, welche auf eine leichte Zunahme der Verkehrsunfälle unmittelbar nach der Zeitumstellung im Frühling hinweisen. Eine Studie mit 40 Jugendlichen hat zudem gezeigt, dass diese in der Woche nach der Zeitumstellung einen Schlafmangel von zirka drei Stunden aufwiesen. Sie schnitten bei Reaktionstests leicht schlechter ab und gaben an, dass sie müde und schläfrig sind. Bei den Umstellungen besteht zudem auch eine gewisse Gefahr, weil sich zum Teil die Lichtverhältnisse auf dem Arbeitsweg abrupt ändern. Man kann also gewisse Effekte nachweisen, aber ein direkter kausaler Zusammenhang ist nicht belegt. Aus schlafmedizinischer Sicht würde es aber Sinn machen, die Bevölkerung auf die leicht erhöhten Risiken hinzuweisen und eine entsprechende Anpassung des Verhaltens zu empfehlen.

10. Die Sommerzeit hat gesundheitlich nur negative Folgen, es gibt nichts Positives. Tatsächlich?

Sigrist: Man hat die Zeitumstellung ja eingeführt mit der Idee, weniger Energie zu verbrauchen, weil man mehr Tageslicht hat. Dieser Effekt ist meines Wissens jedoch nicht so gut belegt. Aber ökonomisch ergibt es Sinn, wenn die Schweiz sich diesbezüglich den umliegenden Ländern anpasst. Ansonsten entsteht Stress auf einer gesellschaftlichen Ebene, was auch nicht gut ist. Medizinisch gesehen hat die Zeitumstellung kaum positive Effekte – höchstens, dass diese im Frühling den Lerchen zugute kommt und jene im Herbst den Eulen.

11. Die Abschaffung der Sommerzeit würde den leidenden Teil der Bevölkerung glücklicher machen und dem Rest nicht schaden, behaupten die Befürworter der Abschaffung. Was meinen Sie?

Sigrist: Wenn man nur die innere Uhr anschaut, wäre es bequemer, müsste man diese Umstellung nicht machen. Aber das wäre eine zu einfache, abstrakte Betrachtungsweise, denn jeder Mensch ist verwoben in eine psychosoziale Umwelt. Die relevantere gesellschaftliche Diskussion wäre meiner Meinung nach eine andere: Nämlich die Frage, was im Bereich Schichtarbeit zumutbar ist und wie sinnvoll es ist, dass wir uns in Richtung einer 24-Stunden-Gesellschaft entwickeln. Denn da sind die Umstellungen viel gravierender als wenn man zweimal im Jahr eine Stunde verschieben muss.

Schlaflos durch die Nacht – wann muss ich zum Arzt?

Augenringe, ein leerer Kopf und bleierne Glieder: Schlecht geschlafen hat wohl schon jeder mal. Doch wann ist das gesundheitlich bedenklich? «Schlechter Schlaf, Einschlafstörung und ähnliche Schlafprobleme sind sehr unspezifische Beschwerden mit vielen möglichen Ursachen», sagt Remo Sigrist von der Klinik für Schlafmedizin in Luzern. Deshalb sei eine genaue schlafmedizinische Abklärung wichtig. «Wenn der Leidensdruck gross ist und schlechter Schlaf jemanden über längere Zeit belastet oder beeinträchtigt, sollte man das beim Arzt ansprechen», sagt Sigrist. Es gibt aber auch einige Betroffene, welche selber kaum etwas von ihrer Schlafstörung bemerken – etwa, wenn im Schlaf Atempausen auftreten – was das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Hirnschlag erhöht. Wie beim Bluthochdruck spricht man von einem «silent killer».

In der Schlafmedizin unterscheidet man laut Remo Sigrist über 80 Diagnosen – vom Zähneknirschen über Atemaussetzer bis hin zum Schlafwandeln. Schlechter Schlaf kann zudem die Folge einer anderen körperlichen oder psychischen Krankheit sein.

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3 Kommentare
  1. Karl Hoppler, 26.03.2018, 15:32 Uhr

    Ein sehr wichtiger Vorteil ist der Sport. Vor allem Fussballer und wir Tennisspieler können eine Stunde länger aktiv sein, ohne Kunstlicht (so man hatt) und erst noch gesund…

  2. Kurt Heller, 24.03.2018, 20:33 Uhr

    Welch ein Brimborium wegen einer Zeitverschiebung von einer Stunde!
    Hier handelt es sich wohl um einen Glaubenskrieg ohne jegliche stichhaltige Begründungen.
    Am besten wäre es wohl, wenn man die Sommerzeiit das ganze Jahr durchziehen würde: keine Zeit-Umstellungen und schöne, helle Abende.

  3. Jörg Willi Dr.med.vet., 24.03.2018, 17:17 Uhr

    Es ist unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit an dieser unsinnigen Zeitumstellung festgehalten wird. Von den Gründen, warum sie überhaupt eingeführt wurde, ist kaum noch die Rede. Umgekehrt sind die Argumente, die für eine Abschaffung sprechen, logisch und evident!
    Über alles und jedes werden heute Umfragen gestartet. Wieso befragt man nicht wieder mal das Volk, das damals diesen Unsinn mit 84% Stimmenanteil abgelehnt hat. Wer weiss, vielleicht hat sich das Stimmvolk schon daran gewöhnt, dass man seine Meinung nicht erst nimmt.