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Wie klingt die Stadt Zug? Mit Cyrill Lim auf Tonjagd
  • Kultur
Cyrill Lim hört hin: Der Zuger Klangkünstler auf Sound-Suche in Zug und der ganzen Welt. (Bild: zVg )

Ein Zuger Künstler und das «Rauschen der Welt» Wie klingt die Stadt Zug? Mit Cyrill Lim auf Tonjagd

4 Min 03.08.2016, 10:30 Uhr

Sie ist laut, sie dröhnt, sie klingt, sie schreit: Die Stadt Zug hat akustisch was zu bieten. Was genau, das hat Cyrill Lim unter die Lupe genommen. Sein neues Projekt: der Rest der Welt.

Wie klingt Zug? Nach Autos und Klingelton? Nach See und Wellen? Nach russischer Unterhaltung und Möwengekreische? Beim Stadtrundgang bewundern wir Farben, bemäkeln Architektur, freuen uns über Bäume und schattige Gassen, und über all die Menschen, die da herumeilen. Und bekommen dabei gar nicht mit, wie das alles klingt. Der Zuger Klangkünstler Cyrill Lim hat genau hingehört. Sein Projekt «das Rauschen der Welt» hat seinen Anfang hier genommen, am Zuger Bahnhof, mit einem Mikrofon. «Ich wollte herausfinden, wie die Stadt klingt», sagt Lim. Damals musste er für ein Konzert für ein zeitgenössisches klassisches Stück eine Aufnahme machen – und diese dann möglichst naturgetreu auf der Posaune wiedergeben.

Und dann ist alles grösser geworden. Das Ziel heute: von überall auf der Welt Stadt- und Landklänge sammeln – 24 Stunden am Stück. Damit man vergleichen kann. Wie klingt New York um sechs Uhr morgens? Und wie der Zugerberg? Berlin hat er schon, Bern hat er, Boston und Bukarest, ausgerechnet Zug fehlt noch. Denn die Stadt hat er schon einmal akustisch vermessen. Für seinen Blog «Zuger Ansichten» im Forum Junge Kunst hat er Aufnahmen gemacht und den Zuger Stadtsound vermessen und dokumentiert, allerdings nicht 24 Stunden lang. «Zug ist recht spät laut geworden», sagt er, «dafür ist es heute sehr laut.»

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Totenstille am Bahnhof

Spät laut geworden ist Zug weil: Autos gab’s hier später als anderswo – dafür gibt’s heute umso mehr. Cyrill Lims Mikrofon am Kolinplatz klingt nach Grossstadt: Der Verkehr brettert lautstark dran vorbei, von einer Unterhaltung von zwei Personen, die ganz dicht am Mikrofon vorbeilaufen, versteht man kein Wort.

So klingt der Kolinplatz:

Und gleich daneben, am Landsgemeindeplatz, das genaue Gegenteil: «Das ist völlig überraschend», sagt Lim. «Der Landsgemeindeplatz klingt hervorragend, man hört sehr weit, versteht jedes Wort, auch wenn jemand 20 Meter weit weg steht.» Und am Bahnhof, wo alles angefangen hat? «Totenstille», sagt Lim. «Man hört gar nichts, kein Kreischen, keine Bremslaute, keine Leute, obwohl da ja ganz viele Menschen herumstehen.»

Und so klingt der Zuger Bahnhofplatz:

 

Lim ist gerade in Berlin. Er hat ein Studio gemietet für den Sommer, als Rückzugsort. «Wenn ich in der Schweiz bin, ist immer so viel los», sagt er. Der Zuger Künstler hat sich nicht nur auf Stadtsounds konzentriert, macht auch Musikproduktionen für Orchester und Bands, hat an der Hochschule der Künste Bern studiert. Aber die Dokumentation von urbaner Klangwelt liegt ihm immer noch sehr nahe. «Wenn man das mal gemacht hat, dann hört man anders», sagt Lim. «Plötzlich weiss man es zu schätzen, wenn in einem Dorf eine spezielle Kirchenglocke läutet, wenn die Schallwellen von einer anderen Hauswand zurückgeworfen werden, sodass man alles scheinbar von ganz woanders hört», sagt er.

So klingt der Langsgemeindeplatz:

 

Stadtsound selber machen

Schöne akustische Phänomene werden erst dann offensichtlich, wenn man sich ihrer bewusst wird. «Und sobald man sich mal bewusst gemacht hat, dass die Klangkulisse interessant ist, geht das nicht mehr weg. Ich gehe nun ganz anders durch die Stadt als vor diesem Projekt», sagt Lim. Dabei falle ihm auch auf, wie rückständig die akustische Gestaltung von Architektur teilweise sei. «Das ist bei vielen Architekten besonders in den Aussenräumen noch wenig thematisiert – Innenräume wie Schulen oder Kirchen sind sehr bewusst akustisch gestaltet, öffentliche Räume eher nicht.»

Der Zuger hat sich aber nicht nur mit dem Einfangen von Sounds beschäftigt, sondern auch selber Stadtsound produziert, etwa in Belgrad: Lim hat an einem Quartierradio für eines der unsteten Quartiere an der Sava mitgearbeitet, dem kleineren der beiden Ströme, an denen die Stadt liegt. Savamala heisst das Quartier, «SLUŠAJ SAVAMALA!» das Radio, organisiert vom Goethe Institut. Lim ging ähnlich vor wie schon in Zug, hat Sounds aufgenommen und miteinander verwoben. «Da ging es darum, einen gemeinsamen Quartiergeist zu fördern, mit dem Radio, das nur für die Anwohner gemacht wurde.»

Wie klingt jetzt also Zug? Einen kleinen Ausschnitt der Stadt kann man sich in Cyrill Lims Klang-Samples erhören – den Rest muss man sich live zu Gemüte führen. Das Schiffshorn. Den Bus. Die Durchsage in der Migros. Die Pausenglocke an der Kanti. Den wegfahrenden Zug.

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