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«Wie ich das unter einen Hut bringe? Ich weiss es nicht»
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Silvio Zeder (links) und Jeremias Jurt: Zusammen sind sie Duobios. (Bild: zvg)

Silvio Zeder: Der Luzerner Tausendsassa gibt Gas «Wie ich das unter einen Hut bringe? Ich weiss es nicht»

7 min Lesezeit 14.12.2016, 12:13 Uhr

Normalerweise rückt er andere Musiker in den Fokus: Silvio Zeder fotografiert unermüdlich an Konzerten. Nun bringt er mit dem Elektroprojekt Duobios sein Debüt auf den Markt. Im Interview sagt er, wie befreiend es sei, damit kein Geld verdienen zu müssen. Und wieso 2017 ein gutes Musikjahr wird.

«Bild: Silvio Zeder» – dieser Quelle begegnet man gerade als Kulturjournalist oft. Ob bei einem Bericht über jenes Festival oder einem Porträt über diese Band, immer öfters stammt das Bild dazu aus der Linse von Silvio Zeder.

Dabei ist es nicht mal sein Hauptjob: Silvio Zeder arbeitet als Programmverantwortlicher im Konzerthaus Schüür. Aber wahrgenommen wird er viel breiter: als umtriebiger Macher, Fotograf, Filmemacher und Musiker.

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Mit dem Elektronik-Projekt Duobios veröffentlicht er zusammen mit Jeremias Jurt nun sein Debütalbum – als aufwendiges Buch (siehe Box). Zeit also, diesen Kulturkopf, der sonst meist vom Rand aus agiert und andere in den Fokus rückt, näher zu beleuchten.

zentralplus: Sie sind einer jener Menschen, bei denen ich mich frage: Wie bringt der das alles unter einen Hut?

Silvio Zeder: Ich höre das oft und frage mich das manchmal selber (lacht). Die Frage ist, wie ich die Sachen gewichte. Einerseits habe ich einen 80-Prozent-Job in der Schüür, da bin ich voll daheim. Die restliche Zeit bleibt für alles andere. Aber ich merke, dass ich lernen sollte, manchmal Nein zu sagen.

zentralplus: Beispielsweise auf Anfragen für Fotos oder Videos?

Zeder: Genau. Aber bei allem, das daneben läuft, ist wichtig: Ich bin nicht abhängig davon, ich muss mit Fotografie und Musik kein Geld verdienen, das ist sehr entlastend. Ich mache das, worauf ich Lust habe. Deshalb fotografiere ich viel im Kulturbereich. Andere Fotografen müssen an Hochzeiten fotografieren, weil es gut bezahlt ist. Ich muss das nicht machen.

Das ist nicht Silvio Zeder, aber von ihm fotografiert: die Band Skeletons am diesjährigen B-Sides-Festival.

Das ist nicht Silvio Zeder, aber von ihm fotografiert: die Band Skeletons am diesjährigen B-Sides-Festival.

(Bild: Silvio Zeder)

zentralplus: Aber Sie fotografieren ja nicht gratis?

Zeder: Für Bandfotos, wie etwa kürzlich Hanreti, habe ich einen sehr tiefen Ansatz. Ich weiss, wie es ist, Künstler zu sein. Mit vielen Leuten habe ich Tausch-Deals: Ich mache für dich etwas, du für mich – am Schluss müssen wir keine Rechnungen schreiben, sondern gehen ein Bier trinken. Ich arbeite am liebsten, wenn alle darin einen Gewinn sehen.

zentralplus: Und Ihr Brotjob als Schüür-Booker könnte auch schlimmer sein.

Zeder: Genau, auch da ist viel Leidenschaft dabei. Aber um auf die Frage zurückzukommen, wie ich das unter einen Hut bringe? Ich weiss es selber nicht.

«Wir haben mit den Möglichkeiten angefangen, die wir hatten: im Schlafzimmer.»

zentralplus: Als was bezeichnen Sie sich: Filmer, Fotograf, Musiker – oder einfach Booker?

Zeder: Ich weiss nicht, ob es eine Bezeichnung braucht. In der Schüür ist es klar, da bin ich Programmleiter. Und sonst … keine Ahnung, vielleicht einfach Kulturschaffender.

zentralplus: Auf Ihrer Website schreiben Sie: «Die Leidenschaft gehört der kreativen Kunstvermittlung.»

Zeder: Ja, man muss irgendwas hinschreiben. Ich bezeichne mich aber eher als Fotograf denn als Künstler.

zentralplus: Sehen Sie Ihre Fotografie als Handwerk?

Zeder: (zögert) Wenn jemand findet, dass ich Kunst mache, dann ist das gut. Aber mich selber als Künstler zu bezeichnen, finde ich schwierig. Mein Interesse gilt der kreativen Umsetzung von Ideen. Herausfinden, wie ich etwas umsetzen kann. Ich habe oft keine philosophische Idee dahinter, was das Bild darstellen soll.

Video zum kommenden Album von Duobios:

 

zentralplus: Sehen Sie sich als Chronist der Luzerner Kultur?

Zeder: Die Konzertfotografie ist letztlich eine Reportage. Auch das kann man auf verschiedene Arten machen. Standardfotos von Konzerten, die jeder andere auch macht, finde ich etwas langweilig. Also überlege ich mir, was ich ausprobieren könnte.

zentralplus: Zum Beispiel?

Zeder: Ich war dieses Jahr zum dritten Mal Fotograf des B-Sides-Festival und wollte nun mehr machen als Konzertfotos. Also habe ich die B-Porträts gemacht. Ich habe einen Teil der Künstler im Backstage porträtiert. Das war sehr unkompliziert und es hat eine schöne Reihe ergeben.

Album, Buch, Ausstellung

Nach zwei EPs veröffentlichen die beiden Luzerner Silvio Zeder und Jeremias Jurt alias Duobios am ​16. Dezember ihr Debütalbum «Unchained» – als Buch mit CD. Das Teil ist auf 100 Stück limitiert und enthält neben Musik auch Fotos, kleine Skizzen und handgeschriebene Songtexte. Aber keine Bange: Die Musik ist – unlimitiert – via die üblichen digitalen Kanäle erhältlich.

Duobios ist ein Selfmade-Projekt: Songs, Texte, Aufnahme, Gestaltung sind in Eigenregie entstanden. Für «Unchained» haben sie mittels Crowdfunding erfolgreich 3000 Franken gesammelt. Das Duo beschreibt sein Album als «progressive Reise durch die Welt der zeitgenössischen Musik». Die elektronischen Tracks sind grösstenteils recht minimalistisch und versetzen in einen träumerischen Schlafzimmer-Mood. Die Songs, vor allem jene mit Gesang, kommen warm und wohlig daher. Akzente setzen verfremdete Stimmen oder scharfe Synthiesounds. Songs wie «Rocket Science» oder das Titelstück «Unchained» kommen als durchkomponierte und ausgewachsene Popsongs daher, die man sich auch auf der Bühne vorstellen könnte.

Duobios: «Unchained» (Little Jig Records). Erhältlich ab 16.12. Einige Fotos werden als Prints im Café Meyer am Bundesplatz im Januar ausgestellt, wo man auch das Buch kaufen kann. zentralplus verlost ein Exemplar des limitierten Buches.

zentralplus: Nach zwei Jahren Schaffenszeit kommt das Debüt von Duobios. Was ist es genau: eine Band? Ein Projekt?

Zeder: Eine Band ist es nicht, ein Duo-Projekt (überlegt). Oder einfach nur ein Duo.

zentralplus: Ihr habt alles selbst gemacht: gespielt, aufgenommen, das Art-Work …

Zeder: Genau, es ist alles in Eigenregie entstanden. Ausser dem Mastering und dem Schlagzeug auf einem Track haben wir alles selber aufgenommen und gemixt, den grössten Teil im Schlafzimmer. Eine Woche sind wir für das Finish ins Tessin gefahren.

zentralplus: War das Album also ein laufender Prozess?

Zeder: Wir sind nicht hingehockt und haben gesagt: Jetzt machen wir ein Album. Es sind halt Tracks entstanden und irgendwann haben wir einen Zusammenhang erkannt. Und weil es unser Debüt ist, haben wir dann angefangen, die grössere Geschichte rundherum zu entwickeln.

zentralplus: Nun ist es sogar ein Buch geworden, wieso das?

Zeder: Wir wollten es nicht einfach digital releasen wie die beiden EPs. Ich meine, die CD ist tot und Vinyl ist zwar schön, aber für uns als Projektband, die nicht live spielt, ist es schwierig, diese an die Leute zu bringen. Also haben wir weitergedacht und sind auf die Idee mit dem Buch gekommen.

zentralplus: Es ist ein Projekt, das Ihre Facetten vereinigt.

Zeder: Genau, ich kann die Musik mit der Fotografie verbinden. Um den Druck zu finanzieren und die Leute zu erreichen, haben wir dann eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Eine Ausstellung im Café Meyer wird die Fortsetzung davon sein – mit dem Schwerpunkt aufs Bild. Im Moment liegt der Schwerpunkt auf der Musik.

Silvio Zeder ist Booker, Musiker, Fotograf, kurz: Kulturschaffender.

Silvio Zeder ist Booker, Musiker, Fotograf, kurz: Kulturschaffender.

(Bild: Ernst A. Kehrli)

zentralplus: Was war zuerst: die Fotos oder die Musik?

Zeder: Es war mir sehr wichtig, dass die Songs etwas mit den Bildern zu tun haben. Seien es Bilder, die ich schon hatte und gut passten, oder Bilder, die für die Songs entstanden sind. Wobei der Zusammenhang für den Betrachter nicht immer offensichtlich ist (nimmt einen Testdruck aus der Tasche und blättert).

Zu jedem Song gibt es ein Bild, den handgeschriebenen Songtext und eine Doppelseite, auf der das Bild in die Realität übertragen wird. Etwa als Projektion auf eine Hauswand. So kriegt das Bild eine neue Ebene und eine Tiefe, die es in der Zweidimensionalität nicht hat. Etwas Digitales wird in die analoge Welt übertragen. Das ist auch bei der Musik so: Es ist elektronische Musik mit analogen Einflüssen.

zentralplus: Muss man als Musiker heute zwingend eine ausgefallene Idee haben, wie man Musik an die Leute bringt?

Zeder: Man muss sich abheben, eine Ebene weiterdenken. Das sieht man etwa bei der Luzerner Band Hanreti. Sie machten eine selbstgesprayte Vinylplatte, bei der man selber auswählen kann, welche Songs auf der Platte sind. Kürzlich wurde ja bekannt, dass in England erstmals die Einnahmen aus Vinylverkäufen höher waren als jene aus Downloads. Es geht auf jeden Fall etwas im Markt. Es wird nicht einfacher, aber interessanter. Plötzlich sind viele kreative Ideen da.

So sieht das Debüt von Duobios aus, es kommt nicht als CD, sondern als Fotobuch heraus.

So sieht das Debüt von Duobios aus, es kommt nicht als CD, sondern als Fotobuch heraus.

(Bild: zvg)

zentralplus: Sie machen mit ihrem Duo-Partner Jeremias Jurt schon seit 15 Jahren Musik?

Zeder: Mit 14 haben wir das erste Mal zusammen Musik gemacht und danach in verschiedenen Bands gespielt. Wir haben in Freiburg studiert und in einer WG gelebt. Dort haben wir angefangen, zu sounden. Mit den Möglichkeiten, die wir hatten: im Schlafzimmer.

zentralplus: Mit Synthies und Laptops?

Zeder: Wir merkten, dass wir ohne Band viel produktiver sind. Es hat sich entwickelt und wir haben viel gelernt. Anfangs hatten wir keine Ahnung. Wir haben eingesteckt und geschaut, was passiert.

«Wenn man sieht, was da schlummert, dann wird 2017 ein sehr interessantes Musikjahr.»

zentralplus: Gibt es mit dem Album ein Ziel? Für viele Bands sind es Auftritte, aber ihr spielt nicht live.

Zeder: Für uns ist es wichtig, dass es Leute gibt, die es gerne hören, und es nicht ins Blaue heraus geschieht. Ein Weltherrschaftsziel ist nicht in Planung (lacht). Und es ist eine grosse Ehre, wenn Radios die Songs spielen, was bei den EPs der Fall war.

zentralplus: Und was kommt danach?

Zeder: Ich habe vor, solo ein paar Sachen zu machen. Ich habe viele Songskizzen auf meinem Rechner, die ich jetzt angehen will. Aber das hat so lange Zeit, wie es Zeit braucht. Das ist die Freiheit, die ich habe. Niemand erwartet etwas.

zentralplus: Wie spannend finden Sie die aktuelle Luzerner Musikszene? Sie bekommen ja viel mit in der Schüür.

Zeder: Sehr interessant! Der Tenor ist ja: Die Jungen machen keine Musik mehr und gehen nicht mehr an Konzerte. Das ist aber oberflächlich betrachtet. Wenn man sieht, was da schlummert, dann wird 2017 ein sehr interessantes Jahr.

zentralplus: Was schlummert denn?

Zeder: Etwa das Projekt Yser, unter anderem mit Nick Furrer und Jery Sigrist (Ex-Alvin-Zealot), da könnte etwas Spannendes entstehen. Auch Hanreti werden wieder ins Studio gehen (zentralplus berichtete). Und aus der Ecke Flew und Moskito wird wieder etwas kommen. Aber das sind nur ein paar Beispiele. Es ist spannend und vor allem sehr breit. Kürzlich beim Sprungfeder-Finale (zentralplus berichtete) hatten wir eine Hip-Hop-Combo, der Rest waren Rockbands. Also kann man nicht sagen, der Rock sei tot.

zentralplus: Und Sie haben auch nicht das Gefühl, dass Junge weniger an Konzerte gehen?

Zeder: Ich finde es schwierig, wenn man sagt «früher war alles besser». Das Ganze ist in einer ständigen Entwicklung. Wenn ich unsere Besucherzahlen anschaue, habe ich keine Angst. Es kommt ein neues Publikum und auch junge Veranstalter, die nicht nur House- und Hip-Hop-Partys feiern. Die haben Bock auf Konzerte.

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