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Wie gut lernen die Zuger Schüler wirklich?
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Schüler im Kanton Zug: Wie gut sie lernen, untersucht nicht die Pisa-Studie, sondern eine Stichproben-Untersuchung der Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. (Bild: zvg)

Schleiss ist kein Freund der Pisa-Studie Wie gut lernen die Zuger Schüler wirklich?

3 min Lesezeit 2 Kommentare 07.12.2016, 13:06 Uhr

Die neuste internationale Vergleichsstudie Pisa zeigt: Im Rechnen sind Schweizer Schüler top, im Lesen nur durchschnittlich. Eigentlich würde uns auch noch interessieren, wie Zuger Schüler im nationalen Vergleich abschneiden. Doch Fehlanzeige: SVP-Erziehungsdirektor Stephan Schleiss ist gegen Zusatzstudien.

15-jährige Schweizer sind die besten Rechner in Europa, liegen in Naturwissenschaften überdurchschnittlich gut im Rennen, können aber nur mittelmässig lesen, etwa so gut wie die Kinder in Italien. Dies zeigt die Pisa-Studie 2015, welche die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OECD) am Dienstag veröffentlichte.

Wie die Zuger Schüler dabei abgeschnitten haben, bleibt ungewiss: Im Kanton Zug hätten zwei bis vier Schulklassen an der Erhebung der Stichproben teilgenommen, sagt Erziehungsdirektor Stephan Schleiss. Das sind zu wenige, um massgebliche statistische Aussagen zu machen.

Geldverschwendung?

Freilich hat Zug auf Kantonsebene das Thema Pisa-Vergleich noch nie genauer unter die Lupe genommen – und beabsichtigt das auch nicht. «Ich bin dagegen», sagt Schleiss. Um repräsentativ zu sein, müssten die Stichproben bei mindestens 1000 Schülern, statt bei weniger als 100 Jugendlichen erhoben werden. «Sie kosten einen Haufen Geld, aber der Erkenntnisgewinn hält sich bis heute in engen Grenzen.»

«Ich bin skeptisch.»

Stephan Schleiss, Zuger Erziehungsdirektor

«Es überprüft ja die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), ob unsere Schulen die Grundanforderungen erfüllen.» Die EDK kontrolliert seit vergangenem Jahr mit Stichproben, ob die Kantone das vereinbarte Bildungsziel einhalten.

Böse Überraschungen

Bisher hatten einzelne Kantone auf freiwilliger Basis genügend Schüler für den Pisa-Test abgestellt, um für sich selber aussagekräftige Resultate zu erhalten. Dabei zeigten sich etwa 2012 bemerkenswerte Unterschiede: Die St. Galler Schüler konnten mit 514 erzielten Pisa-Punkten fast so gut lesen wie die Musterschüler aus Estland, während Aargauer Schüler mit 495 Punkten unter dem OECD-Schnitt lagen und sich mit dem mediokren Italien vergleichen lassen mussten.
 
Die Zentralschweizer Kantone halten den Ball traditionell flach. Es gibt Indizien, dass einige bei einem solchen Vergleich schlecht abschneiden könnten.

Wenig Schulstunden in Luzern

Einen Hinweis bringt der Vergleich der Unterrichtsstunden, der im jüngsten Eidgenössischen Bildungsbericht zu finden ist: Auf Primarschulstufe gibt es zum Beispiel überhaupt keinen Kanton mit weniger Unterrichtsstunden als Luzern. Zug liegt an drittletzter Position – das lernstarke Sankt Gallen aber vorne.
 
Klar ist: Wer kaum zur Schule geht, kann auch kaum was lernen. Wer oft zur Schule geht, vertieft die Lernziele offensichtlich besser. Das sagt auch der Bildungsbericht: Die Unterschiede bei den Unterrichtsstunden wirkten sich «moderat» auf den Lernerfolg aus. «Moderat» bedeutet, dass man ein paar Stunden mit cleverem und effizientem Unterrichten wettmachen kann.
 
In der Sekundarstufe ändert sich übrigens das Bild: Nun bietet Zug mehr Stunden an, liegt im vordersten Drittel, aber Luzern dümpelt immer noch in den hinteren Regionen der Rangliste.

Nationale Alternative für Pisa

Nicht nur der Zuger Erziehungsdirektor Stephan Schleiss hat Vorbehalte dagegen, Vergleiche über die Pisa-Studie anzustellen. Die Beteiligung wurde schweizweit zurückgefahren. Statt wie früher über 20’000 Schüler machten für die jüngste Studie nur noch 6000 Schüler mit.

Entschiedener Verfechter der kantonalen Bildungshoheit: Stephan Schleiss, SVP.

Entschiedener Verfechter der kantonalen Bildungshoheit: Stephan Schleiss, SVP.

(Bild: zentralplus)

Neue Vergleichsmöglichkeiten soll das nationale Benchmarking der EDK über die Erreichung von Bildungszielen schaffen. Erste Daten dazu werden 2018 veröffentlicht. Auch der Lehrplan 21, welcher die zu erreichenden Lernziele für alle Kantone festlegen will, wird ein kleines bisschen Ordnung in den schweizerischen Bildungsdschungel bringen.

Nur noch für Vergleichstests lernen

Der Kantönligeist hat aber noch lange nicht ausgedient. «Klar nimmt die Vernetzung und die Vergleichbarkeit zwischen den kantonalen Bildungssystemen immer stärker zu», sagt Stephan Schleiss, «aber ich bleibe skeptisch.»
 
Gerade die Unterschiede zwischen den Kantonen garantierten eine reiche und vielfältige Bildungslandschaft. «Wenn alles nur noch gemessen und bewertet wird, dann lernen die Schüler nur noch für Vergleiche.»

Als Ökonom sei er Messungen gegenüber nicht grundsätzlich abgeneigt, sagt der Erziehungsdirektor, stelle aber auch kritische Fragen dazu. «Es gibt zum Beispiel Schulsysteme, die komplett ausgemessen sind, aber trotzdem nicht vom Fleck kommen.» Und es gäbe ganze Industriezweige, die sich auf die Vermessung und Verbesserung von Schulen spezialisiert hätten – oft mitfinanziert durch Stiftungen mit einer Bildungsagenda. «Wenn das Geld für so angestossene Reformen ausgeht, zieht der Umzug weiter. Zurück bleiben Verschlimmbesserungen», glaubt Schleiss. «Das kann es nicht sein.»

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2 Kommentare
  1. Redaktion Markus Mathis, 13.12.2016, 01:45 Uhr

    @P. Aebersold: Auch mir ist aufgefallen, dass das schlechtere Abschneiden der Schweizer Schüler gegenüber 2012 medial kaum rapportiert wurde. Stattdessen kamen jene zu Wort, die die Vergleich- und Brauchbarkeit der Pisa-Ergebnisse anzweifeln.

    Zum Thema Verlgeichstest: Vieles, was Stephan Schleiss im obigen Text sagt, scheint mir vernünftig, insbesondere seine Vorbehalte gegen blinden Reformismus. Was aber ebenso erwähnenswert ist: Andere Kantone legen durchaus Wert auf Benchmarking im Schulbereich. So führen die Nordwestschweizer Kantone seit 2013/2014 in einigen Fächern einen vergleichenden Leistungstest im 3., 6. und 9. Schuljahr durch.

    Zum Thema Lehrplan 21: Ich habe das Gefühl, hier könnte man nicht nur von Reform, sondern genauso gut von einer Reformverweigerung sprechen. Anstatt sich auf einen einheitlichen Stundenplan zu einigen, ein gemeinsames Bildungsideal festzusetzen, hat man mit der Kompetenzorientierung einfach den politisch einfachsten Weg gewählt. Jeder Kanton kann nun weiter wursteln wie er will, respektive, wie die politisch Verantwortlichen vor Ort wollen. Zugegeben: Man sagt, Politik sei die Kunst des Machbaren: Trotzdem wäre es schön, wenn sie ab und zu auch die Kunst des Wünschbaren sein könnte.

  2. Peter Aebersold, 07.12.2016, 22:10 Uhr

    Enthusiastische Medienberichte über Pisa 2015 können nicht darüber hinweg täuschen, dass die Resultate durchwegs schlechter als bei Pisa 2012 ausgefallen sind und die Schweiz von Rang 14 auf Rang 18 abgerutscht ist bzw. von anderen Nationen überholt wurde. Die dürftigen Erklärungen zu diesem Absturz sind nicht nachvollziehbar. Das Tabuthema Reformen als mögliche Ursache von Leistungsverschlechterungen wird hierzulande nicht berührt. Dabei zeigt der IQB-Ländervergleich 2015 in Deutschland, dass die besten Länder diejenigen mit am wenigsten Reformen sind: Mit seinen radikalen Schulreformen („Gemeinschaftsschule“ mit OECD-Kompetenzorientierung nach Weinert, wie beim Lehrplan 21 !) stürzte der frühere Spitzenreiter Baden-Württemberg völlig ab.

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