Wie geht es weiter? Der Tourismus in Luzern ist im totalen Blindflug
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Tourismusexperte Jürg Stettler geht davon aus, dass es in Luzern noch ein bisschen Geduld braucht. (Bild: Patrick Kälin)

Tourismusdozent Jürg Stettler im Interview Wie geht es weiter? Der Tourismus in Luzern ist im totalen Blindflug

6 min Lesezeit 1 Kommentar 09.04.2021, 05:00 Uhr

Der Tourismus wie wir ihn in Luzern kennen, liegt am Boden. Doch wie es weitergeht, steht in den Sternen. Ein Kurswechsel könnte viele Betriebe retten – abwarten und Tee trinken aber auch. HSLU-Experte Jürg Stettler zeigt die verschiedenen Szenarien auf.

Wie geht es mittelfristig mit dem Tourismus in der Stadt und Region Luzern weiter? Eine Frage, mit der sich derzeit Hunderte Unternehmen beschäftigen müssen, die irgendwie mit dem Fremdenverkehr verbunden und von dessen Umsatzkraft abhängig sind. Zumal es je nachdem bis ins Jahr 2026 dauern könnte, bis sich das Geschäft wieder erholt hat. Diese mögliche Prognose wagte diese Woche zumindest Jürg Stettler, Dozent und Leiter des Instituts für Tourismus an der Hochschule Luzern (zentralplus berichtete).

Wir haben mit Jürg Stettler gesprochen und ihn gefragt, welche Ideen und Strategien jetzt gefragt sind, damit der für Luzern enorm wichtige Wirtschaftszweig wieder auf die Beine kommt und auf was sich die Branche in den kommenden Jahren allenfalls einstellen muss.

zentralplus: Herr Stettler, Ihre Prognose, dass eine Erholung möglicherweise erst 2026 eintritt, dürfte viele Tourismusunternehmer nicht unbedingt gut schlafen lassen. Ist es wirklich so ernst?

Jürg Stettler: Wie Sie sagen, ist das nur eine Prognose und eines von mehreren möglichen Szenarien. Wie es in den kommenden Jahren tatsächlich weitergeht, ist momentan unmöglich zu sagen, da die Entwicklung von diversen internationalen Faktoren abhängig ist.

Das Gruppengeschäft zum Beispiel, auf das viele Player in Luzern bis jetzt gesetzt haben, basiert auf Planbarkeit und stabilen Reiseketten vom Abflug bis zur Fahrt ins Hotel und zum Tagesausflug am Reiseziel. Es funktioniert ausserdem über den Preis, der tiefer wird, je mehr Leute an einer Reise teilnehmen.

zentralplus: Sie sprechen die verschiedenen Regulierungen wie Gruppengrössen und Abstandsregeln an?

Stettler: Genau. Und diese können in den einzelnen Ländern und Regionen sogar unterschiedlich sein, was das Ganze für die Organisatoren von Pauschalangeboten zusätzlich kompliziert und somit noch unvorhersehbarer macht. Je nachdem was gilt, sind solche Angebote schlicht nicht mehr rentabel oder für viele Menschen aus anderen Kontinenten nicht mehr erschwinglich.

zentralplus: Das Reisen wurde in den letzten Jahren global stärker zu einem politischen Thema. Inwiefern spielt das eine Rolle? Wurden die bestehenden Zweifel durch Corona noch verstärkt?

Stettler: Man muss davon ausgehen, dass es international künftig wohl mehr Regulierungen mit unklarem Ausgang gibt, die das Reisen verteuern. Ich denke dabei zum Beispiel an eine CO2-Abgabe. Auch ist die aktuelle Pandemie vielleicht nicht die letzte in den nächsten 30 bis 40 Jahren. Deshalb ist in Luzern eine noch intensivere Diskussion über den Tourismus der Zukunft nötig. Es braucht eine Vision, die von jedem einzelnen Player getragen wird, sei er noch so klein.

zentralplus: Wird das geschehen?

Stettler: Das wird sich zeigen. Mit dem Visionsprozess «Tourismus Luzern 2030» gibt es eine vielversprechende Plattform. Es ist aber klar, dass eine Änderung der Ausrichtung für einige sehr schwierig sein wird. Luzern kommt es jedoch entgegen, dass die Tourismusbranche als Ganzes von der Politik bereits zu Veränderungen gedrängt wurde. Der Druck, Lösungen zu finden, wird nun einfach noch grösser. Ebenso klar ist auch, dass es, zumindest zu Beginn der Erholung, vielleicht nicht für alle Betriebe, die auf Grossgruppen setzen, genug Platz im regionalen Markt gibt.

«Man kann stärker auf den europäischen Markt setzen, der aus verschiedenen Gründen stabiler ist als der interkontinentale.»

Jürg Stettler, Dozent und Leiter des Instituts für Tourismus an der Hochschule Luzern

zentralplus: Wie könnte eine langfristige Vision vor dem Hintergrund der aktuellen Krise aussehen? Denn der Einbruch von heute auf morgen wurde in den bisherigen Zukunftsmodellen wohl kaum miteinbezogen.

Stettler: Corona hat gezeigt, dass gerade eine Destination wie Luzern künftig eine Strategie verfolgen sollte, die eine Widerstandskraft gegenüber Krisen aufweist. Es ist aber wichtig zu betonen, dass das Bedürfnis zu reisen grundsätzlich da ist. Und wenn dies zum Beispiel durch international gültige Impfpässe wieder möglich wird, ist schon zwischen 2022 und 2025 eine Erholung und sogar ein Wachstum gegenüber der Zeit vor Corona denkbar.

Gleichzeitig werden sich in Asien aber vielleicht Hunderttausende überlegen, mit einer Reise nach Europa noch ein paar Jahre zu warten und das gesparte Geld dann für längere Ferien auszugeben. Auch das ist ein Faktor, der einigermassen unberechenbar ist.

zentralplus: Sie haben die Widerstandsfähigkeit angesprochen. Wie kann diese erreicht werden?

Stettler: Man kann stärker auf den europäischen Markt setzen, der aus verschiedenen Gründen stabiler ist als der interkontinentale. Unter anderem aufgrund seiner Nähe und der politischen Gegebenheiten. Aber dieser Markt ist viel kleiner, hat ein geringeres Wachstumspotenzial und generiert in gewissen Teilbranchen des Tourismus kaum Umsatz.

zentralplus: Was meinen Sie damit?

Stettler: Individualreisende, und das sind die Europäer ja meistens, haben ein anderes Reise- und Ausgabeverhalten als Gruppenreisende. Für die Uhren- und Souvenirläden am Grendel sind vor allem Letztere interessant und ihr Angebot ist entsprechend auf sie ausgerichtet.

Aber auch Individualgäste aus Asien konsumieren anders als jene, die in Gruppen kommen. Wie sich der Konsum zwischen asiatischen Einzel- und Gruppengästen aber konkret unterscheidet, ist schwierig herauszufinden. Auch das macht es nicht einfacher, eine Strategie für die nächsten paar Jahre zu definieren.

zentralplus: Dennoch wird man die Zeit ohne Grossgruppen irgendwie überbrücken müssen. Welche Möglichkeiten gibt es dafür?

Stettler: Zum Glück kommen schon seit einiger Zeit immer mehr Chinesen als Einzeltouristen. Darauf kann man vermehrt setzen. Doch eine Individualreise ist bei Weitem nicht für alle Menschen ausserhalb Europas denkbar. Denn man braucht meist gewisse Fremdsprachenkenntnisse und natürlich mehr Geld. Hinzu kommt aber noch etwas anderes.

zentralplus: Das wäre?

Stettler: Nicht jedes Unternehmen kann auf die Schnelle auf Individualtouristinnen aus Deutschland umstellen. Das Gleiche gilt, wenn später vielleicht wieder deutlich mehr Menschen in die Region kommen und die alte Strategie am Ende doch besser gewesen wäre.

Zudem hat jemand vielleicht erst kürzlich für viel Geld sein Geschäft renoviert und auf die bisherige Nachfrage ausgerichtet. Da ist eine Neuausrichtung natürlich noch schwieriger. Und wenn wir schon bei den Geschäften sind: Sollte die Erholung noch lange auf sich warten lassen, wird sich auch die Ladenstruktur in Luzern unweigerlich verändern.

«Die Schweizer Gäste können die ausbleibenden Gäste aus dem Ausland bei weitem nicht ersetzen.»

Jürg Stettler, Dozent und Leiter des Instituts für Tourismus an der Hochschule Luzern

zentralplus: Aber einfach abwarten und Tee trinken kann ja trotzdem keine Option sein, oder?

Stettler: Ich wiederhole nochmals, dass es sehr schwierig ist, Prognosen zu erstellen. Aber klar werden sich viele Unternehmer Gedanken machen müssen, wie sie in Zukunft wirtschaften wollen und ob sie dafür grundlegende strategische Änderungen vornehmen müssen. Irgendwann muss dann auch mal ein Entscheid getroffen werden, obwohl man vielleicht nicht weiss, ob es ein Jahr später bereits wieder anders aussieht.

Ein Betrieb, der vor längerer Zeit erfolgreich auf Individualreisende umgestellt hat, ist übrigens das Hotel Montana. Aber auch da war der Entscheid am Anfang mit einigen wirtschaftlichen Risiken verbunden. Auch Hotels haben begonnen, auf einen breiteren Gästemix zu setzen, um die Risiken auszubalancieren.

zentralplus: Lassen Sie uns noch kurz über die Schweizer Touristen reden. Die waren im letzten Jahr ja durchaus lukrativ. Welches Potenzial sehen Sie hier?

Stettler: Man kann für Schweizer durchaus spezielle Angebotpakete entwickeln. Dabei gilt es zu bedenken, dass insbesondere viele Deutschschweizer wohl keine Übernachtung buchen, da Luzern wegen seiner guten Erreichbarkeit eine Destination für einen Tagesausflug ist. Ein gewisses Potenzial für Übernachtungen gibt es allerdings bei den Romands, wie sich im letzten Sommer gezeigt hat. Die Schweizer Gäste können aber die ausbleibenden Gäste aus dem Ausland bei Weitem nicht ersetzen.

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1 Kommentare
  1. Peter Lehmann, 09.04.2021, 09:10 Uhr

    Die aktuelle Krise ist DIE Chance, in Luzern andere Angebote zu etablieren, an welchen breitere Bevölkerungsschichten direkt partizipieren.
    Das muss nicht heissen, dass Gruppen nicht mehr willkommen sind. Aber das 0815-Modell mit stetigem Wachstum und daraus resultierendem Overtourism an gewissen Orten hat hoffentlich ausgedient.
    Es wäre auch endlich an der Zeit, aus dem Schwanenplatz einen repräsentativen Platz zu machen, diese hässliche Betonwüste für Cars und Menschenmengen endgültig aus dem Stadtbild zu verbannen.
    Und ja, dann muss man sich wohl auch Gedanken zu einem Parkhaus Musegg machen, dank dem Cars nur noch minimale Wege in der Stadt fahren und womöglich auch andere Parkhäuser ersetzt werden können.

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