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Wie es ist, neben dem Ehepartner auch noch andere zu lieben
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«Es hat allen gesellschaftlichen Normen widersprochen. Aber es hat sich richtig angefühlt für uns.» (Bild: ida)

Luzerner Paar spricht über seine polyamore Ehe Wie es ist, neben dem Ehepartner auch noch andere zu lieben

11 min Lesezeit 01.08.2018, 05:46 Uhr

Die Liebe: ein begrenztes Gut? Oder kann ein Mensch in mehrere Menschen zugleich verliebt sein? Chris und Monica kennen sich seit 30 Jahren. Sie sind verheiratet und haben drei Kinder. Nebenbei pflegen sie polyamore Beziehungen – sexuelle wie emotionale Kontakte zu Dritten. Kann das gutgehen?

Sind monogame Beziehungen zum Scheitern verflucht? Und: Legt der Gedanke einer romantischen Liebe zwei Menschen in Ketten?

Simone de Beauvoir, französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin, lebte den Gedanken der offenen Beziehung vor. Die Liebe zum Philosophen Jean-Paul Sartre definierte sie als Pakt einer «l’amour nécessaire» – einer notwendigen Liebe. Die Beziehung zu anderen hingegen waren reine Zufallslieben – «les amours contingents».

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De Beauvoir verurteilte die traditionelle Ehe zum Tode. In einem ihrer Werke schrieb sie: «Eine Liebe, in der sich die Liebenden wie Tristan und Isolde ausschliesslich füreinander bestimmt erträumen und sich aneinander ketten, verfällt der Langeweile. Sie sind bereits tot, während sie noch glauben, zu lieben.»

Aber auch offene Beziehungen haben ihre Tücken. Während es einen festen Partner gibt, zu dem man eine emotionale Bindung pflegt, dürfen die Partner ihrer Lust nachgehen und sexuelle Kontakte mit Dritten eingehen. Die Gefühle bleiben jedoch beim Hauptpartner.

Anders bei der Polyamorie. Hier lieben Menschen mehrere Menschen zugleich (zentralplus berichtete). Chris und Monica – beide 49 Jahre alt – leben seit 30 Jahren zusammen. Sie haben drei Kinder und leben in Luzern. Und: Sie leben polyamor.

Die Begierde nach fremder Haut

Chris und Monica sind 18 Jahre alt, als sie sich kennenlernen. Für beide ist es die erste Beziehung, das erste Mal. Eineinhalb Jahre später verloben sie sich.

Nach rund fünf Jahren zeigt sich der Drang nach fremder Haut. Der Gedanke, wie es wäre, jemand anderen zu berühren, mit jemand anderem intim zu werden. Sie suchen Lösungen, um dieser Neugierde nachgehen zu können.

«Das Berühren eines fremden Menschen, der nicht mein Partner ist, hat sich unglaublich schön angefühlt.»

Monica

«Uns eine Zeit lang zu trennen, damit jeder seine eigenen Erfahrungen machen kann, erschien uns völlig schräg», sagt Chris. «Und fremdgehen sowieso.» In vielen intensiven Gesprächen versuchen sie gemeinsam einen eigenen Weg zu finden – unabhängig davon, wie es andere Paare machen.

Gemeinsam an erotische Partys

Das Paar schaltet eine Annonce in der Zeitung, meldet sich aber auch auf ein anderes, in dem Paare für erotische Partys gesucht werden. Chris und Monica sind interessiert und gehen hin. «Das Berühren eines fremden Menschen hat sich unglaublich schön angefühlt», sagt Monica. Zu mehr kam es jedoch nicht. Die Last fällt weg – eine Befreiung, wie sie sagt: «Es hat sich so normal angefühlt. Der ganze Druck fiel auf einmal weg. Der Gedanke, dass man für den Rest des Lebens dies und jenes nicht mehr tun dürfe.»

Auf der Fahrt nach Hause seien beide voller Endorphine gewesen. «Wir hätten am liebsten allen von dem tollen Erlebnis erzählt. Aber das konnte man ja nicht», meint Chris lachend.

«Eine andere Person kann das kleine Stückchen, das zwischen mir und meinem Mann fehlt, erfüllen – aber alles andere nicht.»

Monica

Zu Beginn geht es Monica und Chris um rein körperliche Angelegenheiten – das Schnuppern an fremder Haut. Ohne eine emotionale Bindung. Das Paar macht die ersten sechs Jahre alle Erfahrungen gemeinsam. Sie treffen sich des Öfteren mit einem anderen Paar. Bis die beiden mit jemandem Sex haben, dauert es Jahre. Und sie betonen, wie wichtig es sei, dass sie gemeinsam die gemachten Erfahrungen reflektiert haben. Darüber gesprochen haben, wie es einem selbst und wie es dem Partner geht.

«Verliebt sein» – eine Emotion oder reine Chemie?

Mit der Zeit merken die beiden, dass sie auch eine emotionale Bindung zu ihren Kontakten entwickeln. Dass eine Tiefe dabei ist, eine gute Freundschaft. «Wir wussten von Beginn an, dass Chris und ich uns nie zu 100 Prozent ergänzen werden», sagt Monica. Zwischen ihr und Chris sei eine grosse Überlappung, aber nicht die vollkommene. «Eine andere Person kann das kleine Stückchen, das zwischen mir und meinem Mann fehlt, erfüllen – aber alles andere nicht.»

Angst darum, dass ihre Beziehung deswegen in die Brüche geht, plötzlich ein anderer die Nummer eins ist, haben sie nicht. Beide denken eher rational, wenn’s um das Verliebtsein geht: «Wir wissen, wenn der Partner Schmetterlinge im Bauch hat, dass das jetzt nicht die nächste grosse Liebe ist», erklärt Monica. «Sondern rein chemische Elemente wie Dopamin und Oxytocin, die dieses Gefühl auslösen.»

Wenn man sich dessen bewusst sei und nichts Grosses hineininterpretiere, brauche man kein schlechtes Gewissen zu haben, sagt Chris. Es sei ein Geschenk der Biologie, man könne sich entspannt in dieses Gefühl hineingeben und es geniessen. «Dies ist jedoch kein Grund, die bestehende Beziehung aufzugeben», sagt Monica. Dennoch geht es den beiden nicht nur um Sex mit anderen. Sie spüren eine enge, intime Bindung zu anderen, der nicht der Ehepartner ist.

Lange Zeit meinen sie, dass sie die Einzigen sind, die so denken und fühlen. Es gab keine Vorbilder, man sprach nicht darüber und das Internet gab es in der heutigen Form noch nicht. Den Begriff «Polyamorie» schnappen sie erst Jahrzehnte später auf. Doch das sei auch gut gewesen. Das Paar experimentiert selbst. Sie finden für sich heraus, was für sie stimmt, was sie wollen und was nicht. Ohne dass dabei jemand dazwischenfunkt.

Ein Trauversprechen, das nicht für immer ist

Als Chris und Monica 25 Jahre alt sind, heiraten sie. Inmitten ihrer polysexuellen Phase. Das Eheversprechen – bedeutet das ein «Ja» für den einen einzigen Menschen, bis man durch den Tod geschieden wird? Nicht so bei Monica und Chris. Ihr Trauversprechen geben sich die beiden vor dem Altar für die gesamte Dauer ihres gemeinsamen Lebens. So lange, wie ihre Beziehung dauern wird.

«Es hat allen gesellschaftlichen Normen widersprochen. Aber es hat sich richtig angefühlt für uns.»

Chris

Viele könnten das als unromantisch erachten, wenn sich ein Ehepaar nicht die Liebe für immer und ewig schwört. Doch für Chris und Monica steht die absolute Ehrlichkeit im Zentrum. Sie wollen sich nichts versprechen, was sie nicht halten können. Denn wer könne schon prophezeien, was in 30 Jahren ist?

«Monica ist die Eine für mich», sagt Chris, während er seiner Frau tief in die Augen blickt. «Deshalb wollten wir uns auch nicht trennen, als wir ‹Polykontakte› hatten», fügt Monica an. «Es hat allen gesellschaftlichen Normen widersprochen. Aber es hat sich richtig angefühlt für uns», so Chris. Für sie sei es kein Widerspruch, Ehe und Polysexualität beziehungsweise -amorie unter einen Hut zu bringen.

Warum wird Liebe definiert, wenn man es doch einfach fühlt?

Monica und Chris sind ineinander verliebt. Immer wieder schauen sie einander tief in die Augen, lächeln einander an. Halten Händchen. Aber sie sind eben auch in andere Menschen verliebt – wenn wohl auch nicht so arg wie ineinander.

«Die Liebe zwischen uns hat sich in keinerlei Hinsicht durch die anderen Kontakte reduziert», sagt Chris. «Wenn ich in eine andere Frau verliebt bin, heisst das nicht, dass ein Teil meiner Liebe zu meiner Frau weggeht, im Gegenteil.»

Zu ihren anderen Partnern pflegen sie ein inniges Verhältnis – in die einen seien sie verliebt, für andere empfänden sie eine Begierde und Leidenschaft. Der Ausdruck «Ich liebe dich» fällt jedoch beinahe ausnahmslos nur innerhalb ihrer Ehe – mit einer Ausnahme.

«Wenn ich in eine andere Frau verliebt bin, heisst das nicht, dass ein Teil meiner Liebe zu meiner Frau weggeht, im Gegenteil.»

Chris

Das Problem sei, dass in unserer Sprache das Wort «Liebe» viele verschiedene Facetten habe. Ausdrücke wie «Ich habe dich unglaublich lieb», «Ich fühle mich wohl in deiner Nähe» oder «Du hast einen wichtigen Platz in meinem Herzen» werden auch als Ausdruck von Liebe empfunden. Und dies drücke aus, was sie für ihre weiteren Partner empfinden, erklärt Chris.

Chris habe Mühe mit dieser «Begriffswelt». Wenn er sich Sorgen um das Wohl einer anderen Person mache. Er nervös werde, wenn er sich auf das nächste Treffen mit einer anderen Frau freue, ihre Berührungen und Küsse geniesse. Er sie liebevoll in den Arm nehme, ihr mit Freude seine Aufmerksamkeit – und einen Teil seiner Lebenszeit – schenke. «Als was würdest du das bezeichnen?», fragt Chris. «Ist das Liebe, ist das Verliebtsein, ist das Begierde und Leidenschaft? Braucht es diese Begriffe überhaupt?» Und er fügt an: «Für uns ist das einfach Polyamorie.»

Das Ding mit dem «einen Seelenverwandten»

«Liebe ist kein begrenztes Gut», sagt Chris. Eine Seelenverbindung könne man zu mehr als einem Menschen aufbauen. «Es gibt nicht nur den einen Seelenverwandten.» Von einem Bekannten sei er einmal darauf angesprochen worden, dass er doch nicht mehr als einen Menschen lieben könne. Er fragte ihn, wie viele Kinder er habe. «Drei», antwortete dieser. Und Chris: «Und: Welches von denen liebst du?»

Die Gesellschaft erlaube innerhalb von Familie und Freundschaften Polyamorie. Nicht jedoch in der klassischen Zweierbeziehung. «Warum?», fragt Chris.

Über Zeitprobleme und Kapazitätsgrenzen

Chris und Monica haben in ihrer Vergangenheit immer wieder Polypausen eingelegt, in denen sie keine weiteren Kontakte pflegten. Zum Teil sei dies bewusst gewesen, zum Teil habe es sich nicht ergeben. «Nach einem Jahr Pause schickte ich den Wunsch ins Universum, wieder Kontakte zu haben.» Innert zwei Monaten lernt Chris sechs Frauen kennen. «Deine Bestellung kam an», meint Monica lachend.

Sieben Frauen auf einmal brauche jedoch enormes Organisationstalent. Und viel Zeit. «Sieben Frauen auf einmal kann man gar nicht gerecht werden», so Chris. Wenn er eine Frau trifft, konzentriere er sich voll und ganz auf sie. Jede habe es verdient, dass er all seine Gedanken auf sie lenke, wenn er bei ihr sei.

«Wir hegen nicht den Wunsch nach Gelegenheitssex.»

Monica

Monica pflegt zurzeit – neben Chris – eine Beziehung zu einem anderen Mann, die bereits über zehn Jahre lang anhält. Chris trifft sich regelmässig mit zwei anderen Frauen, hat jedoch noch weitere, zu denen er ein intimes und enges Verhältnis unterhält, die er jedoch nur ein bis zwei Mal im Jahr treffe. Die meisten ihrer vergangenen Beziehungen dauerten im Schnitt zwei bis drei Jahre. Die Menge sei indes nicht entscheidend: «Polys jagen nicht anderen Menschen hinterher. Beziehungen werden nicht wie Trophäen gesammelt», sagt Monica.

Kein Gelegenheitssex

«Uns ist es wichtig, uns von der sogenannten freien Liebe wie aus den 70er-Jahren bekannt oder der Bezeichnung offene Beziehung abzugrenzen», erklärt Monica. «Wir hegen nicht den Wunsch nach Gelegenheitssex.»

Polyamorie beinhalte den Wunsch, langfristige emotionale Bindungen mit mehr als einer Person aufzubauen. «Und wenn sich daraus ein körperlicher Kontakt ergibt, dann ist das etwas sehr Schönes und darf auch sein», erklärt Chris. Sinnlichkeit, Herzensnähe, Hingabe, Respekt und der liebevolle Umgang seien die Attribute, mit welchen sie die von ihnen gelebte Polyamorie definieren würden.

Auch Polyamore haben Regeln – und sind treu

«Alle Beziehungen funktionieren durch Regeln», sagt Chris. «Auch bei polyamoren Menschen.» Das einfachste Beispiel: Ungeschützter Sex findet nur mit dem Ehepartner statt, mit anderen nur geschützt. Eine andere Regel: Wenn der Partner den anderen braucht, ist man füreinander da. Und das gelte immer. Auch dann, wenn der andere Partner unterwegs sei und einen ausserehelichen Kontakt pflege. Und diese Gewissheit tue gut. Sie sei wichtig, auch wenn es so noch nie gebraucht wurde.

«Wir sind uns gegenseitig treu.»

Chris

Hat das Paar den Schritt zur Polyamorie gewählt, aus Angst, dem Partner untreu zu werden? «Wir sind uns gegenseitig treu», beteuert Chris. «Treue hängen wir jedoch nicht an körperlichen Kontakten auf.»

Doch was heisst schon treu sein, wenn man mehr als einen Partner hat – und der andere davon weiss? Treue bedeute für Chris und Monica, ehrlich, transparent und loyal miteinander umzugehen. Es gehe um die Art, wie man anderen gegenüber über den Partner spreche und agiere.

Mitfreude statt Eifersucht

Chris und Monica kennen die Partner des anderen. Zu den meisten pflegen sie eine gute Freundschaft. Eifersucht kennen sie zumeist nicht – wenn sie wissen, dass sich der Partner wohlfühle. Es gehe um die Mitfreude. Sich darüber zu freuen, dass es dem Partner gutgehe. Und dies präge die Partnerschaft, das Gefühl des Zusammengehörens. Unabhängig davon, wer oder was dem Partner guttue.

Aber man dürfe das Thema auch nicht unterschätzen. Es brauche viel Vertrauen, Rücksicht und intensive Gespräche – an der Ehe müsse man immer wieder arbeiten und den anderen neu entdecken. Jeder verändere und entwickle sich. Wenn die Meinungen auseinandergehen, es Ärger gebe, müsse man sich damit auseinandersetzen und «im Licht» miteinander reden.

Kinder reagierten gelassen

Lange Zeit versteckten Chris und Monica ihre polyamore Seite. Insbesondere, als die Kinder noch jünger waren. Zu gross war die Befürchtung, dass jemand in der Schule oder in der Verwandtschaft Gerüchte in die Welt setzen könnte. Denn die meisten kennen und verstehen Polyamorie nicht, würden in das Gehörte ihre eigene Vergangenheit und Ängste hineinprojizieren.

«Wir wollen keineswegs die Message übermitteln, dass Polyamorie das neue Dogma ist.»

Monica

Die älteren Kinder – 18 und 16 Jahre alt – wissen über die polyamore Beziehung ihrer Eltern Bescheid. Die Kinder hätten es völlig entspannt aufgenommen. Es sei gar kein Thema mehr. «Sie wissen, wie wir miteinander umgehen, sie spüren die Harmonie», sagt Chris. Umso mehr sei es für beide enorm wichtig, dass sich die Kinder wohlfühlen. Dass sie in einem stabilen Elternhaus aufwachsen und Schutz und Sicherheit garantiert seien. Und sie frei darüber entscheiden können, welche Beziehungsform für sie stimmt.

Freie Liebe

Monica hatte jedoch lange mit dem Image der Frau in der Gesellschaft zu kämpfen. «Die Gesellschaft steht mit erhobenem Zeigefinger da, wenn eine Frau dazu steht, mehr als einen Mann gleichzeitig zu haben.» Dennoch macht Monica, was ihr guttut. Inzwischen sei es ihr jedoch egal, was andere von ihr denken. «Wir Frauen dürfen zu dem stehen, was uns guttut.»

«Wir wollen keineswegs die Message übermitteln, dass Polyamorie das neue Dogma ist», sagt Monica. «Aber es gibt alternative Beziehungsformen zur heteronormativen Monogamie. Polyamor leben funktioniert – und für uns ist es das Schönste, dies leben zu können.»

«Wir sind miteinander zusammen, weil wir das wollen», fügt Chris an. Wieder greift er zur Hand seiner Frau Monica. Sie sind nicht zusammen, weil Abhängigkeiten sie dazu zwingen würden oder sie sich vor langer Zeit ein Trauversprechen vor dem Altar gegeben haben.

Beide leben im Bewusstsein, dass sie auch alleine glücklich sein könnten. Umso schöner sei es, zusammenzubleiben, weil man das auch bewusst wolle.

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