Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Wie es ist, in Luzern an der Grenze zur Armut zu leben
  • Gesellschaft
  • Sozialhilfe
  • Sparen
Ein Leben am Armutslimit: Janine Junker (52) aus Luzern in ihrer guten Stube. (Bild: hae)

Seit zwei Jahren ist Janine Junker ausgesteuert Wie es ist, in Luzern an der Grenze zur Armut zu leben

4 min Lesezeit 1 Kommentar 20.09.2018, 03:52 Uhr

Die Armut in der Schweiz steigt. Laut dem Bundesamt für Statistik bleiben 615’000 Menschen weniger als 2’247 Franken pro Monat zum Leben. Janine Junker aus Luzern ist eine von ihnen. Sie ist seit vier Jahren ohne bezahlte Arbeit. Dafür mit viel Zeit für sich alleine.

Eine Vierzimmerwohnung in der Luzerner Neustadt wie viele andere: Es riecht nach würzigem Mittagsmahl, an den Wänden hängt Kunst, überall liegen Zeitungen, Bücher und Magazine herum. Darunter der Titel «81 Regeln für ein einfacheres Leben». Janine Junker (52) lädt auf eine graue Couch, serviert auf Wunsch Hahnenburger. Und erzählt davon, wie ihr Leben einfacher wurde. Aber auch problembeladener.

Stolz erzählt die Frau, dass sie in der letzten Woche ein gebrauchtes Sideboard gekauft hat und jetzt endlich ihre vielen Kochbücher versorgen kann. «Kochen ist ein Hobby, das ich mit meinem Mann gerne pflege», sagt sie.

Unterstütze Zentralplus

Das kinderlose Paar muss zwar nicht hart unten durch, aber doch stets schauen, wie es finanziell über die Runden kommt. Das erklärt die Frau, die zuletzt im Herbst 2014 eine Lohnabrechnung nach Hause brachte. Seit über zwei Jahren ist sie ausgesteuert. «Gut, sind wir Vegetarier, so brauchen wir kein teures Fleisch einzukaufen.»

Wann ist man in der Schweiz arm?

615’000 Personen sind in der Schweiz von Armut betroffen, wie Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen. Im Jahr 2016 waren insgesamt 7,5 Prozent der Menschen im Land von Armut betroffen – ein Plus von 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Damit steigt die Zahl der Armen in der Schweiz weiter an: 2014 waren es noch 6,7 Prozent. Darunter sind 140’000 Männer und Frauen arm, obwohl sie einer Arbeit nachgehen; die sogenannten «Working Poors». Mangelnde Bildung, Verlust der Arbeitsstelle sowie Trennung und Scheidung sind die grössten Armutsrisiken in der Schweiz. Anlaufstelle in der Region ist Avenir50plus mit Gratisberatung.

Janine Junker hat Ausbildungen als Krankenschwester und Marketingplanerin, sie hat eine Weiterbildung zur Supervisorin wie auch ein Fachhochstudium in sozialer Arbeit hinter sich. Früh schon leitete sie Betriebe mit mehreren Dutzenden Angestellten. Sie hielt  Vorträge vor Hunderten von Leuten und dozierte unter anderem bei der Migros-Klubschule. Janine Junker war auch Sozialarbeiterin in Zug und Sachseln – dennoch sucht sie seit vier Jahren eine neue Aufgabe.

Einsam auf Jobsuche: Das war Janine Junker monatelang.

Einsam auf Jobsuche: Das war Janine Junker monatelang.

(Bild: hae)

Ohne Erfolg: Janine Junker hat sich hundertfach auf freie Stellen beworben. «Anfangs denkt man, das klappt sicherlich wunderbar.» Doch dann folgten die ersten Rückschläge, als sie traurige Formschreiben auf ihre stundenlang angepassten Bewerbungsunterlagen erhält. «Plattitüden-Briefli» nennt sie diese Absagen und schmunzelt kopfschüttelnd. Janine Junker kennt sie aus dem Effeff, schliesslich hat sie selber Leute eingestellt und auch Absagebriefe geschrieben.

Hauchdünn am Armutslimit

Heute muss sie den Franken zweimal umdrehen, wenn sie sich etwas kaufen will. «Gut, brauche ich keine Kleider mehr. Wir sind ganz hauchdünn am Armutslimit.» Das bedeutet weniger als 2’247 Franken pro Monat zum Leben pro Person. Laut dem Bundesamt für Statistik bleiben 615’000 Schweizer darunter (siehe Box). Umso grösser dann die Freude, als Janine Junker und ihr Mann, der einem Job als Maschinist in Schichtarbeit nachgeht, einen Teil der Krankenkassenprämie zurückerhalten. «Dann gibt es unverhofft auch mal zwei, drei Tage Sonne im Tessin.»

«Ich bin lieber professionelles Freiwild!»

Janine Junker, seit vier Jahren arbeitslos

Heute weiss Janine Junker: «Einen Job in meinem Alter zu finden, ist nicht einfach, aber mit der Lupe suchen tue ich nicht mehr.» Das mag sie nicht, «da bin ich lieber professionelles Freiwild!» Wie bitte? Seit Jahren schon ist sie vor allem in unbezahlter Freiwilligenarbeit engagiert: beim Fumetto-Festival, im Neubad, sie ist überdies auch SP- und Vpod-Mitglied. Sozialpolitisches Engagement für Menschen auf der Flucht liege ihr dabei mehr als die reine Parteipolitik.

Vegetarische Ernährung: Janine Junker kauft Aktionen und friert sie ein.

Vegetarische Ernährung: Janine Junker kauft Aktionen und friert sie ein.

(Bild: hae)

Nicht, dass ihr langweilig wäre, ganz im Gegenteil: «Es gibt so vieles zu tun: lesen, haushalten, einkaufen und kochen – wobei: Ich bin keine Putzige.» Und das ist ihr wichtig: «Ich richte mich mit dem Essen nach meinem Mann. Ich will nicht den Tag zur Nacht machen wie so viele Arbeitslose», sagt sie. Sie ist informiert, diskutiert gerne und hinterfragt vieles, seit sie nicht mehr nur ihrem Job nachspringt. Dennoch hat sie viel Zeit, die sie alleine verbringt, wenn die meisten am Arbeiten sind.

Umdenken ist gefragt

Man müsse umdenken, findet Janine Junker: «Ich kenne viele junge Menschen, die nur noch so viel arbeiten, damit sie grad so häbchläb durchkommen – die Jugend weiss die Freizeit und Freiheit mehr zu schätzen als unsereiner.» Dann verwirft sie die Hände: «Und sowieso, glauben Sie mir: Ich habe bereits viel gearbeitet in meinem Leben!»

Da kommen aber auch Verletzungen zur Sprache: Die vielen Absagen nagen am Ego. «Das tut verdammt weh, wenn man nicht mal mehr zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wird und keine Chance hat, sein Können und Wissen zu präsentieren.»

Schrank aus dem Brockenhaus: endlich Platz für die Kochbücher.

Schrank aus dem Brockenhaus: endlich Platz für die Kochbücher.

(Bild: hae)

Janine Junker weiss, dass das Bewerben viel Arbeit ist, weil heutzutage 200 bis 300 Anfragen pro Jobausschreibung eingehen – der Aufwand sei gross und diese Bewerbungsverfahren sehr teuer.

«Es wird einem das Gefühl gegeben, man kann nichts mehr.»

Was ist ihr Sinn im Leben? Kinder? Familie? Ein guter Job? – Sie winkt ab, denkt nach, sagt dann: «Zeit für Sinnvolles zu investieren, etwa für abgewiesene Asylantenfrauen und -kinder, die in prekären Verhältnissen leben.»

Sie schaut traurig und ergänzt: «Manchmal denke ich, dass ich die letzte Arbeitsstelle doch hätte durchstieren müssen. Je länger man arbeitslos ist, desto mehr wird einem das Gefühl gegeben, man kann nichts mehr.»

Als wir dann beim Verlassen der Wohnung fast die Stiegen im dunklen Treppenhaus hinunterfallen, ruft Janine Junker: «Nichts eilt, machen Sie sich keinen Stress!»

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

1 Kommentare
  1. Remo Genzoli, 20.09.2018, 10:57 Uhr

    Als 52-jährige, ausgebildete Pflegefachfrau keinen Job mehr finden? Schon krass, habe immer gedacht, in diesem Sektor herrsche akuter Personalmangel.

Mehr Gesellschaft