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Wie es im «Luzerner Kreml» zur WC-Revolution kam
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Der «Perle der Moderne» wurde neues Leben eingehaucht: Umbau des Dachstuhls im Hotel Anker im April 2015. (Bild: Emanuel Ammon/Aura)

Neues Buch: Hotel Anker als Hort des Widerstandes Wie es im «Luzerner Kreml» zur WC-Revolution kam

5 min Lesezeit 21.03.2018, 17:03 Uhr

Das Hotel Anker hat eine über 100-jährige wechselvolle Geschichte hinter sich. Das einstige Volkshaus Luzern war das modernste Hotel seiner Zeit und später Hort des Widerstands. Ein Buch bringt Anekdoten, Archivbilder und neue Aufnahmen zusammen. Auch die Kritik an den Behörden kommt nicht zu kurz.

Seit Dezember ist das Hotel Anker wieder in Schuss. Wo heute der Whirlpool auf dem Dach plätschert und das Cheminée neben Apéro-Getränken flackert, trafen sich früher Genossen und Feuerwehrmänner bei Bier und Wurst. Und die Liberalen mieden die Gemäuer wie der Teufel das Weihwasser. Aus Gründen.

Nach einem dreijährigen aufwändigen Umbau hat sich der Betrieb im Hotel und Restaurant wieder eingependelt. Der Anker steht bei etlichen Einheimischen wieder auf der Tagesordnung, nicht nur bei den Anhängern der Sozialdemokraten.

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Nun ist Zeit für eine grosse Rückschau: Ein 260-seitiges Buch widmet sich dieser «Perle der Moderne» am Pilatusplatz und arbeitet die wechselvolle Geschichte des 1913 gebauten Ankers auf. Denn zu erzählen und zu zeigen gibt es genug – vom «Waldfest im Kreml» bis zur «WC-Revolution».

Gegen den Widerstand des Stadtrates

Zur Geschichte des Monumentalbaus am Pilatusplatz: 1913 gründeten Gewerkschafter und Sozialdemokraten das Hotel Volkshaus gegen den Widerstand des damals noch freisinnigen Stadtrates. Der Name hielt sich bis 1987, zum Anker wurde es erst viel später.

Das «Volkshaus» im Bau 1912.

Das «Volkshaus» im Bau 1912.

(Bild: Carl Griot/Aura)

Das Volkshaus – ein später Bauzeuge der Belle Époque – war das letzte Grosshotel, das in Luzern vor dem Ersten Weltkrieg gebaut wurde. Entworfen wurde das neungeschossige Haus nach den Plänen des Architekten Carl Griot (1859–1944), der sich in einem Architekturwettbewerb durchsetzte: ein grosses Hotel, zwei Restaurants, ein prächtiger Saal, eine Bibliothek und eine Kegelbahn im Keller. Griot übrigens war ein Neffe des berühmten Zürcher Architekten Leonhard Zeugheer und Schöpfer des Zeugheer-Saales im Hotel Schweizerhof.

Schichtarbeiter neben Touristen

Gäste aus aller Welt sollten hier im modernsten Hotel in Luzern einkehren: Schlafgänger – also Schichtarbeiter – konnten hier zudem, sorgsam mit separatem Treppenhaus von der internationalen Kundschaft getrennt, eine Notschlafstelle finden. Im Gegensatz zu den Hotelgästen mussten die «unbemittelten Handwerksburschen» eine enge Treppe benutzen, wie es im Buch heisst.

Buchvernissage im «Anker»

«Hotel Anker – eine Perle der Moderne», Aura-Verlag. Mit Texten von Ueli Habegger. Grafik, Konzept und Fotografie: Gabriel Ammon, Fotografie und Bildredaktion: Emanuel Ammon. Herausgeber: Peter Eltschinger/Remimag. 260 Seiten, ca. 78 Franken.

Buchvernissage mit den Beteiligten: Donnerstag, 22. März, 17.30 Uhr, 3. OG, Hotel Anker am Pilatusplatz
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Die Hotel-Konkurrenz war damals schon gross: Waldstätterhof, Palace, Montana und Sonnmatt buhlten um Gäste. Das Volkshaus trumpfte etwa mit Warmwasser, Bädern und Toiletten in allen Zimmern auf, diesen Standard konnte 1913 noch kein anderes Luzerner Hotel bieten.

Auch auf die technischen Innovationen war man stolz: Ein Frühstücksapparat erhitzte die Milch in Rekordzeit, eine elektrische Zentraluhr garantierte die präzise Zeit und der hydraulische Bieraufzug ersparte das Schleppen von Fässern.

Der Erste Weltkrieg – von 1914 bis 1918 – änderte die kühnen Vorstellungen der Initianten. Die Lage verschlechterte sich, die Spanische Grippe ging um, die wirtschaftliche Not wurde grösser und Familien von Arbeitern und Angestellten litten. Die Linke rief im Herbst 2018 zum Landesstreik auf – und das Hotel Volkshaus wurde zum Hauptquartier der Luzerner Streikenden.

Alterskundgebung 1958 im «Volkshaus».

Alterskundgebung 1958 im «Volkshaus».

(Bild: zvg/Hans Schuermann)

Die Luzerner Streikleitung sass im Volkshaus und konnte der Bespitzelung durch die politische Polizei der Kantonspolizei entgehen, weil die Organisatoren nicht den Hoteleingang benutzten, sondern den Hintereingang.

Die Sozialdemokraten gingen gestärkt aus dem Streik hervor und siegten bei den städtischen Wahlen 1919. Nach dem Generalstreik war die bürgerliche Furcht vor einem «roten Luzern» gross, man nannte das Hotel fortan auch «Luzerner Kreml», dem man besser fernblieb. Das Volkshaus war als «Hort umstürzlerischer Kräfte» verschrien.

Mit der Kamera dabei

Das neue Buch «Hotel Anker – eine Perle der Moderne» ist im Aura-Verlag erschienen. Ueli Habegger, einst Ressortleiter Denkmalpflege und Kulturgüterschutz bei der Stadt Luzern, hat mit seinen Texten die Geschichte in 30 Kapiteln präzise und detailliert aufgearbeitet.

Das Buch lebt auch von den unzähligen Bildern aus dem Archiv und von heute. Gabriel Ammon hat den dreijährigen Umbau von Anfang an begleitet und mit der Kamera festgehalten, sein Vater Emanuel Ammon ist tief ins Archiv gestiegen. Die Ammons sind übrigens verwandt mit dem Architekten Carl Griot.

Bastian, Peter und Florian Eltschinger füllen die goldene Kugel auf der Kuppel des «Ankers» mit Erinnerungen.

Bastian, Peter und Florian Eltschinger füllen die goldene Kugel auf der Kuppel des «Ankers» mit Erinnerungen.

(Bild: Emanuel Ammon/Aura)

Die Texte holen weit aus, zuweilen zu weit. Während die Entstehungsgeschichte vor allem für Architekturinteressierte und Stadthistoriker von Interesse ist, trumpft das Buch mit etlichen Anekdoten und vergessenen Geschichten auf: Etwa, als die Angestellten 1941 wegen Kosteinsparungen auf Gipfeli verzichten mussten. Oder über die Blütezeit des grossen Saals als Bingo-Hochburg in den 70er- und 80er-Jahren. In dieser Zeit wechselte das Hotel dann schliesslich den Namen zu «Anker» – mit einem entscheidenden Vorteil: Das Hotel stand im Telefonbuch an erster Stelle.

Ein Tresor als Überraschung

2014 wurde der Anker verkauft. Peter Eltschinger hauchte mit seiner Remimag dem Hotel neues Leben ein. Während dreier Jahre wurde es «sorgsam und mit viel kreativen Ideen umgebaut», heisst es. Auch das zeigt das Buch in einer beispiellosen Fülle interessanter Bilder. Das Hotel sei heute wie 1913 «architektonisch, betrieblich und gestalterisch wieder eine Perle der Moderne».

Druckreife Geschichten hat das Hotel bis in die Neuzeit zu bieten: Etwa die zwischenzeitliche Umnutzung zum Théâtre La Fourmi mit vielen langen Partys und mit Studentenwohnungen in den oberen Etagen. Und schliesslich die grosse und zuweilen schwierige Renovation mit dem Umbau zum heutigen Hotel. Wo bald schon in einer Wand überraschenderweise ein Tresor aus der Gründerzeit zum Vorschein kam mit verloren geglaubten Akten und Dokumenten.

Links: Dieser Tresor wurde hinter Tapeten beim Umbau 2014 gefunden. Rechts das Buchcover.

Links: Dieser Tresor wurde hinter Tapeten beim Umbau 2014 gefunden. Rechts das Buchcover.

(Bild: Gabriel Ammon/Aura)

Amtsschimmel im Galopp

Natürlich ist das Buch auch ein umfangreicher Hochglanzprospekt für das heutige Hotel – die Remimag ist Herausgeberin des Werks. Aber die Wertschätzung für die Geschichte und das alte Gemäuer ist auf jeder Seite mit Händen zu greifen.

Die Betreiber lassen es sich nicht nehmen, unter dem Titel «Amtsschimmel im Galopp» die Rolle der öffentlichen Hand beim Umbau zu thematisieren und zu kritisieren. Thema: die Nutzung des öffentlichen Grundes und eine bis dato ungelöste Frage zur Entschädigung von Wasserleitungsarbeiten. Auch dem öffentlichkeitswirksamen Kampf um das erste Luzerner Unisex-WC ist ein Kapitel gewidmet. Diese Geschichte wurde medial schon zur Genüge aufgerollt – und wir wissen jetzt: Das «illegale» WC darf bleiben (zentralplus berichtete).

«Die Architekten, Planer, Unternehmer und Handwerker haben dem Baudenkmal neue Schönheit und Attraktivität geschenkt, in einem langen, kostspieligen und manchmal schwierigen Werdegang – ganz besonders auch gegen den Widerstand von Behörden», schreibt Remimag-Gründer Peter Eltschinger im Vorwort.

Der Geist des Widerstandes, er ist immerhin erhalten geblieben.

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