Wie eine Mini-Zunft die Zuger Fasnacht retten will
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Nicolett Theiler und Remo Hegglin retten vielleicht die Zuger Fasnacht. (Bild: zvg)

Mit Witz und Einfallsreichtum gegen Absagen Wie eine Mini-Zunft die Zuger Fasnacht retten will

4 min Lesezeit 23.09.2020, 20:15 Uhr

Sie ist die kleinste, jüngste und vielleicht frechste Zunft in Zug. Die Schissigässli-Zunft entstand zwar aus einer Bieridee, dieses Jahr könnte aber ihre Stunde geschlagen haben.

Es ist so eine Sache mit der Ironie. Schnell kann sie missverstanden werden. So geschehen, als Anfang Woche sämtliche Zuger Zünfte gemeinsam mit dem Gesundheitsdirektor den Beschluss gefasst haben, die Fasnachtsumzüge und Maskenbälle in Zug ausfallen zu lassen (zentralplus berichtete). Mit den momentanen rechtlichen Grundlagen und Schutzbestimmungen sei die Durchführung nicht realistisch.

Prompt meldete sich via soziale Medien die Schissigässli-Zunft zu Wort. Sie seien nicht an die Gespräche eingeladen worden – als einzige Zunft aus Zug. «Das amtierende Zunftpaar der Schissigässlizunft Zug, Nicolett II. die Uneigennützige und Remo II. der Eigennützige, ist konsterniert», empören sie sich. Gar die «Zuger Woche» empörte sich mit und titelte: «Fauxpas von Zuger Regierungsrat.»

Der einzige Umzug, der stattfinden könnte

Dazu muss man wissen: Die Schissigässli-Zunft ist als Persiflage einer Zunft entstanden. Sie besteht im Wesentlichen aus zwei Personen. Remo Hegglin ist eines ihrer Sprachrohre und tritt dieses Jahr als der Eigennützige auf. «Unser Vorteil ist, dass wir verhältnismässig klein und wendig sind», sagt er, der zum Zunftvater wurde, wie die Jungfrau zum Kind gekommen ist. Mit einem Augenzwinkern wollten er und Nicolett Theiler die traditionellen Zünfte und deren teils skurrile Verhaltensweisen auf die Schippe nehmen. Quasi den Narren den Spiegel vorhalten – und prompt sei man gewissen Herren auf den Schlips getreten, habe aber auch schnell Fans gewonnen. «So sahen wir uns gezwungen, einen Verein zu gründen», sagt er fast schon entschuldigend.

«Es wird Einschränkungen geben, aber diese lösen auch wieder Kreativität aus.»

Remo Hegglin, Zunftvater

Ein Höhepunkt der Schissigässli-Zunft ist der «traditionelle Umzug» durch den Ehgraben, wo, wie jedes Zuger Kind weiss, früher Fäkalien und allerlei Abfälle aus der Küche gesammelt wurden. Durch diese enge Gasse passen die Menschen nur in einer Einerkolonne. «Es ist durchaus ernst gemeint: Wenn es einen Umzug gibt, der derzeit unter Berücksichtigung der Hygienemassnahmen möglich ist, ist das wohl der unsrige – mit gebührend Abstand», so Hegglin.

Vorsichtig optimistischer Blick nach vorne

In einer eiligst verfassten Medienmitteilung kündet die Zunft auch verschiedene andere Anlässe an: So soll es den «traditionellen» Sauwurf aus dem Zytturm trotz Corona geben. Oder ein Nachthafenrennen durch die Zuger Altstadt. Die originellste Hygiene-Maske soll genauso prämiert werden wie der Maskenball in der Zuger Altstadt angekündigt wird. «Auf eine Demaskierung wird aber verzichtet.»

Was davon tatsächlich umgesetzt werden kann: Das wissen im Moment nur die Zunftgötter. «Wir sind immer optimistisch», sagt Hegglin. Und: «Es wird Einschränkungen geben. Deshalb ist umso mehr Kreativität gefragt. Auf jeden Fall wird es sehr traditionell», verspricht Hegglin mit Schalk in der Stimme. Was er ebenfalls mit Sicherheit weiss: «Uns stinkt’s» lautet das Motto.

Dass die Anlässe der Kleinstzunft für einen unkontrollierbaren Ansturm der Fasnächtler sorgen, glaubt Hegglin nicht. «Wir apellieren an den gesunden Menschenverstand, auch bei den Narren. In den vergangenen Jahren war der Andrang überschaubar», sagt er. Falls sich der eine oder andere Zuger oder gar eine Luzernerin dafür interessieren sollte, würde ihn das aber schon freuen, sagt Hegglin ganz eigennützig.

WC-Papier für die nächsten 70 Jahre

Bleibt schliesslich die Frage, ob auch die Tradition zum Fasnachtsende bestehen bleibt: Mit dem Verbrennen einer WC-Rolle beendet die Zunft, die nie eine sein wollte, jeweils die närrische Zeit.

Hegglin versichert, dass die Corona-Krise auch hier für die Schissigässli-Zunft ihr Gutes habe: «Wir sind geradezu überhäuft worden mit Schenkungen aus dem Nachlass von Hamsterkäufen», sagt er und bittet alle willigen Sponsoren, auf weitere Schenkungen zu verzichten. «Wir haben genug WC-Papier für die nächsten 70 Jahre.»

Doch vorerst interessiert vor allem die nächste Fasnacht, die wohl nicht wie jede andere wird. Das weiss auch der Zuger Regierungsrat, der sich vermutlich irgendwann auch schon einen Fauxpas geleistet hat – für die Nicht-Einladung der Schissigässli-Zunft ist er aber nicht verantwortlich, wie dem jüngsten Facebook-Post der Narren aus Zug zu entnehmen ist.

Heute in der «Zuger Woche».Wir möchten richtigstellen, dass nicht der Gesundheitsdirektor Martin Pfister es war, der zu diesem Austausch eingeladen hat. Ein Fauxpas bleibt's natürlich trotzdem.

Gepostet von Schiissigässlizunft Zug am Mittwoch, 23. September 2020

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