Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Wie eine Handy-App beim Stimmenfang helfen soll
  • Politik
  • Wahlen
Derzeit jeden Tag für die Wahlen unterwegs: FDP-Kandidat Cédric Schmid. (Bild: mam)

Zuger Freisinnige setzen auf die Hilfe von Big Data Wie eine Handy-App beim Stimmenfang helfen soll

5 min Lesezeit 05.09.2019, 05:00 Uhr

Was andere im Wahlkampf schon lange tun, machen nun auch die Zuger Freisinnigen: Klinkenputzen. Das fällt nicht allen leicht, deshalb soll es besonders effektiv geschehen.

Barack Obama und Donald Trump nutzten sie. Die Brexiteers nutzten sie. Und Emmanuel Macron nutzte sie, um mit seiner Bewegung «La république en marche» die Mehrheit im französischen Parlament zu gewinnen. Die Rede ist von Nationbuilder, einer Netzwerk-Software, die Big data für politische Kampagnen einsetzt.

Die FDP Schweiz nutzt sie ebenfalls. Etwa fürs Microtargeting: Also dafür, massgeschneiderte Botschaften bei unterschiedlichen Zielgruppen zu platzieren. Zum Beispiel in Zug, wo die Partei einen Nationalratssitz und einen Ständeratssitz zu verteidigen hat und mit neuen Kandidaten zur Wahl antritt.

Hausieren einfach gemacht

Zwei Monate vor dem Urnengang ist sie momentan jene Partei, deren Kandidaten auf der Strasse am sichtbarsten auftreten. «Wir kämpfen um jede Stimme», sagt Carina Brüngger, die Präsidentin der Kantonalpartei. «Das müssen wir auch.»

«Das ist der Wahlkampf der Zukunft.»

Reto Schorta, FDP-Kampagnenleiter im Kanton Zug

Deshalb ist auch Klinkenputzen angesagt – eine Tätigkeit, die im Kanton Zug «tröhlen» genannt wird. Nur: Freisinnige waren bisher nicht dafür bekannt, eifrige Tröhler zu sein.

Die Software, die sie nun als Hilfsmittel einsetzen und die in Form einer Handy-App daherkommt, soll helfen, das wirksam zu ändern und den Kontakt an der Haustür erfreulich zu gestalten.

Zusammenfluss vieler Daten

In die Ecanvasser-App lassen sich die Daten von Nationbuilder importieren – das ist von Belang, da die FDP die Software schon einige Zeit einsetzt. In erster Linie ist sie dazu gedacht, das Klinkenputzen effektiver zu machen. Mobilisieren statt missionieren heisst das Ziel.

«Das ist der Wahlkampf der Zukunft», sagt Reto Schorta aus Steinhausen. Er ist im Kanton Zug verantwortlich für die «Door-to-Door»-Kampagne, wie das Klinkenputzen im liberalen Slang heisst. Um zu verstehen, wie die Ecanvasser-App funktioniert und eingesetzt wird – und auch um mehr über die Plattform Nationbuilder zu erfahren und über digitalen Wahlkampf zu lernen, hat er im Frühjahr einen dreitägigen Workshop besucht.

Marketing-Tool benutzt

Programmiert wurde die Anwendung in Zusammenarbeit mit dem GfS-Forschungszentrum, erzählt Schorta. Es seien nur öffentlich zugängliche Daten verwendet worden, sagt er. Alle Vorgaben des Datenschutzes würden eingehalten.

Für die Kartierung stützte sich das GfS auf die sogenannten Sinus-Milieus aus der Welt des Marketings. Diese wurden für die FDP auf die politische Einstellung der Leute umgerechnet.

Sehen Sie hier, wen die Zuger Wahlkämpfer anhand der App-Planung besucht haben.

Bei diesen Milieus handelt es sich um zehn Muster-Lebenswelten von Schweizer Bürgern und Konsumenten, welche das Sinus-Institut 2013 definierte: von Arrivierten über digitale Kosmopoliten, Gehoben-Bürgerlichen bis hin zu Genügsam-Traditionellen. Sie werden von Unternehmen und NGO für Verkauf und Werbung genutzt.

Orientierung mit Ampel-System

Mittels Datenverknüpfung entstand eine detaillierte Landkarte, welche die wahrscheinliche Gesinnung der Bewohner anzeigt. Rot steht für politische Feinde, die beim Kontakt zu erwarten sind. Orange für mässige Zustimmung, grün für grosse Sympathie für freisinnige Werte.

Diese Sympathisanten sollen mit Vorteil angesprochen werden. «Wir möchten die Gelegenheit auch dazu nutzen, um zu zeigen, dass Freisinnige herzliche Menschen sind», sagt Schorta. Also Imagekorrektur via Hausbesuch. Daneben wolle man von den Leuten wissen, wo sie der Schuh drückt und sie ermuntern, an die Urne zu gehen. Das soll der Partei zusätzliche Wählerprozente bescheren. 

Nicht alle machen mit

«Natürlich sind das alles nur Empfehlungen», sagt Schorta. Jedem Kandidaten und Wahlhelfer sei freigestellt, auch andere Häuser als die grün markierten zu besuchen.

Den Überblick übers Klinkenputzen im Kanton behält er ebenfalls über die Awendung: «Ich kann auf der App genau sehen, wo wir schon waren», sagt er. Sechs Zuger FDP-Ortsparteien machen bei der Tür-zu-Tür-Kampagne bisher mit. Schorta hofft, dass es noch mehr werden.

Jede Woche Klinkenputzen

Die Frage ist, welche Vorteile datenbasiertes Klinkenputzen verschafft – wo doch alle andern Parteien ebenso den persönlichen Kontakt zum Wähler suchen. Und ihre Datenbanken ebenfalls möglichst raffiniert nutzen, daneben auch zusätzliche Mittel einsetzen – wie etwa Botschafter (CVP) oder Telefonkampagnen (SP).

In der Praxis sieht die FDP-App nicht besonders spektakulär aus.

Wir fragen Cédric Schmid, Präsident der FDP-Stadtpartei und selber Kandidat für den Nationalrat. Er sei momentan jeden Tag für den Wahlkampf unterwegs, sagt er. Ein Abend pro Woche hat er sich für die Tür-zu-Tür-Kampagne reserviert.

Zu viele Liberale

In der Stadt Zug hätten sich zehn Wahlhelfer bereit erklärt, dabei mitzumachen, so Schmid. Zweimal wöchentlich gehen Zweierteams auf Tour – in der Regel ein Kandidierender und ein Helfer mit Lokalbezug.

An auf der App grün eingefärbten Häuserzeilen mangelt es nicht. «In Zug gibt es so viele liberal denkende Menschen – die können wir fast nicht alle besuchen» sagt Schmid. Also konzentriere man sich auf persönliche Anknüpfungspunkte. Man besuche Quartiere, wo Kandidaten und Helfer Freunde oder Bekannte hätten, die man zu mobilisieren suche.

«Was wollen die uns verkaufen?»

Ausserdem sei die App nicht immer zu hundert Prozent zuverlässig. Sei etwa ein Mehrfamilienhaus mit vielen Wohnungen grün markiert, könne es gut sein, dass man neben liberal denkenden Bewohnern auch auf Andersdenkende stosse. «Das bedeutet aber nicht, dass diese sich nicht über unseren Besuch freuen würden».

Für Schmid ist es das erste Mal, dass er den Kontakt zu Stadtzugern an deren Türschwelle sucht. «Am Anfang spürt man manchmal eine gewisse Skepsis», sagt er. «Vielleicht denken sich die Leute erst: Was wollen die uns verkaufen?»

Leute möchten gehört werden

Stelle man sich dann persönlich vor, entspanne sich die Situation und es ergäben sich gute Gespräche. «Viele Leute schätzen es enorm, dass man sich für ihre Meinung interessiert und den persönlichen Kontakt sucht.»

Ob nun datenbasiertes Klinkenputzen einen Vorteil gegenüber Hausbesuchen ohne App-Unterstützung verschafft, ist also zumindest in Zug, wo gemäss dem früheren Stadtpräsidenten Dolfi Müller «ein liberales Grundrauschen herrscht», nicht erkennbar.

Hilfe zum Hausieren

Auch die Notizen, welche die Klinkenputzer über ihre Hausbesuche in die App eingeben, sind für die FDP Schweiz nicht direkt nutzbar. Sie müssen vor dem Rückfluss in die nationale Datenbank anonymisiert werden. So dienen sie einfach den Wahlkämpfern vor Ort als Gedankenstütze.

«Für uns ist die Anwendung wie ein Gehstock», sagt Cédric Schmid. «Sie hilft uns dabei, eine Methode anzuwenden, die wir bisher noch noch nie eingesetzt haben.»

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare