Wie ein Student das Image der Gewerkschaft modernisieren will
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Er will die Stimme der Zuger Gewerkschaften stärken: Luzian Franzini. (Bild: jal)

Luzian Franzini ist oberster Zuger Gewerkschafter Wie ein Student das Image der Gewerkschaft modernisieren will

5 min Lesezeit 4 Kommentare 24.12.2020, 05:00 Uhr

Luzian Franzini ist neuer Präsident des Zuger Gewerkschaftsbundes. Der linksgrüne Politiker will den Auftritt modernisieren und seine Stimme im Kanton Zug stärken. Im Gespräch mit zentraplus sagt der 24-Jährige, warum er kein Problem darin sieht, dass er als Student nicht dem typischen Arbeiter entspricht.

Einen Schlüsselmoment, quasi sein gewerkschaftliches Erweckungserlebnis, hatte Luzian Franzini eines Sommers, als er, damals noch Gymnasiast, in den Ferien in einem Gartenbauunternehmen arbeitete. «Ich lernte einen Vater kennen, der seine Familie mit 3500 Franken durchbringen musste», erzählt der Zuger. «Und realisierte, wie wichtig ein anständiger Mindestlohn und ein Gesamtarbeitsvertrag ist.» 

Das ist einige Jahre her. Die Überzeugung ist geblieben: Seit Kurzem ist Luzian Franzini Präsident des Zuger Gewerkschaftsbundes.

Das mag erstaunen, denn selber kann er keineswegs auf jahrelange Erfahrung als Arbeitnehmer zählen. Der 24-Jährige studiert in Luzern Philosophie, Politik und Wirtschaft. «Ich verkörpere sicher nicht den typischen Arbeiter. Das muss man nicht schönreden», sagt er dazu. «Gerade auch wegen meines Alters muss ich wohl stärker beweisen, dass ich die Arbeitnehmenden vertreten kann.»

Als Problem sieht der junge Zuger das aber keineswegs. Zum einen habe er, sei es durch Ferienjobs oder den Zivildienst, bereits in viele Arbeitsbranchen Einblick gehabt. «Zum anderen ist das Wichtigste, zuzuhören und Erfahrungen aufzunehmen.» 

Stimme der Gewerkschaften stärken

Dazu kommt: Das Amt beim Gewerkschaftsbund ist vor allem auch ein politisches. Und da bringt Franzini bereits einen beachtlichen Rucksack mit. Vier Jahre lang war er Copräsident der Jungen Grünen Schweiz, heute sitzt er im Vizepräsidium der Grünen Schweiz und ist persönlicher Mitarbeiter der Basler Nationalrätin Florence Brenzikofer. Für seine Arbeit als Gewerkschaftspräsident wertvoll sein dürfte vor allem, dass er seit 2019 im Zuger Kantonsrat sitzt und aus erster Hand erfährt, was politisch läuft.

«Die Stellung der Gewerkschaften im Kanton Zug ist deutlich zu schwach.»

Für den Alternativgrünen ist klar: «Die Stellung der Gewerkschaften im Kanton Zug ist deutlich zu schwach.» Anders als die Wirtschaftsverbände fehle es dem Gewerkschaftsbund am nötigen politischen Gewicht, um als gleichberechtigter Partner wahrgenommen zu werden. Da will Franzini ansetzen. «Genauso wie sich auf der Gegenseite der Gewerbeverband bei vielen Themen einmischt, wollen auch wir als wichtige politische Stimme gehört werden.»

Ein ambitioniertes Unterfangen im bürgerlichen Kanton, wo die Linken vor zwei Jahren ihren Sitz in der siebenköpfigen Regierung verloren haben. Zwei erste Härtetests stehen bereits am 7. März 2021 an: Im Kanton Zug wird über längere Ladenöffnungszeiten und über eine temporäre Steuersenkung abgestimmt. Beide Vorlagen bekämpft der Gewerkschaftsbund, weil sie laut Luzian Franzini in erster Linie den grossen Firmen zugutekommen, während die Detailhandelsangestellten länger im Laden stehen müssen.

Moderner, jünger, digitaler

Es ist der Kampf für die Kleinen, der genauso zur DNA der Gewerkschaften wie der Zuger Partei Alternative – die Grünen gehört. Obwohl die Forderungen unter Franzini dieselben bleiben: Vom Auftritt her will er das Image der Gewerkschaften modernisieren und ins Zeitalter von Social Media führen. In dieser Hinsicht ist der 24-jährige Student als Präsident vielleicht auch sinnbildlich. Die Arbeiterklasse, die handwerklich schuftet, am 1. Mai «Bella Ciao» und «Die Internationale» singt und loyal SP wählt, wird zur verklärten Randerscheinung.

Der Zuger spricht über die Covid-Krise:

Im Kanton Zug mit seinem starken Dienstleistungsbereich und den vielen Menschen mit akademischem Hintergrund wohl sogar noch stärker. Und da tut sich eine Lücke auf. «Es fühlt sich für manche vielleicht komisch an, als ‹Studierte› einer Gewerkschaft beizutreten», sagt Franzini. Das müsse sich ändern.

«Immer öfters wird vor dem Berufseinstieg ein unbezahltes oder schlecht bezahltes Praktikum verlangt.»

Indem den Menschen klar wird, dass die Gewerkschaft nicht nur jene vertritt, die schweisstreibende Arbeit verrichten oder Marx zitieren können, so Franzini. Er illustriert es mit einem Beispiel, das er aus persönlicher Erfahrung kennt: der «Generation Praktika». «Immer öfters wird vor dem Berufseinstieg ein unbezahltes oder schlecht bezahltes Praktikum verlangt. Auch da kämpft die Gewerkschaft für bessere Bedingungen.» 

Ohnehin versteht er sein Engagement nicht nur als Kampf um Löhne und Arbeitszeiten. «Eines meiner Hauptanliegen ist, dass es sich Arbeitnehmer mit durchschnittlichem Einkommen leisten können, im Kanton Zug zu bleiben – und nicht wegen der hohen Lebens- und Mietkosten nach Luzern oder in den Aargau ziehen müssen.»

Bleibt mehr als der Applaus?

Franzini ist überzeugt, dass die Gewerkschaft insbesondere in der aktuellen Krise ihre Rolle stärken kann. Besonders im Frühlings-Shutdown war da plötzlich die Erkenntnis, dass man auf Pflegerinnen, Verkäuferinnen, Kinderbetreuer und Logistikangestellte nicht verzichten kann – Branchen, die bis dato teils wenig Wertschätzung erfuhren. «Wir hoffen, dass die Debatte um die systemrelevanten Berufe ein Umdenken der Gesellschaft bewirkt – und uns den Schwung gibt, um nachhaltig etwas zu verändern.»

Die teilweise prekäre Situation in der Pflege jedenfalls hat die Coronakrise ungeschminkt zutage gefördert. Gleichwohl blieben im Kanton Zug ein Pflegebonus fürs Personal oder mehr Geld für das Spital politisch chancenlos.

Ob das Bewusstsein über das Klatschen auf den Balkonen hinausgeht, muss sich also erst weisen. Ist Luzian Franzini zuversichtlich? Zumindest kämpferisch: «Meine Devise, und da kann man mich naiv nennen, ist: Steter Tropfen höhlt den Stein. Das ist der Job von uns Gewerkschaften.»

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4 Kommentare
  1. richard scholl, 26.12.2020, 14:01 Uhr

    Ja Herr Franzini
    deutsch können lohnt sich, denn das undeutsche «Imitsch» kriegt weniger Zustimmung als das deutsche Wort «Ansehen».

  2. Sali, 24.12.2020, 10:59 Uhr

    Er repräsentiert halt einfach die linke Akademikerkaste. Das Leben von ihm ist so weit weg von der beruflichen Realität. Leute die nie gearbeitet haben, gehören einfach nicht in die Politik, dass ist nicht gut.

  3. M. Fischer, 24.12.2020, 09:51 Uhr

    Vielen Dank für Deinen Einsatz Luzian, hoffe das Deine Wünsche und Ziele in Erfüllung gehen. Bleib dran und bleib Dir treu. Alles Gute

  4. Luc Bamert, 24.12.2020, 09:46 Uhr

    Immer wenns um Löhne geht, greift die Linke (wie hier Franzini) auf die traditionelle Rollenverteilung in der Familie zurück: Der Mann bringt das Geld, die Frau besorgt den Haushalt. Genau dasselbe Muster bei den Mietzinsen: Es gibt für die Linke immer nur Einverdiener-Haushalte. Das nennt man Manipulation. Eine Stärke der Linken.

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