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Wie ein Psychiatrie-Patient den Klosterbeiz-Wirt hinters Licht führte
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Das Wirtepaar Urs und Christa Burch-Kretz verlässt den «Löwen». (Bild: Marlis Huber )

Nach 10 Jahren: Wechsel beim «Löwen» St. Urban Wie ein Psychiatrie-Patient den Klosterbeiz-Wirt hinters Licht führte

4 min Lesezeit 16.04.2019, 16:21 Uhr

Das Wirtepaar Urs und Christa Burch-Kretz führt seit zehn Jahren den «Löwen» in St. Urban. Im Herbst zieht das Wirtepaar weiter. Vorher erzählen sie noch, wie es ist, in einem 800-Seelen-Dorf einen Gasthof zu führen, gleich neben der imposanten Klosterkirche und der Psychiatrie.

St. Urban: Für die meisten Luzerner ist dieser Ortsname gleichbedeutend mit Psychiatrie. Doch egal, von welcher Richtung die Besucherin kommt – ob von Langenthal, Zofingen, Willisau oder Reiden –, als erstes werden ihr nicht die Gebäude der Klinik, sondern die zwei mächtigen in den Himmel ragenden Türme der barocken Klosterkirche ins Auge stechen.

Denn hier in den Tälern der Langeten und der Rot, wo es im Mittelalter nichts als die Hofsiedlung Nieder-Tundwil gab, wurde 1194 das Zisterzienserkloster gegründet.

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Loch oder Juwel?

«I das Loch abe gömmer secher ned!» Diese Worte stiess Urs Burch aus, als es ihn und seine Frau Christa vor gut zehn Jahren das erste Mal in ihrem Leben in diese Gegend verschlug. Der Grund der Reise für die beiden Obwaldner war jedoch weder die Psychiatrie noch die barocke Kirche. Der gelernte Koch und seine Partnerin, eine gelernte Kleinkinderzieherin, wollten einen ersten Augenschein nehmen vom Gasthaus Löwen, für das damals ein neuer Pächter gesucht wurde.

«Die Vereinsmitglieder gehen auch bei uns weniger ins Wirtshaus als früher.»

Urs Burch, Wirt

Jetzt sitzen die beiden in der gemütlichen Gaststube des «Löwen». Es ist Freitagnachmittag, ein paar Männer sitzen bei einem Bier; eine heimelige, dörfliche Atmosphäre. Die imposante Kirche habe ihn jedoch ziemlich schnell in den Bann gezogen, kommentiert Burch seine Bedenken von damals.

Die barocke Klosteranlage, zwischen 1711 und 1780 erbaut, mit dem «Löwen» links unten im Bild.

Die barocke Klosteranlage, zwischen 1711 und 1780 erbaut, mit dem «Löwen» links unten im Bild.

(Bild: Emanuel Ammon)

Und so haben die beiden zu Beginn des Jahres 2009 den Pachtvertrag für den «Löwen» mit der Besitzerin, der Firma KFK (Kultur und Freizeit Kloster St. Urban AG), unterschrieben. Seither sind zehn Jahre ins Land gezogen.

Nun werden die beiden Mittvierziger Ende August die Zelte in St. Urban abbrechen und über die Kantonsgrenze Richtung Langenthal ziehen. «Wir haben eine einmalige Chance bekommen, im Herbst ein wunderschönes, 200-jähriges Haus zu übernehmen», erklärt das Wirtepaar. Es freut sich, das frisch renovierte Restaurant Hirschenbad in Langenthal zu übernehmen und eine neue Herausforderung in einer kleinstädtischen Umgebung anzupacken.

Das Dorf, die Klosterkirche, die Klinik und der «Löwen»

Langenthal ist deutlich grösser als St. Urban. Wie ist es denn, ein Restaurant zu führen in einem Ort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen? Sitzt man da nicht oft alleine in der Gaststube? «Wie überall, ist auch hier in St. Urban das Vereinsleben rückläufig», sagt Urs Burch. Obwohl es im 800-Seelen-Dorf einen Musik-, einen Schützen-, den Turnverein, einen Kirchenchor und den Verein 60 plus gibt, gehen die Vereinsmitglieder auch in St. Urban weniger ins Wirtshaus als früher. Gleichwohl ist der «Löwen» nach wie vor ein Treffpunkt: «Wir haben immer noch dreimal pro Woche einen Stammtisch», sagt Burch.

Das Restaurant «Löwen» unterhält noch einen Stammtisch.

Das Restaurant «Löwen» unterhält noch einen Stammtisch.

(Bild: Marlis Huber)

Eine umgängliche Art sei etwas vom Wichtigsten, besonders wenn man in einem Dorf wirte, sagt Christa Burch-Kretz, auch im Hinblick auf die zukünftigen Pächter. Sie und ihr Mann kämen auch vom Land und hätten vielleicht deswegen schnell Zugang gefunden zu den Einheimischen. Mit der Klinik sowie den Kulturveranstaltern des Klosters sei die Zusammenarbeit ebenfalls sehr angenehm.

«Als er mir die angeblichen Liebesbriefe von Jodie Forster zeigte, dämmerte mir, dass er Patient von der Klinik war.»

Christa Burch-Kretz, Wirtin

Und dann ist da ja die grosse Kirche, ein Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung. Ein Juwel, das in den Bann zieht und häufig von kulturinteressierten Menschen aufgesucht wird. Zwischen Mai und Oktober finden einmal im Monat kulturhistorische Führungen durch die Klosteranlage statt und seit 2007 organisiert das Kloster St. Urban klassische Konzerte, Lyrik und andere kulturelle Veranstaltungen. «Diese Anlässe laufen sehr gut», sagt die Wirtin, «davon profitiert natürlich auch der ‹Löwen›.»

Die angebliche Hochzeit mit dem Promi

Auch Patienten der Klinik gehören zu den Gästen im «Löwen». Da erlebe man schon mal Ungewöhnliches, sagt das Wirtepaar. Wie zu Beginn ihrer Zeit in St. Urban, als ein älterer, gut gekleideter Herr seine Hochzeit mit der amerikanischen Filmschauspielerin Jodie Forster anmeldete. «Über zwei Wochen kam er jeden Tag und besprach die Details mit mir. Ich glaubte ihm aufs Wort», erzählt Burch. «Als er mir jedoch die angeblichen Liebesbriefe von Jodie Forster zeigte, dämmerte mir, dass dieser Herr ein Patient von der Klinik war», meint Burch und lacht. «Damals war ich diesbezüglich definitiv noch ein Greenhorn.»

Ende August geht für Urs und Christa Burch-Kretz die Zeit im «Löwen» zu Ende. Die Suche nach einem neuen Pächter für das Gasthaus durch eine Immobilienverwaltung ist angelaufen. Wer die Dorfbeiz in markanter Umgebung übernehmen wird, steht derzeit noch in den Sternen.

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