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«Wie ein Matratzen-Ausverkaufs-Flyer»
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Wahlprospekte sämtlicher Parteien finden sich derzeit in den Luzerner Briefkästen. (Bild: les)

Profis zerpflücken Wahlprospekte «Wie ein Matratzen-Ausverkaufs-Flyer»

6 min Lesezeit 2 Kommentare 19.09.2015, 06:30 Uhr

Der Wahlkampf läuft auf Hochtouren. Momentan quellen die Briefkästen mit Propagandamaterial der Parteien und Kandidaten über. zentral+ analysierte mit den Kommunikationsexperten die einzelnen Prospekte. Einige schnitten ganz gut ab, andere gehören schnellstmöglich auf den Müll.

Freundlich ist der Empfang im schmucken Atelier der Firma Trollhauser an der Gibraltarstrasse in Luzern. Martin Rutishauser, die eine Hälfte der Werbeagentur, gibt sogleich preis, von Politik wenig Ahnung zu haben. Deshalb gesellt sich auch Matthias Troller, die andere Hälfte, zur Auslage der Wahlprospekte ins Sitzungszimmer – wie die Stehbar liebevoll genannt wird.

Trollhauser: Matthias Troller (l.) und Martin Rutishauser werfen kritische Blicke auf die Wahlprospekte der Luzerner Parteien.

Trollhauser: Matthias Troller (l.) und Martin Rutishauser werfen kritische Blicke auf die Wahlprospekte der Luzerner Parteien.

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(Bild: les)

Logos, Farben, Köpfe und Botschaften. Schnell wird klar, worauf die beiden Texter achten. Rutishauser hält fest, dass die Hintergrundinformationen auf eine schnelle Art und Weise an den Empfänger gebracht werden müssen. Bei Flyern sei dies noch wichtiger als bei Zeitungen à la SVP und FDP. Dort könne eher mit publizistischem Inhalt gerechnet werden. Die beiden Texter nehmen die Hauswürfe unter die Lupe und lassen dabei politische Präferenzen aussen vor:

Überzeugend kommt der Auftritt der SVP daher.

Überzeugend kommt der Auftritt der SVP daher.

(Bild: les)

SVP

Troller: Es ist auf den ersten Blick klar, dass es sich um die SVP handelt. Gut sind die Themen, welche direkt ersichtlich sind. Diese werden im Inneren der Zeitung aufgegriffen.

Rutishauser: Die Marke ist klar, über die Themen werden Versprechen gegeben. Bei den Köpfen braucht es gar keine weiteren Informationen mehr. «Verheiratet, 2 Kinder» genügt als Information völlig.

Troller: Aus Kommunikationssicht gibt es kaum Schwächen. Vielleicht zu viel Text, aber es ist gar nicht Ziel, dass dieser wirklich gelesen wird.

Im Inneren des SVPKurier wird auf die Themen der Titelseite Bezug genommen. Die Kandidaten werden in Steckbriefen vorgestellt.

Im Inneren des SVPKurier wird auf die Themen der Titelseite Bezug genommen. Die Kandidaten werden in Steckbriefen vorgestellt.

(Bild: les)

Ebenfalls eine ganze Wahlzeitung präsentiert die FDP. Statt auf Themen setzt sie auf Köpfe, was die Texter kritisch beäugen.

Ebenfalls eine ganze Wahlzeitung präsentiert die FDP. Statt auf Themen setzt sie auf Köpfe, was die Texter kritisch beäugen.

(Bild: les)

FDP

Rutishauser: Ein ähnliches Format wie die SVP, nur werden hier Köpfe statt Themen transportiert. Weil man aber die Köpfe nicht kennt, ist der Aufwand, sich reinzulesen bestimmt grösser. Anschluss an ein Thema zu finden, ist einfacher. «Gemeinsam nach Bern» ist, was die Kandidaten wollen, aber im Gegensatz zur SVP wird der Nutzen für den Wähler nicht klar.

Troller: Es ist die langweilige Version der SVP. Es lädt nicht dazu ein, die Zeitung aufzuschlagen, bereits auf der Frontseite hat es zu viel Text. Etwas peinlich ist, dass zwei Kandidaten ein identisches persönliches Zitat gewählt haben.

Rutishauser: Die Politikversprechen im Innern der Wahlzeitung sind etwas langweilig, es müsste authentisch sein und zur Person passen. Man kann fast nichts richtig machen, weil man an der Oberfläche bleibt. Und wenn es in Anführungszeichen steht, muss es ein Zitat sein.

Die CVP stellt ihre «Köpfe» ins Zentrum.

Die CVP stellt ihre «Köpfe» ins Zentrum.

(Bild: les)

CVP

Rutishauser: Dies ist wirklich eine Werbebroschüre unter den Namen «Unsere Köpfe», die dann auch präsentiert werden.

Troller: Die Farbe orange gehört halt einfach zur CVP, aber die sackstark-Kampagne ist billig. Die wurde irgendwo abgekupfert.

Rutishauser: Stark ist das Foto von Ständerat Konrad Graber auf der ersten Seite. Dieses wirkt wirklich gut. Sowieso lässt sich bisher festhalten, dass die Fotos von guter Qualität sind. Man sieht, dass diese professionell aufgenommen wurden.

Komplimente erhält die CVP für das gute Foto ihres Ständerates Konrad Graber.

Komplimente erhält die CVP für das gute Foto ihres Ständerates Konrad Graber.

(Bild: les)

Tierisch wird es bei der BDP. Eine Biene ziert die Frontseite. Im Innern enttäuschen Optik sowie der grosse Leerraum

Tierisch wird es bei der BDP. Eine Biene ziert die Frontseite. Im Innern enttäuschen Optik sowie der grosse Leerraum

(Bild: les)

BDP

Troller: Das Bild mit der Biene ist in Ordnung und passt zu den Parteifarben. Die Botschaft der fleissigen Arbeitsbiene kann funktionieren: BDP = Bienen Der Politik. Die Bezeichnung Kandidatenprospekt ist originell. Öffnet man den Prospekt, wird es schlimm. Definitiv nicht professionell, eher ein Verbrechen. Die Bilder sind zu klein ausgeschnitten und der Leerraum geht überhaupt nicht.

Rutishauser: Es sieht wirklich aus wie in einem Onlineshop. Immerhin sind die Zitate gut, da alle genau sagen, für was sie einstehen.

Die GLP wirbt auf der Frontseite prominent mit Köpfen.

Die GLP wirbt auf der Frontseite prominent mit Köpfen.

(Bild: les)

GLP

Rutishauser: Das Bild ist nicht überragend, aber es ist solid. Klappt man das gefaltete Blatt auf, hat man alle Leute auf einmal.

Troller: Die Hervorhebungen in den Zitaten sind etwas zu viel des Guten. Mir signalisiert es, ich sei zu doof, um sechs Wörter am Stück zu lesen.

Rutishauser: Es ist etwas ein Chaos mit der Jungpartei, dies kann den Wähler verwirren. Auf der Frontseite steht, die Liste 6 sei zu wählen, auf der Rückseite die Liste 17 der Jungpartei. Auch mit dem Ständeratskandidaten ist es etwas schwierig, unsichere Wähler könnten verwirrt sein.

Troller: Sehr clever ist der FSC-Stempel für klimaneutralen Druck in der Schweiz auf der Rückseite, dies passt zur Partei.

Grüne

Troller: Mir gefällt das Rütlibild im Parlament auf der Frontseite. Das hätte ich von den Grünen nicht erwartet.

Rutishauser: Die Statements sind klar und deutlich. Eigentlich will man ja ein möglich breites Spektrum erschliessen. Polarisierende Aussagen beweisen allerdings Mut, bei gut klingenden Attributen verspielt man nichts.

Troller: Es ist mal etwas anderes. Wer dann noch will, kann etwas lesen, obwohl die Schrift nicht so toll ist.

Rutishauser: «Der Ball liegt bei dir.» Sie duzen, das ist einigermassen speziell.

Erfrischend anders kommt der Leporello der Grünen daher.

Erfrischend anders kommt der Leporello der Grünen daher.

(Bild: les)

Die SP wird für die schlechte Qualität des Drucks kritisiert.

Die SP wird für die schlechte Qualität des Drucks kritisiert.

(Bild: les)

SP

Troller: Diese Broschüre kommt sehr grau daher. Der Druck und die Farben sind schlecht.

Rutishauser: Sie setzen sehr stark auf die mutmassliche Spitzenkandidaten Birrer-Heimo.

Troller: Es hat etwas von einer SBB-Broschüre. Vor allem die Rückseite sieht aus wie ein Wettbewerb. Hier wurde zu viel visualisiert. Der Titel ist verhältnismässig viel zu klein.

 

Bei den arrivierten Parteien gibt es Licht und Schatten. Wie sieht es bei den Jungparteien aus?

Die Prospekte von drei Jungparteien liegen bereits vor. v.l.: Juso, jungfreisinnige, JSVP

Die Prospekte von drei Jungparteien liegen bereits vor. v.l.: Juso, jungfreisinnige, JSVP

(Bild: les)

Juso

Rutishauser: «Ändern was dich stört!», da fehlt schon mal ein Komma.

Troller: Es kommt für die Juso wirklich lahm daher. Die Bilder in diesem grau-roten Stich sind fade. Die Zitate sind «kuul», wohl selbst gemacht.

Jungfreisinnige

Troller: Auf der Frontseite herrscht Chaos.

Rutishauser: Im Innern erhält das Auge etwas Ruhe. Auch die Fotos sind gut.

JSVP

Troller: Sieht etwas aus wie ein Matratzen-Ausverkaufs-Flyer. Der Spruch auf schweizerdeutsch sieht schlimm aus. Es ist etwas überladen.

Rutishauser: Man sieht, dass sich die Leute nicht gewohnt sind, einen Anzug zu tragen.

Als letztes fällt ein Flugblatt ins Auge, dass die beiden Experten total überrascht.

SecondosPlus

Rutishauser: Dieses Exemplar gefällt mir gut. Die Airmail-Streifen sind mal was anderes. Die Spitzenkandidatin schön auf der Frontseite, nur das Ausrufezeichen ist fehl am Platz.

Troller: Es ist wirklich gut gemacht. Die Frontseite ist sehr selbstbewusst. Die Kandidaten tragen alle ein Lächeln.

Der Favorit von Trollhauser. Das Flugblatt von SecondoPlus.

Der Favorit von Trollhauser. Das Flugblatt von SecondoPlus.

(Bild: les)

Fazit

Die beiden Werber zeigen sich enttäsucht über die SP und die Juso. Überzeugt hat einmal mehr die SVP, welche bekanntlich versteht, erfolgreichen Wahlkampf zu bestreiten. Die FDP müsste es unbedingt besser machen, nur schlecht die SVP abzukupfern, genügt nicht. Die Jungparteien zeigen alles in allem viel zu wenig Mut. Absolut positiv überrascht sind die beiden Experten von den SecondosPlus. Der Wahlprospekt komme frisch von der Leber und man spüre, dass keine Angst vor Fehlern vorhanden sei.

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2 Kommentare
  1. Thomas Grünwald, 21.09.2015, 10:54 Uhr

    Man spürt deutlich, dass sowohl Matthias Troller wie auch Martin Rutishauser wenig davon verstehen, wie und mit welchen Hintergründen und Botschaften die politischen Parteien auftreten. Es fällt auf, wie sehr in erster Linie das boulvardisierte und inhaltlich demagogische SVP-Blatt emporgehoben und gelobt wird. Wem wird da ein Gefallen gemacht. Immer wieder erscheint in Zentral + ein Inserat mit einem SVP-Politiker. Da muss ja ein Gefallen herausschauen (Unabhähngigkeit von Zentral+ ?). Die SVP verfügt über unglaublich viel Geld und kann sich offenbar alles erlauben. Aber ich bin der Meinung, dass man werbetechnisch, inhaltlich und vom Ausdruck her auch viel einfacher auftreten kann. Das SP-Werbeblatt scheint bei vielen jungen Leuten deshalb so gut anzukommen, weil es übersichtlich und in seinen Forderungen klar daherkommt.

    Thomas Grünwald

  2. Samuel Kneubühler, 19.09.2015, 17:32 Uhr

    Auch eine weitee Jungpartei hat einen Auftritt: die Jungen Grünen. Diese sind jedoch unten im inneren der Mutterpartei zauf drei Seiten zu finden. Wo sind eigentlich die JCVP und JGLP?